Gregor Walter

Globalisierung

Begriffe, Prozesse, Konsequenzen


Gregor Walter arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter in dem DFG-Projekt Globalisierung" am Institut für Interkulturelle und Internationale Studien der Universität Bremen.

1. Einleitung

Der Begriff Globalisierung" hat eine erstaunliche Karriere hinter sich. Ursprünglich Mitte der achtziger Jahre im Managementbereich internationaler Konzerne entstanden (Ohmae 1985) wurde er nur etwa zehn Jahre später, 1996 in die Top Ten" der Worte des Jahres" der Gesellschaft für Deutsche Sprache aufgenommen. Auch außerhalb der Bundesrepublik ist das Wort nicht minder prominent _ egal ob als globalization", mondialisation" oder Quan Qui Hua". Globalisierung" gehört mittlerweile _ häufig gepaart mit Weltmarkt" und Standort" _ in das rhetorische Standardrepertoire nicht nur von Publizisten und Journalisten, sondern insbesondere auch von Politikern aller Parteien und aller Ebenen bis hin zu kommunalpolitischen Lokalmatadoren. Trotz _ oder vielleicht auch gerade wegen _ seiner häufigen Verwendung bleibt der Begriff im öffentlichen Diskurs jedoch meist seltsam diffus: Was genau ist eigentlich Globalisierung? Worin drückt sie sich aus? Wer ist davon in welchem Maße betroffen?

Angesichts der Reichweite der Konsequenzen, die dem Prozeß teilweise zugeschrieben werden, kann eigentlich nur verwundern, daß über diese Fragen allenthalben Unklarheit herrscht. In der breiten (sozial-) wissenschaftlichen Debatte über Globalisierung liegt ebenfalls keinerlei Standarddefinition" vor. Auch hier gehen die Meinungen darüber, woraus der Prozess besteht und worin er sich ausdrückt, weit auseinander.1 Im folgenden soll daher der Versuch unternommen werden, zunächst einen _ zwangsläufig ausschnitthaften _ Überblick über einige Versuche der wissenschaftlichen Begriffsbildung zu geben und dabei zu einem eigenen Definitionsvorschlag zu gelangen, der sich vom Begriff Globalisierung" löst und sich statt dessen auf Denationalisierung" bezieht. Anschließend sollen auf Basis dieser Definition wiederum überblicksartig Erkenntnisse über die empirischen Manifestationen dieses Prozesses skizziert werden. Im Ergebnis stellt sich Globalisierung" oder besser Denationalisierung", als ein umfassender Prozeß dar, der sich keineswegs auf ökonomische Phänomene beschränkt, dabei aber im Vergleich zwischen Ländern, Zeitphasen und Sachbe
`Globalisierung' oder besser `Denationalisierung' ist ein umfassender Prozeß, der sich keineswegs auf ökonomische Phänomene beschränkt.
reichen deutlich variiert. Die abschließend kurz angerissene Debatte über die Konsequenzen der Globalisierung täte deshalb gut daran, über die Behauptung allgemeinen fundamentalen Wandels hinauszugehen und die Vielgestaltigkeit des Prozesses zu berücksichtigen.

2. Globalisierung als Begriff

Globalization is the most fashionable word of the 1990s, so portentous and wonderfully patient as to puzzle Alice in Wonderland and thrill the Red Queen because it means precisely whatever the user says it means" (Barnet/Cavanagh 1994: 14). Trotz aller Diversität, die dieses Zitat noch einmal unterstreicht, lassen sich jedoch zumindest einzelne, immer wieder auftauchende Definitionselemente von Globalisierung herausarbeiten. Am bekanntesten sind sicherlich die Vorstellungen, die sich auf rein wirtschaftliche Prozesse beziehen. Entsprechend finden sich auch in der Literatur immer wieder Verweise auf das Wachstum des internationalen Handels, den Anstieg der Direktinvestitionen und die damit zunehmende Bedeutung multinationaler Konzerne sowie auf die Herausbildung der geographisch kaum mehr eindeutig lokalisierbaren Finanzmärkte und der drastischen Steigerung ihres Marktvolumens.

Im Extrem kann eine Definition dann lauten: Globalization refers to a world in which [...] there is a single international rate of interest".2 Als abstrakteres Beispiel können Hirst/Thompson (1996: 7-13) gelten, die idealtypische Modelle einer internationalen" und einer globalisierten" Ökonomie entwickeln. Während im ersten Fall ökonomische Transaktionen noch zwischen distinkten nationalen Einheiten ablaufen, zeichnet sich das zweite Modell durch globale Produktions- und Marktbeziehungen aus, die die Staatsgrenzen als Interaktionsschwellen vollständig eingeebnet haben. International agierende Firmen sind darüber hinaus in einer globalisierten Ökonomie insofern tatsächlich transnational und nicht lediglich multinational, als sie keinerlei Bindung an eine Heimatbasis" haben und hochmobiles Kapital darstellen. In dieser Sicht stellt sich Globalisierung als Prozeß der Entwicklung der Weltwirtschaft in Richtung auf das Idealmodell einer globalisierten Ökonomie dar.

In ähnlicher Weise bezieht sich auch ein erheblicher Teil der neo-marxistisch inspirierten Literatur zur Globalisierung auf die Entstehung eines neuen globalen Kapitalismus, dessen typisches Kennzeichen transnationale Unternehmen seien (vgl. Altvater/Mahnkopf 1996: 37). Zwar wird häufig keine kohärente, analytische Definition von Globalisierung entwickelt, die Begriffsbestimmung ergibt sich jedoch vielfach indirekt aus einer Phänomenologie der Globalität" (Narr/Schubert 1994: 9-37), die ebenfalls sehr stark auf ökonomische Entwicklungen ausgerichtet ist. Globalisierung erscheint dabei im wesentlichen als sich global ungehemmt durchsetzender Kapitalismus" (Hirsch 1995: 205), der sich innerhalb der letzten zwanzig Jahre als Globalisierung des Kapitals" (ebd.: 105) in spezifischer Weise radikalisiert habe. Eine neue Dimension der Internationalisierung kapitalistischer Produktionsverhältnisse" (ebd.: 7) mache diese noch mehr als zuvor zum zentralen Prinzip einer globalen Ökonomie, die nur noch einen einzigen entfesselten Weltmarkt" (Altvater/Mahnkopf 1996: 109) kenne, auf dem in verschärfter Konkurrenz Waren gehandelt würden, die in transnationalen Produktionsketten entstanden seien. Zentral für alle ökonomischen Konzeptualisierungen von Globalisierung ist demnach die Vorstellung von der Entstehung globalisierter Wirtschaftsräume, in denen nationalstaatliche Grenzen kaum noch Bedeutung haben.

Hinsichtlich der Breite des Begriffes am anderen Extrem liegen Auffassungen, die Globalisierung als universalen, allumfassenden Prozeß betrachten, der sich auf die verschiedensten Bereiche bezieht. Robertsons (1992) Konzeption von Globalisierung bzw. der global-human condition" beispielsweise bezieht auch Prozesse der Individualisierung, der Vergesellschaftung in Form von modernen Nationalstaaten, der Internationalisierung und der Entwicklung hin zu einer Menschheit (humanization") mit ein. Held/McGrew (1993: 262) sehen Globalisierung als universal process or set of processes that generate a multiplicity of linkages and interconnections that transcend the states and societies that make up the modern world system". Die Vorstellung solcher linkages" und interconnections" taucht auch bei den breiten Definitionen immer wieder auf. So sprechen McGrew/Lewis (1992: 23) vom scope" der Globalisierung, wenn sie sich darauf beziehen, daß in immer mehr Bereichen Interaktionsprozesse grenzüberschreitendes oder globales Ausmaß annehmen. Hinsichtlich der intensity" der Globalisierung verweisen sie dagegen darauf, daß auch in jedem einzelnen
Zentral ist die nachlassende Bedeutung von Territorialität für soziale Beziehungen sowie das steigende Bewußtsein um die Welt als Einheit.
dieser Bereiche die grenzüberschreitenden Interaktionen und Interdependenzen zunehmen.3

Eine gewissen Sonderstellung nehmen Autoren ein, die Globalisierung als primär gesellschaftlichen und kulturellen Prozeß verstehen und insbesondere dessen soziale bzw. sozial konstruierte Elemente herausstellen. So definiert Robertson (1992: 8) die gegenwärtige Globalisierung als compression of the world and the intensification of consciousness of the world as a whole". Giddens' (1990: 21) Konzept der time-space distanciation" entwickelt den Leitgedanken des disembedding" von sozialen Beziehungen aus lokalen Kontexten und ihrer Restrukturierung über unbestimmte Raum- und Zeitspannen. Ob man von einer supraterritorialen" Dimension sozialer Beziehungen im Zuge der Globalisierung (Scholte 1996: 46) ausgeht oder besonders den bewußtseinsbezogenen Aspekt der Globalisierung in der Vordergrund stellt, zentral für diese Globalisierungsbegriffe ist die nachlassende Bedeutung von Territorialität für soziale Beziehungen und das steigende Bewußtsein um die Welt als Einheit.

Resümiert man diese Überlegungen mit Blick auf die Entwicklung eines möglichst umfassenden, aber auch handhabbaren Begriffs von Globalisierung, so ist zunächst zu bedenken, daß die zuletzt angesprochene Vorstellung von Globalisierung als Bewußtseinsveränderung" analytisch und empirisch nur schwer verwendbar sein wird. Von diesem sehr weiten Blickwinkel herkommend, fällt jedoch umgekehrt auch auf, daß der Beschränkung des Begriffs auf wirtschaftliche Prozesse die theoretische Begründung fehlt. Es gibt prima facie keinen Anlaß für eine solche ökonomische Verengung. Ob und in welchem Umfang auch nicht-ökonomische Bereiche durch Globalisierung tangiert sind, ist eine offene und durchaus interessante Frage. Um die zu entwickelnde Definition dementsprechend in verschiedensten Sachbereichen anwendbar zu machen, kann auf den Begriff der interconnection" bzw. der Interaktion zurückgegriffen werden, der in einigen der oben angesprochenen, weiten Definitionen von Globalisierung auftaucht und unter den sich auch die so prominenten ökonomischen Phänomene subsumieren lassen. So können Handelsströme und Finanztransfers ebenso als grenzüberschreitende Interaktionen aufgefaßt werden wie beispielsweise Kommunikationsprozesse oder die Bewegung von Menschen über Grenzen hinweg.

Eine Schwäche der breiten Definitionen ist, daß oft keine Klarheit darüber herrscht, welche Phänomene der Globalisierung selbst zuzurechnen sind und was eher als Ursache oder Folge des Prozesses aufzufassen ist. Ohne eine

solche Differenzierung werden Fortschritte sowohl bei der Deskription als auch bei der kausalen Analyse nur schwer zu erzielen sein. Eine gewisse Ausnahme bildet hier Elkins (1995: 26f), der konzeptionell zwischen Globalisierung und globalism" differenziert. Als globalism" bezeichnet er die Entstehung inter- oder supranationaler Einheiten wie etwa der Europäischen Union oder der NAFTA, mit deren Hilfe sich die Staatenwelt an wachsende Interdependenzen anpasse, mit anderen Worten globalism" ist eine Folge der Globalisierung, die nicht mit in die Definition eingeht.4 Da es diese analytische Trennung ermöglichen würde, die politisch brisanten Wechselwirkungen und Zeitverschiebungen zwischen grenzüberschreitenden gesellschaftlichen Interaktionen und den auf sie bezogenen Institutionen politischer Verregelung zu untersuchen, erscheint es vielversprechend, sich bei der Definition von Globalisierung auf Prozesse zu beschränken, die von gesellschaftlichen Akteuren getragen werden und keinen Charakter internationaler Governance" haben.

Und schließlich sollten auch bisherige empirische Erkenntnisse Rückwirkungen auf die Konzeptualisierung der Begrifflichkeiten haben. So muß man sich z.B. gerade bei vielen der diskutierten ökonomischen Phänomene fragen, ob der Ausdruck Globalisierung" glücklich gewählt ist. Es erscheint sehr zweifelhaft, ob die Struktur des Handels und der Direktinvestitionen, aber auch die Transaktionen auf den Finanzmärkten einen wirklich erdumfassenden, also globalen Raum abdecken. Gerade bei den Direktinvestitionen deuten die Daten eher darauf hin, daß die weitaus größte Zahl dieser Transaktionen schwerpunktmäßig innerhalb der OECD-Welt stattfindet (vgl. Hirst/Thompson 1996, S. 68f.; Neyer 1996: 62).

Ob die Verteilung dieser Transaktionen in Richtung tatsächliche Globalität strebt, darf dabei ebenfalls als eine offene Frage gelten. Sicher erscheint bisher nur, daß sich der Begriff der Globalisierung auf Phänomene bezieht, die in zunehmenden Maße die Grenzen der Nationalstaaten überschreiten. Die Antwort auf die Frage, wo sich mittel- und langfristig neue Verdichtungsräume konstitutieren, sollte dagegen nicht bereits durch die Begriffswahl präjudiziert werden. Günstiger wäre es, das Phänomen der Ausdehnung und Vertiefung grenzüberschreitender Interaktionen mit einem Begriff zu erfassen, der den konzeptionellen Ballast einer Ausrichtung auf tatsächliche geographische Globalität abwirft. Im Ergebnis lautet der Vorschlag, den Begriff der Globalisierung" aufzugeben und statt dessen die bislang mit Globalisierung" bezeichneten Phänomene unter dem Begriff der Denationalisierung" zu diskutieren.5 Denationalisierung selbst könnte dabei bestimmt werden als Prozeß der Ausweitung der Verdichtungsräume gesellschaftlicher
Denationalisierung ist zu verstehen als

Prozeß der Ausweitung der Verdichtungsräume gesellschaftlicher

Interaktionen über den Nationalstaat hinaus.
Interaktionen über den Nationalstaat hinaus (vgl. Beisheim et al. 1998; Walter/Zürn 1998; Zürn 1992). Eine solche Begriffsbestimmung, die den Akzent auf die Abschleifung der Bedeutung nationalstaatlicher Grenzen legt, umfaßt im Sinne der oben identifizierten Definitionselemente bereits den Austausch zwischen distinkten Einheiten, bleibt aber auch auf die Entstehung tatsächlich globalisierter Räume anwendbar.

3. Empirische Prozesse

Zwar soll die Bedeutung theoretischer Diskurse in keiner Weise in Frage gestellt werden, es ist jedoch auffällig, daß in der Globalisierungsliteratur eine erhebliche Asymmetrie zugunsten von imaginative non-fiction" (Elkins 1995: 7) und zuungunsten von systematischen empirischen Erhebungen besteht. Insbesondere bei der Verwendung weiter Definitionen fehlt eine empirische Bestandsaufnahme meist gänzlich. Häufig sind die angeführten Evidenzen und Beobachtungen eher punktueller bzw. anekdotischer Natur.

Je klarer dagegen das jeweilige Verständnis von Denationalisierung auf den Wirtschaftsbereich ausgerichtet ist, desto häufiger wird versucht, den Prozeß konsequent empirisch zu illustrieren. Zwar ist in diesem Zusammenhang zu konzedieren, daß z.B. der Nachweis der kulturellen Denationalisierung wesentlich schwieriger sein dürfte als die Datenerhebung ökonometrischer Kenngrößen; angesichts des fundamentalen Charakters der teilweise behaupteten Veränderungen ist die mangelnde Beschäftigung mit der empirischen Basis jedoch ein schwerwiegendes Manko der bisherigen Globalisierungs-Debatte. Aus diesem Grund sollen im folgenden einige Ergebnisse eines Forschungsprojektes skizziert werden, an dem auch der Autor mitgewirkt hat und in dem explizit der Versuch unternommen wurde, auf Basis des oben eingeführten Begriffes der Denationalisierung zu einer möglichst umfassenden Bestandsaufnahme des Prozesses zu gelangen.6

Auf dem Wege einer systematischen Indikatorenbildung wurde versucht, Ausmaß und Intensität der Denationalisierung für die Länder der G-77 in den Sachbereichen Wirtschaft, Kommunikation, Umwelt, Mobilität und Sicherheit einzuschätzen. Die Verwendung der oben eingeführten Definition von Denationalisierung implizierte dabei, daß nicht nur der Anstieg der grenzüberschreitenden, sondern auch das mögliche Wachstum der binnenstaatlichen Interaktionen berücksichtigt werden mußte (vgl. Thomson/Krasner 1989: 198). Ein Wachstum des Außenhandels bei gleichzeitigem proportionalen oder vielleicht sogar noch schnelleren Anstieg des Inlandsprodukts läßt den Verdich tungsraum Nationalstaat" nach wie vor unangetastet. Erst wenn die grenzüberschreitenden Interaktionen auch relativ in ihrer Bedeutung steigen, d.h. wenn sich das Verhältnis von Außenhandel und Inlandsprodukt zugunsten des ersteren verändert, ist von einer Verschiebung der Verdichtungsräume auszugehen. Auf Basis entsprechender Indikatoren lassen sich die Ergebnisse der Datensammlung folgendermaßen zusammenfassen:

Wirtschaft:

Ein kontinuierliches Wachstum zeigt sich bei der Entwicklung der relativen Bedeutung der Handelsströme bis Mitte der achtziger Jahre. Danach setzte im Kapitalbereich eine starke Denationalisierungsdynamik ein, wobei der Umfang der Direktinvestitionen auch im Verhältnis zu den inländischen Anlageinvestitutionen deutlich anstieg. Ähnliche Trends lassen sich auch für Portfolioinvestitionen und ausländische Kreditgeschäfte identifizieren. Hinsichtlich vieler ökonometrischer Meßgrößen ähnelt die Situation der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, für die sich ebenfalls eine sehr prononcierte Denationalisierung konstatieren läßt (vgl. z.B. Hirst/Thompson 1996, S. 49f). Allerdings wird das damalige Denationalisierungsniveau spätestens ab den achtziger Jahren erreicht oder überschritten.

Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, daß jenseits der Austauschphänomene Güter heute z.T. nicht mehr national" hergestellt und dann international" gehandelt werden, sondern bereits bei der Produktion transnationale Ketten durchlaufen und somit bereits grenzüberschreitend" produziert werden. Deutlich wird das an dem seit den siebziger Jahren deutlich steigenden Anteil der importierten Halbfertigwaren in den Ländern der G-7. Auch die die Verflechtung der multinationalen Unternehmen untereinander erlebte in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre in der Form strategischer Allianzen einen deutlichen Schub. Die wohl dramatischste Denationalisierungsentwicklung im Wirtschaftsbereich ist die Entstehung der geographisch kaum mehr eindeutig lokalisierbaren Finanzmärkte. Das Marktvolumen erreichte dabei seit den siebziger Jahren ein nahezu exponentielles Wachstum.

Kommunikation:

Sprachliche Zeichen werden grenzüberschreitend traditionellerweise vor allem über Briefe und Telefongespräche ausgetauscht. Für internationale Briefsendungen läßt sich dabei ein kontinuierliches Wachstum beobachten, das bereits in den fünfziger Jahren einsetzt und in den siebziger Jahren zum Stop kommt. Im Telekommunikationsbereich weisen die Zahlen jedoch ab Mitte der sechziger Jahre eindeutig in Richtung Denationalisierung, denn das Verhältnis der internationalen zur nationalen Kommunikation verändert sich in diesem Bereich permanent zugunsten der grenzüberschreitenden Telefonate.

Auch der Austausch kommunikativ relevanter Kulturträger wie Bücher, Zeitschriften oder Filme hat in den letzten zwei Jahrzehnten eine Aufwärtsentwicklung erfahren. So hat sich beispielsweise der Wert der importierten Bücher durchschnittlich in den Ländern der G-7 seit 1980 mehr als verdoppelt. Bei Spielfilmen ist die Entwicklung _ außerhalb der USA _ soweit vorangeschritten, daß der Marktanteil einheimischer Produktionen in den Ländern der G-7 heute in der Regel auf unter dreißig Prozent gefallen ist. Zwar ist der Anteil einheimischer Produktionen im Fernsehen relativ stabil, doch befindet er sich meist auf einem Niveau, das es nahelegt, von einer weitgehend denationalisierten Filmindustrie zu sprechen, die zum überwiegenden Teil auf den Export amerikanischer Filme zurückzuführen ist.

In den achtziger Jahren führte die Entwicklung von neuen Informations- und Kommunikationstechnologien zu einem weiteren Wachstum der transnationalen Kommunikation. Besonders sticht hier das Internet hervor, das dafür sorgte, daß seit Beginn der neunziger Jahre der Datenverkehr über internationale Computernetzwerke exponentiell anwuchs. Computer, mit denen über das internationale Kommunikationsnetz inzwischen geschätzte 60 bis 90 Millionen Teilnehmer rund um den Globus in Sekundenschnelle kommunizieren bzw. Daten abrufen können, sind an den meisten Universitäten bereits eine Selbstverständlichkeit und gewinnen immer mehr Verbreitung im privaten und kommerziellen Bereich.

Umwelt:

Bis in die fünfziger Jahre dieses Jahrhunderts wurden Probleme im Umweltbereich vor allem als lokale oder eventuell regionale Phänomene angesehen. In der Regel befanden sich Verursacher und Konsequenzen eines Schadstoffausstoßes auf dem Territorium ein- und desselben Staates. Ab den sechziger Jahren trat eine zweite Welle" von industriell verursachten Umweltproblemen auf, die bereits eindeutig grenzüberschreitende Dimensionen annahmen. So wurde beispielsweise der in Skandinavien beobachtete saure Regen von SO2- und NOx-Emissionen verursacht, die zum nicht unerheblichen Teil aus Großbritannien und der Bundesrepublik stammten. Bei den Gewässern waren es insbesondere Phosphate, Ammoniak, Blei, Kadmium und Chrom, die in grenzüberschreitenden Flüssen Umweltschäden erzeugten. Da inzwischen einige dieser Umweltprobleme gelindert werden konnten, läßt sich hinsichtlich dieser klassischen" grenzüberschreitender Schadstoffe in Luft und Wasser ein Wachstumstrend nur bis zum Ende der siebziger Jahre feststellen.

Heute dagegen sind die wichtigsten umweltpolitischen Probleme globaler Natur: Sowohl der anthropogene Klimawandel als auch die Zerstörung der stratosphärischen Ozonschicht sind Umweltprobleme, die erst ab Mitte der achtziger Jahre auf die Tagesordnung der Politik kamen und praktisch alle Länder bedrohen. Dabei zeichnen sich beide Phänomene ähnlich wie die grenzüberschreitende Produktion" im Wirtschaftsbereich dadurch aus, daß sie ihre Entstehung keinem einfachen Austausch von Schadstoffen verdanken, sondern von etlichen Ländern der Erde gemeinsam verursacht werden.

Mobilität:

In diesen Bereich fallen verschiedene Arten der Wanderungsbewegungen von Personen, die sich nach der Dauer des Aufenthaltes im jeweiligen Zielland" gliedern lassen. Allgemein erfährt die Entwicklung der permanenten Zuwanderung u.a. in den sechziger und achtziger Jahren ein beschleunigtes Wachstum. Mittlerweile hat dabei der Anteil der ausländischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung in den meisten Ländern der G-7 eine Größenordnung von etwa 10 % erreicht. Die temporäre Migration von Flüchtlingen wuchs insbesondere Ende der achtziger Jahre, als in den Ländern der G-7 die Zahl der Asylanträge und der aufgenommenen Flüchtlinge schubartig zunahm. Damit macht sich die weltweite Flüchtlingsexplosion seit der Mitte der siebziger Jahre in zunehmenden Maße auch in den Ländern der OECD bemerkbar.

Sehr deutliche Denationalisierungstrends ergeben sich auch beim Blick auf die kurzfristigen Wanderungsbewegungen im Rahmen von Reisen. So tritt im Bereich des internationalen Tourismus ein Denationalisierungsschub u.a. Mitte der siebziger Jahre auf. Dies zeigt auch der Blick auf das Verhältnis von In- und Auslandsreisen, das sich zugunsten der internationalen Reisen beispielsweise in Deutschland nahezu gänzlich umgekehrt hat.

Sicherheit:

Im Sicherheitsbereich läßt sich der Begriff der Interaktion auf grenzüberschreitende Bedrohungen beziehen. Als Denationalisierungsphänomen ist hier zunächst die vertikale und horizontale Proliferation von Massenvernichtungswaffen zu betrachten, da deren Effekte nicht lokal begrenzt sind, sondern zumindest regional wirksam werden können. Das Wachstum der Bestände dieser Waffen war im Kontext des Rüstungswettlaufes der Supermächte in den sechziger und siebziger Jahren besonders intensiv. Während zwischenzeitlich die entsprechenden Zahlen deutlich rück
Seit den achziger Jahren entstehen in einigen Gebieten Phänomene, die sich als völlig neuar-tige Denationali-sierungsschübe darstellen.
läufig sind, ist z.B. die Verbreitung von Atomwaffen ein relativ kontinuierlicher Prozeß. Denationalisierend wirkt auch die Verbreitung von Waffenträgersystemen großer Reichweite, da damit Bedrohungen weit über die Nachbarländer hinaus wirksam werden. Zwar reicht die Verbreitung von Waffenträgersystemen globaler Reichweite bisher über den Kreis der Big Five" nicht hinaus, die Wachstumsrate der Verbreitung von ballistischen Raketen deutet jedoch auf einen schnellen Anstieg hin.

Grenzüberschreitende Bedrohungen können auch von nicht-staatlichen Akteuren ausgehen. In diesem Zusammenhang ist das Wachstum transnationaler terroristischer Aktivitäten, das sich für die siebziger Jahre beobachten läßt, von besonderer Bedeutung. Seit dieser Zeit schwanken die Werte jedoch so stark, daß von einem einheitlichen Trend kaum gesprochen werden kann. Im Bereich der Organisierten Kriminalität ist die Datenlage zwar sehr eingeschränkt, zumindest für Deutschland ist aber in diesem Bereich von einer kontinuierlichen Internationalisierungsentwicklung seit den siebziger Jahren auszugehen. Einen Hinweis darauf liefern beispielsweise die Aktivitäten des Drogenhandels und -schmuggels, die ihrerseits einen erheblichen Teil der Organisierten Kriminalität ausmachen. Die wenigen vorliegenden direkten empirischen Hinweise zur Denationalisierung der Organisierten Kriminalität verstärken diesen Eindruck für die 90er Jahre noch einmal nachdrücklich. So hatten nach Angaben des Bundeskriminalamtes 1996 über sechzig Prozent der Fälle im Bereich der Organisierten Kriminalität eine internationale Komponente, eine Zahl, die seit 1991 noch einmal über 10 % gestiegen ist.

Denationalisierung stellt sich damit insgesamt als ein Prozeß dar, der in der gesamten Breite der untersuchten Sachbereiche in den Ländern der G-7 stattfindet. Gleichwohl muß die Entwicklung differenziert betrachtet werden. Als Phänomene des intensivierten internationalen Austauschs sind Denationalisierungserscheinungen in geringerem Umfang bereits in den fünfziger Jahren aufgetreten. Eine deutliche Verstärkung dieser Entwicklung ergab sich in der darauffolgenden Dekade zunächst im Sicherheitsbereich. Ab den siebziger Jahren beschleunigt sich dann in verschiedensten Sachbereichen der grenzüberschreitende Austausch bzw. die Wanderung von Gütern, Dienstleistungen, Kapital, Informationen, Personen und Umweltschadstoffen. Der Wachstumstrend verliert beim grenzüberschreitenden Austausch in den achtziger Jahren zwar in manchen Bereichen an Dynamik, ohne aber im allgemeinen unter die Werte der siebziger Jahre zurückzufallen. Im Ländervergleich zeigen Deutschland und Großbritannien bei den genannten Phänomenen besonders deutliche Denationalisierungstendenzen in fast allen Sachbereichen. Mit Ausnahme des Kommunikationssektors gilt dies auch für Frankreich. Während der Prozeß in Kanada, Japan und den USA weniger drastisch zu sein scheint, verläuft die Entwicklung in Italien klar unterdurchschnittlich.

Daneben entstehen ab Mitte der achtziger Jahre in einigen Gebieten bestimmte Phänomene, bei denen ein Ländervergleich weniger sinnvoll ist und die sich als völlig neuartige Denationalisierungsschübe interpretieren lassen. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang v.a. die Entwicklung der globalen Finanzmärkte, die Entstehung einer stark denationalisierten Kommunikationsstruktur durch das Internet", die Wahrnehmung globaler Umweltprobleme sowie die anhaltende Internationalisierung der organisierten Kriminalität. Gemeinsam ist den zuletzt genannten Prozessen dabei der Umstand, daß sie nicht als Phänomene des Austausches zu begreifen sind, sondern daß sie von einer Vielzahl von Akteuren in verschiedenen Ländern gemeinsam hervorgerufen bzw. produziert werden. Es ist davon auszugehen, daß das Auftreten dieses Interaktionstyps im Vergleich zu früheren Prozessen grenzüberschreitenden Austauschs eine neue Qualität der Denationalisierung ausmacht.

4. Die Diskussion zu den Konsequenzen

Es gibt kaum eine grundlegende politische Institution der Moderne, von der nicht behauptet würde, daß Denationalisierung sie herausfordert, transformiert oder untergräbt. Mit Souveränität, Autonomie8 und Demokratie soll dies beispielhaft anhand dreier Grundkategorien politischer Ordnung illustriert werden, um abschließend zu einer Bewertung dieser Debatte vor dem Hintergrund der real zu beobachtenden Phänomene der Denationalisierung zu gelangen.

Souveränität:

Zwar wird der Staat von den meisten Autoren als ein Wegbereiter der Denationalisierung angesehen, gleichzeitig ist sich die Mehrzahl darin einig, daß sich seine Rolle und Gestalt aufgrund von Denationalisierungsprozessen erheblich verändert hat bzw. noch weiter verändern wird. Denationalisierungsprozesse unterlaufen die conceptual and practical foundations of sovereignty" (Camilleri/Falk 1992: 254), da aufgrund des Rückgangs politischer Gestaltungsmacht und Autonomie nach innen (s.u.) auch die Souveränität nach außen beschädigt wird. Auch wenn man vor diesem Hintergrund davon ausgeht, daß Staaten internationale Institutionen zur Kompensation des Effektivitätsverlustes nationaler Politik errichten können, ändert sich die Natur der Souveränität als Institution: Sie garantiert nicht mehr die Kontrolle des Staates über Handlungen auf seinem Territorium und ist auch keine Barriere mehr gegen Interventionen. Vielmehr wird Souveränität zur Verhandlungsressource gegenüber anderen Staaten, wo sie zu deren Schaden eingesetzt oder gegen Gegenleistungen eingetauscht werden kann (Keohane 1995). So entstehen infolge der Denationalisierung Ansätze des komplexen Weltregierens" (Zürn 1994). Besonders prominent ist in diesem Zusammenhang die Diskussion um die internationalen Arrangements der governance without government", wonach im Zuge der Denationalisierung insbesondere nichtstaatliche Akteure in Mehrebenensystemen des Regierens eine zunehmende Rolle spielen.9 So sehen manche die Zukunft in multiplen Hierarchien, die netzwerkartig organisiert sind, in einer weniger auf Territorialität basierenden globalen Struktur mit vielen verschiedenen Souveränen neben _ nicht anstelle von _ Nationalstaaten (vgl. z.B. Held 1995: 233f).

Autonomie:

Traditionellerweise wird davon ausgegangen, daß Staaten in der Lage sind, politische Regelungen eigenständig und unabhängig von den Handlungen anderer Akteure zu gestalten. Hinsichtlich der Probleme, die dabei im Gefolge der Denationalisierung entstehen, kann zwischen dem Typus des Effektivitätsverlustes" und demjenigen des Standortnachteiles" unterschieden werden. So behaupten viele Autoren, daß sich aufgrund von Denationalisierungsprozessen die Effektivität der Regelungsleistungen des Staates verringert, da die Gültigkeitsreichweite nationalstaatlicher Regelungen immer öfter die Grenzen der realen Handlungszusammenhänge unterschreitet. Im Ergebnis wird die Effektivität nationaler Politik insofern nachhaltig geschwächt, als nationale Politiken immer weniger in der Lage sind, gewünschte gesellschaftliche Zustände herbeizuführen. So können z.B. die Verbreitung kinderpornographischen Materials über das Computer-Kommunikationsmedium Internet", die Ausbreitung der zunehmend grenzüberschreitend agierenden organisierten Kriminalität oder das Eintreten der negativen Effekte der wichtigsten Umweltprobleme allein durch nationale Regelungen kaum mehr unterbunden werden.

Im Ergebnis verliert der Staat an Steuerungskapazität, und es wird für ihn immer schwieriger, seine klassischen Funktionen zu erfüllen (Walter/Zürn 1997). Gerade auch für den wirtschaftlichen Bereich wird angenommen, daß der Staat sich zunehmend weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen gegenübersieht, die seine politischen Wahlmöglichkeiten erheblich einschränken.10 Dabei wird in der Literatur insbesondere bei Maßnahmen der makroökonomischen Steuerung konstatiert, daß der Effektivitätsverlust dieser Optionen soweit vorangeschritten ist, daß sie als Regelungen de facto nicht mehr zur Verfügung stehen, da ihr Einsatz sinnlos geworden ist. In einer radikaleren Formulierung wird davon ausgegangen, daß die Erosion der Autonomie des Territorialstaates im ökonomischen Bereich so weit geht, daß der Weltmarkt nicht nur quasi eine Vetoposition innehat, sondern beinahe diktatorischen Einfluß auf die nationale Wirtschaftspolitik ausüben kann (vgl. Frieden 1988: 112f).

Probleme des Typs Standortnachteil" tauchen im Kontext der Denationalisierung auf, weil die Staaten vor dem Hintergrund der erhöhten Faktormobilität um Verbleib und Zufluß von Kapital konkurrieren. Bestehende Markteingriffe, die den Interessen der Unternehmen zuwiderlaufen, geraten nach dieser Vorstellung unter erheblichen Deregulierungsdruck. Dies geschieht zum einen, da die erhöhte Kapitalmobilität die Abwanderung inländischer Firmen ins Ausland relativ leicht möglich macht, und zum anderen, da multinationale Konzerne nur dann im Inland investieren werden, wenn dort für sie günstigste Bedingungen existieren. Einige Autoren nehmen deshalb an, daß zwischen den Staaten ein Deregulierungswettlauf" einsetzen wird, der im Bereich von Umwelt- und Arbeitsstandards, vor allem aber auch bei allen sozialstaatlichen Redistributionsregelungen Züge eines race to the bottom" annehmen kann. Im Extremfall sehen die Autoren eine Wandlung des Staates zum nationalen Wettbewerbsstaat" (Hirsch 1995)11, in dem jede Form der politischen Regulation den Zwängen der Konkurrenz mit anderen Staaten untergeordnet wird. Der Staat betreibt dabei eine aggressive" Politik der Standortsicherung, die zur Ultima ratio von `Sozialpolitik'" (ebd.: 108) wird. Im Ergebnis kommt es nach dieser Meinung zu einer massiven sozialen Fragmentierung, die die Gesellschaften polarisiert und zerreißt" (ebd.: 121).

Demokratie:

In diesem Bereich ist es nach Ansicht einiger Autoren ein Hauptproblem der Denationalisierung, daß gesellschaftliches Handeln sowie nationalstaatliche Entscheidungen vermehrt grenzüberschreitende Wirkungen mit sich bringen, über die die davon Betroffenen keinerlei Kontrolle haben. Nach dieser Vorstellung konfligiert es grundsätzlich mit dem Selbstbestimmungsrecht demokratischer politischer Gemeinschaften, wenn z.B. die Luftreinhaltepolitik Großbritanniens in Skandinavien Waldschäden zur Folge hat. Die demokratische Bedingung der Kongruenz zwischen denjenigen, die Entscheidungen treffen und denjenigen, die von einer Entscheidung betroffen sind, wird dabei grundsätzlich verletzt (vgl. Held 1995, Zürn 1996).
Ein Staat verliert dadurch an Legitimität, daß er nicht mehr in der Lage ist, die gesellschaftliche gewünschten Zustände herbeizuführen.
Skandinavische Bürger beispielsweise können ihre Regierungen für die Waldschäden nicht verantwortlich machen und haben auf die britische Politik kaum Einfluß.

Als demokratisches Problem zeigt sich auch der oben skizzierte Effektivitätsverlust einzelner Regelungen, denn die Gültigkeitsreichweite nationalstaatlicher Regelungen unterschreitet immer öfter die Grenzen der realen Handlungszusammenhänge. Ein Staat verliert dann dadurch an Legitimität, daß er nicht mehr in der Lage ist, die gesellschaftlichen gewünschten Zustände _ wie z.B. eine Senkung der durch das Ozonloch verursachten Hautkrebsrate _ herbeizuführen. Es existieren aber selbst dann demokratische Probleme, wenn die Staaten versuchen, Steuerungsfähigkeit durch die Errichtung internationaler Institutionen zurückzugewinnen. Dies liegt an der bislang mangelnden Legitimation dieser internationalen Institutionen, die die Vorstellung souveräner nationaler Gemeinschaften weiter untergraben (vgl. Zürn 1995).

Zweifellos sind etliche der skizzierten Konsequenzen auch bei Berücksichtigung der realen Denationalisierungsprozesse sehr ernst zu nehmen. Wie in Abschnitt 3 skizziert wurde, überschreiten in der Tat die Verdichtungsräume gesellschaftlicher Interaktion immer häufiger die Grenzen des Nationalstaates und die genannten Beispiele _ vom Internet bis zur grenzüberschreitenden Kriminalität _ verweisen auf die tendentiell sinkende Fähigkeit des Staates wichtige Probleme im Alleingang zu lösen. Internationale Institutionen mögen hier ein Ausweg sein, doch ein Wandel der staatlichen Souveränität und Probleme der demokratischen Legitimation werden die Folge sein, wie schon die aktuelle Diskussion um das Demokratiedefizit der EU gut illustriert (vgl. Scharpf 1993, Zürn 1996). Daneben ist aber auch zu bedenken, daß die empirische Betrachtung von Denationalisierungsphänomenen ergeben hat, daß erhebliche Unterschiede zwischen Ländern, Sachbereichen und Zeitperioden existieren. Da die Intensität der Folgeprobleme häufig vom Grad der Denationalisierung abhängt, verweist die Differenzierung bei der Denationalisierung auch auf die Notwendigkeit, die Diskussion um die Folgen differenziert zu führen.

Wie schon bei den Aussagen zu Ausmaß und Intensität der Denationalisierung sind die Daten, die zur Plausibilisierung ihrer Folgen herangezogen werden, jedoch häufig allein anekdotischer Natur. Wo sorgfältiger überprüft wird, widersprechen die Ergebnisse nicht selten den o.g. Thesen. Das skizzierte Problem des Effizienzverlustes beispielsweise hat bisher nicht dazu geführt, daß die Staaten sich in uniformer Weise einer nicht-interventionisti-schen Wirtschaftspolitik angenähert hätten (vgl. Armin geon 1997). Ebenso fehlt der Behauptung der Demontage der nationalen Arbeits-, Umwelt- und Sozialgesetzgebung im Dienste der Standortpolitik die empirische Basis. Die vorliegenden Untersuchungen zum Sozialstaat zeigen z.B. alles andere als einen radikalen Wandel (vgl. z.B. Pierson 1996, Esping-Andersen 1996). Auch ein systematischer Nachweis der prognostizierten umfassenden gesellschaftlichen Spaltungen im Gefolge der Denationalisierung steht bislang aus. Diese Schwäche der sehr abstrakten makrokorrelativen Behauptungen verweist darauf, daß auch in der Diskussion um die Konsequenzen der Denationalisierung Anekdoten durch sorgfältige empirische Arbeit und differenzierte Argumentation ersetzt werden sollten.

Anmerkungen

1 Vgl. dazu die ausführlichere Darstellung in Beisheim/Walter 1997.

2 Samuel Brittan, Financial Times, 6. Juni 1996, zit. nach Cerny 1996: 618.

3 Vgl. dazu z.B. auch Giddens (1990: 64) oder Held (1995: 20).

4 Der Begriff globalism" selbst scheint nicht sehr geschickt gewählt, da Globalismus" bereits für eine der Denkschulen der Internationalen Beziehungen vergeben ist. Integration" als Bezeichnung für die Entstehung oder Stärkung internationaler Institutionen, wäre hier eine günstigere Lösung.

5 Im folgenden wird deshalb der Ausdruck Denationalisierung" meist auch dort gebraucht, wo in der Literatur noch der Begriff Globalisierung" üblich ist.

6 Für eine wesentlich umfangreichere Darstellung des Gesamtprojekts, des Datenmaterials und der Ergebnisse vgl. insbes. Beisheim et al. 1998, aber auch Walter et al. 1997, Beisheim et al. 1997

7 Kanada, Deutschland, Frankreich, Italien, Japan, Großbritannien und die USA.

8 Während Souveränität hier auf den Hoheitsanspruch und die rechtliche Unabhängigkeit der Staaten verweist, meint Autonomie die Handlungsfähigkeit der Staaten (vgl. Held 1995: 100).

9 Vgl. Altvater/Mahnkopf (1996: 549-557); Kohler-Koch (1993).

10 Diese Überlegungen finden sich in einem Großteil der Literatur in wechselnden Formulierungen. So z.B. als Aushöhlung" (Narr/Schubert 1994: 156) oder Beschneidung" (Hirsch 1995: 95) der Handlungsfähigkeit, als Erosion der Nationalstaates" (Altvater/Mahnkopf 1996: 399) oder als Verlust der Fähigkeit, die eigene ökonomische Zukunft zu kontrollieren" (Held/McGrew 1993: 270; Held 1995: 130).

11 Vgl. auch Narr/Schubert (1994: 152) oder Altvater/Mahnkopf (1996: 51).

 

Literatur

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