Einleitung



Bundespräsident Roman Herzog beklagte in seiner Rede vom 26. April 1997 Aufbruch ins 21. Jahrhundert" eine Stimmung der Mutlosigkeit und der Lähmung in Deutschland, in der besonders Krisenszenarien gepflegt würden, obwohl Deutschland vor großen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen stehe. Die Menschen spüren den Druck: Finanznot und Einsparungen der öffentlichen Haushalte, Einschnitte im sozialen System, Ungewißheit über die Zukunft unseres Rentensystems, Einkommensrückgang bei einem Teil der Bevölkerung, verschärfte wirtschaftliche Konkurrenz gerade auch mit dem Ausland, Verlagerung von Standorten in andere Länder, steigende Arbeitslosigkeit - die Liste ließe sich fortsetzen.

Wo liegen die Ursachen, wie können Lösungen aussehen? Deutlich scheint sich die Einsicht herauszubilden, daß die Probleme, vor denen wir stehen, tiefgreifender sind als das allzu bekannte Auf und Ab von Konjunkturzyklen. Seit Ende der 80er Jahre hat die Dynamik, vor allem der wirtschaftlichen und (kommunikations-)technologischen Entwicklung, die verschiedensten Bereiche des Staates, der Gesellschaft, der Arbeitswelt, der Ökologie erfaßt und verlangt danach, dringend erforderliche Wandlungs- bzw. Anpassungsprozesse zu vollziehen.

Der Terminus Globalisierung" hat in diesem Zusammenhang eine besondere Karriere erlebt und ist zu einem der häufigsten und zugleich schillerndsten Begriffe aufgestiegen, dessen Konturen sich aber nur schwer umschreiben lassen und je nach eigenem Standort anders definiert sind. Darüber, daß wir in einer Welt leben, die immer stärkere globale Bezüge in Wirtschaft, Politik und Kultur aufweist, ist wohl schnell Übereinstimmung zu erzielen, nicht aber darüber, was unter Globalisierung genau zu verstehen ist, und welches die Folgen dieses Prozesses sind.

Das Überwinden" von Zeit und Raum durch moderne Kommunikationsmittel scheint den Sprung in eine ganz neue Epoche zu bedeuten. Es erschüttert aber zugleich die Vorstellung, in abgegrenzten nationalstaatlichen Räumen zu leben. In Großbritannien und den Vereinigten Staaten hat die Debatte über diesen Prozeß der Globalisierung als Denationalisierung schon 10 Jahre früher begonnen. Verspätet wird sie nun auch in Deutschland geführt und trifft auf eine Situation, in der das Land nach der Vereinigung gerade um ein neues nationales Selbstverständnis ringt.

Michael Zürn weist in seinem Beitrag darauf hin, daß die Globalisierung hierzulande vor allem als Leidensgeschichte inszeniert wird. Im Vordergrund steht die Angst vor einer als bedrohlich empfundenen Verschiebung der Macht

verhältnisse zugunsten einer grenzenlosen Wirtschaft, bei der soziale und ökologische Interessen auf der Strecke bleiben. Damit wird die Botschaft transportiert, daß im Zuge verschärfter Konkurrenz von Unternehmen und Standorten vertraute Formen von Sozialstaatlichkeit sowie von Lohn-, Arbeits- und Umweltstandards nicht länger aufrechterhalten werden können. Ist die Globalisierung aber wirklich nur als Bedrohung wahrzunehmen, oder greift diese Sichtweise zu kurz?

Die Diskussion hat die neuen Handlungsmöglichkeiten, die diese Entwicklung eröffnet, weitgehend ausgeblendet. Wir haben daher in diesem Forum ausdrücklich bei allen Analysen und Vergleichen gefragt, ob Globalisierung nicht auch als Chance in den angesprochenen Politikfeldern - Wirtschaftsstandort, Zukunft der Arbeit, Sozialstaat, Ökologie - betrachtet werden kann. Sind Modelle in diesen Bereichen - auch in anderen Ländern - entwickelt worden, und was können wir aus deutscher Sicht daraus lernen? Wie kann das Individuum den fundamentalen Wandel wahrnehmen und verarbeiten, wie kann die Politik den Prozeß der Globalisierung gestalten?

Wie schon in den vergangenen Foren im Haus auf der Alb haben wir uns nicht nur in Vorträgen und Diskussionen mit dem Thema beschäftigt, sondern unternahmen den Versuch, uns diesem auch mit kulturellen Beiträgen zu nähern. Soweit es sich dabei um literarische Texte handelt, haben wir diese mit in die Dokumentation aufgenommen.

Gottfried Böttger Wolfgang Hesse Markus Hug