Dokumentation

Revision des Indienbildes im Schulunterricht

 


Unterrichtsfach Geschichte
Zur älteren Geschichte Indiens
Prof. Dr. Hermann Kulke


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Inhalt


Lassen Sie mich meine Ausführungen zunächst mit einigen, wie es im Englischen in solchen Fällen so schön zu heißen pflegt, desultory remarks" über die eigenartige Koinzidenz der 500jährigen Wiederkehr der sog. Entdeckung" Indiens und der indischen Atombombentests beginnen.

Vor 500 Jahren oder genauer gesagt, vor 500 Jahren und 17 Tagen, am 20. Mai 1498, landete Vasco da Gama in Calicut an der Küste Südwestindiens und eröffnete damit den Seeweg zur europäischen Expansion und 450jährigen Hegemonie über Asien. Wenn auch das Gedenken an dieses wahrlich welthistorische Ereignis im Getöse der indischen und pakistanischen Atombombentests untergegangen zu sein scheint, so mutet das sich bereits vorher abzeichnende Desinteresse der Öffentlichkeit in Europa und Indien an dieser sog. Entdeckung" Indiens dennoch wie eine conspiracy of silence" an.

Die Wahl des 11. Mai und nicht des Tages der Landung Vasco da Gamas vor Calicut für die indischen Atombombentests und das Vergessen" des 20. Mai in Europa scheint in beiden Fällen auf ein Unbehagen mit der eigenen Geschichte zurückzuführen zu sein. Daß Indien seine eigene koloniale Entdeckung" nicht feiern würde, mag nicht sonderlich verwundern. Für Indien und seine hindunationalistische Regierung hätte sich aber dennoch die einmalige Chance geboten, sich mit einem Atombombentest am 20. Mai, also am 500. Jahrestag seiner kolonialen Entdeckung", nicht nur in den illustren Atomclub hineinzubomben, sondern sich damit auch endgültig vom Makel früherer europäischer Dominanz zu befreien. Doch die Regierung wählte stattdessen den Tag der heiligen Vollmondnacht der Buddhisten, Buddha Pürnima. Wenn es auch eine rein hypothetische Vermutung ist, so spricht doch manches dafür, daß dieser Tag nicht nur deshalb gewählt wurde, weil genau 24 Jahre zuvor Indira Gandhi bereits den ersten Little Buddha" hatte zünden lassen. Hindunationalisten verdammten seit den zwanziger Jahren vehement Buddhas und insbesondere Gandhis Lehre der Gewaltlosigkeit, weil sie die indische Nation zu schwächen, ja zu entmannen drohe. Die Hindu-Bombe" am Tage der Vollmondnacht Buddhas scheint diesen - in den Augen der Hindunationalisten - Fluch der Gewaltlosigkeit endgültig gebannt zu haben. Thackeray, der große Führer der Shiv-Sena, der Armee Sivas" in Maharashtra, jubelte daher der Bombe zu, der Welt bewiesen zu haben, daß die Inder keine Eunuchen seien".

Die Frage, warum aber auch Europa die fünfhundertjährige Wiederkehr seiner Entdeckung des Seeweges nach Indien mit offenkundigem Desinteresse überging, stellt sich besonders in Anbetracht des erst unlängst mit großem Pomp gefeierten Columbusjahres und der Entdeckung Amerikas. Es ist m. E. keineswegs ausgeschlossen, daß das stillschweigende Übergehen des 20. Mai 1498/1998 eine direkte Folge eben dieser Columbusfeiern ist. Setzte sich doch damals auch in der breiteren Öffentlichkeit die Erkenntnis durch, daß die Entdeckung und Europäisierung der beiden Amerikas nur durch einen der größten Genozide der Menschheitsgeschichte, begangen von christlichen Mächten, erkauft werden konnte. Hatte nicht auch der erste Portugiese, der am 20. Mai 1498 in Calicut indischen Boden betrat, auf die landesunübliche Begrüßung bzw. Frage: Hol dich der Teufel! Wer hat dich (hier)hergebracht?" mit dem berühmt-berüchtigten Diktum geantwortet: Wir kommen, um Christen und Gewürze zu suchen."

Doch dürfte es nicht nur eine Frage der political correctness" im Zeitalter vermeintlicher asiatischer Werte" sein, die Europa daran hindert, das historische Umfeld des Geschehens am 20. Mai 1498 näher auszuleuchten. Nicht minder bedeutsam mag es sein, daß die Kenntnisse der europäischen Öffentlichkeit über Kultur und Geschichte des damals entdeckten" fernen Indiens auch heute noch derart gering sind, daß entsprechende Gedenkveranstaltungen zum 20. Mai 1498 allenfalls in Portugal auf ein breiteres Interesse stoßen dürften. Was auch immer im einzelnen die Ursachen dieser hier nur paradigmatisch erörterten indo-europäischen conspiracy of silence" über den 20. Mai 1498 und die Wahl des Datums der Atombombentests in Indien gewesen sein mögen, sie illustrieren m. E. sehr gut die politische Relevanz sich wandelnder und kontestierender Geschichtsbilder Indiens, deren Einfluß auf das Indienbild im deutschen Schulunterricht nun kurz beleuchtet werden soll.

Herr Lütt hat in seinem Beitrag Deutschland, Indien und das deutsche Indienbild" im neuesten Indienheft der Landeszentrale für politische Bildung sehr treffend - wie es im Untertitel heißt - das romantische und das utilitaristische Indienbild Europas" dargestellt. Sie spiegeln nach Lütt zwei antagonistische Grundpositionen der europäischen Selbstverständnisse" wider, die auf Indien projiziert werden. Auf der einen Seite steht das auf die frühen englischen Orientalisten wie Sir William Jones und auf Herder und Schlegel zurückgehende romantische Indienbild, das weit über die Romantik hinaus bis in die Gegenwart vor allem von der deutschen Indologie perpetuiert wurde. Ihm steht das gänzlich negative Indienbild der britischen Utilitaristen und der Evangelikalen gegenüber, das auf Jeremy Bentham, James Mill und William Bentinck zurückgeht und Grundlage aller Sozialreformen bildete und das kritische Indienbild bis heute bestimmt.

Im Deutschland des 19. Jh. waren Hegel und Marx die einflußreichsten Protagonisten dieses negativen Indienbilds. Was im Zusammenhang mit unseren Überlegungen nicht nur zum Indienbild, sondern zum Bild der indischen Geschichte von besonderer Bedeutung ist, ist Hegels und Marx' völlige Negierung einer indigenen Geschichte Indiens. So schrieb Marx am 22.7.1853: Die indische Gesellschaft hat überhaupt keine Geschichte, zumindesten keine bekannte Geschichte. Was wir als ihre Geschichte bezeichnen, ist nichts anderes als dieGeschichte der aufeinanderfolgenden Eindringlinge, die ihre Reiche auf der passiven Grundlage dieser widerstandslosen, sich nicht verändernden Gesellschaft errichteten." Marx' Bild der indischen Geschichte geht unmittelbar auf J. Mills History of British India", dem Lehrbuch aller britischen Indian Civil Servant-Beamten, zurück. Nicht weniger deutlich und das deutsche Indienbild noch nachhaltiger beeinflussend sind die Äußerungen Hegels in seiner Philosophie der Geschichte": Weil die Inder keine Geschichte als Historie haben, um deswillen haben sie keine Geschichte als Taten (res gestae) d. i. keine Herausbildung zu einem wahrhaft politischen Zustande." Direkt in die Lehrpläne Baden-Württembergs - aber sicherlich auch anderer Bundesländer - führt uns ein weiteres Zitat Hegels: Bei einem solchen Volk ist denn das, was wir im doppelten Sinne Geschichte heißen, nicht zu suchen, und hier tritt der Unterschied zwischen China und Indien am deutlichsten und auffallendsten hervor."

Werfen wir nun einen Blick in die uns zugesandten, Indien betreffenden Auszüge aus den Lehrplänen Baden-Württembergs, so ergibt sich, was die Geschichte Indiens - und in meinem Fall insbesondere die frühe Geschichte Indiens - betrifft, folgender klarer Befund: Die vorkoloniale Geschichte Indiens von der frühen Hochkultur der Indusstädte bis zu dem Mogulreich existiert in den Lehrplänen Baden-Württembergs nicht.

Im Erdkundeunterricht ist Indien dagegen gut vertreten. In der Realschule taucht es erstmals in der 9. Klasse als Lehrplaninhalt unter dem Titel auf- Wir lernen am Beispiel Indiens die Vielfalt eines Landes kennen", und im Gymnasium in Klasse 8 unter dem Titel Indien und China, die bevölkerungsreichsten Staaten der Erde". In beiden Fällen kann im Rahmen des Erdkunde-Unterrichtes selbstverständlich keine eingehende Beschäftigung mit der frühen Geschichte Indiens erwartet werden. Dennoch fällt auf, daß Indien im Gymnasium unter der Thematik Indien - Entwicklungsland und Industrieland" eingeführt wird, während China unter dem Titel China als alte Kulturnation" vorgestellt wird. In der Erläuterung heißt es dann zu China weiter: Eine Begegnung mit Zeugnissen einer alten Kultur (Bauwerke, Schriftzeichen, Handwerk)". Nichts dergleichen erfahren dagegen die Schüler über Indien und dessen alte Kultur und Geschichte. Es mutet daher fast so an, als ob Hegel diesen Lehrplan posthum entworfen habe, denn von ihm erfuhren wir bereits, daß bei einem solchen Volk das, was wir Geschichte heißen, nicht zu suchen (ist)", und daß hierin der Unterschied zu China am auffallendsten sei.

Gehen wir noch einen Schritt weiter und sehen die Lehrpläne daraufhin durch, in welchen Fächern welche Lehrinhalte über Indien vermittelt werden, so zeigt sich, daß dies neben Erdkunde nur im Religionsunterricht geschieht. Auffallend ist dabei, daß in der katholischen Religionslehre immerhin Hinduismus und Buddhismus auf dem Lehrplan stehen, während in der evangelischen Religionslehre nur der Buddhismus ansteht. Schimmert in den katholischen Lehrplänen noch das alte genuine Interesse der Jesuiten an den Religionen Asiens durch und läßt im evangelischen Religionsunterricht etwa gar Max Webers protestantische Ethik grüßen? Obschon Religionslehre und Erdkunde nicht Teil meines Impulsreferates" zur frühen Geschichte Indiens sind, so sei doch die Anmerkung gestattet, daß sich in dieser Zweiteilung des indischen Lehrstoffes" an deutschen Schulen noch sehr deutlich die von Lütt aufgezeigten antagonistischen romantischen und utilitaristischen Indienbilder des 19. Jahrhunderts widerspiegeln. Und so nimmt es dann auch nicht wunder, daß diesen Indienbildern des 19. Jahrhunderts entsprechend auch die vermeintlich nicht existierende vorkoloniale Geschichte Indiens keinen Eingang in die deutschen Lehrpläne des ausgehenden 20. Jh. gefunden hat.

Stellen wir uns nun die Frage, welche Aspekte der frühen indischen Geschichte in den Schulunterricht Eingang finden sollten, so dürfte von vorneherein Einigkeit darüber bestehen, daß auch eine noch so verkürzte Gesamtdarstellung nicht in Frage kommen kann. Stattdessen sollten einzelne Aspekte der indischen Geschichte paradigmatisch und ergänzend im Zusammenhang mit der deutschen/europäischen Geschichte in den Lehrstoff eingebracht werden. Dies kann auf drei Ebenen geschehen.

1. Beispielhafte Einzelperioden oder Einzelereignisse

a) Induskultur als eine der frühen Hochkulturen der Menschheit im Zusammenhang mit den anderen Hochkulturen des Vorderen Orients.

b) Hellenistischer Einfluß durch Alexanders Indienzug und die buddhistischen Missionen Kaiser Ashokas im 3. Jh. v. Chr. bis in die Mittelmeerwelt, nach Burma und Sri Lanka.

c) Der Indienhandel Roms bzw. der Romhandel Indiens im augustäischen Zeitalter.

d) Die Ausbreitung der indischen Kultur nach Südost,- Zentral- und Ostasien im 1. Jahrtausend n. Chr.

2. Die Geschichte Indiens im Kontext gesamtasiatischer bzw. eurasiatischer Wirkungszusammenhänge

a) Die zeitgleichen Angriffe Europas und Indiens durch die Hunnen (um 450), Araber (711) und Mongolen (im frühen 13. Jh.) und deren vergleichbare Folgen für die weitere Entwicklung Indiens.

b) Indien und die gesamt(euro-)asiatischen Handels- und Kulturbeziehungen im Indischen Ozean und auf der Seidenstraße.

c) wie ld

d) DieVermittlung indischer Kultur nach Europa durch die islamischen Reiche des vorderen Orients (z. B. indische Ziffern, das Pancatantra)

3. Strukturvergleichende Darstellungen

a) Feudalismus in Europa und Indien

b) Stadtentwicklung in Indien und Europa

c) Frühe moderne Großreiche Asiens und Europas (Mogulen, Safawiden, Osmanen)

Noch eine abschließende Impulsüberlegung". Es wäre sehr wohl zu überlegen, ob diese Vermittlung historischen Wissens über die voreuropäische Geschichte" im Schulunterricht auf Indien beschränkt bleiben sollte, oder ob statt dessen nicht Einzelthemen beispielhaft auf Gesamtasien ausgedehnt werden sollten.

Das wichtigste Lernziel dieses Blickes nach Indien und Asien sollte die Überwindung des eurozentrischen Weltbildes und die Vermittlung des Wissens sein, daß bereits vor Beginn der europäischen Expansion vor 500 Jahren Hochkulturen und Großreiche in Asien existierten, die sich in unserer Gegenwart anschicken, ihre frühere welthistorische Bedeutung zurückzuerlangen. Die rezenten Explosionen der Atombomben in Indien und Pakistan wären möglicherweise zu verhindern gewesen, wenn sich diese Einsicht schon früher durchgesetzt hätte.


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