| Baustein 10
Czernowitz in der „Aschenzeit"
- Dichtung in der Sprache der Verfolger
Rose Ausländer (1901 - 1988)
Paul Celan (1920 - 1970)
Selma Meerbaum-Eisinger (1924 - 1942)
| Klassenstufe: |
12/13 |
| Zeitaufwand: j |
2 Unterrichtsstunden |
| Themen: |
Verlorener Reichtum
Zerstörung eines Kulturraums und seiner Kultur
Erfahrungen von Verfolgung und Ghetto werden zu Dichtung
Kunst als Überlebenshilfe?
Sprache als einzig Bleibendes, Festes
Die Sprache der Verfolger ist auch die Sprache der Opfer.
„Nach Auschwitz kann man keine Gedichte mehr schreiben" |
Sie kamen
mit scharfen Fahnen und Pistolen
schossen alle Sterne und den Mond ab
damit kein Licht uns bliebe
damit kein Licht uns liebe
Da begruben wir die Sonne
Es war eine unendliche Sonnenfinsternis
Rose Ausländer
Im Atemhaus wohnen. Gedichte. Frankfurt/M. 1981
Czernowitz in der Bukowina war die Geburtsstadt einer ganzen Anzahl von
Männern und Frauen, die als Schriftsteller und Dichter bekannt geworden
sind. Viele kamen aus dem bürgerlichen Judentum der Stadt, das unter der
Herrschaft des Habsburgischen Österreich die deutsche Kultur aufgenommen
hatte und an der deutschen Sprache selbst in der Zeit der Verfolgung
festhielt.
Czernowitz vor der „Aschenzeit":
„Eine entlegene, osteuropäische Stadt, nicht groß, nicht klein:
Czernowitz, die Hauptstadt des Kronlandes Bukowina der ehemaligen
österreichisch-ungarischen Monarchie.[ ..]. Die etwa 160 000 bis 170 000
Einwohner vonCzernowitz setzten sich aus Deutschen, Ukrainern, Juden,
Rumänen, sowie Minderheiten von Polen und Madjaren zusammen. [...] Bis
1924 - obwohl die Bukowina schon 1918, nach dem Ersten Weltkrieg,
Rumänien zugesprochen wurde - war die Landessprache rumänisch und
deutsch, nachher bis ans Ende des Zweiten Weltkrieges war sie offiziell
rumänisch, praktisch aber weiter deutsch. Deutsch war nicht nur die
Umgangs- und Kultursprache, es war und blieb die Muttersprache des
größten Teiles der Bevölkerung. [...]
Die verschiedenen Spracheinflüsse färbten natürlich auf das Bukowiner
Deutsch ab, zum Teil recht ungünstig. Aber es erfuhr auch eine
Bereicherung durch neue Worte und Redewendungen. Es hatte eine besondere
Physiognomie, sein eigenes Kolorit. Unter der Oberfläche des Sprechbaren
lagen die tiefen, weitverzweigten Wurzeln der verschiedenartigen
Kulturen, die vielfach ineinandergriffen und dem Wortlaut, dem Laut- und
Bildgefühl, Saft und Kraft zuführten. Mehr als ein Drittel der
Bevölkerung war jüdisch, und das gab der Stadt eine besondere Färbung.
Altjüdisches Volksgut, chassidische Legenden »lagen in der Luft«, man
atmete sie ein. Aus diesem barocken Sprachmilieu, aus dieser
mythisch-mystischen Sphäre sind deutsche und jüdische Dichter und
Schriftsteller hervorgegangen: Paul Celan, Alfred Margul-Sperber,
Immanuel Weißglas, Rose Ausländer, Alfred Kittner, Georg Drosdowski,
David Goldfeld, Alfred Gong, Moses Rosenkranz, Gregor von Rezzori, der
bedeutendste jiddische Lyriker Itzig Manger u. a."
(Rose Ausländer: Erinnerungen an eine Stadt. In: Helmut Braun (Hg.):
Rose Ausländer. Materialien zu Leben und Werk. Frankfurt/M. 1991, S.
7f.)
Auch diese an geistigem Leben und kultureller Vielfalt reiche Stadt
wurde nach der Besetzung durch deutsche Truppen auseinander gerissen. Im
Juli 1941 wurde das Judenviertel zum Ghetto erklärt. Deportationen zu
den Vernichtungslagern in Transnistrien begannen. Zwar machte der
eiskalte Winter Anfang 1942 weitere Todestransporte unmöglich und
erzwang auch die Auflösung des Ghettos, doch Zwangsarbeit und Verfolgung
dauerten bis zur Befreiung durch russische Truppen im März 1944 an. Von
den 60 000 Czernowitzer Juden haben 5 000 überlebt.
Rose Ausländer erinnerte sich, wie sie und einige Freunde Kraft
zum Überleben fanden:
„Getto, Elend, Horror, Todestransporte. In jenen Jahren trafen wir
Freunde uns zuweilen heimlich, oft unter Lebensgefahr, um Gedichte zu
lesen. Der unerträglichen Realität gegenüber gab es zwei
Verhaltensweisen: entweder man gab sich der Verzweiflung preis, oder man
übersiedelte in eine andere Wirklichkeit, die geistige. Wir zum Tode
verurteilten Juden waren unsagbar trostbedürftig. Und während wir den
Tod erwarteten, wohnten manche von uns in Traumworten - unser
traumatisches Heim in der Heimatlosigkeit. Schreiben war Leben.
Überleben.
»...Auf den flüchtenden Kähnen/löschen die Wimpel den Traum, von den
Himmeln...« - »... daß die unsichtbaren Gestirne aufblühen.« Diese und
viele andere Verse las mir ein junger Mann vor, den 1944 ein Freund zu
mir brachte: Paul Antschel-Celan. Als Revanche las ich das nächste Mal
meine neu entstandenen Gedichte, die er sehr lobte."
(Rose Ausländer „Alles kann Motiv sein" In: Harald Vogel/Michael Gans:
Gedichtinterpretationen - Rose Ausländer, Hilde Domin. Baltmannsweiler
1996, S. 31.)
Die Lebensbedingungen auch nach Aufhebung des Ghettos spiegelt der Brief
Rose Ausländers an Freunde in Bukarest, die daraufhin Lebensmittel und
Kleider sammelten, sie durch die mutige Exilpolin Frau Kawa nach
Czernowitz schmuggelten und so das Überleben im Untergrund ermöglichten,
nachdem Rose Ausländer (und ihre Mutter) ohne Arbeitserlaubnis
unmittelbar von der Deportation bedroht waren.
„Sehr geschätzter, lieber Herr Korn! [...] Ein harter Schlag traf mich
gestern: ich bin von der Liste der Arbeitenden (die allein hier
Lebensberechtigung haben) gestrichen worden. So erlebe ich die Schönheit
Ihres Sprechens zu mir wie durch einen dichten Schleier von Wehmut.[
..]. Wissen Sie denn, was mir jetzt und hier Euer Nahesein bedeutet?
Gewiß fühlen Sie es, da Sie wie ein Engel in mein Schattenreich traten,
um das tiefe Dunkel aufzuhellen. Es ist traumhaft wunderbar - und nur
Träume sind die Wirklichkeit - die Wirklichkeit aber ist weniger als ein
Traum in ihrer schalen Einförmigkeit und mörderischen Entpersönlichung.
Traum: das ist Raum ohne Grenzen. Und nur wo die Begrenzung aufhört,
beginnt erst die Kunst ...
Frau Kawa wird Ihnen erklären, warum ich Sie bitte, nicht an die alte
Adresse zu schreiben. Frau K. wird Ihnen alles darüber mitteilen. Sie
können mir immer durch sie Ihre guten Grüße senden - und auf diese Weise
weit ungezwungener schreiben. Rose und Schmetterling ziehen mit. Ach,
dieser Frühling - wird er mir Verse bringen? oder nur neues namenloses
Leid? ..."
Brief vom 13. März 1943 In: Helmut Braun (Hg.): Rose Ausländer.
Materialien zu Leben und Werk. Frankfurt/M. 1991, S. 20.
Rose Ausländer hat in vielen Gedichten das, was dennoch blieb - die
Sprache, das Wort - als letztes Gegenüber, als Bedingung ihrer eigenen
Existenz dargestellt. Hier sollen nur wenige Gedichte stehen, die
ausdrücklich oder in ihren Motiven die Ghettozeit thematisieren.
Auch Paul Celan sah in der Sprache ein Werkzeug der Orientierung
in der Welt und der Bewältigung der Wirklichkeit:
„Erreichbar, nah und unverloren blieb inmitten der Verluste dies eine:
die Sprache. Sie, die Sprache, blieb unverloren, ja, trotz allem. Aber
sie mußte nun hindurchgehen durch ihre eigenen Antwortlosigkeiten,
hindurchgehen durch furchtbares Verstummen, hindurchgehen durch die
tausend Finsternisse todbringender Rede. Sie ging hindurch und gab keine
Worte her für das, was geschah; aber sie ging durch dieses Geschehen.
Ging hindurch und durfte wieder zutage treten, »angereichert« von all
dem. In dieser Sprache habe ich, in jenen Jahren und in den Jahren
nachher, Gedichte zu schreiben versucht: um zu sprechen, um mich zu
orientieren, um zu erkunden, wo ich mich befand und wohin es mit mir
wollte, um mir Wirklichkeit zu entwerfen."
(Paul Celan, zit. nach Andreas Nachama / Gereon Sievernich (Hg.):
Jüdische Lebenswelten. Berlin 1991, S. 681.)
Paul Celan war nach der Ghettozeit in Czernowitz 1942/43 in einem
rumänischen Arbeitslager interniert. Seine Eltern kamen um. Er lebte von
1948 an in Paris und veröffentlichte in diesem Jahr seinen ersten
Gedichtband Der Sand aus den Urnen. 1970 setzte er seinem Leben ein
Ende.
Selma Meerbaum-Eisinger ist keine bekannte Dichterin geworden.
Sie wurde am 15. August 1924 in Czernowitz in ärmlichen Verhältnissen
geboren, war also bei Kriegsausbruch eben 15 Jahre alt. Mit Paul Celan
(Paul Antschel) war sie mütterlicherseits verwandt. Ihre ersten Gedichte
entstanden 1939, kurz vor Kriegsbeginn. Es sind Natur- und vor allem
auch Liebesgedichte, gerichtet an ihren ein Jahr älteren Freund Lejser
Fichman. Er bereitete sich auf seine Auswanderung nach Palästina vor,
sie suchte das Glück in der Gegenwart. Antisemitische Vorfälle gab es
bereits vor der erzwungenen Abtretung der Bukowina an die Sowjetunion
(26. Juni 1940). Auch von ihren Truppen wurden Juden verschleppt, allein
am 13. Juni 1941 viertausend Männer, Frauen und Kinder. Mit dem erneuten
Einzug rumänischer Truppen am 5. Juli erhielten die deutschen
Verbündeten Rumäniens freie Hand bei der Judenverfolgung.
Das Leben unter der Bedrohung ist auch in Meerbaum-Eisingers Gedichten
spürbar. Einflüsse ihrer Lieblingsautoren (Heinrich Heine, Rainer Maria
Rilke, Paul Verlaine, auch von chinesischer Dichtung) sind nicht zu
verkennen, eigene Töne und Bilder werden aber immer stärker, je
gewaltsamer die Wirklichkeit in ihr Leben greift.
Mit der Einrichtung des Ghettos im Judenviertel (60 000 Menschen
zusammengepfercht in wenigen Straßen) hauste die Familie eine Zeitlang
unter einem notdürftig mit Decken verhängten Arkadengang. Lejser Fichman
wurde zur Zwangsarbeit abkommandiert. Selma Meerbaum-Eisinger sah ihn
nie wieder. Sie, so erfuhr eine Freundin, floh aus dem Ghetto, wurde
aber in der Stadt als Jüdin erkannt und verfolgt. Sie brach sich ein
Bein, konnte aber das in diesem Fall schützende Ghetto wieder erreichen.
Nach dessen Aufhebung wurde die Familie im Juni 1942 in ein Lager
westlich des Bug deportiert, wo sie drei Monate unter freiem Himmel in
einem Steinbruch kampierte. „Man hält es aus, trotzdem man immer wieder
meint: Jetzt, jetzt ist es zuviel, ich halte nicht mehr durch, jetzt
breche ich zusammen..." und zum Schluß „Küsse. Chasak - Selma" (Chasak,
hebr., heißt „Sei stark.") Dieser Brief wurde von einem kleinen Jungen
in das nächste Lager geschmuggelt, wo Selmas Freundin gefangen war. In
dem Arbeitslager Michailowka starb Selma Meerbaum-Eisinger am 16.
Dezember 1942 an Flecktyphus.
Ihr Gedichtalbum hatte sie vor der Deportation einer Freundin bringen
lassen, die es an Fichman weitergab. Ehe er auf der Flucht aus dem
rumänischen Arbeitslager nach Palästina zu gelangen versuchte, brachte
er das Album dieser Freundin zurück, damit es nicht verlorengehe. Er
selbst kam um, als im Schwarzen Meer ein mit jüdischen Flüchtlingen
besetztes türkisches Schiff von einem sowjetischen U-Boot torpediert
wurde.
Erst viel später erschien eines der Gedichte aus dem Album, „Poem", in
einer Sammlung in der DDR („Welch Wort in die Kälte gerufen" - Die
Judenverfolgung des Dritten Reichs im Gedicht. Hrsg. Heinz Seydel,
Berlin 1968), und so wurde der ehemalige Klassenlehrer Selma
Meerbaum-Eisingers aufmerksam. Überlebende Freundinnen übergaben ihm,
was sie aufbewahrt hatten: den Brief und das Album. Hersch Segal ließ
die Veröffentlichung in Israel auf eigene Kosten drucken.1
Der Baustein kann insgesamt verwendet werden, um Lyrik in der
Grenzsituation zu behandeln. Er läßt sich auch aufteilen:
Selma Meerbaum-Eisinger: ihre Stimme und ihr Schicksal
Rose Ausländer und / oder Paul Celan: Dichtung in der „Wortnacht" (Celan):
Überleben im „Mutterland Wort" (Ausländer)
Lyrik als „Schibboleth" (Erkennungszeichen, Losungswort) der Verfolgten
Anmerkung: Das Gedicht „Schibboleth" greift den Ruf der bedrängten
Republikaner im spanischen Bürgerkrieg „no pasaran" (sie werden nicht
durchkommen) auf; Wien und Madrid werden gleichgesetzt als die vom Feind
besetzten Hauptstädte (dort Francos Falange, hier Hitlers
Nationalsozialisten). Einhorn: Fabeltier, Sinnbild von großer Stärke,
auch der Keuschheit. Häufiger in moderner Lyrik als Chiffre für das ganz
Andere, Wunderbare.
Barbara Heckel
1 Diese Darstellung folgt der Einleitung von Jürgen Serke zu dem
Gedichtband Selma Meerbaum-Eisinger: Ich bin in Sehnsucht eingehüllt.
[Copyright (c) 1980 by Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg ]
ISBN: 3-455-05171-5
Neuausgabe: November 2005
Selma Meerbaum-Eisinger
Poem
Die Bäume sind von weichem Lichte übergossen, im Winde zitternd glitzert
jedes Blatt.
Der Himmel, seidig-blau und glatt,
ist wie ein Tropfen Tau vom Morgenwind vergossen.
Die Tannen sind in sanfte Röte eingeschlossen
und beugen sich vor seiner Majestät, dem Wind.
Hinter den Pappeln blickt der Mond aufs Kind,
das ihm den Gruß schon zugelächelt hat.
Im Winde sind die Büsche wunderbar:
bald sind sie Silber und bald leuchtend grün
und bald wie Mondschein auf lichtblondem Haar
und dann, als würden sie aufs neue blühn.
Ich möchte leben.
Schau, das Leben ist so bunt.
Es sind so viele schöne Bälle drin.
Und viele Lippen warten, lachen, glühn
und tuen ihre Freude kund.
Sieh nur die Straße, wie sie steigt:
so breit und hell, als warte sie auf mich.
Und ferne, irgendwo, da schluchzt und geigt
die Sehnsucht, die sich zieht durch mich und dich.
Der Wind rauscht rufend durch den Wald,
er sagt mir, daß das Leben singt.
Die Luft ist leise, zart und kalt,
die ferne Pappel winkt und winkt.
Ich möchte leben.
Ich möchte lachen und Lasten heben
und möchte kämpfen und lieben und hassen
und möchte den Himmel mit Händen fassen
und möchte frei sein und atmen und schrein.
Ich will nicht sterben. Nein!
Nein.
Das Leben ist rot,
Das Leben ist mein.
Mein und dein.
Mein.
Warum brüllen die Kanonen?
Warum stirbt das Leben
für glitzernde Kronen?
Dort ist der Mond.
Er ist da.
Nah.
Ganz nah.
Ich muß warten.
Worauf?
Hauf um Hauf
sterben sie.
Stehn nie auf.
Nie und nie.
Ich will leben.
Bruder, du auch.
Atemhauch
geht von meinem und deinem Mund.
Das Leben ist bunt.
Du willst mich töten.
Weshalb?
Aus tausend Flöten
weint Wald.
Der Mond ist lichtes Silber im Blau.
Die Pappeln sind grau.
Und Wind braust mich an.
Die Straße ist hell.
Dann ...
Sie kommen dann
und würgen mich.
Mich und dich
tot.
Das Leben ist rot,
braust und lacht.
Über Nacht
bin ich
tot.
Ein Schatten von einem Baum
geistert über den Mond.
Man sieht ihn kaum.
Ein Baum.
Ein
Baum.
Ein Leben
kann Schatten werfen
über den
Mond.
Ein
Leben.
Hauf um Hauf
sterben sie.
Stehn nie auf.
Nie
und
nie.
7. 7. 1941
aus: Selma Meerbaum-Eisinger: Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Gedichte
eines jüdischen Mädchens an seinen Freund.
[Copyright (c) 1980 by Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg ]
ISBN: 3-455-05171-5
Neuausgabe: November 2005
Selma Meerbaum-Eisinger
Regenlied
Des Regens starker Gesang wird zum Rauschen,
Das voller und voller erklingt.
Es schweigt selbst der Wald, um dem Liede zu lauschen,
Das der strömende Himmel ihm singt.
Es schäumen mit wuchtendem Anprall die Wasser
Vom Himmel zur Erde herab.
Es rasen die Ströme des Regens in nasser,
Wild stürzender Wut, die der Blitz ihnen gab.
Es duckt sich und beugt ihren Rücken die Erde
Unter dem peitschenden Sausen.
Wie vom Hufschlag einer hinrasenden Herde
Ist die Luft erfüllt von dem Brausen.
Dann wird das Rauschen zum raunenden Schallen,
Zum Murmeln von müder Süße.
Auf die Dächer vereinzelte Tropfen fallen
Wie ferne, glückstrunkene Küsse.
1.8.1941
Bleistiftskizze
Ein Haarsträhn wie ein feiner Schatten in die Stirn,
darüber seidig weich die dunkle Fülle.
Der Mund ein trutz`ges Zeugnis stolzer Kühle,
betont durch leichten, schwarzen Flaum.
Das helle Braun der Augen mildert kaum.
Die Zähne scheinen stark und weiß nach vorne sich zu drängen
und ganz so störrisch wild die schwarzen Brauen.
Doch wenn die Augen in die Ferne schauen,
dann will ein Zug von Sehnsucht in den Stolz sich mengen.
Darüber wölbt die Stirne sich in leicht gewölbtem Bogen,
die feine Nase setzt sie, aufwärtsstrebend, fort.
Der schlanke Hals ist in die Harmonie mit einbezogen-
ein bißchen Braun, ein bißchen bleich - ein starker Dur-Akkord.
28. 9. 1941
aus: Selma Meerbaum-Eisinger: Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Gedichte
eines jüdischen Mädchens an seinen Freund.
[Copyright (c) 1980 by Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg ]
ISBN: 3-455-05171-5
Neuausgabe: November 2005
Rose Ausländer
Das Einmaleins
Die Gefangnen im Turm
halten den Wärter gefangen
und üben mit ihm
das Einmaleins der Stunden
Ins Wandgewebe
sind Labyrinthe gestickt
Irrgänge führen zum
Sesam-öffne-dich
Nachts holen die
Gefangnen verstohlen
die Welt in den Turm
verteilen sie gleichmäßig
untereinander
Am Morgen ist alles
spurlos weggeräumt
die Zellen sind wieder
finstre Rechtecke
ohne Vögel und Wasserfälle
Die Gefangnen begrüßen sich
verstohlen
mit Weltabglanz
und üben mit dem Wärter
das Einmaleins der Stunden
Mutterland
Mein Vaterland ist tot
sie haben es begraben
im Feuer
Ich lebe
in meinem Mutterland
Wort
In memoriam Chane Rauchwerger
Getto
Hungermarsch
Bei 30 Grad unter Null
schlief meine fromme Tante
(immer betete sie
glaubte inbrünstig an Gerechtigkeit)
schlief meine sündlose Tante
ihre Tochter ihr Enkel
nach vielen Hungermarschtagen
auf dem Eisfeld in Transnistrien
unwiderruflich
schliefen sie ein
Der Glaube
der Berge versetzt
o weiser Wunderrabbi von Sadagora
Chane Rauchwerger glaubte an dich
wo warst du
damals
wo war dein Wunder
„Das Einmaleins" aus: Rose Ausländer: Im Atemhaus wohnen. Gedichte.
Frankfurt/M. 1981.
„Mutterland" aus: Rose Ausländer: Regenwörter. Gedichte. Stuttgart 1994.
„In memoriam Chane Rauchwerger" aus: Rose Ausländer: Schweigen auf deine
Lippen. Gedichte aus dem Nachlaß. Frankfurt/M. 1994.
Paul Celan
Abend der Worte
Abend der Worte - Rutengänger im Stillen!
Ein Schritt und noch einer,
ein dritter, des Spur
dein Schatten nicht tilgt:
die Narbe der Zeit
tut sich auf
und setzt das Land unter Blut -
Die Doggen der Wortnacht, die Doggen
schlagen nun an
mitten in dir:
sie feiern den wilderen Durst,
den wilderen Hunger...
Ein letzter Mond springt dir bei:
einen langen silbernen Knochen
- nackt wie der Weg, den du kamst -
wirft er unter die Meute,
doch rettets dich nicht:
der Strahl, den du wecktest,
schäumt naher heran,
und obenauf schwimmt eine Frucht,
in die du vor Jahren gebissen.
Mit wechselndem Schlüssel
Mit wechselndem Schlüssel
schließt du das Haus auf, darin
der Schnee des Verschwiegenen treibt.
Je nach dem Blut, das dir quillt
aus Aug oder Mund oder Ohr,
wechselt dein Schlüssel.
Wechselt dein Schlüssel, wechselt das Wort,
das treiben darf mit den Flocken.
Je nach dem Wind, der dich fortstößt,
ballt um das Wort sich der Schnee.
Schibboleth
Mitsamt meinen Steinen,
den großgeweinten
hinter den Gittern,
schleiften sie mich
in die Mitte des Marktes,
dorthin,
wo die Fahne sich aufrollt, der ich
keinerlei Eid schwor.
Flöte,
Doppelflöte der Nacht:
denke der dunklen
Zwillingsröte
in Wien und Madrid.
Setz deine Fahne auf Halbmast,
Erinnrung.
Auf Halbmast
für heute und immer.
Herz:
gib dich auch hier zu erkennen,
hier, in der Mitte des Marktes.
Ruf's, das Schibboleth, hinaus
in die Fremde der Heimat:
Februar. No pasaran.
Einhorn:
du weißt um die Steine,
du weißt um die Wasser,
komm,
ich führ dich hinweg
zu den Stimmen
von Estremadura.
aus: Paul Celan: Von Schwelle zu Schwelle. Stuttgart 1955, S. 41, S. 36,
S. 55f.
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