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"...es geschah am helllichten Tag!"

Die Deportation der badischen, pfälzer und saarländischen Juden in das Lager Gurs/Pyrenäen

 

Judenverfolgungen 1933-1940



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Inhaltsverzeichnis


6. Die Situation im Deutschen Reich und Baden

Erste Veränderungen des politischen Klimas in Deutschland gibt es mit den neuen Machthabern bereits einen Monat später. Nach dem Reichstagsbrand am 28. Februar erlässt Hindenburg die Notverordnung "zum Schutz von Volk und Staat". Die kommunistischen Parteiführer werden verhaftet sowie am 5. März die sozialdemokratischen Parteiführer. Zu ihnen zählt der badische Sozialdemokrat und Karlsruher Rechtsanwalt Ludwig Marum. Er gehört von 1914 bis 1929 dem Badischen Landtag an und seit 1928 dem Deutschen Reichstag. In zahlreichen Reden spricht er sich gegen die Nationalsozialisten aus. Diese Angriffe und die Tatsache, dass er Jude ist, führen am 10. März unter Missachtung seiner Immunität als Reichstagsabgeordneter zu seiner Verhaftung. Mit weiteren Sozialdemokraten wird er in einer Schaufahrt durch Karlsruhe gefahren und anschließend in das Konzentrationslager Kislau bei Bruchsal gebracht. In der Nacht vom 28. zum 29. März 1934 wird er im Schlaf von dem SA-Hauptsturmführer und Gestapokommissar Karl Sauer und einer Gruppe von SA-Leuten erwürgt.17

Eine der ersten antisemitischen Aktionen des neuen Regimes ist der Aufruf am 1. April 1933 zu einem Boykott aller jüdischen Geschäfte in Deutschland. In der propagandistischen Presse wird die Maßnahme mit "jüdischer Gräuelhetze des internationalen Judentums" begründet. Zu öffentlichen Übergriffen gegen Personen kommt es in Baden nicht. Die Reichsvertretung der Deutschen Juden legt gegen diesen Aufruf Protest ein.18

Doch es folgt bereits am 7. April 1933 die nächste Aktion. Es wird ein Gesetz erlassen zur "Wiederherstellung des Berufsbeamtentums". Bis auf die Kriegsteilnehmer werden alle "nicht-arischen" Beamten in den Ruhestand geschickt bzw. aus dem Staatsdienst entlassen. Dies betrifft die Lehrerschaft, Hochschulprofessoren, Verwaltungsbeamte usw. In Baden bedeutet dies, dass bis zur Verkündung der "Nürnberger Rassegesetze" 1935 allein 238 Beamte in den Lehrberufen ihre Anstellung verlieren.19

Gleichzeitig findet eine Zurückdrängung jüdischer Schüler und Studierender statt, die von einer starken Diskriminierung begleitet wird. Die Nationalsozialisten streben eine "Rassentrennung" in den Schulen an. So werden in Baden 1936 so genannte "jüdische Schulabteilungen" gebildet. Jedoch kann diese Art Schulbetrieb nicht lange aufrechterhalten werden, da zunächst immer mehr Familien emigrieren und sie später in die Vernichtungslager deportiert werden.20

Am 15. September 1935 werden die "Nürnberger Gesetze" erlassen. Die Juden verlieren dadurch alle politischen Grundrechte, wie beispielsweise das Wahlrecht. Sie werden zu Staatsbürgern mit minderen Rechten. Die Gesetze dienen zum "Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre". "Mischehen" zwischen Juden und Deutschen sind damit wegen "Rassenschande" verboten.21

Zu einer weiteren Verschärfung der Repressalien und des Terrors gegenüber den Juden kommt es im Jahr 1938. Ende März verlieren alle jüdischen Kultusvereinigungen ihren Status als öffentlich-rechtliche Körperschaften. Wenige Monate später werden alle "jüdischen" Gewerbebetriebe registriert und gekennzeichnet. Nach und nach bekommen die kleineren Unternehmen ihre Konzession entzogen und größere Unternehmen werden "arisiert", indem die Besitzer zwangsenteignet werden. Auch Rechtsanwälte und Ärzte erhalten ein Berufsverbot und dürfen ihren Beruf nicht weiter ausüben. 22 Dieses Berufsverbot wird ab 1. Januar 1939 auf alle selbständigen Tätigkeiten von Juden in Handel und Handwerk ausgedehnt. Darüber hinaus werden alle Juden ab August 1938 gesetzlich gezwungen, die Vornamen "Sarah" oder "Israel" als weiteren bürgerlichen Namen zu führen.

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Verzeichnis der aus Baden ausgewiesenen Juden
Quelle: Brändle, 1985, S. 102f.

 

Einen erneuten Höhepunkt findet die Verfolgung am 28. Oktober 1938, als alle Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit aus dem Deutschen Reich ausgewiesen werden. Ausgelöst wird diese Abschiebeaktion durch eine Verordnung der polnischen Regierung, wonach die polnischen Juden ihre Staatsangehörigkeit verlören, wenn sie sich nicht bis zum 30. Oktober bei ihrem Konsulat einen Prüfvermerk abgeholt hätten. Dieser Vermerk wird jedoch nicht ausgestellt, falls die Betroffenen mehr als fünf Jahre keine Verbindung mehr zu ihrer Heimat hatten. Dies trifft auf die meisten in Deutschland lebenden polnischen Juden zu, da sie Polen meist zu Beginn der 20er Jahre aufgrund der Judenfeindlichkeiten verließen. Mit dieser Verwaltungsvorschrift will Polen die unerwünschten Juden hindern, nach Polen zurückzukehren.23

Daher verhaftet das Deutsche Reich alle männlichen polnischen Juden über 18 Jahren und schiebt sie nach Polen ab. Für diese Abschiebung seiner Eltern will sich der 17-jährige Pole Hershel Grynszpan rächen. Er erschießt in der deutschen Botschaft in Paris den Legationssekretär Ernst vom Rath. Die Nationalsozialisten nehmen diese Tat zum Vorwand, um in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 in ganz Deutschland Synagogen in Brand zu stecken, Friedhöfe zu verwüsten, jüdische Wohnungen und Geschäfte zu zerstören, Juden zu töten und zu misshandeln. Verhaftet werden die jüdischen Männer. Sie werden für Monate in Konzentrationslagern festgehalten. Diese so genannte "Reichskristallnacht" ist von oben initiiert. Die Ordnungskräfte haben die Anweisung erhalten, die Aktionen nicht zu behindern. Durchgeführt werden die Zerstörungen von SA-Leuten und Parteimitgliedern, aber auch Bürgern. Offiziell wird die Nachricht ausgegeben, dass sich der "spontane Volkszorn" entladen habe.24

Den deutschen Juden wird nach der "Reichskristallnacht" am 12. November 1938 auferlegt, dass sie eine Milliarde Reichsmark zur "Wiedergutmachung" aufzubringen haben. Der Besuch von Theatern, Kinos und kulturellen Veranstaltungen wird ihnen untersagt sowie ihre Führerscheine und die Kraftfahrzeugzulassungen eingezogen.

Dem Terror zu entkommen, ist nur noch durch Emigration möglich. Die meisten Juden scheuen sich trotz aller Repressalien zunächst vor diesem Schritt, doch die "Nürnberger Gesetze" 1935 und das Erlebnis der "Reichskristallnacht" 1938 machen schließlich vielen klar, dass sie ihre Heimat in Deutschland verloren hatten. Längst nicht alle können sich nach der im November 1938 verordneten "Sühneleistung" auch noch die hohe "Reichsfluchtsteuer" leisten, welche die Nazis von Emigranten fordern. Hinzu kommen neben weiteren bürokratischen Behinderungen auf deutscher Seite Schwierigkeiten, die von den Einreiseländern gemacht werden. So verlangen z. B. die USA von jüdischen Einwanderern aus Deutschland den Nachweis durch Angehörige oder Vertrauenspersonen in USA, dass sie nicht der Fürsorge zur Last fallen würden ("Affidavit"). Die Emigration der Juden aus Deutschland erreicht 1938/39 ihren Höhepunkt. Bereits ein Jahr später wird für Baden und die Pfalz die Auswanderung untersagt.25

Am 1. September 1939 überfällt Deutschland Polen und löst damit den II. Weltkrieg aus. Nach den Blitzsiegen über Polen und Frankreich planen die nationalsozialistischen Gauleiter von Baden und Saarpfalz, die Juden in ihren Gebieten nach Frankreich abzuschieben.

Die Deportation der badischen, saarländischen und pfälzischen Juden in das Internierungslager Gurs in Südfrankreich erfolgt am 22. und 23. Oktober 1940 und wird im Folgenden noch dargestellt.

Schließlich werden im Januar 1942 auf der so genannten "Wannseekonferenz" Maßnahmen zur "Endlösung der Judenfrage" im Deutschen Reich und den besetzten Gebieten in Europa beschlossen. Ganz Europa soll von Juden "gesäubert" werden. Es entstehen die großen Vernichtungslager im Osten.

 

7. Die Situation in Frankreich unter dem Vichy-Regime

Der Frankreichfeldzug endet mit der Eroberung von Paris am 14. Juni 1940. Innerhalb kurzer Zeit ist die nord- und westfranzösische Küste von der deutschen Wehrmacht besetzt. Marschall Pétain, der Sieger von Verdun im I. Weltkrieg, bildet am 16./17. Juni mit Pierre Laval ein neues Kabinett und vereinbart einen Waffenstillstand. Mit der Unterzeichnung des Waffenstillstandsvertrags wird Frankreich in ein von Deutschland militärisch besetztes und ein unbesetztes französisches Gebiet aufgeteilt. Die Hauptstadt, die nordfranzösische Industrie und die Kanal- und die Atlantikküste stehen unter deutschem Kommando. Frankreich behält ein Freiwilligenheer, eine eingeschränkte Verfügung über die Flotte und eine kleine Luftwaffe. Der Badeort Vichy im unbesetzten Frankreich wird von Pétain als Regierungssitz gewählt. In der Hauptstadt Paris residiert der neu ernannte französische Botschafter Abetz.

Ebenso wie Frankreich ist auch die französische Nation gespalten. Die einen unterstützen das Staatsoberhaupt und den Ministerpräsidenten Philipp Pétain, der sich für eine "Normalisierung", d. h. Anpassung, des deutsch-französischen Verhältnisses einsetzt und zusammen mit Pierre Laval den autoritären "État Français" von 1940-1944 schafft. Die anderen sammeln sich um den in London im Exil lebenden General de Gaulle, der zur Fortsetzung des Kampfes für die Befreiung Frankreichs aufruft. General de Gaulle spricht sich gegen das autoritäre Vichy-Regime aus und erklärt es für illegal.26

Mit der deutschen Besetzung Frankreichs und dem Vichy-Regime wird die antijüdische Gesetzgebung nach deutschem Vorbild auch in Frankreich umgesetzt. So wird am 3. Oktober 1940 das "Judenstatut" erlassen. Damit wird definiert wer Jude ist und alle Juden erhalten ein Berufsverbot im öffentlichen Dienst. Wenige Tage später wird am 10. Oktober ein Gesetz erlassen, wonach alle ausländischen Juden, die sich in Frankreich aufhalten, in Internierungslager gebracht werden.

1941 wird ein "Generalkommissar für Judenfragen" eingesetzt und vom Innenministerium wird eine so genannte "Juden-Polizei" zur Bekämpfung der Juden in Frankreich aufgestellt.

Nach der "Wannseekonferenz" (Januar 1942) wird vom deutschen Militärbefehlshaber die Auswanderung deutscher Juden aus Frankreich angeordnet. Bereits im März 1942 werden die ersten Juden aus Frankreich nach Auschwitz deportiert. Auch in Frankreich müssen Juden seit Ende Mai 1942 sichtbar einen Judenstern tragen. In den folgenden Monaten werden Juden auch aus dem unbesetzten Frankreich in die Vernichtungslager transportiert. Die Transporte dauern in Frankreich noch bis 1944 an.

Am 6. Juni 1944 landen die alliierten Truppen in der Normandie. Im August wird Paris befreit und die französische Regierung flieht nach Sigmaringen. Die deutsche Wehrmacht kapituliert am 8./9. Mai 1945 bedingungslos. Im August des gleichen Jahres wird Philipp Pétain zum Tode verurteilt und zu lebenslänglicher Haft begnadigt. Seine Haft sitzt er bis zu seinem Tod als Verbannter auf der Insel Yeu ab. Der stellvertretende Ministerpräsident Pierre Laval und seit 1942 Ministerpräsident wird als Hauptkollaborateur zum Tode verurteilt und am 15. Oktober 1945 hingerichtet.

17 Vgl. Werner, Josef, 19902: Hakenkreuz und Judenstern: das Schicksal der Karlsruher Juden im Dritten Reich, Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchiv, Bd. 9, Karlsruhe, S.39-47. Im Juni 1946 werden die Mörder Marums zu lebenslanger Haft wegen Mordes (Karl Sauer) und zu einem Jahr und 3 Monaten wegen Beihilfe zum Totschlag verurteilt. Vgl. Asche, Susanne, Bräunche, Ernst Otto, Müller, Karin, 1990, S. 55.

18 Vgl. Asche, Susanne, Bräunche, Ernst Otto, Müller, Karin, 1990, S. 58

19 Vgl. Werner, Josef, 19902, S. 48-54.

20 Vgl. zu Geschichte der jüdischen Schulabteilungen in Baden: Zu Bruchsal: Stude, Jürgen, 1990: Geschichte der Juden im Landkreis Karlsruhe. Karlsruhe, S. 233-240. Zu Karlsruhe: Walk, Joseph, 1988: Die "jüdische Schulabteilung" in Karlsruhe 1936-1940, in: Juden in Karlsruhe. Beiträge zu ihrer Geschichte bis zur nationalsozialistischen Machtergreifung, in: Schmitt, Heinz; Bräunche, Ernst Otto; Koch, Manfred (Hrsg.). Veröffentlichung des Karlsruher Stadtarchivs, Bd. 8, S. 311-320. Zu Mannheim; Fliedner, Hans-Joachim, 1971: Die Judenverfolgung in Mannheim, 2 Bde., Berlin, Köln, Mainz, Stuttgart, Bd. 1, S. 68 ff. Zu Freiburg: Geschichte der Stadt Freiburg im Breisgau, 1992, 3 Bde., hrsg. im Auftrag der Stadt Freiburg i. Br., Haumann, Heiko, Schadek, Hans, Stuttgart, S. 329. Zu Heidelberg: Weckbecker, Arno, 1985: Die Judenverfolgung in Heidelberg 1933-1945, Heidelberg, S. 87-90.

21 Vgl. Asche, Susanne, Bräunche, Ernst Otto, Müller, Karin, 1990, S. 62-65.

22 Vgl. Werner, Josef, 19902, S. 153ff.

23 Vgl. Werner, Josef, 19902, S. 175.

24 Vgl. Oberrat der Israeliten Badens (Hrsg.), 1984, S. 61f.

25 Vgl. Asche, Susanne, Bräunche, Ernst Otto, Müller, Karin, 1990, S. 66f.

26 Vgl. Erdmann, Karl Dietrich, 19999: Der Zweite Weltkrieg, in: Grundmann Herbert (Hrsg.): Gebhardt: Handbuch der deutschen Geschichte, Bd. 21, Stuttgart, S. 48, 57ff.

 



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