Baustein

Ghettos
Vorstufen der Vernichtung

1939-1944
Menschen in Grenzsituationen

Texte und Unterrichtsvorschläge

Hrsg: LpB, 2000




 

Inhalt


 

Ghettolager in Osteuropa
Eine Einführung


I.

Während des Zweiten Weltkrieges wurden im gesamten von Deutschland besetzten Osteuropa jüdische Ghettos eingerichtet. Nach dem Überfall Deutschlands auf Polen im September 1939 und auf die Sowjetunion im Juni 1941 wurde die jüdische Bevölkerung unter Anwendung von Zwang abgesondert, konzentriert und in Zwangsquartieren interniert, die entweder als „Ghettos" oder als „Jüdische Wohnquartiere" bezeichnet wurden.

Mit der Eroberung Osteuropas kamen zwei Hauptmomente, die als Kernstücke der nationalsozialistischen Ideologie verstanden werden können, zum Tragen: Einerseits die Vorstellung von der Eroberung von „Lebensraum im Osten", andererseits ein virulenter Antisemitismus und Antibolschewismus, die den Hauptfeind Deutschlands im sogenannten „jüdischen Bolschewismus" zu erkennen glaubten. Daneben verweist die Tatsache, daß neben den jüdischen auch die slawischen Bevölkerungen der osteuropäischen Staaten als minderwertige Rasse abgestempelt wurden, auf den Zusammenhang zwischen rassenantisemitischen und rassistischen Vorstellungen allgemein. Auch die „slawische Rasse", der eine zahlenmäßige Dezimierung zugedacht war, wurde zum Objekt nationalsozialistischer Vernichtungspolitik. Sowohl der vom SS/SD-Komplex und der Wehrmacht als Vernichtungskrieg geführte „Krieg im Osten", als auch der vom Reichssicherheits-Hauptsamt im Mai 1942 vorgelegte „Generalplan Ost" belegen dies.

Jedoch behielt der Antisemitismus des nationalsozialistischen (Besatzungs-) Regimes Priorität, als nur er sich, allerdings sukzessive, zu einer umfassenden Vernichtungspolitik steigerte, der den „nationalsozialistischen Mord an den Juden deswegen einzigartig [machte], weil noch nie zuvor ein Staat mit der Autorität seines Führers beschlossen und angekündigt hatte, eine bestimmte Menschengruppe einschließlich der Alten, der Frauen und der Kinder und der Säuglinge möglichst restlos zu töten, und diesen Beschluß mit allen nur möglichen staatlichen Machtmitteln in die Tat umsetzte"1.

Zu Beginn der nationalsozialistischen Ghettoisierungspolitik war jedoch ein konkreter Beschluß, alle europäischen Juden zu ermorden, noch nicht gefaßt. Ein solcher kristallisierte sich erst in der zweiten Hälfte des Jahres 1941 heraus. Viel mehr besteht, was die Errichtung der ersten Ghettos angeht, ein enger Zusammenhang mit Plänen eines gigantischen Bevölkerungstransfers, beziehungsweise des Scheiterns desselben. Daneben darf die gesamte Politik der Umsiedlung und Ghettoisierung wie der späteren Ermordung und Vernichtung nicht losgelöst vom allgemeinen Kriegsverlauf gesehen werden. Es war kein Zufall, daß nach dem schnellen Sieg über Polen das erste große Ghetto, Lodz, mit über 160.000 Menschen in dem an das Deutsche Reich angegliederten Wartheland errichtet wurde. Die Abschließung des Ghettos erfolgte im April 1940, nachdem eine schnelle systematische Deportation der jüdischen Bevölkerung „nach Osten", ins Generalgouvernement beziehungsweise in den Distrikt Lublin an der sowjetischen Demarkationslinie, gescheitert war. Zu jeder Zeit aber waren die Ghettos als „Übergangszustand" gedacht, niemals als permanente Institution.

Die Lebensumstände ihrer unfreiwilligen Bewohner, die aus den besetzten osteuropäischen Ländern stammten, später aber auch aus dem Reich, Österreich, dem Protektorat und Westeuropa kamen, waren von der NS-Besatzungsmacht und den von ihr eingesetzten Ghettoverwaltungen festgelegt und reglementiert.

Ein allgemeiner Befehl zur Errichtung von jüdischen Ghettos wurde weder in den ins Reich eingegliederten Gebieten noch im Generalgouvenement oder den eroberten baltischen und sowjetischen Gebieten erlassen. Dies hatte zur Folge, das die Ghettolager sich in ihrem Entstehungszusammenhang beträchtlich unterschieden _ angefangen vom Zeitpunkt ihres Entstehens, bis hin zu den sie initiierenden NS-Stellen. Oftmals ging die Initiative von regionalen und örtlichen Trägern der Besatzungsherrschaft aus. Des weiteren variierten sie in ihren Existenzbedingungen und damit auch in den Lebensbedingungen und _umständen ihrer jüdischen Insassen. Auch die Methoden der Isolierung, Abriegelung und Bewachung der Ghettolager waren äußerst unterschiedlich, so existierten in der Anfangsphase noch „offene" Ghettos parallel zu vollständig abgeriegelten also „geschlossenen", unbewachte neben bewachten, sowie solche die von Zaun, bzw. Stacheldraht oder aber einer Mauer umgeben waren. Höchst unterschiedlich waren auch der Zeitpunkt und die Art der Auflösung bzw. „Liquidierung" der Ghettolager. Die ersten Ghettos wurden bereits im Jahr 1940 wieder aufgelöst, das Ghetto Lodz hingegen existierte bis zum Juni 1944.

II.

Nachweisbar ist die Einrichtung von Ghettolagern erstmals im von Deutschland besetzten Polen. Allein auf dem Gebiet des heutigen Polen entstanden Ghettos in nahezu 400 großen und mittleren Städten.

Beim Beginn des Zweiten Weltkrieges war Polen neben der Sowjetunion das europäische Land mit den meisten jüdischen Einwohnern. Die jüdische Bevölkerung betrug knapp 3,5 Millionen Einwohner. Von diesen kamen im September 1939 rund 2,3 Millionen unter die Herrschaft der nationalsozialistischen deutschen Besatzungsmacht. Die anderen 1,1 Millionen polnischen Juden lebten zunächst bis 1941 in den von der Sowjetunion annektierten Gebieten - in Ostgalizien, in Wolhynien, in West-Weißrußland und Polnisch-Litauen.

Vor ihrer Ghettosierung lebten die Juden in städtischen Industriezentren wie Lodz und Warschau, in Provinzhauptstädten wie Krakau, Kielce, Radom, Lwow und Lublin. Sie lebten in Hunderten von Kreisstädten, Tausenden von kleinen Ortschaften und Dörfern; eine Aufstellung nennt insgesamt über 16.000 Orte. Durch den Einmarsch und den Beginn der Ghettoisierung wurde dieser jüdische Siedlungsraum radikal umgestaltet und zerstört. Ghettos entstanden sowohl in dem ins Reichsgebiet eingegliederten Westpolen, wie dem Reichsgau Wartheland, als auch dem Generalgouvernement, das in vier Distrikten aufgeteilte Zentralpolen.

Am 21. September 1939 richtete Reinhard Heydrich, der Chef der Gestapo und der Sicherheitspolizei, Anweisungen an die Führer der Einsatzgruppen im besetzten Polen:

„Die geplanten Maßnahmen erfordern gründlichste Vorbereitung sowohl in technischer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht.[...] Als erste Vorausnahme für das Endziel gilt zunächst die Konzentrierung der Juden vom Lande in die größeren Städte. Sie ist mit Beschleunigung durchzuführen. [...] Dabei ist zu beachten, daß nur solche Städte als Konzentrierungspunkte bestimmt werden, die entweder Eisenbahnknotenpunkte sind oder zum mindesten an Eisenbahnstrecken liegen. [...] In jeder jüdischen Gemeinde ist ein jüdischer Ältestenrat aufzustellen, der, soweit möglich, aus den zurückgebliebenen maßgebenden Persönlichkeiten und Rabbinern zu bilden ist. [...] Er ist im Sinne des Wortes vollverantwortlich zu machen für die exakte und termingemäße Durchführung aller ergangenen oder noch ergehenden Weisungen. [...] Die Judenräte haben eine behelfsmäßige Zählung der Juden - möglichst gegliedert nach Geschlecht [...] und nach den hauptsächlichsten Berufsschichten - in ihren örtlichen Bereichen vorzunehmen und das Ergebnis in kürzester Frist zu melden. [...] Die Konzentrierung der Juden in Städten wird wahrscheinlich aus allgemein sicherheitspolizeilichen Gründen Anordnungen in diesen Städten bedingen, daß den Juden bestimmte Stadtviertel überhaupt verboten werden, daß sie - stets jedoch unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen Notwendigkeiten - z. B. das Ghetto nicht verlassen, zu einer bestimmten Abendstunde nicht mehr ausgehen dürfen, usw."

Ambivalent ist bis heute die Bewertung der „Judenräte" geblieben, die im zweiten Teil von Heydrichs Anweisung Erwähnung finden. Ihre Einrichtung wurde durch eine Generalgouvernements-Verordnung vom 28. November 1939 verbindlich angeordnet. Alle jüdischen Gemeinden bis zu 10.000 Mitgliedern hatten einen 12köpfigen, alle Gemeinden mit mehr als 10.000 Mitgliedern einen 24köpfigen Judenrat zu benennen. Das Urteil der Zeitgenossen wie der Nachwelt schwankt in der Einschätzung ihres Handelns und ihrer Möglichkeiten zwischen „Kollaboration und Widerstand". Als direkte Befehlsempfänger der deutschen Ghettoverwaltung lag an ihnen „die Weitergabe deutscher Weisungen und Anordnungen [...], der Einsatz jüdischer Polizeikräfte zur Durchsetzung deutscher Befehle, die Auslieferung jüdischer Vermögenswerte, jüdischer Arbeitskräfte und jüdischer Menschenleben an den deutschen Feind. In Ausübung ihrer traditionellen Funktion unternahmen die Judenräte bis zuletzt verzweifelte Versuche, das Leiden zu verringern und dem Massensterben in den Ghettos Einhalt zu gebieten. [...] So war es der jüdischen Führung beschieden, ihre Gemeinde zugleich zu retten und zu vernichten _ sie rettete die einen Juden und vernichtete die anderen; sie verschaffte den Juden für den Augenblick Rettung, um sie im nächsten Augenblick der Vernichtung anheimzugeben. Einige Führer weigerten sich, auf diese Weise Macht auszuüben, andere ließen sich von dieser Macht verführen."2

Im Oktober 1939 begann die Zwangsumsiedlung der jüdischen Bevölkerung Polens in die Ghettolager. Dem gingen überall die Kennzeichnung der Menschen, die Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit, der Entzug aller ökonomischen Grundlagen und die Erfassung zur Zwangsarbeit voraus. Insgesamt 399 solcher Stadtviertel, die ab Oktober 1939 bis Oktober 1942 in Polen (heutige Grenzen) zu Ghettos erklärt wurden, können nachgewiesen werden. Für 316 Orte ist der Beginn der Ghettoisierung bekannt. Von Oktober bis Dezember 1939 waren in sechs, von Januar bis Dezember 1940 in 85, im Laufe des Jahres 1941 in 132 und Januar bis November 1942 in 93 „Konzentrationsorten" bestimmte Stadtviertel zu Ghettos erklärt worden. 12 der im November 1942 gebildeten Ghettolager waren sogenannte Rest-Ghettos, die geschaffen wurden, nachdem bereits die Mehrzahl der jüdischen Bevölkerung ermordet war. In diesen Rest-Ghettos wurden junge als „arbeitsfähig" selektierte Frauen und Männer konzentriert.

Das erste jüdische Ghetto in Piotrków Trybunalski datiert vom Oktober 1939. Das Ghetto von Lodz, Polens zweitgrößter Stadt, wurde am 30. April 1940 abgeriegelt. Das Ghetto von Warschau, das größte im besetzten Europa, wurde im November 1940 eingezäunt. Darin lebten im März 1941 445.000 Menschen, beinahe genau so viele wie zum Zeitpunkt der nationalsozialistischen Machtübernahme _ 1933 _ im gesamten Deutschen Reich. In Lublin und Krakau wurden die Ghettos im März 1941 eingerichtet. Im April folgten Radom, Kielce und Tschenstochau als weitere der großen Städte im Generalgouvernement. Ende 1941 war rund 60 Prozent der jüdischen Bevölkerung Polens in 223 Ghettos zwangsweise isoliert. Sie durften sie einzig zum Zweck der Zwangsarbeit verlassen. Das letzte große Ghetto im Generalgouvernement in Lemberg wurde erst im August 1942 errichtet. Ein Ziel der nationalsozialistischen Machthaber war es, die Häftlinge der kleineren Ghettolager in größere, zentraler gelegene Ghettolager zu deportieren. Von hier aus ging der Weg dann weiter in die Zwangsarbeitslager oder in die Vernichtungslager. Aus insgesamt 166 Ghettolagern wurden die Ghettohäftlinge in andere Ghettos verschleppt.

„Die Frauen, Männer und Kinder, die bei den Selektionen in den Ghettolagern als „nichtarbeitsfähig" klassifiziert worden waren, wurden ab Herbst 1941 in die extra für diesen Zweck erbauten Vernichtungslager verschleppt und dort umgebracht. Die Massentötungen in der „Gaswagenstation" Chelmno begannen am 8. Dezember 1941. Die „unproduktiven" Bewohner von 38 Ghettolagern aus dem Wartheland wurden in das Todeslager Chelmno deportiert. Ab dem 16. März 1942 begannen unter dem Decknamen „Aktion Reinhard" die Deportationen nach Belzec. Insgesamt konnten Deportationen aus 66 polnischen Ghettolagern nach Belzec festgestellt werden. Seit Anfang Mai 1942 wurden die Bewohner von 23 Ghettolagern in das Todeslager Sobibor, und seit August 1942 wurden die Insassen von 119 polnischen Ghettolagern in das Todeslager Treblinka deportiert und dort ermordet. Bereits ab dem 1. Juni 1942 wurden Frauen, Männer und Kinder aus Ghettos in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau ermordet. Insgesamt konnten Deportationen aus 33 Ghettolagern in das Todes- und Konzentrationslager Auschwitz festgestellt werden. Die nationalsozialistischen Ghettolager in Polen hatten eine maximale »Lebensdauer« von 15 Monaten. Von 392 der insgesamt 399 Ghettolager in Polen ist das Liquidierungsdatum bekannt."3

Mit dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 und der Eroberung ihrer westlichen Teile gerieten über 5 Millionen weitere Juden unter deutsche Herrschaft. Dazu zählten die ungefähr 2 Millionen Juden in den 1939 und 1940 von der UdSSR annektierten ostpolnischen Gebieten, den baltischen Staaten sowie Bessarabien und der nördlichen Bukowina. Das Hauptsiedlungsgebiet der über 3 Millionen sowjetischen Juden, als „jüdische Ansiedlungsrayons" bezeichnet, waren die Weißrussische, die Ukrainische und die Russische Sowjetrepublik.

Während das ostpolnische Galizien als fünfter Distrikt dem Generalgouvernement und der Bezirk Bialystok an Ostpreußen angegliedert wurden, faßte man die baltischen Länder, Estland, Lettland und Litauen, sowie Weißrußland, zum „Reichskommissariat Ostland" zusammen; die Ukraine wurde ebenfalls zum „Reichskommissariat" erklärt.

Nach der deutschen Invasion der Sowjetunion wurden Ghettos in den besetzten sowjetischen Gebieten eingerichtet. Ende August 1941 befahl die Militärverwaltung in der Ukraine die Errichtung von Ghettos in Orten mit einem relativ hohen jüdischen Bevölkerungsanteil, vor allem in den Großstädten. In den sowjetischen Gebieten gingen der Errichtung von Ghettos Massaker der Einsatzgruppen und anderer mobiler Einheiten voraus. Das größte Ghetto auf sowjetischem Gebiet bestand in Minsk, der Hauptstadt von Weißrußland, in dem rund 100.000 Menschen lebten.

In Ost-Galizien wurden 31 Orte zu nationalsozialistischen Ghettos erklärt, in Litauen mehr als 30 Orte. Am Beispiel des größten litauischen Ghettos, Kaunas, läßt sich die NS-Ghettoisierungspolitik nach dem Überfall auf die Sowjetunion, die sich von der in Polen grundlegend unterschied, nachvollziehen. Die erste Phase zwischen Juni und August 1941 war gekennzeichnet durch Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung und endete mit der Errichtung eines Ghettos. Die zweite Phase von September bis Oktober brachte die Ermordung von ungefähr einem Drittel der ghettoisierten Juden. Zwangsarbeit, zu der die 17.000 überlebenden Juden herangezogen wurden, charakterisierte eine dritte Phase zwischen November 1941 und Herbst 1943. Durch den aus deutscher Sicht langandauernden Krieg entstand eine widersprüchliche Spannung zwischen „Vernichtung" und „Arbeit". Nachdem zuerst jüdische Männer und Kommunisten Opfer der Massenerschießungen wurden, weiteten sich diese auch auf Frauen und Kinder aus. Der unerwartete Kriegsverlauf und das Massensterben der sowjetischen Kriegsgefagenen in den Lagern der Wehrmacht verhinderte zunächst die Durchführung einer umfassenden deutschen Vernichtungspolitik. „Arbeitsfähigkeit" in einer relativ weiten Auslegung, wurde zum entscheidenden Selektionskriterium. Ab Herbst 1941 gingen die beiden wesentlichen Funktionen des Ghettos, zum einen als Konzentrierungsmaßnahme im Prozeß der „Endlösung", und zum zweiten als abgesichertes Arbeitskräftereservoir, ineinander über. Dies bedeutete jedoch nur einen vorübergehenden Zeitgewinn und Aufschub. Die vierte und letzte Phase brachte ab Herbst 1943 die Umwandlung des Ghettos in ein Konzentrationslager und im Juni 1944 die endgültige Zerstörung des ehemaligen Ghettos.

In Lettland wurden drei Orte zu nationalsozialistischen Ghettos erklärt. Das größte Ghettolager war in der ersten Augustwoche 1941 in Riga errichtet worden. Fast 30.000 jüdische Frauen, Männer und Kinder waren hier eingesperrt worden. Bis Anfang Dezember 1941 waren bereits etwa 25.000 Menschen ermordet. Das Ghetto wurde aufgeteilt: Im kleineren Teil blieben rund 5000 lettische und litauische Juden, in den leerstehenden größeren Teil wurden ab Dezember 1941 Juden „aus dem Reich" gebracht. Das Ghetto in Riga wurde am 15. März 1943 zum Konzentrations-Hauptlager mit insgesamt 28 Außenkommandos umfunktioniert. Nach dem derzeitigen Stand der Forschung war kein Ort in Estland zum Ghetto erklärt worden. Estland hatte bei Kriegsbeginn 1941 rund 4.500 jüdische Einwohner, von denen rund 2500 in die UdSSR flüchten konnten. Diejenigen, die sich bei der Ankunft der deutschen Truppen noch im Land befanden, wurden sofort festgenommen und ermordet oder in Lager eingesperrt. Am 15. September wurde in Vaivara bei Reval, der Hauptstadt von Estland, ein Konzentrations-Hauptlager mit 23 Außenkommandos eröffnet. Ca. 20.000 Gefangene, zumeist Frauen und Männer aus den Ghettolagern in Vilna und Kaunas, wurden in diese Lager verschleppt. Wie viele Orte in den besetzten und annektierten Gebieten in Weißrußland und der Ukraine zu nationalsozialistischen Ghettos erklärt wurden, ist bis heute nicht bekannt.

Mehrere der nationalsozialistischen Ghettos wurden, nachdem die einheimische jüdische Bevölkerung bis auf wenige als „arbeitsfähig" selektierte Frauen und Männer umgebracht worden war, zu Deportationszielen für Juden aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei. So die Ghettos in Minsk in Weiß
rußland, Riga in Lettland und Kaunas in Litauen. Im Herbst 1941 war durch die Wehrmacht ein Stadtteil von Minsk zum nationalsozialistischen Ghetto erklärt worden. Die einheimische jüdische Bevölkerung, die die Massenerschießungen im Gefolge der deutschen Eroberung überlebt hatte, wurde gezwungen, in das Ghetto einzuziehen. Bereits kurze Zeit später, am 6. und am 20. November 1941, wurden 19.000 Frauen, Männer und Kinder aus dem Ghetto getrieben und ermordet. Das Ghetto wurde für die Transporte aus dem „Westen", die genau zu diesem Zeitpunkt in Minsk eintrafen, „frei gemacht". Zwischen November 1941 und Oktober 1942 gelangten mehr als 35.000 Juden aus Deutschland und dem Protektorat Böhmen und Mähren in das Ghetto von Minsk. Die Massenermordung der restlichen „nichtarbeitsfähigen" einheimischen jüdischen Bevölkerung begann Ende Juli 1942 durch die in Weißrußland „operierende" Einsatzgruppe B. Durch den Einsatz von Gaswagen und Deportationen in das Vernichtungslager Sobibor wurden alle Ghettobewohner bis auf 6.000 russische und 300 bis 400 deutsche Juden ermordet. Das Ghetto wurde im Oktober 1943 aufgelöst.

III.

Unzweifelhaft gehörten die Politik der Ghettoisierung in Osteuropa und die Deportationen west- und mitteleuropäischer Juden in die entstandenen Ghettos, zum historischen Gesamtkomplex der „Endlösung der Judenfrage" und der Ermordung der europäischen Juden.

Trotz der Analogie des Vorgehens in den Gebieten Polens und der Sowjetunion bestehen, und das hat die Historiographie deutlich herausgearbeitet, beträchtliche Unterschiede zwischen dem Vorgehen der NS-Stellen ab September 1939 einerseits und dem in den ab 1941 eroberten Gebieten andererseits. Es gibt keinen Nachweis, daß die Ghettos mit dem Ziel und der Intention der physischen Vernichtung der Juden errichtet wurden. Mit anderen Worten: vor oder zum Zeitpunkt der Errichtung der ersten Ghettos 1939/40, war weder von Hitler noch von anderen NS-Stellen ein Entschluß gefaßt worden, eine „Endlösung der Judenfrage" im Sinne der Vernichtung der europäischen Juden, in die Tat umzusetzen. Hingegen war in den besetzten Gebieten der Sowjetunion die Ghettoisierung bereits unmittelbar mit dem Vollzug der „Endlösung" verknüpft. Ihr gingen Massenerschießungen durch die Einsatzgruppen der SS, der Sicherheitspolizei und des SD voraus oder mit ihr einher.

Der Charakter und die vielfältigen Funktionen, die die Ghettos besaßen, und die ihren Bewohnern oder besser gesagt Insassen, da sie doch Gefängnissen ähnelten, nicht immer erkennbar waren, sollen im folgenden noch einmal systematisch aufgeschlüsselt werden:

  • Die Ghettos dienten der gewaltsamen Isolierung und Konzentrierung der Juden und damit der Kontrolle über sie.
     
  • Die Ghettos waren Zwischenstationen für gewaltige Bevölkerungstransfers und schließlich Zwischenstationen für Millionen von Menschen auf dem Weg zu den Erschießungsgruben oder in die Vernichtungslager zuerst von Chelmno, dann der sogenannten „Aktion Reinhard" (Belzec, Sobibor, Treblinka), später auch Majdanek und Auschwitz-Birkenau, letzteres Symbol für die industrialisierte Vernichtung von Menschen überhaupt.
     
  • Die Ghettos waren Orte der Demütigung und der ökonomischen Ausplünderung. Der Akt der totalen Beraubung kann als Bestandteil der Ghettobildung verstanden werden. Neben die Beschlagnahmung von Vermögenswerten traten Zwangsverpflichtungen von jüdischen Arbeitskräften für Arbeit innerhalb und außerhalb der Ghettos. Die Tatsache, daß die Ghettolager als Arbeitskräftereservoir dienten, nährte zusammen mit der aus Tarnungs- und Effizienzgründen eingerichteten jüdischen Selbstverwaltung (Judenrat und Ghettopolizei) die Illusion einer zweckrationalen, an wirtschaftlicher Produktivität ausgerichteten Judenpolitik.
     
  • Die Ghettos waren in retrospektiver Betrachtung bereits Teil der Ermordung der europäischen Juden, als ein nicht geringer Prozentsatz der ghettoisierten jüdischen Bevölkerung in den Ghettos den Tod fand; in den osteuropäischen Ghettolagern befanden sich neben polnischen, baltischen und sowjetischen Juden auch solche aus dem Deutschen Reich, Österreich, dem „Protektorat" und Westeuropa. Nach neuesten Schätzungen kamen 750.000 Menschen ums Leben. Die Gründe waren in erster Linie die von den deutschen Ghettoverwaltungen geschaffenen erbärmlichen Lebensumstände, Hunger, Seuchen und unmenschliche Arbeitsbedingungen. Daneben verloren viele Juden ihr Leben im Verlauf von Aufständen, wie zum Beispiel dem Warschauer Ghettoaufstand im April 1943, die von den Deutschen militärisch niedergeschlagen wurden. Die Auflösung der betreffenden Ghettos erfolgte oftmals durch Massenerschießungen.

    „Die Ghettos bildeten eine Etappe in der Geschichte des Holocaust, sie waren bei allem Leid und Elend, bei allen Tragödien, die sich dort abspielten, noch nicht die Hauptschauplätze des Völkermords. Sie waren in den Jahren 1940 bis 1943 Wartesäle der Vernichtung, Vorhöfe der Hölle, Zwischenstationen für die Lager, in die die Menschen zum Zwecke ihrer Ermordung deportiert wurden."4

    Thomas Stöckle


    1 Eberhard Jäckel: Die elende Praxis der Untersteller. München 1987, S. 118.

    2 Raul Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden. Frankfurt/M. 1990, S. 228.

    3 Gudrun Schwarz: Die nationalsozialistischen Lager. Frankfurt/M. 1996, S. 134f.

    4 Wolfgang Benz: Holocaust. München 1997, S. 49.


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