Dokumentation

Revision des Indienbildes im Schulunterricht

 


Entwicklung und Perspektiven der Wirtschaft Indiens

Prof. Dr. Michael Hauff


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Inhalt


1. Die Gestaltung des Wirtschaftssystems nach der Unabhängigkeit 1947

Das indische Wirtschaftssystem einer Mixed Economy" basierte auf den Ideen von Nehru und Mahalanobis, die eine stark planwirtschaftlich sozialistische orientierte Wirtschaft mit marktwirtschaftlichen Elementen aufbauen wollten. Die Konzeption wurde 1944 in dem Bombay Plan" niedergelegt, an dem auch namhafte Persönlichkeiten aus der Industrie mitwirkten. Der Staat sollte eine führende Position einnehmen, um die Entwicklungsengpässe und die weit verbreitete Armut in der Bevölkerung rasch zu überwinden.

Die wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Prioritäten wurden seit 1951 in den Fünf-Jahresplänen festgelegt, die seither einen wichtigen Stellenwert in der Wirtschaftsplanung einnahmen. Die wirtschaftliche und politische Unabhängigkeit wurde nach der langen Zeit kolonialer Abhängigkeit durch die Strategie der Importsubstitution" angestrebt. Diese Strategie zielte besonders auf den Aufbau bzw. die Förderung eines Industriesektors ab, der gegenüber dem Ausland unabhängig ist und eine weitgehende Selbstversorgung der Wirtschaft (Herstellung von Investitionsgütern) und der Bevölkerung (Bereitstellung von Konsumgütern) gewährleistet.

2. Beginn einer Neuorientierung: Die Einleitung und Umsetzung des Transformationsprozesses

Die wirtschaftliche Entwicklung wurde schon zu Beginn der 60er Jahre im Zusammenhang mit dem dritten Fünf-Jahresplan von einigen der politisch Verantwortlichen und Wirtschaftsexperten als unbefriedigend empfunden. Dabei wurde besonders die Rolle der Regierung hinsichtlich der wirtschaftlichen Führung des Landes, die Beziehung zwischen öffentlichem und privatem Sektor und der Mangel an technologischem Fortschritt und (ausländischem) Kapital kritisch diskutiert. Ende der 70er Jahre wurden die unbewältigten wirtschaftlichen Probleme so offensichtlich, daß Rajiv Gandhi 1985 schließlich erste Reformen einleitete, die auf eine stärkere marktwirtschaftliche Orientierung und eine wirtschaftliche Öffnung des Landes abzielten.

Die Regierung unter Ministerpräsident Rao, die 1991 an die Macht kam, leitete eine konsequente Liberalisierungspolitik ein, die den achten Fünf-Jahresplan (1992 - 1997) maßgeblich prägte. Die Liberalisierungspolitik der indischen Regierung wurde durch das Strukturanpassungsprogramm der Weltbank unterstützt. Es war die logische Konsequenz der in den 80er Jahren stark zunehmenden Außenverschuldung Indiens von 20 Mrd. $ auf 70 Mrd. $. So mußte auch Indien, wie viele andere Entwicklungsländer, nach Krediten bei der Weltbank nachfragen, die mit entsprechenden Auflagen verbunden waren. Die Liberalisierungspolitik läßt sich in Indien jedoch nur langsam umsetzen, da es vielfältige Widerstände gibt.

3. Wesentliche Strukturmerkmale der Indischen Wirtschaft

Indien zählt zu den Entwicklungsländern mit einer extrem heterogenen Wirtschaftsstruktur und einer großen Ungleichverteilung der Einkommen und Vermögen. Neben hochmodernen Wachstumsbranchen wie Computer-Soft- und Hardware, Elektronik, Unterhaltungselektronik und Nachrichtentechnik, gibt es neben einer Reihe von stagnierenden Branchen besonders viele Unternehmen mit veralteten Maschinenanlagen und einer geringen Produktivität. Die sektorale Differenzierung zeigt, daß in dem Agrarsektor etwa zwei Drittel der Beschäftigten tätig sind, wobei die Landwirtschaft nur etwa 34% zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) beiträgt und somit eine sehr geringe Produktivität aufweist. Der sekundäre Sektor, d. h. das produzierende Gewerbe, hat trotz intensiver Bemühungen in den vergangenen Jahrzehnten nur einen Anteil von etwa 27% und der tertiäre Sektor (Dienstleistungsgewerbe) hat einen Anteil von etwa 39%.

Ein weiteres wesentliches Strukturmerkmal ist, daß nur ca. 10% der Erwerbstätigen im sogenannten formellen bzw. organisierten Sektor tätig sind. Diese Erwerbstätigen haben einen Arbeitsvertrag und haben entsprechend den Gesetzen gewisse Rechtsansprüche und Pflichten. Diese Rahmenbedingungen fehlen im informellen Sektor, d. h. die Menschen arbeiten hier rechtlich weitgehend ungeschützt. Im informellen Sektor sind die Hauptbeschäftigungsformen die Selbstbeschäftigung (Rikschafahrer, Straßenküchen, Obst- und Gemüseverkäufer auf den Straßen etc.) und Gelegenheitsarbeit. Das erklärt auch die hohe Armutsquote. Nach dem bekannten Lakdawala-Report von 1993 betrug die städtische Armutsquote 39,1% und die ländliche Armutsquote 40,1%. Die Armutsquote berechnet sich aus der Bevölkerung die unterhalb der Armutsgrenze lebt im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung.

4. Perspektiven der indischen Wirtschaft

Die indische Wirtschaft zeichnet sich einerseits durch ein großes Entwicklungspotential und andererseits durch einen hohen Grad an Krisenanfälligkeit aus. Daher reicht es nicht aus, die Entwicklungsperspektiven nur auf der Grundlage der üblichen Wirtschaftsindikatoren zu beurteilen. Danach weist die indische Wirtschaft relativ positive Perspektiven auf: Die Wachstumsrate des Bruttoinlandsproduktes liegt seit einigen Jahren deutlich über 5%, die Bruttoinvestitionen sind in den vergangenen Jahren wieder stark angewachsen, wogegen negativ zu beurteilen ist, daß das Handelsbilanzdefizit (Exporte / Importe) zugemommen hat.

Reale Veränderungen 1995/96 - 1997/98*  in%

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* Wirtschaftsjahr 1.4. bis 31.3.
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Die gesamtwirtschaftlichen Entwicklungsperspektiven der indischen Wirtschaft hängen jedoch neben der gesamtwirtschaftlichen Stabilisierung auch ganz wesentlich davon ab, ob es gelingt dem indischen Wirtschaftssystem ein klares Profil zu geben (Frage: Wohin soll es gehen?), die extreme Armut bzw. Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen zu verringern, das Bildungssystem und die Infrastruktur zu verbessern und die beängstigende Umweltkrise aufzuhalten und abzubauen. Ferner muß der hohe Grad an Bürokratisierung deutlich verringert werden und die begonnene Dezentralisierung (Stärkung des Föderalismus) konsequent fortgeführt werden. Nur so kann das große wirtschaftliche Entwicklungspotential zum Wohle der Bevölkerung zur Entfaltung kommen.


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