Baustein

Ghettos
Vorstufen der Vernichtung

1939-1944
Menschen in Grenzsituationen

Texte und Unterrichtsvorschläge

Hrsg: LpB, 2000




 

Inhalt

 

Baustein 9

Petr Ginz
- ein Junge aus Prag in Theresienstadt 
 

Klassenstufe: 9 bis 13  
Zeitaufwand: j 1 Unterrichtsstunde, je nach Verarbeitung mehr
Themen: Schicksal eines 14-16jährigen Jungen
Leben in der Grenzsituation des Ghettos
Lernen und Ziele
Geistige und moralische „Selbsterziehung" und Entwicklung der Kinder
Zerstörung einer Familie

Persönliche Dokumente, Texte und Zeichnungen von Petr Ginz zeigen uns ein begabtes Kind und machen deutlich, wie Unrecht und Gewalt in das Leben der Menschen eingegriffen haben und wie Petr, reif für sein Alter, damit fertig zu werden und mit Würde zu bestehen versuchte.

Petr Ginz wurde am 1. Februar 1928 in Prag geboren. Seine Mutter hatte seinen Vater auf einem Esperantisten-Kongreß kennengelernt. Sie war keine Jüdin, hat aber einen jüdischen Haushalt geführt, wie sie es von ihrer Schwiegermutter gelernt hatte.

Petr besuchte die jüdische Schule mit tschechischer Unterrichtssprache, bis die Schule geschlossen wurde und die Kinder keinen Unterricht mehr haben konnten. Eine Zeitlang lernte er in der Jüdischen Gemeinde das Reinigen von Schreibmaschinen und kleine Reparaturen. Als die Transporte von Juden nach Theresienstadt begannen, half Petr Alten und Schwachen beim Tragen ihres Gepäcks.

Im Oktober 1942 wurde er selbst nach Theresienstadt deportiert. Seine Schwester Eva traf ihn, als sie selbst nach Erreichen des vierzehnten Lebensjahres (als Kind aus einer „Mischehe") im Mai 1944 dorthin transportiert worden war. Aus ihrem Theresienstädter Tagebuch:

„16. September 1944: [...] Petr war krank, hatte 39° Fieber. In Theresienstadt gibt es jetzt so eine Epidemie. Fieber, dabei schmerzt einen nichts. Ich hatte große Sorgen, ob er nicht so etwas erwischt hat, wir sind doch nur wir zwei hier, Petr und ich, und wenn ihm etwas zustoßen würde, wie könnte ich das vor den Eltern verantworten.

27. September: Also Petr und Pavel / sein Vetter / sind im Transport. [...]

28. September: Der Zug ist schon hier und die beiden Jungen sind bereits eingestiegen. Petr hat die Nummer 2392 und Pavel 2626. Sie sind in einem Waggon beisammen. Petr ist phantastisch ruhig, Onkel Milos hat ihn bewundert. Ich habe ständig gehofft, der Zug wird nicht kommen, obwohl ich das Gegenteil wußte. Aber was kann man machen? [...] Es war ein schrecklicher Anblick, bis an mein Lebensende werde ich ihn nicht vergessen. Rings um die Kaserne drängte sich ein Haufen von Frauen, Kindern und Greisen, um noch einmal den Sohn, Mann, Vater oder Bruder zu sehen. Die Männer neigten sich aus den Fenstern, schoben einer den anderen beiseite, jeder wollte noch seine Lieben sehen. Die ganze Kaserne war von Gendarmen umstellt, damit niemand davonlief. [...] Jetzt sind die Jungen fort und uns sind von ihnen nur die leeren Pritschen geblieben.

12. Oktober: Heute sind es schon vierzehn Tage, seit die Jungen weggefahren sind, und noch kam keine Nachricht von ihnen.

23. April 1945: [... Auf dem Bahnhof Waggons:...] Sie kamen aus Buchenwald und Auschwitz [...] Jedem Transport, der nach Birkenau kam, wurde alles abgenommen und er wurde gleich aussortiert. Kinder bis zu vierzehn Jahren und Menschen über Fünfzig wurden sofort in die Gaskammern gebracht und dann verbrannt. Außerdem suchten sie unter den übrigen Menschen ständig noch Leute aus, um sie zu vergasen. Und miserables Essen! Kaffee, Suppe, Kaffee. Ich würde das alles gar nicht glauben, wenn es mir nicht Menschen erzählen würden, die es selbst erlebt haben. Ich habe solche Angst, was mit Peterchen ist, ob er überhaupt noch lebt."

(Ist meine Heimat der Ghettowall? Gedichte, Prosa und Zeichnungen der Kinder von Theresienstadt. hrsg. von Marie Ruth Krízková, Kurt Jirí Kotouc, und Zdenek Ornest. Hanau 1995, S. 72ff.)

In Februar 1945 noch wurde auch Petrs Vater nach Theresienstadt gebracht, er konnte das Lager zusammen mit Eva am 5. Mai verlassen und nach Prag zurückkehren. Petr kam nie zurück und ist wie Pavel, dessen Vater Milos (der jüngste Bruder und weiter die gesamte Familie des Vaters) in einem Vernichtungslager umgekommen. Eltern und Schwester lebten später in Israel.

Petr Ginz las, schrieb und zeichnete gern. Schon in Prag während der Okkupation schrieb er einen Roman, eine Ergänzung der Bücher Jules Vernes, in dem eine Gruppe von Menschen in Afrika ein Ungeheuer herstellt, ein Reptil, mit dem sie ganz Afrika beherrschen will („Besuch aus der Urwelt"). Die Schwester erinnerte sich und deutete die Thematik später so:

„Es steckte mehr darin. Das Ungeheuer und der Imperialismus seiner Hersteller erinnert mich allzu sehr an Hitler. Petr war wahrscheinlich der Ansicht, daß Verne, der so viele scheinbar unmögliche Begebenheiten ausgedacht und vorausgesagt hat, keine so starke Vorstellungskraft haben konnte, um an Hitler zu denken, und daß es notwendig ist, hier etwas zu ergänzen. Oder vielleicht wollte Petr als Kind selbst das Gefühl haben, daß das, was auf der Welt mit ihm geschieht, nicht die Wirklichkeit ist, sondern nur Teil irgendeines phantastischen Romans."

Ist meine Heimat der Ghettowall? Gedichte, Prosa und Zeichnungen der Kinder von Theresienstadt. hrsg. von Marie Ruth Krízková, Kurt Jirí Kotouc, und Zdenek Ornest. Hanau 1995, S. 71f.

In Theresienstadt kam Petr Ginz ins Gebäude L417, eine ehemalige Schule, in dem die Kinder in zehn „Heimen" nach Geschlecht und Altersstufen untergebracht waren. Die Jungen im Heim I, in dem Petr lebte, nannten ihre Gemeinschaft selbst „Republik Schkid" (vgl. Baustein 9 „Kinder u. Jugendliche in Theresienstadt") und gründeten am 18. Dezember 1942 feierlich eine Selbstverwaltung, die sogar eine eigene Hymne und eine eigene Zeitschrift hatte. VEDEM (Vgl. Baustein 9) kam jede Woche heraus, und Petr Ginz war einer der fleißigsten Mitarbeiter in den folgenden zwei Jahren. Alle hier abgedruckten Texte wurden in VEDEM veröffentlicht.

Dazu kommen noch Auszüge aus seinem Tagebuch, seinen „Plänen" (seinen Vorsätzen für künftige Arbeiten) und seinen „Ausweisen", in denen er festhält, was er in der letzten Zeit gelesen, gelernt und gezeichnet hat.

Arbeitshinweise:

- Mit Hilfe anderer Bausteine die Lebensbedingungen im Ghetto Theresienstadt erarbeiten.

- Eine Charakteristik des Jungen schreiben

- Seine Beiträge in VEDEM untersuchen

Die folgenden Quellen entstammen Ist meine Heimat der Ghettowall? Gedichte, Prosa und Zeichnungen der Kinder von Theresienstadt. hrsg. von Marie Ruth Krízková, Kurt Jirí Kotouc, und Zdenek Ornest. Hanau 1995, S. 26, 69f., 64ff., 134f., 76f.

Barbara Heckel

 




Petr Ginz - ein Junge in Theresienstadt

Erinnerung an Prag

Wie lange ist es her
daß ich zum letzten Mal
die Sonne über dem Laurenziberg
still untergehen sah.
Ich küßte Prag durch Tränen,
auch im Abendschatten war es mir nah.
Wie lange hat mein Ohr nicht mehr
das liebliche Rauschen der Moldau vernommen?
Die Hast des Wenzelsplatzes fehlt mir sehr _
All dies hat die Zeit mir genommen.
Die ungezählten Winkel von Prag
im Schatten der Schlachtbank und der Sackkanäle
leben sie, erwarten auch für mich einen neuen Tag
nach diesem langen Jahr und der Trauer in meiner Seele.
Beinahe ein Jahr schon hock` ich in diesem Loch,
dein Liebreiz ist fern, hier sind häßlich die Gassen.
Bin wie ein Tier hinter Gittern und doch _
der Gedanke an dich, mein Märchenprag,
wird auch hier mich nie verlassen!



Petr Ginz, Illustration. Aquarell, 85*85 mm.
Gedenkstätte Theresienstadt

 


 

Brief an die Familie

Ein ganz dünner (transparenter) Streifen, den Petr heimlich und völlig unzensiert schickte - undatiert:

Lieber Vater, Mutter und Eva,

Mir geht es immer noch gut, obwohl nicht mehr so wie früher. In dieser Hinsicht müßt ihr also um mich keine Sorgen haben. Ich hoffe, ihr habt die Marke für das Paket erhalten. Schickt bitte irgendwelche Lutschbonbons für Oma (sie hat nämlich Husten), mir schickt Gummiarabikum, ein paar Hefte, einen Eßlöffel, ein Geschirr, Brot und ein paar Gravüren. (Alles ist hier nämlich so neu, die Pritschen, die Straßenbenennung, der ganze Beamtenapparat, und deshalb hätte ich gern etwas Altes hier, das mich zudem noch an die Zeiten erinnert, da ich mit euch war und die Gravüren kolorierte.) Die Zeitschrift, die ich redigiere, erscheint immer noch. Ich schreibe für sie Geschichten ernsten Inhalts, manchmal pfusche ich sogar in Philosophie. Ansonsten besuche ich die Quinta. Das Lernen geht gut. In einer Woche sollen wir Prüfungen haben. Was meine materiellen Angelegenheiten anbelangt: Ich gehe jeden Abend zu Oma, die mir immer etwas zu essen gibt. Auch von Onkel bekomme ich oft etwas zu beißen. Zu den Schuhen: Auf der Pritsche neben mir wohnt ein Junge, der in der Schusterei arbeitet. So daß für meine Schuhreparaturen gesorgt ist. Zur Kleidung: den braunen Anzug kann ich nicht mehr tragen, jetzt trage ich die Hose, die ihr mir geschickt habt, und Vaters wattierte Weste. Vor drei Wochen gab es auf unserem Zimmer Kinderlähmung. Wie alle bekam auch ich eine Injektion mit dem Blut irgendeines erwachsenen Menschen. Rudo Freundenfeld hat es mir gegeben. Jetzt hat es, Gott sei Dank, keine neuen Fälle mehr gegeben.

Kuß von Petr

Schickt mir irgendein Buch über Soziologie


 


 

Aus Petrs Tagebuch


Nach langen Überlegungen habe ich mich entschlossen, ein Tagebuch zu schreiben. Einerseits tue ich dies für Mancinka [so nannte Petr seine Mutter], für Vater und Eva, denen ich auf einer Karte nicht all das schreiben kann, was ich möchte, weil ich das erstens gar nicht darf, zweitens gar nicht so gut Deutsch kann. [Post mußte deutsch geschrieben sein, damit sie zensiert werden konnte.] Dann schreibe ich auch für mich, um die Menge von Begebenheiten und Typen nicht zu vergessen, mit denen ich in Berührung gekommen bin.

8.II.1944:

... dann ging ich nach Hause, kam gerade zur Stilübung zurecht, ... Ich wählte das erste Thema und schrieb über Beschimpfungen. Dann versuchte ich, die Geometrie zu Ende zu schreiben, aber irgendwie geht das nicht. Und so liege ich nun und schreibe, weil sich das flimmernde Licht ein wenig stabilisiert hat. Jetzt höre ich aber auf und werde schlafen, denn es ist schon fast halb elf. Cuml unterhält sich mit Kalíšek über Literatur und umgekehrte Wortfolgen. Ich ... lege mich nieder. Denke daran, was wohl meine Lieben in Prag tun. Eva kann ich mir gar nicht mehr richtig vorstellen.



Aus Petrs »Ausweisen«

Juni(1944):

Ich bin in der Lithographie angestellt. Habe eine physikalische Karte Asiens gemacht und eine Weltkarte nach der Projektion begonnen.

Gelesen: Otáhalová-Popelová: Seneca in Briefen, Arbes: Der verrückte Hiob, Mein Freund der Mörder, Der Teufel, London: Das verlorene Gesicht, Musil: Wüste und Oase, H.G. Wells: Der Vater Christine Albertas, einen Teil von Descartes: Abhandlung über die Methode.

Gelernt: das Altertum (Ägypter, Babylonier, Inder, Phönizier, Israeliten, Griechen, Perser usw.), die Geographie Arabiens, Hollands und des Mondes.

Gezeichnet: Hinter dem Schafstall und Hohenelber Kaserne. Im Kopf und auf dem Papier habe ich mir einen Überblick über die Zoologie gemacht. Besuche die Vorträge am Abend (über Rembrandt, Quacksalber usw.) Gehe nicht mehr zu den Köchen.

September (1944):

Gelesen: Schweitzer: Aus meinem Leben und Werk, Binko Šimonovic: Die Familie Vincic , De Vries: Rembrandt, Thomas Mann: Mano und der Zauberer, Dickens: Weihnachtsgesänge, Daneš: Der Ursprung und das Aussterben der Eingeborenen in Australien und Ozeanien, Milli Dondolo: Der Engel hat gesprochen, Karl May: Der Sohn des Bärenjägers, Oscar Wilde: De profundis und andere Novellen.
 


 

Aus Petrs »Plänen«


September (offenbar 1944):

Linolschnitte machen, Zeichnungen, Stenographie, Englisch. Vedem betrachten, sein Niveau, und sich eventuell mit etwas hervortun, aber wenn schon, dann müßte es auch wirklich dafürstehen! (Sagen wir mit einem Linolschnitt ...)

(unbeendet)



Peter Ginz mit Eltern und Schwester. Aus dem Besitz seines Vaters Ota Ginz, Kiriat Jam, Israel.
Jüdisches Museum Prag

 


 

Mej-Fa-Su
oder
Über die Gleichgültigkeit der Mandschurier

Durch die aufgeweichte, schlammige Mandschurei führt ein Feldweg. Tiefe Furchen auf seiner Oberfläche bezeugen seine lange Benutzung. Unser Auto bleibt mitunter stehen und dann müssen wir aussteigen und unsere Tatra aus der Vertiefung herausstemmen. Wir schalten die Geschwindigkeit ein und fahren im Schneckentempo weiter. Der Wagen stolpert über Höcker und Pfützen. Schließlich taucht eine halb zerfallene Baracke auf und aus ihr tritt ein Mandschurier hervor. Wir bleiben stehen und klettern aus dem Auto. Vor uns ein mandschurisches Dorf. Nach einer Weile umringt uns die ganze Familie. Wir frühstücken. Ich wende mich an einen jungen Mann: »Warum, um Himmels willen, repariert ihr den Weg nicht? Man kann ja überhaupt nicht auf ihm fahren?« - »Mej-Fa-Su!« antwortet der Mandschurier. »Da kann man nichts machen!« Das ist die allgemeine Ansicht in Mandschurien. Obwohl der Weg jeden Tag benützt wurde, fiel es niemandem auch nur ein, ihn auszubessern. Er ist kaputt? Na dann ist er eben kaputt, Mej-Fa-Su, da kann man nichts machen. Und damit ihr nicht glaubt, ich will mich mit mandschurischer Philosophie befassen, so sage ich euch: Mandschurier gibt es nicht nur in der Mandschurei. Auch hier gibt es von dieser Sorte mehr als genug. Wir sind in Theresienstadt? Mej-Fa-Su. Wir schwitzen wie Schweine? Mej-Fa-Su. Protektion auf Schritt und Tritt? Mej-Fa-Su. Alles wird als Faktum akzeptiert, das zwar unangenehm, aber unabänderlich ist. Es gibt hier Protektion? Was kann man machen? Protektion ist doch etwas so unabänderliches, so selbstverständlich wie die Umdrehungen der Erde und die Anziehungskraft. So war es früher, so wird es wieder sein. Mej-Fa-Su!

Laßt euch von Theresienstadt nicht abstumpfen! Schaut nicht wie Kälber umher. Haut allem in die Fresse, was euch unrichtig erscheint. Tod den Mandschuriern!

Manuskript des Romans „Die Eroberer" von Petr Ginz mit einer Zeichnung des Autors.

Aus dem Besitz seines Vaters Ota Ginz, Kiriat Jam, Israel. Jüdisches Museum Prag

 



Der verrückte August


In der Luft war es feucht und kühl. Stahlgraue Nebelstreifen hingen in ihr, die beinahe die Oberfläche der Wellen berührten. Eine unangenehme Witterung. Die grüne Wellenmasse verlor sich in einer Entfernung von etwa 100 Yard, verschmolz mit dem Nebel.

August saß in der Kajüte der Bonifacius. Man nannte ihn den verrückten August, aber der Schiffsjunge Petr hatte Vertrauen zu ihm. »Er ist nicht verrückt«, pflegte er zu sagen, »er ist anders, so ein bißchen sonderbar. Wahrscheinlich kennt er irgendein großes Geheimnis, das ihr nicht versteht und nicht einmal verstehen könnt.« »Du bist ja langsam auch schon so wie er, wirst noch ganz verrückt, wenn du dauernd mit ihm redest«, sagten ihm die übrigen Schiffsjungen. »Die wissen nichts«, meinte dann August immer, und seine Augen schienen Petr in einem solchen Augenblick wie von einem hohen Berg aus anzublicken, der von Wolken verhüllt ist. Nein, August war kein Narr, keineswegs, verstand er doch so überzeugend zu sprechen. Und Petr mochte ihn, diesen Narren mit den tiefen Augen, und er glaubte ihm. August sprach wirklich eigenartig. »So spricht sonst niemand auf der Welt«, dachte Petr, »niemals habe ich gehört, daß ein Kapitän, ein Steuermann, die Schiffsjungen oder die Leute im Hafen so eigenartig sprechen würden.« Das war nämlich seine ganze Welt.

Es war Nacht. Alles schlief, nur an Deck konnte man die Schritte der Hundewache hören. Petr schlief ein. Seine Musken fühlten sich weich und locker an, seine Muskeln, sein ganzer Körper kam ihm gelöst vor, und mit dem gelösten Körper löste sich auch der Geist, und seine Sinne verloren sich im blauen Nebel des Schlafs. Er verlor das Bewußtsein.

Auf einmal fühlte er eine leichte Berührung, wie einen elektrischen Funken. Petr erhob sich mühsam von seinem Matrosenlager, sah sich um und erblickte über sich die gläserne Figur des verrückten August. »Komm mit mir!« Petr stand vom Lager auf und räkelte sich. »Komm schnell«, forderte ihn die Stimme von August auf. Ohne Widerrede verließ Petr sein Lager, obwohl es unter der Decke warm und draußen kalt war. Wortlos folgte er ihm. Sie betraten das Unterdeck. August entzündete eine Kerze. Ihr schwaches Licht erhellte kaum die Finsternis, die hinter jeder Erhöhung, in jeder Lücke lauerte. Sie kamen zu einem kleinen Raum unter Deck. Der verrückte August trat ein und Petr hinter ihm. Ein Schlüssel rumpelte im Schloß und verschwand dann in der Tasche von August. Er stellte die
Kerze in die Mitte, setzte sich auf eine Kiste und vergrub seinen Kopf in den Händen. Petr setzte sich in die Hocke, denn es war ihm kalt. August hob den Kopf. Im Kerzenlicht erstrahlte sein ausdrucksvolles Gesicht, in dem wie kleine Blitze seine Augen glänzten. Eine Weile verging. Um die Flamme schwirrten kleine Fliegen. August ließ sich vernehmen. Seine Stimme erklang störend in der toten Stille. »Leben? Was ist Leben? Wie dieses Kerzenlicht, an dem sich die törichten Mücken ihre Flügel verbrennen!« Und abermals war es still, nur ab und zu vom Knistern des Kerzendochts unterbrochen. »Die armen Mücken.« - »Warum fliegen sie so um das Licht?« - Pause. Langsam sprach er zu sich selbst, als er laut überlegte: »Gewohnheit - Bewegung zu individueller Existenz und ... Unsicherheit...« Er verbarg von neuem den Kopf in den Händen und stieß zwischen den Zähnen hervor: »Sie fliegen fasziniert um die Flamme, bis sie verbrennen und vernichtet zu Boden fallen. Dummköpfe!« - »Dummköpfe?« Die Gewohnheit und Unsicherheit sind zu stark, sie können sie nicht überwinden. Insekten! ...« Beide saßen nun still. Petr wunderte sich eigentlich, wieso er da war, anstatt friedlich in seiner Koje zu schlafen. »Denk über das Leben nach, Junge«, sagte August, »schau, es ist wie diese Flamme. Siehst du das, kannst du das verstehen? Aus Gewohnheit fliegen wir um sie herum und müssen sterben. Wir wollen unser >Ich< sein und für diesen Preis opfern wir alles!«

Er streckte die Hand aus und verlöschte die Kerze. Finsternis verbreitete sich im Raum. Man hörte, wie die Mücken davonflogen, ohne die faszinierende Flamme der Kerze. Eine Weile summten sie noch, dann war das Geräusch ihrer Flügel nicht mehr zu hören. Sie waren wohl durch irgendeinen Spalt ins Freie geflogen.

»Hast du gesehen, hast du gesehen«, ließ sich die Stimme von August vernehmen, »hast du das gut wahrgenommen, Junge?« wiederholte er und schob den Deckel der Kiste mit Pulver von sich.

»Noch einmal, Flamarion«, konnte man wie aus unendlicher Ferne die Stimme des Kapitäns beim Kartenspiel hören.

»Erlösung ...«, flüsterte August, streckte die Hand aus und schleuderte die leuchtende Flamme eines Streichholzes in die Pulverkiste.

Und der Raum erstrahlte in unendlicher Helle, und im Feuer der Explosion erblickte Petr das Aufleuchten der Großen Verschmelzung.

 


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