Dokumentation

Revision des Indienbildes im Schulunterricht

 


Indiens Bedeutung für die Welt in geistesgeschichtlicher Hinsicht

Prof. Dr. Monika Boehm-Tettelbach


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Inhalt


Eine angemessene Behandlung des Themas Indiens Bedeutung für die Welt in geistesgeschichtlicher Hinsicht" wäre nur dann möglich, wenn wir hierfür einen global gültigen Wertmesser besäßen, wenn die Bewertungskriterien allgemein festständen. Dies ist nicht der Fall. Selbst wenn man sich mit breitem Konsens darauf verstehen könnte, welche Beiträge Indien im Verlaufe seiner langen Geschichte zum Kulturbestand der Menschheit geleistet hat, so hülfe auch dies sehr wenig. Denn ob diese Beiträge in einer rezipierenden Kultur zur Lebenswirklichkeit gelangen und aktuelle Relevanz gewinnen, ist immer noch eine ganz andere Frage.

Die Bedeutung einer Kultur außerhalb der eigenen ist relativ. Sie schwankt im Wechselspiel gegenseitiger Kontakte. Unsere Kontakte mit Indien oder Südasien allgemein sind ganz andere als die, die Südost- und Ostasien mit ihrem reichen Erbe aus dem indischen Raum haben, und wir werden in unserer Rezeption Indiens wieder ganz andere Gewichte setzen als beispielsweise Großbritannien, das als ehemaliger Kolonialherr dem Subkontinent in schmerzhafter Anziehung und Abstoßung verbunden ist.

Es erscheint mir daher nötig, das mir gestellte Thema zu akzentuieren: Welche Bedeutung hat Indien für unsere Lebenswelt? Hier liegt wohl das eigentliche Problem, denn offenbar kommen Bürger hierzulande mit einer wenig entwickelten Kenntnis Indiens aus, ohne dies als besonderen Mangel zu verspüren. Woran liegt es, daß die vielbeklagten Klischees, die uns bei der Behandlung Indiens in Medien allgemein und nicht selten auch in Schulbüchern stören, ein zähes Leben führen und offenbar der Lebenstüchtigkeit auch eines gebildeten Deutschen keinerlei Abbruch tun? Wenn wir unterstellen, Indien habe eine Bedeutung für unsere Lebenswelt, wieso kommt diese Bedeutung dann nicht zum Zuge? Und wenn sie zum Zuge befördert könnte, wie könnte die Kenntnis Indiens auf unsere Weltorientierung einwirken?

Bei den Überlegungen, die ich hier an diese Fragen anschließe, möchte ich mich möglichst nicht vom Bezug zur Lebenswirklichkeit lösen, insbesondere zu der Lebenswirklichkeit, in die die heranwachsende Generation gestellt sein dürfte. Wenn wir uns darauf verstehen, unsere gegenwärtige Lebenswirklichkeit ins Auge zu fassen, verbietet es sich, nostalgische Rückblicke auf ein deutsches romantisches Weltbild zu tun, in dem Indien und sein religiös-philosophisches Gedankengut ein bedeutendes Element waren. Dies alles ist dahin, obwohl ich glaube, daß die Kategorien dieses romantischen Indienbildes ein Restleben noch im Schulbuch weiterführen.

Die Bedeutung Indiens für unsere Lebenswirklichkeit ergibt sich schon durch die intensive Vemetzung der Kulturen in der Gegenwart. Das Interesse an Kulturen außerhalb der eigenen ist unerläßlicher geworden als zu Zeiten, da Europa es sich noch leistete, sich vorwiegend selbst im Mittelpunkt zu sehen, und zwar in einem Mittelpunkt, der durch eurozentrische Wertentscheidungen definiert war.

Indien ist für uns nicht nur relevant, weil wir und die übrige Welt Beziehungen mit diesem Land unterhalten. Vielmehr gibt es in vielen Ländern der Welt eine große südasiatische Einwandererpopulation. Sie artikuliert ihre Identität deutlich und beansprucht ebenso globales Gehör wie wir alle sonst. Sie tut dies mit erheblichem Einfluß auf die Strukturen der Gastländer und Indiens selbst. Ich nenne hier als Einwanderungsländer stellvertretend nur Nordamerika und Großbritannien. Die Artikulation und der ständige Wandel indischer Kultur erfolgt auf der Weltbühne, auch wenn wir meinen, dies nicht verfolgen zu müssen.

Dies sind die quantitativen Argumente, die hinreichend klarstellen, daß wir nicht umhin können,Indien zur Kenntnis zu nehmen. Entscheidend ist jedoch das qualitative Argument.

Das Europa der Gegenwart hat sich lange schwergetan, sich mit fremden Kulturen anders als in zwei Alternativen auseinanderzusetzen. Die erste Form könnte man als idealistische Identifikation bezeichnen, und sie betraf sehr verständlicherweise die Vorläuferkulturen der christlich-abendländischen Kultur oder jene behaupteten geistigen Verwandtschaften, in denen auch Indien figurierte. Die zweite Form der Annäherung war die der Überlegenheit gegenüber Kulturen, die unseren Wertmaßstäben nicht entsprachen. Die Rezeption Indiens durchlief übrigens beiden Formen, wobei die erste eher die Oberhand behielt.

Die Bedeutung einer komplexen Kultur wie der indischen für unsere Lebenswirklichkeit liegt im Sinne der qualitativen Argumentation darin, daß uns in ihr eine Fremdkultur entgegentritt, die sachgerechte Annäherung erheischt. Das ist eine schwierige Aufgabe, denn sachgerechte Annäherung" heißt möglichst wertneutrales Verstehen von kulturellen Phänomenen und Prozessen in ihrem eigenen Kontext. Nur in einem funktionalen Kontext kann eine Kultur angemessen verstanden werden. Ein derartiges Verständnisbemühen führt einen dazu, auch die eigene Kultur in erweiterter Perspektive zu reflektieren. Die eigene gesellschaftliche und kulturelle Wirklichkeit wird dadurch als geworden und bedingt und nicht als gegeben erlebbar. Damit kann die Reflexion über die Fremdkultur im Vergleich mit der eigenen Kultur sicherlich die kritische Handlungsfähigkeit innerhalb der eigenen Kultur erhöhen. Die Beschäftigung mit einer anderen Kultur, noch dazu in der Schule, um die es uns hier geht, kann nicht zum Ziel haben, Werturteile herbeizuführen. Es kann, wie ich glaube, nur darum gehen, exemplarisch wichtige Züge der anderen Kultur in ihrer kulturspezifischen Verankerung und in der Dynamik ihres Wandels einsehbar zu machen. Diese Art der Annäherung öffnet den Verstand zum Nachfragen, und am Nachfragen fehlt es leider im Hinblick auf andere Kulturen bei uns sehr. Verständnisbemühen ist eine Art der Annäherung, die keineswegs zum plumpen Kulturrelativismus führt. In Parenthese: Ich bin mir wohl bewußt, daß hier ein kurrikulares Problem auftaucht. Die Geisteswelt Indiens dürfte schwerpunktmäßig im Religionsunterricht behandelt werden. Religionslehrer haben hierfür wahrscheinlich auch vergleichsweise gute Vorbedingungen, sie arbeiten jedoch nicht in einem wertneutralen Feld, weshalb die Gefahr falscher Pointierung nicht ganz vermeidbar sein dürfte.

Was bietet Indien im Hinblick auf die erwünschte Erweiterung von Welterfahrung?

Die zweitgrößte Nation der Erde hat eine Geschichte von mehr als vier Jahrtausenden. Auf dem indischen Subkontinent entstanden in Gestalt des Buddhismus und des Hinduismus zwei große Weltreligionen. Indien stand seit der Frühgeschichte im Kontakt mit Vorderasien, später der antiken Welt und mit dem weiteren asiatischen Raum. Seit dem 8. Jh. tritt der Subkontinent in Berührung mit dem Islam, der dort ab dem ausgehenden 12. Jh. in schicksalhafter Weise manifest wird, denn es kommt seither zu muslimischen Staatenbildungen. An der Wende zum 16. Jh. beginnt der Prozeß der europäischen Expansion nach Indien. In ihm gewinnt im 18. Jh. England die Oberhand. Im Jahre 1858 wird Indien Teil des britischen Weltreiches und erlangt 1947 die Unabhängigkeit. Diese kommt in einem katastrophalen Prozeß der Teilung des Subkontinents nach Regeln einer religiös determinierten Grenzziehung zwische Hindus und Muslimen zustande. Die Folgen dieser Vorgänge beschäftigen die Welt noch immer. Seit der Berührung mit dem Westen, vor allem aber in einer unterlegenen Position als Kolonialstaat, ist Indien zunehmend mit der europäischen Moderne konfrontiert gewesen. Hiervon ist eines der Ergebnisse gewesen, daß es eine politische Ideologie übenommen hat, die einen Nationalismus mit enormer Schubkraft hervorgebracht hat.

Indien ist ein ethnisch sehr gemischter Staat. Es hat vielerlei Sprachen, Kulturen und Religionen. Diese Vielfalt stellt für das moderne Indien, welches sich als einheitliche Nation begreift, die vielleicht größte Herausforderung dar. Wie sind Pluralismus einerseits und staatliche Einheit bzw. nationale Identität andererseits miteinander in Einklang zu bringen?

Wir können aus diesen Stichworten sehen, daß Indien eigentlich immer mit Problemen konfrontiert gewesen ist, mit denen wir gerade beginnen uns konstruktiv auseinanderzusetzen. Hier denke ich vor allem an den Kultur- und Sprachpluralismus. Nach euphorischen Aufwallungen beim Gebrauch des Begriffs Multikulturalität ist dieses Wort bei uns zum ideologischen Sprengsatz mutiert. Indien aber ist multikulturell. Es liefert Paradebeispiele für typische Konflikte bei der Interaktion von Kulturen, und es bietet auch Lösungsmodelle, deren Haltbarkeit immer wieder heftig umstritten ist. Die Debatte kreist immer darum, welches Maß an Pluralismus den Bürgern zugestanden werden kann, ohne die Einheit des Staates zu gefährden. Wir kennen dieses heiße Eisen bei uns sehr wohl, packen es aber noch kaum an, ja, wir leisten es uns sogar zu verneinen, wir seien ein Einwanderungsland. Ein Blick auf andere Kulturen, die in gigantischem Ausmaß mit interkulturellen Problemen konfrontiert sind, würde uns hier gewiß helfen, die Dinge in klarerem Licht zu sehen.

Wenn Europa über die monetarische Einheit hinaus auch wieder zu einer gemeinsamen kulturellen Lebenswirklichkeit finden soll, ist der Sprachpluralismus hier eine natürliche Gegebenheit. Ihm aber haben wir uns bisher nicht nur verschlossen, wir regredieren sogar fröhlich vor uns hin, wie wir etwa im Bereich der Sprachanforderungen bei der Universitätsbildung verzeichnen müssen. Was Sprachpluralismus heißt, dem haben wir uns verschlossen. Es droht ein Europa der sprachlich darauf nicht gerüsteten Europäer. Wir denken, uns aus der Affäre ziehen zu können, indem wir uns aufs Englische zurückziehen. Hiermit aber ist nichts gewonnen, weder für das Englische noch für die Identifikationsbedürfnisse der wirklich bestehenden Sprachgemeinschaften. Indien aber ist mehrsprachig, und zwar im Alltag und auf breitestem Feld, nicht etwa nur bei einer Handvoll von Eliten. Das Land beherbergt mehrere hundert Sprachen aus fünf verschiedenen Sprachfamilien. Zum Alltag gehört es, mehrere Sprachen nebeneinander einzusetzen. Dies stellt ein wichtiges Register sozialen Handelns dar, welches zwar mit unterschiedlicher Kompetenz bedient wird, aber im Bewußtsein eines jeden als soziales Erfordernis vorhanden ist. Es käme wohl niemand auf den Gedanken, Mehrsprachigkeit von Kindesbeinen an als etwas anderes als eine Notwendigkeit anzusehen. Allerdings besteht neben dieser natürlichen Praxis auch ein sprachliches Konfliktpotential. Welche Sprache oder welche Sprachen sollen dominieren, welche sollen offiziell anerkannt und gefördert werden? Welche werden als rückständig stigmatisiert? All dies sind selbstverständlich Fragen, deren Beantwortung sich nicht aus dem natürlichen Nebeneinander der Sprachen ergibt, sondern aus ideologischen und politischen Grundüberlegungen heraus. Hier geht es um Selbstbehauptung ethnischer Identität und um hegemoniale Strukturen, die diese beeinträchtigen. Die linguistischen Kämpfe sind wesentlich die Kämpfe um regionale, ethnische und kulturelle Entfaltungsmöglichkeiten, also höchst politisch.

Dies sind keine Probleme, die uns nichts angehen. Es sind die Probleme, die uns hier in Europa noch auf weitere Sicht beschäftigen werden. Europa ist ein Gebilde, das früher sicherlich, wenigstens im intellektuellen Diskurs, eine gemeinsame christlich-abendländische Grundlage beanspruchen konnte. Diese aber ist keine Realität im Bewußtsein der heutigen Europäer. Das Konstrukt eines kulturellen Europas ist für die Zeitgenossen beileibe kein kostbares geistiges und emotionales Gut. Im Gegenteil, die Aktivierung regionaler Identitäten wird sich als Reaktion auf das kulturell zu wenig vermittelte Europa in einer Vielzahl von Gegenbewegungen zeigen. Die Phase der Subnationalismen dürfte erst begonnen haben.

Europa beginnt sich erst jetzt ernstlich mit dem religiös-kulturellen Pluralismus auseinanderzusetzen. Ich sage absichtlich"religiös-kulturell". Wir neigen dazu, religiöse Vorstellungen von kulturellen und zivilen Gewohnheiten kategorial zu trennen. Damit verfehlen wir oft ganz und gar die Ausgangslage einer anderen Kultur. Defensive und ausgrenzende Formen des Umgangs mit diesen anderen religiös-kulturellen Formen sind weit verbreitet. In Indien ist der religiös-kulturelle Pluralismus allgegenwärtig. Auch hat er ein wechselvolles Schicksal. Es reicht von Integration bis hin zu gewalttätiger Konfrontation. Letztere ist vor allem dann zu verzeichnen, wenn soziale Machtkämpfe mit religiösen Waffen ausgetragen werden. Auch Indien, welches seine Bevölkerung in eine nationale Einheit enbinden möchte, fragt sich, was das einigende Band einer Nation sein kann. Die hierbei beschworenen Werte, Traditionen und Symbole sind häufig religiös belegt und rufen kämpferischen Dissens von Gruppen hervor, die sich hierdurch nicht alleine nicht repräsentiert sehen, sondern befürchten, in religiös artikulierte hegemoniale Strukturen eingezwängt zu werden.

Indien bietet für uns, die wir, wenn auch recht oberflächlich, von einer gewissen Gleichheit aller Bürger ausgehen, das Beispiel einer Gesellschaft mit einem mehrfach spannungsreichen Sozialgefüge. Das Prinzip der traditionalen Gesellschaft war ihre Geschichtetheit, ihre Ungleichheit und rituelle und wirtschaftliche Arbeitsteiligkeit. Hinzukommt ein teilweise unterschiedliches Personenrecht für Hindus und Muslime. Dem steht das moderne, auch in Indien verfassungsmäßig verankerte Prinzip einer egalitären Gesellschaft gegenüber, in der jeder Bürger im Prinzip die gleichen Rechte und Entfaltungsmöglichkeiten beanspruchen kann. Die Bedeutung dieses Phänomens liegt für uns darin, daß wir verstehen lernen, daß unsere Gesellschaftsnormen nicht alleingültig sind, ja daß wir besser verstehen können, warum sichauch bei uns egalitäre Norm und historisch gewachsene und recht zähe faktische Ungleichheit noch immer hart im Raum stoßen. Solche gesellschaftlichen Spannungsverhältnisse sind im komparativen Zugang oft sehr viel leichter einsichtig zu machen als durch die unproduktive polemisch vorgetragenen Kritik aus der kulturellen Binnensicht.

Die andere, die indische Kultur eröffnet uns damit modellhaften Einblick in Konflikte und Vermittlungsansätze bei Problemen, die unseren Alltag betreffen und in gesteigertem Maß die Lebenswelt der heranwachsenden Generation betreffen werden.

Die Art, wie das geistige Indien in Schulbüchern vermittelt wird, läßt wenig von der Dynamik der dort verlaufenden Prozesse spüren. Das Hauptproblem scheint mir hierbei in der Präsentation starr kategorisierter, ja fast geschichtsloser Phänomene zu liegen, wie dies deren Bedingtheit und Wandelbarkeit in keiner Weise gerecht wird. Dies betrifft vor allem die Komplexe Religion und Gesellschaft. Fraglos hat Indien religiöse Vorstellungen von hohem Alter und imponierender Tiefe zu bieten, aber sind dies die Vorstellungen, die das menschliche Handeln bestimmen oder gar allein steuern? Laufen nicht viele und divergente Handlungs- und Diskursformen zusammen, die immerfort Neues produzieren, was gewiß im Lichte des Ererbten reflektiert wird? Bei der Religion gehen wir viel zu sehr von unseren landläufigen Vorstellungen von Religion als einem heilsrelevanten System von Ideen und Symbolen aus, die eine weitgehend säkulare Welt allenfalls überformen oder in ihr adjunktiv wirken. Das gilt für Indien weitgehend nicht. Religion ist hier Bestandteil eines weiten sozio-kulturellen Handlungsfeldes, das in alle gesellschaftlichen Bereiche hineinreicht. Hier geht es keineswegs nur um die Umsetzung oder lebenspraktische Einlösung von Ideen über Seele und Erlösung, wie sie die Lehrbücher vermitteln. Diese Ideen sind unstreitig wichtig, aber sie sind erstens nicht der geistige Besitz aller Kulturformen Indiens; und zweitens, wo sie als wichtig empfunden werden, sind sie auch nur ein Wert unter einer Reihe anderer, welche das Handeln bestimmen. Politische Machtverhältnisse, das gesellschaftliche Zusammenleben allgemein, das Verhältnis der Geschlechter, die Wege zum Heil selbst u.v.m. wurden und werden in der indischen Gesellschaft in lebendigen Prozessen dauernd neu verhandelt. Richtig ist, daß die in den Schulbüchern so oft genannten religiösen Grundüberzeugungen für viele Menschen ein Wertbestand sind, in dessen Lichte neue Wege reflektiert werden. Besinnen wir uns für einen Augenblick auf unsere eigene kulturelle Situation: Welche Konsequenz hat das religiöse Ideeninventar für unser Handeln? Mit dieser Frage will ich nicht hinaus auf das wohlfeile Moralisieren, etwa in dem Sinne, daß wir das Christentum nicht durch unser Handeln einlösen. Es geht um anderes: Welche Vorstellungen sind eigentlich, je nach Situation, handlungsleitend? Welchen und wessen Normen stellen wir uns?

Vor allem ist zu bedenken, daß es nicht einen konsistenten Hinduismus gibt, sondern daß unter diesem Dachbegriff viele unterschiedliche religiöse Vollzugs- und Vorstellungssysteme zusammengefaßt werden. Eine normative Darstellung, wie sie das Schulbuch, gestützt auf philosophisch-religiöse Texte vermittelt, ist irreführend. Sie ist nur aus unserem Bedürfnis nach einprägsamer Reduktion zu verstehen, vielleicht auch aus unserem sozusagen romantischen" Erbe.

Ähnliches gilt für die Gesellschaft, für die uns als Strukturmechanismus ein normiertes Kastensystem vorgeführt wird. In Wirklichkeit ist das Kastensystem zwar ein wichtiges Ordnungsinstitut der indischen Gesellschaft, in sich aber äußerst flexibel und in ständigem Wandel begriffen, denn die Allokation von Gruppen in der Kastengesellschaft wird durch viele Faktoren - kulturelle, wirtschaftliche, politische - gesteuert und dauernd verändert. Hinzu kommt, daß es viele Lebensbereiche gibt, in denen die Kaste irrelevant ist und andere Loyalitäten das Zusammenleben steuern. Viele andere Ordnungsmechanismen verschränken sich mit dem der Kaste. Aus der Mobilität der Kastengesellschaft und dem Vorhandensein vieler anderer Regelungsfaktoren des gesellschaftlichen Lebens erklären sich auch die mitunter außerordentlich heftig verlaufenden sozialen Konfrontationen zwischen Gruppen, die ihre Stellung in der indischen Gesellschaft verbessern oder behaupten wollen. Alles in allem ist die Kaste daher nicht das zentrale Institut gesellschaftlicher Regelung, als das sie präsentiert wird.

Was also bringt uns die Beschäftigung mit indischer Relgion und Gesellschaft für unsere Welterfahrung? Es ist die Erkenntnis, daß die Religion und Gesellschaft, wie wir sie definieren oder jedenfalls in unserer Lebenswelt irgendwie kognitiv als normative Größen definieren, nicht natürlich gegeben sind, sondern nur mögliche Formen von Kultur sind. Indiens Kultur hat Funktionstüchtigkeit bei recht anders strukturierten religiös-sozialen Formen.

Diese Formen stehen wiederum in dauernder Auseinandersetzung mit dem Erbe der westlichen Moderne. Die indische Kultur der Gegenwart verdankt diesem Erbe viel. Gleichzeitig jedoch ist die Moderne immer als eine Herausforderung verstanden worden, ererbte indische Vorstellungen und Strukturen angesichts der Ansprüche dieser Moderne neu zu reflektieren. Die Leistungen der indischen Reformer der vergangenen zweihundert Jahre, die sich dieser Aufgabe stellten, kommen übrigens im Schulbuch nicht zur Sprache. Die indische Kultur des Schulbuchs ist vielfach eine in die Gegenwart verschlepptes ideologisches Konstrukt der Vergangenheit. Es wird viel zu stark auf die unveränderlichen, großen Ideen des Altertums abgestellt. Dem leisten übrigens manche indischen Intellektuellen Vorschub, indem sie sich auf die angeblich ewigen Werte der indischen Kultur versteifen. Wir sind verpflichtet, uns die spannungsreiche Moderne einer anderen Kultur vor Augen zu führen, auch um zu begreifen, daß unsere Moderne nicht die Moderne Indiens sein kann und sein wird.

Wenn wir uns die Darstellung Indiens im Schulbuch oder in Anleitungen für Lehrer ansehen, so sind wir mit einem eigentümlichen Kaleidoskop konfrontiert. Die Moderne (Staudämme, Silicon Valleys à l'indienne usw.) finden sich neben einem Sammelsurium hoher Ideen und dem, was man nicht anders als exotische Relikte auffassen kann. Man kann die Schulbücher nicht gut isoliert von anderen Medien betrachten, denn informelle Information färbt natürlich auch die formelle im Schulbuch und die aus dem Schulbuch bezogene. Das Schulbuch müßte hier den Zerrbildern gegensteuern. Doch da wimmelt es immer noch von nackten Sadhus, Glitzer-Maharajas, in Brand gesetzten jungen Ehefrauen und - wenn sie das krude Bild gestatten - abgetriebenen weiblichen Föten. Diese Erscheinungen sind Tatsachen, aber sie bedürfen der Einordnung. Warum beispielsweise sind manche Sadhus nackt und aschebeschmiert? Dies ließe sich durch eine sehr kurze Erklärung über die religiöse Gegenwelt, in der das Mönchstum zuhause ist, begreiflich machen und würde im Vergleich zur nicht so unähnlichen Tradition europäischen Mönchtums die Bedeutung dieses religiösen Versuchs, menschliches Leben erfüllt zu machen, eine entsprechende Unterrichtseinheit bereichern und das Phänomen aus der Sphäre des Grotesken völlig herausholen. Warum werden junge Ehefrauen in Brand gesteckt, wenn ihre Mitgift als zu schäbig empfunden wird? Die mitunter krasse Asymmetrie der Geschlechter und die Monetariserung von Heiratsbeziehungen (hier hinein gehört auch das indische Kapitel der Abtreibung weiblicher Föten) paßte nicht schlecht in ein größeres Kapitel der Sozialgeschichte oder der Ehe und Familie in Europa bis an die Grenze des 20. Jhs.. Ich denke also, daß viel gewonnen würde, wenn interkulturelles Lernen vermehrt dadurch geschähe, daß im Zusammenhang mit bestimmten Problemfeldern der eigenen Kultur parallele Felder der anderen Kultur mit ins Auge gefaßt würden. Dies ist dazu angetan, der anderen Kultur die Fremdheit zu nehmen.

Nur Erklärtes kann unsere Weltsicht bereichern. Erklärungen über eine andere Kultur müssen der eigenen kulturellen Lebenswirklichkeit angepaßt sein. Ansonsten bleibt das über die andere Kultur Vermittelte nicht nur bedeutungslos, schlimmer noch: es wird als gleichberechtigte Alternative kulturellen Handelns überhaupt nicht ernst genommen. Es liegt im Wesen menschlichen Handelns, nicht natürlich gegeben, sondern kulturell geprägt zu sein. Indien eignet sich in unserer Gegenwart intensiven globalen Kontakts als ein eindrucksvolles Beispiel von hochdifferenzierten kulturellen Versuchen, das Leben zu bewältigen.


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