Gerhard Scherhorn

Arbeit für alle - aber wie?


Prof. Dr. Gerhard Scherhorn ist Direktor der Arbeitsgruppe Neue Wohlstandsmodelle" im Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie und Inhaber des Lehrstuhls für Konsumtheorie und Verbraucherpolitik an der Universität Hohenheim in Stuttgart.

1. Das Ende der Vollbeschäftigung

Die Zeitspanne, in der in den Industrieländern Vollbeschäftigung und Vollzeitarbeit geherrscht hat, war sehr kurz und sie ist heute vorbei. Das waren einige Jahrzehnte, aber es war keineswegs ein Normalzustand, wie wir geglaubt haben, sondern es ist eine Ausnahmezeit gewesen. Alle oder fast alle, die arbeiten wollten hatten auch eine Beschäftigung. Sie hatten Vollzeitarbeit, d. h. acht Stunden an jedem Wochentag, und das das ganze Jahr über und für ihr ganzes Leben.

Ja, das ist vorbei, und daß es vorbei ist, hat nichts mit der Globalisierung zu tun. Die Globalisierung hat einen verstärkenden Effekt, das ist gar keine Frage, aber die Entwicklung hat sehr viel früher angefangen. Es war im Jahre 1974, ich kann mich noch sehr genau erinnern, weil ich damals Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung war, als die hohen Arbeitslosenzahlen einsetzten. Damals war es eine Million, das fanden wir unheimlich viel. Seitdem habe ich darüber gearbeitet, immer wieder nach Gründen zu suchen und nach Möglichkeiten zu fragen, wie man trotzdem wieder zu Vollbeschäftigung kommen kann, zu einer Vollbeschäftigung die dann eben - in Gottes Namen - auf Vollzeitarbeit verzichtet, die dadurch zustande kommt, daß die Menschen nicht mehr so lange arbeiten, dafür aber jeder einen Arbeitsplatz hat.

Aber bevor ich darauf zu sprechen komme, möchte ich zunächst einmal eine ganz einfache Formel anbieten, um zu erklären, warum diese Entwicklung eingetreten ist. Ich will zum Schluß meines Vortrages nochmals darauf zurückkommen.

2. Technischer Fortschritt und Nachfrage

Zunächst einmal geht es ganz einfach darum, daß wir einen technischen Fortschritt haben, der die Produktionskapazitäten schneller erweitert als die Nachfrage steigt.
Die Steigerung der Produktionsmöglichkeiten

verläuft schneller als die Nachfrage zunimmt.
Das ist das kleine Einmaleins: Wenn man mit den gegebenen Arbeitskräften mehr produzieren kann als nachgefragt wird, dann sind offenbar ein paar Arbeitskräfte zuviel, die folglich entlassen werden. Dies geschieht nicht sofort, aber spätestens im nächsten Konjunkturabschwung, wenn der Kostendruck zu groß wird. Das ist der Grundzusammenhang. Die Nachfrage steigt nicht so schnell wie die Produktionskapazität, wie das was man mit den gegebenen Arbeitskräften produzieren kann. Ursache ist der technische Fortschritt, den wir uns im allgemeinen als immer bessere Maschinen vorstellen. Es ist jedoch noch etwas komplizierter; es sind nicht nur die Maschinen, sondern die gesamte industrielle Struktur, die dazu führt, daß man mehr produzieren kann. Dazu gehört auch das `just in time produzieren', daß man also die Lagerhaltung auf die Lkws verlagert und dadurch effizienter wird usw. Darauf will ich hier nicht näher eingehen. Der springende Punkt ist, der technische Fortschritt beschert uns eine Steigerung der Produktionsmöglichkeiten, die schneller ist als die Nachfrage zunimmt.

Jetzt könnte man natürlich fragen, warum kann die Nachfrage nicht schneller zunehmen? Das haben wir uns seinerzeit in den 70iger Jahren auch gefragt. Damals war es eine ganz einfache Rechnung, die auch heute noch gilt: Um wieder Vollbeschäftigung zu erreichen hätte damals die Nachfrage Jahr für Jahr um 4 bis 5 Prozent zunehmen müssen, und das ist eben nicht mehr möglich. Solche Zuwachsraten kann man ausnahmsweise erreichen, etwa nach einem Zusammenbruch wie nach dem zweiten Weltkrieg, wenn sich ein riesiger Nachholbedarf angestaut hat. Damals lag die Zuwachsrate der Nachfrage bei 9 Prozent und teilweise mehr. Diese Zuwachsrate ist im Laufe der Zeit immer weiter gesunken. Heute sind wir bei 2 Prozent und werden diesen Wert vielleicht halten, vielleicht aber noch weiter zurückfallen. Was vorher war, beschreibt einen Fall der Rekonstruktion, die in einem Land vorübergehend hohe Zuwachsraten der Nachfrage beschert.

Ein zweites Beispiel ist das der nachholenden Entwicklung Japans. Die Japaner hatten auch sehr hohe Zuwachsraten, weil sie sehr viel imitieren und sehr viel selber entwickeln konnten. Auch das hat sich geändert. Natürlich werden Schwellenländer stets -vorübergehend- hohe Zuwachsraten der Nachfrage haben. Für die jüngste Vergangenheit können hier die sogenannten kleinen Tiger in Asien als Beispiel stehen. Sie hatten hohe Zuwachsraten und fühlten sich dadurch sehr stark. Aber man ist sich in so einer Situation nicht bewußt, daß sie vorübergehend ist, daß es nicht so weitergehen kann.

Die Nachfrage, und das ist letztlich die Nachfrage der Konsumenten, von der alles abhängt, steigt nicht entsprechend stark. Was sollten wir auch mit so vielen Gütern machen? Jahr für Jahr 6 oder 7 Prozent! Wo soll das denn alles hin? Das was jetzt an Gütern und Dienstleistungen jedes Jahr zusätzlich gekauft wird, ist ja schon zuviel, wenn man etwa an die Umweltverträglichkeit denkt.

Also, mit einem Wort, die Arbeitsplätze gehen verloren, weil der technische Fortschritt zu schnell ist. Eine zweite Frage ist dann, warum kann der technische Fortschritt nicht langsamer sein? Das wäre ja naheliegend.

3. Bedeutung der Erwerbsarbeit

Aber ich möchte zunächst bei der Arbeit bleiben. Die Erwerbsarbeit bleibt noch sehr lange, wahrscheinlich immer, ein zentraler Wert für die Masse derer, die beschäftigt sind bzw. beschäftigt sein wollen. Die Erwerbsarbeit, die Berufsarbeit ist in unserer Gesellschaft der Bereich, aus dem man seine Identität und seine soziale Position bezieht. Erwerbsarbeit ist für die meisten Menschen auch eine Quelle für soziale Beziehungen, weil dies in der privaten Umwelt schwieriger geworden ist.

Wir können einfach nicht so tun, als wäre es ganz leicht möglich - manche glauben das - jetzt den Reichtum an Gütern, der ja zweifellos existiert, der zweifellos produziert wird, einfach umzuverteilen. Es ließe sich auch die Position vertreten: Was brauchen die Leute Arbeit, es genügt doch, daß sie Einkommen haben. Geben wir ihnen also ein Einkommen, dann können sie kaufen und werden schon mit ihrem Leben zufrieden sein! Das werden sie eben nicht. Sie brauchen die Bestätigung dafür, daß sie gesellschaftlich wichtig sind, und diese Bestätigung bekommt man in unserer Gesellschaft nur in der Erwerbsarbeit. Daraus ziehe ich den Schluß, daß es einfach keine Perspektive bietet, wollte man jetzt darauf hinaus zu sagen, wir müssen uns damit abfinden, daß wir immer mehr Arbeitslose haben und die müssen eben anständig alimentiert werden und das auf Dauer. Die müssen ein Bürgergeld oder ein Grundeinkommen oder so etwas bekommen, und dann ist alles in Ordnung, dann werden die Güter eben anders umverteilt, und es haben eben nicht mehr alle Menschen Arbeit. So geht es nicht. Es müssen alle Menschen, jedenfalls diejenigen, die

Ein Teil der Arbeit, die Alltagsarbeit, wird unterbewertet.
das wollen, und das sind fast alle, Arbeit im Berufsleben haben.

4. Eigenarbeit, Alltagsarbeit, Gemeinschaftsarbeit

Auf der anderen Seite muß man aber auch sehen, daß in der Vergangenheit ein Teil der Arbeit unterbewertet wurde, nämlich das, was man manchmal Eigenarbeit nennt, und vor allen Dingen das, was man Gemeinschaftsarbeit nennt.

Eigenarbeit, damit ist all das gemeint, was man für sich selber tut, ohne dafür bezahlt zu werden, das heißt also die Herstellung von Dingen im Do-it-yourself-Verfahren, die Nachbarschaftshilfe und vieles andere. Das geht in die Alltagsarbeit über. Allerdings gibt es bestimmte Schwierigkeiten, diese Begriffe richtig zu fassen, denn Eigenarbeit hat so einen positiven Klang; es gibt aber auch sehr viel Arbeit, die überhaupt nicht als positiv empfunden wird. Das wissen gerade die Frauen, die die Hauptlast dieser Arbeit tragen. Ich sträube mich innerlich, diese Tätigkeiten als Eigenarbeit zu bezeichnen. Wir benötigen noch ein anderes Wort und das könnte vielleicht `Alltagsarbeit' sein, manche sagen auch Reproduktionsarbeit. Aber wie dem auch sei, das ist ein Bereich von Arbeit, der unterbewertet worden ist und auch heute noch unterbewertet wird.

Daneben existiert ein weiterer Bereich, der gesellschaftlich ebenfalls sehr wichtig ist, die Gemeinschaftsarbeit. Es gibt, ob wir das nun wahrhaben wollen oder nicht, sehr viel Arbeit die gemeinschaftich getan werden muß, um Kollektivgüter zu erzeugen. Ein Kollektivgut ist z.B. die Umwelt oder der Klimaschutz. Dies sind Bereiche, in denen niemand etwas nur für sich selbst tut. Es hätte auch gar keinen Sinn, daß ich allein anfangen wollte, meine CO2-Emissionen zu reduzieren. Das ist nur dann sinnvoll, wenn ich weiß, andere tun dies auch. Dann habe ich das Bewußtsein, daß ich an einer Gemeinschaftsaufgabe teilnehme. Von dieser Art von Gemeinschaftsaufgaben gibt es im Grunde außerordentlich viele, Bürgerinitativen etwa sind ja im Grunde Anstrengungen, um irgendeine Gemeinschaftsaufgabe zu erfüllen oder um irgendein Kollektivgut zu schützen.

Diese Art von Arbeit haben wir in der Wirtschaftswissenschaft im Grunde völlig vergessen. Erst allmählich kommt es ins Bewußtsein, weil wir merken, daß die Schonung der Umwelt nicht anders zu haben ist. Natürlich kann der Staat da vieles machen, aber das Beispiel des Klimaschutzes zeigt ganz deutlich, daß staatlicher Tätigkeit Grenzen gesetzt sind, daß es vieles gibt, was wir wirklich gemeinsam erarbeiten müssen. Das nenne ich jetzt Gemeinschaftsarbeit und daneben stelle ich die Eigen- und Alltagsarbeit. Das sind zwei Bereiche, die vernachlässigt wurden, die man aber doch mit der Erwerbsarbeit zusammen sehen muß.

5. Das Ganze der Arbeit"

Die Chance, die wir heute haben, ist neu zu erkennen, daß es um das Ganze der Arbeit geht. Das ist nicht nur die Erwerbsarbeit, die gehört natürlich dazu und ist auch außerordentlich wichtig, aber es ist zugleich auch die Eigen- und Alltagsarbeit sowie auch die Gemeinschaftsarbeit. Daraus, aus diesen drei Säulen besteht das, was man das Ganze der Arbeit nennen kann. Das ist nicht ganz neu, sondern wird schon länger diskutiert; ich beteilige mich an dieser Diskussion immerhin schon seit 15 Jahren.

Ich möchte die These aufstellen, daß diese Zusammenschau des Ganzen der Arbeit es tatsächlich ermöglicht, wieder zur Vollbeschäftigung zu kommen. Und ich gehe sogar noch einen Schritt weiter. Wenn wir das Ganze der Arbeit wirklich ernst nehmen, wenn wir also den Begriff Arbeit auf dieses Ganze beziehen, dann haben wir endlich eine Möglichkeit, wirklich vom Recht auf Arbeit zu sprechen.

Einige von Ihnen werden sich sicherlich erinnen, daß es einmal einen Bundeskanzler gab, der sich traute, das Recht auf Arbeit zu proklamieren. Das war Willy Brandt, und er ist damit kläglich gescheitert, weil er tatsächlich nur an die Erwerbsarbeit dachte. Das hing natürlich mit seinem sozialdemokratischen Hintergrund zusammen. Wir wissen heute, daß es einfach nicht möglich ist, Menschen das Recht auf Berufsarbeit zu verbriefen, jedenfalls nicht auf eine andauernde, im Umfang gleichbleibende Berufsarbeit. Aber durchaus möglich, sinnvoll und wichtig wäre es, daß wir uns darüber einig werden: Es gibt für jeden Menschen ein Recht auf Arbeit im weiteren Sinne, und dieses Recht muß auch eingelöst werden.

6. Das `Drei-Drittel-Konzept'

Das kann folgendermaßen geschehen: ich beziehe ich mich hierbei auf eine Konzeption von Fritjof Bergmann, einem amerikanischen Philosophen deutscher Abstammung, der dieses Konzept in den USA mit Erfolg vertritt, auch bei Unternehmen. Er bringt den Unternehmen den Gedanken nahe: Es ist doch wirklich Verschwendung von Ressourcen, Arbeitskräfte, die eingearbeitet sind und Know-How haben, zu entlassen. Warum gebt ihr ihnen nicht lieber unbezahlten Urlaub für z.B. ein halbes Jahr mit dem Versprechen, daß sie im nächsten Jahr wieder ein halbes Jahr arbeiten können. In der Zwischenzeit suchen sie sich etwas anderes. Bergmann berichtet, daß die Menschen sich in der Zwischenzeit etwas suchen, was sie eigentlich tun wollen, was sie wirklich interessiert. Das ist häufig nicht die Berufsarbeit, jedenfalls nicht in Detroit wo Bergmann lange gearbeitet hat. In der Automobilindustrie sind die Leute nach seinen Vorträgen zu ihm gekommen und haben gesagt, wir wissen ja gar nicht was wir eigentlich wollen, das müssen wir doch überhaupt erst herausfinden. Diese Arbeit ist es jedenfalls nicht. Und dann stellte sich heraus, das, was sie eigentlich tun möchten, ist z.B. Arbeit in sozialen Zusammenhängen, Sorge für andere Menschen oder Sorge für die Umwelt. und das läßt sich schließlich ja auch organisieren. In den USA wird diese Art von Engagement vorzugsweise über Stiftungen gefördert. Das ist eine Arbeit, die man eine Zeit lang macht und die nicht mit dem vollen Gehalt entlohnt wird, wie in der Industrie. Statt dessen erhält man eine Alimentation, die immerhin zur Aufrechterhaltung des Lebensstandards ausreicht. Das wichtige daran ist aber, eine Arbeit zu erledigen, die einen wirklich interessiert und ausfüllt. Das kommt schließlich auch wieder der Erwerbsarbeit zugute, in die man wieder zurückkehrt.

So lassen sich in Kürze die Vorstellung von Fritjof Bergmann skizzieren. Er hat darauf aufbauend die Idee entwickelt, im Laufe der nächsten 10 bis 20 Jahre könnte die Tendenz dahin gehen, daß sich die Gesamtarbeitszeit aufteilt in etwa ein Drittel berufliche Erwerbsarbeit, ein Drittel Gemeinschaftsarbeit und ein Drittel Eigen- und Alltagsarbeit. Die Eigen- und Alltagsarbeit wird nicht bezahlt, sondern mit dem bestritten, was man in den beiden anderen Bereichen verdient. Es kann aber auch Fälle geben, wo jemand in diesen anderen Bereichen wenig arbeitet und dann im Bereich der Eigen- und Alltagsarbeit alimentiert werden muß; das ist ja ohne weiteres vorstellbar. Es kann also die verschiedensten Kombinationen geben, aber eine allgemeine Richtschnur wäre: jeweils ein Drittel.

Das wäre eine Vorstellung, die durchaus realistisch ist; natürlich bedeutet sie, daß wir im Einkommen zurückgehen. Denn ein Drittel Erwerbsarbeit, das hieße ja auch nur ein Drittel des Einkommens zu erhalten. Für die Gemeinschaftsarbeit würde man alimentiert, aber das wäre ja weniger als das Erwerbseinkommen. Im Vergleich zu heute muß man schon mit weniger Geld rechnen. Nun, meine Damen und Herren, das müssen wir ohnehin. Es geht kein Weg daran vorbei, daß wir den Gürtel enger schnallen müssen, daß wir von unseren derzeitigen Ansprüchen herunter müssen.

Ich erinnere nur an das Rechenbeispiel beim Klimaschutz. Die Deutschen haben heute eine Pro-Kopf-Emission von C02 in Höhe von etwa 4 bis 5 Tonnen pro Jahr und Kopf aufzuweisen. Wenn man das auf die Weltbevölkerung überträgt und sich dann fragt, wieviel C02 könnte die Welt denn emitieren, ohne daß die Umwelt Schaden nimmt, ohne daß das Klima sich verändert, dann kommt heraus, daß pro Kopf immerhin 2,3 Tonnen pro Jahr möglich sind. Das haben viele Entwicklungsländer noch nicht erreicht. Sie sind aber kräftig dabei. China hat jetzt eine C02-Emission von 2 Tonnen pro Kopf und Jahr, wird aber bald darüber hinaus sein. Der springende Punkt jedoch ist, wir Deutsche müssen jedenfalls runter von unseren 4 bis 5 Tonnen pro Kopf und Jahr. Das ist ein Beispiel für das, was wir an unseren Ansprüchen abstreichen müssen, denn weniger C02-Emission bedeutet z.B. weniger Autofahren. Das ist eine Vision die man weiter ausführen könnte, aber ich will das einfach mal so stehen lassen.

Es stellt sich die Frage, ob mit dem Arbeitsmodell `Drei-Drittel' die Probleme gelöst sind. Man kann sich sicher eine Situation vorstellen in der auf diese Weise, also durch solidarische Arbeitszeitverkürzung, wieder alle Leute Arbeit haben, aber im Durchschnitt weniger, weil die Arbeit anders verteilt wird.

Wir haben jetzt 10 % Arbeitslose, da braucht ja im Durchschnitt jeder nur auf 10 % seiner Arbeit zu verzichten. Das wäre ja kein Rückgang auf ein Drittel. Aber mit der Zeit könnte es wohl zu einem Rückgang auf ein Drittel kommen, weil der technische Fortschritt ja weiter geht. Schon heute gibt es Stimmen im Unternehmerlager, die verkünden, daß in absehbarer Zeit etwa 20 % der Arbeitskräfte weltweit ausreichen würden, um die benötigten Güter zu produzieren. Da hört es ja dann irgendwo auf. Wenn wir dieser Vorstellung folgen, kann überhaupt kein Modell funktionieren, auch nicht das, was ich Ihnen jetzt vorgestellt habe.

Es muß ein Minimum an Erwerbsarbeit übrig bleiben, damit der Rest überhaupt finanziert werden kann, und das bedeutet, daß wir Arbeit für alle auch nach diesem Modell nur dauerhaft bekommen können, wenn die Steigerung der Arbeitsproduktivität nicht beliebig wächst.

7. Risiken des technischen Fortschritts

Die Arbeitsproduktivität, das heißt das, was mit einer Arbeitskraft im Durchschnitt an Gütern produziert werden kann, steigt durch die immer bessere Ausstattung mit Maschinen usw., also mit technischer Infrastruktur. Die Richtung und das Tempo des technischen Fortschritts - und das steht für Ökonomen ganz außer Zweifel - werden gelenkt vom Produktionsfaktor Kapital. Wir unterscheiden heute zwischen drei Produktionsfaktoren: Kapital, Arbeit und Natur. Unter Natur faßt man Bodenschätze und En
Wir müssen damit aufhören, die beiden Produktionsfaktoren Natur und Arbeit dem Kapital unterzuordnen.
ergie, aber natürlich auch den Platz für die Straßen sowie auch Luft und Wasser. Der technische Fortschritt also ist kapitalgelenkt. Er ist deshalb kapitalgelenkt, weil die Unternehmensverfassung in der Marktwirtschaft vorsieht, daß die Kapitaleigner die zentralen Entscheidungen fällen; die Investitionsentscheidungen und das was investiert wird. Was damit geschaffen wird, geht in das Eigentum der Kapitaleigner über, egal ob das persönliche Eigentümer sind oder Aktionäre.

Die Natur ist relativ billig, denn man muß für die Inanspruchnahme von Rohstoffen, Luft, Wasser usw. nichts bezahlen, man zahlt zwar für die Gewinnung von Rohstoffen, aber nicht für die Inanspruchnahme, für die Verminderung der Vorräte. Und das hat dazu geführt, daß die Preisrelationen zwischen Kapital und Arbeit verzerrt sind. Arbeit kostet zu viel im Verhältnis zum Kapital. Denn Kapital wird subventioniert dadurch, daß es für die Inanspruchnahme von Natur nichts zahlen muß. Das ist vereinfacht, aber keineswegs falsch. Daher besteht ein ständiger Anreiz für die Unternehmen, letztlich also für die Kapitaleigner, durch Inanspruchnahme von billiger Natur Investitionen zu tätigen, um teure Arbeit zu ersetzen.

Da liegt der Grund dafür, daß der technische Fortschritt schneller ist als die Nachfrage. Theoretisch könnte man sich doch schön ausmalen, daß man den technischen Fortschritt schön langsam hält, so daß er die Nachfrage nicht überflügelt, und dann hätten wir eine dauerhafte Vollbeschäftigung. Aber die Anreize für die Kapitaleigner sind eben so, daß sie das überspringen müssen. Es ist betriebswirtschaftlich günstiger, Arbeit durch Natur zu ersezten, und die Tendenz, das schneller zu tun, nimmt immer stärker zu, je mehr das Kapitalvermögen wächst: es wächst überproportional. Das Sozialprodukt wächst etwa linear. Wir haben aber heute eine Situation, in der die Arbeitseinkommen darunter liegen und fast nicht mehr wachsen, zum Teil sogar absinken. Und die Geldvermögen, d. h., das was aus den Kapitaleinkommen entsteht, gehen in einer exponentiellen Kurve ganz rasant nach oben.

Diese Situation bewirkt, daß vom Produktionsergebnis für Arbeit immer weniger übrig bleibt, weil Kapital so viel beansprucht und beanspruchen kann, weil die Geldvermögen immer stärker wachsen. Weil das Kapital steigende Ansprüche hat, muß der technische Fortschritt in Gang gehalten werden, damit diese Ansprüche auch finanziert werden, damit also genügend hereinkommt. Das führt schließlich dazu, daß wir Vollbeschäftigung auch nach einem Modell mit solidarischer Arbeitszeitverkürzung und Einbeziehung der Nichterwerbsarbeit nur bekommen können, wenn das Tempo und die Richtungt des technischen Fortschritts sich verändern.

Wir müssen damit aufhören, daß die beiden Produktionsfaktoren Natur und Arbeit dem Kapital untergeordnet werden. Es muß die Subventionierung des Kapitals aufhören, das heißt, Natur darf nicht mehr so billig sein, und Arbeit darf im Gegenzug nicht so teuer sein. Das läuft auf die ökologische Steuerreform hinaus, die bewirken soll, daß Rohstoffe und Energie teurer werden und Arbeit billiger wird. Man muß genauer sein: zunächst einmal müßten wir überhaupt die staatliche Subventionierung der Verschwendung von Energie und anderen naturgegebenen Gütern unterbinden. Allein an Mineralölsteuer verzichtet der Staat heute pro Jahr auf 70 Milliarden DM Einnahmen, weil die Kraftwerke keine Mineralölsteuer zahlen müssen, obwohl sie ja Mineralöl verwenden, weil die Fluggesellschaften für das Kerosin keine Steuern zahlen müssen usw.: weil es also so viele Steuerbefreiungen gibt, die alle zu Energieverschwendung führen. Wenn man die schon mal abgeschafft hätte, das wäre schon die halbe ökologische Steuerreform. Das würde bedeuten, daß sich das Rentabilitätskalkül verändert und die Kapitalverzinsung etwas anders aussieht. Der Rest kann über eine ökologische Steuerreform und einen entsprechenden ökologischen Umbau der Instiutionen, der unter dem Stichwort ökologischer Umbau der Industriegesellschaft gehandelt wird, getragen werden. Ohne das geht es nicht.

Die Globalisierung hat die Probleme, die ich geschildert habe, verstärkt und sie wird sie weiter verstärken. Es gibt aber keinen Grund anzunehmen, daß die Globalisierung das Modell, das ich hier skizziert habe und das man jetzt ja auch abwandeln kann, wirklich verhindern könnte. Allerdings wird sie es verhindern, solange die Nationalstaaten immer mehr Entscheidungsmöglichkeiten abgeben. Wenn die gegenwärtige Tendenz sich fortsetzt, daß die eigentlichen Herren der Welt die Unternehmen sind, insbesondere die großen Unternehmen, und wenn die Nationalstaaten darin wetteifern, ihnen möglichst günstige Standorte zu bieten und ihnen Subventionen nachzuwerfen, so lange wird es sicherlich nicht möglich sein, der Entwicklung Einhalt zu gebieten. Die Entwicklung, die wir heute haben, läuft darauf hinaus, daß die Verteilung zwischen Kapital und Arbeit immer ungleichgewichtiger wird, und das weltweit. Das ist abgesehen von allen anderen Problemen etwas, was die Chancen der Globalisierung, die ich gar nicht verkenne, ins Gegenteil verkehrt. Wir müssen dieses Verteilungsproblem lösen.