Baustein

Ghettos
Vorstufen der Vernichtung

1939-1944
Menschen in Grenzsituationen

Texte und Unterrichtsvorschläge

Hrsg: LpB, 2000




 

Inhalt

 

Baustein 11

Das Ghetto in Frankfurt am Main
 

Klassenstufe: ab Klasse 10
Zeitaufwand: j 2 Unterrichtsstunden
Themen: Entstehung des Ghettos
Wichtige Ereignisse in seiner Geschichte
Beschränkungen für die Bewohner
Goethes Sicht auf das Ghetto
Kombination: Berliner Scheunenviertel, Baustein 7


Im Frankfurter Ghetto entwickelte sich das religiöse Judentum wie in kaum einer anderen deutschen Stadt durch die Jahrhunderte hindurch besonders lebendig und vielfältig. Deswegen ist es besonders interessant, Entstehung und Geschichte der Judengasse in Frankfurt zu betrachten.

Natürlich kann hier keine vollständige Geschichte dieses Ghettos erwartet werden. Die Texte beleuchten vielmehr einige wichtige historische Ereignisse und vor allem das Aussehen des Ghettos und das Leben in ihm.

Aspekte, die die Texte berücksichtigen:

  • die Entstehung der Judengasse
  • die Bewohner und ihre Berufe
  • Verwaltung und öffentliche Einrichtungen
  • Beschlüsse der Rabbinerversammlung in Frankfurt von 1603
  • Auflagen und Verbote für die Juden im Ghetto
  • der Fettmilch-Aufstand von 1614 und seine Bedeutung
  • berühmte Bewohner
  • reger Handel in der Gasse
  • nur zwei Jahre Bürgerrecht
  • Johann Wolfgang von Goethe erinnert sich an das Ghetto

Die Schüler sollten sich zunächst, mit Hilfe gezielter Arbeitsanweisungen, ein Bild von der Judengasse in Frankfurt machen. Ihre Vorstellungen können dann mit den Abbildungen aus unterschiedlichen Epochen verglichen werden.

Der Text von Goethe zeigt, welche Sicht die christlichen Stadtbewohner auf das Ghetto hatten, und welche Erfahrungen der junge Goethe im Kontakt mit den Ghettobewohnern selbst machte.

Arbeitshinweise:

zu Text 1:

  • Warum entstand das Ghetto in Frankfurt?
  • Was läßt sich zum Verhältnis zwischen Juden und Christen sagen?
  • Was regelten die Beschlüsse der Rabbinerversammlung von 1603 und welche Folgen entstehen daraus?
  • Wie sah das Leben im Ghetto aus?
  • Welche Verbote galten für die Ghettobewohner? Diskutieren Sie die Absichten, die mit diesen Verboten verfolgt werden und deren Folgen.
     

zu Goethes Text:

  • Welche Erfahrungen macht Goethe und welches Verhältnis zu den Ghettobewohnern hat er?
  • Kreative Aufgabe (vor der Betrachtung der Bilder):
  • Malen Sie die Judengasse, so wie Sie sie sich nach den Beschreibungen vorstellen.

Arbeitsaufgaben zu den Bildern:

  • Beschreiben Sie Ihre Eindrücke von der Judengasse.
  • Wie sah das Leben darin wohl aus?
  • Gibt es Vergleiche mit heutigen Städten?

Dieter Weiß
 



Die Frankfurter Judengasse

Stadtplan mit Judengasse
Kupferstich von Merian, 1624
Aus der Vogelperspektive sind alle 193 Häuser eingezeichnet. Synagoge und Gemeindehaus nehmen die größere Fläche ein. Die Länge der Gasse betrug ungefähr 300 Meter.
(aus: Nachum Tim Gidal Die Juden in Deutschland. Von der Römerzeit bis zur Weimarer Republik.
Köln 1997, S.90)




Hinterhäuser in der Judengasse
Zeichnung von Peter Becker, 1872
(aus: Nachum Tim Gidal Die Juden in Deutschland. Von der Römerzeit bis zur Weimarer Republik. Köln 1997, S.159)



Blick in die Judengasse (Ausschnitt)
Stahlstich um 1850
(aus: Nachum Tim Gidal Die Juden in Deutschland. Von der Römerzeit bis zur Weimarer Republik.
Köln 1997, S.158)

 



Das Ghetto in Frankfurt am Main

Gemäß den Beschlüssen des Laterankonzils von 1215 und des Konzils von Basel (1431-1449) hatte Kaiser Friedrich III. die Entfernung aller Juden aus ihren Häusern in der Frankfurter Domgegend angeordnet. Die Patrizier der Stadt, die zwei Drittel der Ratssitze innehatten, standen meist in gutem Einvernehmen mit den Juden und hatten sich geweigert, sie auszuweisen. Nach langem Zögern und gegen den Widerstand der Juden, die in dieser freien Reichsstadt nicht ohne Ansehen und Einfluß waren, führte die Stadt 1462 den kaiserlichen Befehl aus.

Am Wollgraben, dem städtischen Abwasserkanal gegenüber der Stadtmauer, wurde nun eine zweite Mauer gebaut. Zwischen den beiden Mauern entstand so eine knapp 100 Meter lange enge Gasse, von den Juden »Neu-Ägypten« genannt. Sie war begrenzt von drei Toren, die nur tagsüber geöffnet wurden.

In dieser Gasse lebte bis zum Einmarsch der Truppen Napoleons die jüdische Gemeinde mit all ihren Einrichtungen: Geldhändler und Trödler, Viehhändler und Bankiers; Gelehrte, Lehrer, Bäcker und Kunstsammler; Metzger, Schneider, Schuster; Erwachsene und Kinder; Kranke und Gesunde. Hier lebten die armen Familien und die reichen, die Baruchs und die Rothschilds, die Sterns und die Schönbergs. Es war ein kleines Universum, in zwei gegenüberliegenden Häuserreihen.

In dem Gewirr schmalbrüstiger Häuser, von aneinander- und ineinandergeschachtelten, nach oben ausgebauten Zimmern und Kammern entwickelte sich ein wohlgeordnetes, vielfältiges und intensives Gemeindeleben mit Lehrhaus, Festhaus (»der Juden Tanzhaus«), zwei Herbergen (zur Bewirtung und Unterkunft von auswärtigen Besuchern und Studenten), Backhaus, Spital, öffentlichem Bad und einer Synagoge. Es war eine kleine, aber wohlhabende Gemeinde. Im 16. Jahrhundert wurde sie durch ihre Gelehrten weit bekannt und trat die Nachfolge der mittelalterlichen jüdischen Zentren am Rhein an.

Die »Judengasse« wurde zum Mittelpunkt des jüdischen Lebens in Deutschland, zu einem Versammlungsort der Parnassim (Gemeindevorsteher) aus dem ganzen Reich. Während der Herbstmesse 1603 zum Beispiel unternahm eine gleichzeitig stattfindende Rabbinerversammlung den Versuch, die Juden Süd- und Westdeutschlands in einem Verband zu vereinen, scheiterte aber am Partikularismus einiger Gemeinden und ihrer Rabbiner.

Doch wurden auf dieser Versammlung wichtige Beschlüsse angenommen, so etwa: »Kein Rabbiner soll in Deutschland ein Rabbinerzeugnis ausstellen, ohne das Einverständnis dreier Gelehrter, die in Deutschland Rabbinerschulen leiten, einzuholen...

Viel Unheil entsteht in Gemeinden und kleinen Orten dadurch, daß jüdische Frevler mutwillig die Wahrheit zur Erde schleudern und mit neuen Münzen Handel treiben, die ungültig oder minderwertig sind und von diesen Betrügern für echte Münzen ausgegeben werden... Darum soll von heute an jeder, der sich mit derartigen Dingen abgibt... dem Bann verfallen. Das soll Gesetz sein in jedem Land und Gebiet...
Ist von einem erwiesen, daß er mit Dieben Geschäfte macht... so soll dieser Bösewicht der Strafe des Bannes anheimfallen...

Wer von Nichtjuden ein Darlehen nimmt oder etwas von Nichtjuden kauft und nicht bezahlt, soll der Strafe des Bannes verfallen. Kein Jude darf mit ihm Geschäfte abschließen. Kommt er wegen einer solchen Sache ins Gefängnis, darf kein Jude sich seiner mit Geld oder Fürsprache annehmen...«

Von den Judenschaften aller Gemeinden des Reichs in Bann getan, schlossen sich viele jüdische Hehler nichtjüdischen Diebes- und Räuberbanden an.

In der Judengasse selbst lebten im Jahr 1463 110 registrierte Personen. Im Jahr 1520 waren es 250; 1580 gab es bereits 1200, und im Jahr 1610 stieg die Einwohnerschaft auf 2270. Das heißt, auf je einen Quadratmeter Wohnfläche kam ein Mensch. Unter Ausnutzung buchstäblich jeden Quadratmeters, jeden nur möglichen Anbaus wohnten und arbeiteten die Menschen in dieser Gasse. Daß sich unter solch eingeengten Umständen ein blühendes kulturelles Leben entfalten konnte, war nur außergewöhnlicher Gemeinschafts- und Selbstdisziplin zu verdanken.

Die Juden durften keinen Landbesitz erwerben, auch kein Grundstück innerhalb der Stadt. Außerhalb der Gasse war es ihnen untersagt, ein Handwerk auszuüben, mit Früchten, Waffen oder Seide zu handeln wie die Christen der Stadt. Nach zehn Uhr abends sowie an christlichen Feiertagen und an Sonntagen durften sie die Ghettogasse nicht verlassen. Außerhalb der Gasse mußten sie einen gelben Fleck auf dem Gewand tragen.

Im Jahr 1612 trugen die Frankfurter Zünfte anläßlich der Krönung des Kaisers Matthias (R 1612-1619) ihre Beschwerden gegen die Patrizier und Juden der Stadt vor. Viele Handwerker und kleine Kaufleute waren beiden verschuldet. Sie verlangten eine Zinsherabsetzung für Darlehen von 12 auf 8 Prozent und die Vertreibung aller Juden, die nicht mindestens 15000 Taler Vermögen besaßen. Wie so oft wollte man nicht die Juden loswerden, sondern die armen Juden. Fünfzig der ärmsten Juden jagte man tatsächlich aus der Stadt. Aber die Beschwerden über den Zins wurden als unbegründet abgewiesen. Zwei Jahre später stürmten und plünderten Handwerker unter Führung des Zunftmeisters Vincenz Fettmilch mit Hilfe von Stadtgesindel das Ghetto. Die Juden wurden nach fünfstündiger Gegenwehr, bei der zwei Juden und ein Angreifer ums Leben kamen, auf dem Friedhof zusammengetrieben. Dreizehn Stunden lang plünderte der Mob daraufhin weiter, bis endlich der Bürgermeister mit Geharnischten einschritt. Unter ihrem Schutz konnten rund 1400 Juden die Stadt verlassen.

Diesmal griff der Kaiser streng durch. Er verhängte über Fettmilch die Reichsacht, ließ ihn mit vier anderen Anführern festnehmen und köpfen. Unter Pfeifenklang und Trommelwirbel wurden die Juden wieder in ihre Gasse zurückgeleitet, diesmal mit einem ausdrücklichen Schutzbrief aus der Hand des Kaisers, der sein Wappen an einem der Ghettotore anbringen ließ.

Gegenwehr und Anwendung der Staatsgesetze auch auf Juden hatten den Fettmilch-Aufstand zu einem Wendepunkt in der Geschichte der Juden in Deutschland gemacht. Statt einer Pogromwelle wie bei früheren Anlässen kam es zu einer Beruhigung. Einen Wendepunkt bedeutete auch die Darstellung der Fettmilchereignisse in den Medien der öffentlichen Meinung, den illustrierten Flugblättern. Es war wohl das erste Mal, daß Juden darin nicht verächtlich dargestellt wurden.

Unter den Kindern, die den traumatischen Fettmilch-Aufstand erlebt hatten, befand sich auch Süßkind Stern (1610-1687). Er wurde einer der reichsten Frankfurter Juden: Geldwechsler, Perlenhändler, freiwilliger Aufseher der jüdischen Gemeindebäckerei mit ihren fünf Öfen, Bankier, Pächter der Salzbergwerke bei Bad Orb, aktives Mitglied einer der beiden freiwilligen Beerdigungsbruderschaften, Philanthrop. Zudem war er Vater eines Gelehrten, was sein eigenes Ansehen in der Gemeinde noch erhöhte.

Die meisten Nachkommen von Süßkind Stern, dar
unter die Pariser Rothschilds, blieben Juden. Unter den getauften Nachkommen befinden sich die portugiesischen Barone von Stern, in England die Lords Wandworth und Michelham sowie Gräfin Rosse, die Mutter von Lord Snowdon, der Prinzessin Margaret heiratete, die Schwester Königin Elisabeths II. von England.

Rabbiner der Gemeinde bis zum Fettmilch-Aufstand war Jesaja Horovitz (um 1555- um 1625). Sein Hauptwerk »Sch`ne Luchot ha-Brit« (Die zwei Bundestafeln) ist ein Kompendium der jüdischen Religionslehre und ihrer Gebote. Es trug in hohem Maß zur Verbreitung der jüdischen Mystik im deutschen und im polnisch-russischen Judentum bei.

(aus: Nachum Tim Gidal: Die Juden in Deutschland. Von der Römerzeit bis zur Weimarer Republik. Köln 1997, S. 90-91.)
 


 

In der Judengasse von Frankfurt am Main

Das Ghetto in Frankfurt am Main war im Jahr 1462 gegen den Protest der Juden errichtet worden, und zwar am Wollgraben vor der alten staufischen Mauer, in einem wenig bewohnten Teil der Neustadt (siehe auch Seite 90).

In der Stadt durften nach einer Verordnung des Magistrats nicht mehr als zwei Juden nebeneinander gehen, spazierengehen war ihnen verboten. Noch 1764 machten die Juden Frankfurts eine Eingabe, »spazieren zu dürfen... überall [ist] den Juden der Zutritt in die Spaziergänge erstattet, nur uns soll der Gang um die Tore verboten sein...« Das Bauamt antwortete, diese Petition sei ein neuer Beweis »von dem grenzenlosen Hochmut dieses Volkes, das alle Mühe anwende, um sich bei jeder Gelegenheit den christlichen Einwohnern gleichzusetzen«.

Erst nach dem Einzug der französischen Armee wurde den Juden das Spazierengehen außerhalb der Judengasse erlaubt. Die Juden in dieser Gasse handelten mit Tuch, Leinwand, Pelzen, Knöpfen, Fischbein, Gold, Silber, Juwelen, Zinn, Kupfer, mit Branntwein, Tabak, Käse, Bier, Büchern, Münzen und Antiquitäten. Einige von ihnen waren maßgebend in Wechselgeschäften. Eine Anzahl von ihnen wurde wohlhabend, einige wenige wurden sehr reich.

Berühmte Bewohner der Gasse waren Mayer Amschel Rothschild (1744-1812), der Kurfürstlich Hessischer Hoffaktor wurde, und der Schriftsteller Löb Baruch (1789-1837), der sich nach seiner Taufe Ludwig Börne nannte.

Um 1750 war die Zahl der Wohnhäuser auf etwa dreihundertfünfzig Gebäude gestiegen. Dennoch lehnte der Rat der Stadt die Überwölbung offener Abwasserkanäle ab, denn das Wasser »mache beim Löschen von Bränden den besten Effekt«.

Erst 1811, nach der Bildung des Großherzogtums Frankfurt, wagte es der liberale Fürstprimas Karl von Dalberg gegen den Protest des Stadtrats, den Frankfurter Juden, allerdings gegen Zahlung von 440000 Gulden, das Bürgerrecht zu verleihen. Als nach der Völ
kerschlacht von Leipzig 1813 das Großherzogtum Frankfurt - eine Napoleonische Schöpfung - zusammenbrach, entzog der Magistrat den Juden das Bürgerrecht wieder. Das Geld behielt er.

Es gab kaum eine Stadt in Deutschland, in der sich durch Jahrhunderte hindurch das religiöse Judentum so lebendig entwickelte wie gerade in Frankfurt am Main.

Wie aber die Judengasse und ihre Bewohner auf den christlichen Besucher wirkten, davon berichtet Goethe in »Dichtung und Wahrheit«:-

»Die Enge, der Schmutz, das Gewimmel, der Akzent einer unerfreulichen Sprache, alles zusammen machte den unangenehmsten Eindruck, wenn man auch nur am Tore vorbeigehend hineinsah... Dabei schwebten die alten Märchen von Grausamkeit der Juden gegen die Christenkinder, die wir in Gottfrieds Chronik gräßlich abgebildet gesehen, düster vor dem jungen Gemüt. Und ob man gleich in der neuen Zeit besser von ihnen dachte, so zeugte doch das große Spott- und Schandgemälde, welches unter dem Brückenturm an einer Bogen-Wand, zu ihrem Unglimpf, noch ziemlich zu sehen war, außerordentlich gegen sie: denn es war nicht etwa durch einen Privatmutwillen, sondern aus öffentlicher Anstalt verfertigt worden.

Indessen blieben sie doch das auserwählte Volk Gottes... Außerdem waren sie ja auch Menschen, tätig, gefällig, und selbst dem Eigensinn, womit sie an ihren Gebräuchen hingen, konnte man seine Achtung nicht versagen. Überdies waren die Mädchen hübsch... Ich ließ nicht ab, bis ich ihre Schule öfters besucht, einer Beschneidung, einer Hochzeit beigewohnt und von dem Lauberhüttenfest mir ein Bild gemacht hatte. Überall war ich wohl aufgenommen, gut bewirtet und zur Wiederkehr eingeladen.«


(aus: Nachum Tim Gidal: Die Juden in Deutschland. Von der Römerzeit bis zur Weimarer Republik. Köln 1997, S. 158-161.)
 


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