Baustein

"...es geschah am helllichten Tag!"

Die Deportation der badischen, pfälzer und saarländischen Juden in das Lager Gurs/Pyrenäen

 

Vorwort



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Inhaltsverzeichnis


Offenburg, am 22. Oktober 1940. Frühmorgens erscheinen an diesem Dienstag Gestapobeamte in den Wohnungen der jüdischen Bürger der Stadt. Sie eröffnen diesen, dass sie sich binnen einer Stunde auf eine Fahrt mit unbekanntem Ziel vorzubereiten haben. Nur ein Handkoffer und etwas Geld dürfen mitgenommen werden.

Es ist der letzte Tag des fröhlichen Laubhüttenfestes "Sukkoth", das man gerade in dem als Synagoge dienenden "Salmensaal" gefeiert hat. Rund neunzig Jahre zuvor waren am 12. September 1847 in diesem Saal von demokratisch und fortschrittlich gesinnten Bürgern die "Forderungen des Volkes" beschlossen worden. Sie führten direkt zum Paulskirchenparlament und zur Revolution von 1848. Diese scheiterten zwar, setzten aber die Forderung nach Freiheits- und Bürgerrechten auch in den restaurativen und konservativen Fürstentümern Deutschlands auf die Tagesordnung. Die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz ermöglichte die weitere Emanzipation und Assimilation der zuvor ausgegrenzten und mit Verboten belegten jüdischen Bevölkerung und öffnete ihr den Weg zu einer wichtigen und erfolgreichen Rolle in der deutschen Gesellschaft.

Die Ereignisse des 22. und 23. Oktober, zeitgleich in anderen Orten Badens, der Pfalz und im Saarland, widerrufen diese Entwicklung und die im 19. und frühen 20. Jahrhundert erreichten Fortschritte nicht nur. Nein, sie markieren den bereits 1933 begonnenen weiteren Abstieg und Verfall der politischen Kultur in Deutschland. Ungehindert, wie schon bei der "Reichskristallnacht" und örtlichen Pogromen vorher, wird ein ganzer Teil der Bevölkerung für rechtlos erklärt und ihm die Heimat genommen. Wenig später wird man ihnen auch noch das Recht auf Leben aberkennen und einen gigantischen Apparat zu ihrer planmäßigen industriellen Vernichtung organisieren. Der in den NS-Schriften und Reden vorangekündigte Massenmord beginnt im Oktober 1940 konkrete Formen anzunehmen.

Diese Arbeithilfe möchte in den Schulen wie in der Jugend- und Erwachsenenbildung die historischen Fakten und Vorgänge in Erinnerung rufen und auf die Verantwortung für die eigene Geschichte hinweisen. Es geht unausgesprochen aber auch um die Bedeutung der damaligen Vorgänge für die gesellschaftliche Situation der Gegenwart: Rassismus und Antisemitismus, den Umgang mit Minderheiten, das Eintreten für die Rechte anderer, politische Wachsamkeit und Zivilcourage im eigenen Umfeld.

Unser Dank gilt Frau Dr. Stefanie Gerlach und Herrn Frank Weber sowie der Redaktions- und der Herausgebergruppe, die diese Arbeitshilfe zuwege gebracht haben. Wir danken auch allen, die durch wichtige Vorarbeiten die Wege geebnet haben, den Zeitzeugen und Autoren wissenschaftlicher Arbeiten, auch Herrn Johannes Obst, der bereits vor Jahren eine Arbeitshilfe zu diesem Thema veröffentlichte, dem Stadtjugendausschuss Karlsruhe, der mit seinem Jugendworkcamp 1996 in Gurs die Brücke zur heutigen jungen Generation geschlagen hat, und der Landesbildstelle Baden für die Aufbereitung der Fotosammlung Althausen.

Getragen wurde dieses Unternehmen von der guten Zusammenarbeit im Koordinierungskreis zur Vorbereitung der Gedenkfeiern im Jahr 2000, bestehend aus dem Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft Badens, dem Arbeitskreis der badischen Städte zum Unterhalt des Friedhofes in Gurs, dem Landesverband des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge und seiner Dienststelle für Frankreich in Metz, der Stadt Mannheim, federführend für das Symposium im September 2000, und der Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Gedenkstätteninitiativen Baden-Württemberg.

Stuttgart, 1. September 2000

Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg

Siegfried Schiele, Direktor

Konrad Pflug, Fachreferat Gedenkstättenarbeit


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