Baustein

Ghettos
Vorstufen der Vernichtung

1939-1944
Menschen in Grenzsituationen

Texte und Unterrichtsvorschläge

Hrsg: LpB, 2000




 
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Begriff

Ghetto

Erklärung des Wortes - Herkunft und Bezeichnung

Ghetto (Getto) [Italien: Herkunft umstritten, vielleicht von hebr. ghet = Absonderung, vielleicht von Italien.
Getto = Gießerei (nach der Annahme, dass sich das Judenviertel von Venedig am Anfang des 16. Jh.s in unmittelbarer Nachbarschaft einer Kanonengießerei befand), vielleicht von Italien. ghetto = Gasse, ärmlicher Wohnbezirk], Bezeichnung für in sich geschlossene jüdische Wohnviertel, zuerst für Venedig belegt (1531), wo 1516 ein Ghetto gegründet worden war.

Als Minderheit zogen es Juden schon in der Antike (Rom, Alexandria) und im frühen MA vor, in Straßen oder in Stadtvierteln zusammenzuleben. Etwa seit dem Jahre 1000 wurden von christl. Seite Bestimmungen eingeführt, die das Zusammenwohnen von Christen und Juden verboten (Synoden von Narbonne [1050]. Breslau [1267],
Valencia [1338], v.a. 3. Laterankonzil [1179]). Es entstanden nun Judenquartiere oder -gassen, die von allen Seiten mit Mauern umgeben und nachts durch Tore geschlossen wurden. Ghettos waren v.a. in Italien, Spanien, Portugal, Deutschland und Österreich anzutreffen. In der Zeit der Gegenreformation verstärkten sich die Tendenzen zur Segregation; so wurden etwa 1555 alle Juden Roms in ein streng gesondertes Quartier gebracht, das als letztes Ghetto erst 1870 geöffnet wurde.

Mit dem Aufkommen der Emanzipation und der Erlangung der Bürgerrechte entfiel in Europa für die Juden der Zwang, in Ghettos zu leben. Der „Ausbruch" aus dem jüd. Ghetto oder das „Verlassen" des Ghettos im 19. Jh. ist, geistesgeschichtliche gesehen, die Aufgabe auf gezwungener oder auch selbstgewählter Isolierung und das Streben nach politische Freiheit und Gleichheit sowie die Hinwendung und Teilnahme am allgemeinen Kulturleben. Auch im Bereich des Islams fanden sich in vielen Städten besondere Viertel, in denen Juden oder andere Minoritäten freiwillig oder gezwungen lebten. Die Einrichtung bestand bis in die Gegenwart.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden in den besetzten Ostgebieten (v. a. in Polen) in verschiedenen Großstädten (Warschau, Lodz, Wilna, Riga) die Juden in Ghettos ("Judenviertel", "jüdische Wohnbezirke") gezwungen, wo sie, zu Hunderttausenden zusammengefasst, zur Arbeit zwangsverpflichtet und von dort in die Vernichtungslager abtransportiert wurden. Im Warschauer Ghetto lebten bis zum Aufstand im April/Mai 1943 zeitweise bis zu 500000 Juden.

Der Begriff Ghetto bezeichnet heute, v. a. in der Soziologie, generell einen Ort, in dem rassische oder religiöse Minderheiten in aufgezwungener Segregation leben müssen, wobei nicht mehr nur an konkrete Örtlichkeiten zu denken ist, sondern auch an geistige und politische Unterdrückung (z. B. ,,schwarzes Ghetto" in den USA).

aus: Meyers Enzyklopädisches Lexikon, Mannheim, 1974

Didaktische Aufbereitung:

  1. Um das Ganze zunächst neutral einzuführen „brain-storming": Die Schüler sollen aufzählen, was ihnen zum Wort „Getto" einfällt. Dies wird mit Stichworten an der Tafel festgehalten.
  2. Daraus soll bereits ein Gespräch, eine Art Diskussion, entstehen.
  3. Anschließend Information durch den Lehrer, wie es zu dem Begriff „Ghetto" kam.
  4. Darauf folgt kurz die geschichtliche Entwicklung der Ausgrenzung der Juden bis zum Nationalsozialismus.
  5. Nun können Texte aus den Gettos gelesen und erarbeitet werden. Daraus sollen die Schüler erkennen, wie sich jeweils Deutsche, Polen und Juden verhalten haben.
  6. Zur Unterstreichung und zum besseren Verständnis:

- Tonbandbericht von Überlebenden aus dem Warschauer Getto

- Film aus einem der Gettos.

 

Doris Scherer

 


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