Inge Eberhart

Frauen auf dem Lande: Hoffnungsträgerinnen für die Region


Inge Eberhart, geb. 1958. Ausbildung zur Arzthelferin. 3 Kinder. Bewirtschaftet zusammen mit ihrem Mann einen Aussiedlerhof mit Milchvieh und Ackerbau. 1994 Meisterprüfung in Ländlicher Hauswirtschaft. Seit 1991 Vorsitzende im Kreislandfrauenverband und Mitglied im Vorstand des Kreisbauernvereins im Zollernalbkreis. Mitglied der Vertreterversammlung der Landwirtschaftlichen Sozialversicherungen. Seit 1994 stellvertretende Vorsitzende des Landfrauenverbandes Württemberg-Hohenzollern.

Als ich das Programm für die Fachtagung 'Perspektiven ländlicher Entwicklung in Baden-Württemberg - Potentiale und Kooperationen auf dem Lande' gesehen habe, habe ich gestaunt und mir überlegt, ob es bei diesen, für mich sehr theoretischen Themen um uns geht, um uns Bewohner des ländlichen Raumes. Vor allem hat mich befremdet, daß - mit einer Ausnahme - sämtliche Referenten männlich und die Titel auffallend rational gehalten sind.

Ich frage mich, warum nur eine einzige Frau eingeladen wurde und warum nun ausgerechnet eine 'Frau auf dem Land: Hoffnungsträgerin für die Region' sein soll.

Ist sie gedacht als

- kulturelles Rahmenprogramm?

- Alibifrau?

- Ausweg in Zeiten leerer Kassen (Frauen mußten schon immer 'den Mangel verwalten', aus wenig viel machen)?

- letzter Ausweg (wenn 'mann' nicht mehr weiter weiß, darf 'frau' zeigen, was sie kann)?

Oder hat 'mann' endlich entdeckt, daß

- 'frau' eine andere Lebenswelt hat?

- Probleme anders sieht und zu bewältigen versucht?

- Oder bekommt die 'weibliche Sicht' der Dinge vielleicht langsam einen - anderen - Stellenwert in der Gesellschaft?

Das würde mir Mut, Hoffnung machen!

Nach dieser Einleitung erwarten sie von mir sicher keine euphorische Aufzählung von Hoffnung, Lichtblicken. Äußerlich gibt es keinen Grund zur Euphorie - aber vielleicht innerlich?

 

Nicht was wir erleben,

sondern wie wir empfinden,

wie wir erleben,

das macht unser Schicksal aus.

(Marie von Ebner-Eschenbach)

 

Ich wurde eingeladen als Frau, Mutter, Landfrau - Bäuerin, außerdem bin ich praktizierendes Mitglied der evangelischen Kirche - Christin. Ich habe mir überlegt, was mir in diesen vier Bereichen Mut macht, Hoffnung gibt (wobei sicher viele Punkte gleichermaßen für die 'Frauen in der Stadt' zutreffen). Denn man muß Hoffnung haben, um Hoffnungsträger sein zu können.

Engagierte, gläubige PfarrerInnen können gerade heute viel bewegen. Immer wieder werden die leeren Kirchen bejammert. Dabei wird oft übersehen, daß die Kirchenbesucher früher eher gezwungenermaßen, weil es sich gehörte, zum Gottesdienst gingen. Heute kommen sie aus freiem Willen. Gerade auch junge Familien kommen mit ihren Kindern in die seit einigen Jahren angebotenen Familiengottesdienste. Ich denke, die Kirche ist weltoffener geworden.

Ich spüre auch vermehrt einen Wandel von ''Das Weib schweige in der Gemeinde'' zu der Erkenntnis: ''Ohne Frauen gibt es Kirche gar nicht''. Ich denke an Eva, die als erste vom Baum der Erkenntnis gegessen hat. Wir würden sonst noch immer ohne Erkenntnis leben - vegetieren. Ich denke an die Purpurfärberin Lydia, die erste Christin in Europa - weil Männer sich nicht getraut haben, sich zu Jesus zu bekennen. Ich denke an die Frauen am Grabe Jesu. Sie waren die ersten Zeugen der Auferstehung - weil Männer nicht gewagt haben, dazubleiben, mitzuleiden, auszuhalten. Noch immer ist ein geringer Prozentsatz der Kirchenbesucher männlich! Trotzdem haben Männer oft 'das Sagen'.

Dorothee Sölle schreibt über den institutionellen Sexismus: ''Er vertreibt die begabtesten, starken, unangepaßten und der Hingabe an Christus fähigen Frauen und betreibt eine negative Auslese von Menschen im Dienst der Kirche, die nur deswegen als unbrechbar gelten, weil sie unbegrenzt biegbar sind. Der Wunsch, Frauen unter Kontrolle zu halten, so daß auch der machtlose 'Kleine Mann' noch ein Objekt der Beherrschung und Rollenzuweisung unter sich hat, ist den verschiedenen religiösen Fundamentalisten gemeinsam.''

Das wird von vielen Kirchenbesuchern gespürt, gemerkt, verstanden. Das Kirchenbegehren, die Unterschriftensammlung von 1995 gibt mir Mut. Es muß nicht immer alles so bleiben, wie es war!

Oder wenn bei uns in Balingen Pfarrer (beider Konfessionen) am verkaufsoffenen Sonntag mit Schildern ''Wer sonntags einkauft, zwingt andere dazu, sonntags zu arbeiten'' vor den Läden demonstrieren. Das hat zum Nachdenken angeregt. Daraus sind viele Diskussionen entstanden. Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sich selbst verliert? (Lukas 9, 25) Das macht mir Hoffnung.

Die baden-württembergische Kultusministerin Frau Dr. Schavan sagte in einem Vortrag vor Jugendlichen: ''Es wird in Zukunft nicht mehr reichen, einen Beruf zu haben. Jeder Mensch wird in seinem Leben verschiedene Berufe ausüben müssen.'' Für viele Männer ist diese Aussage sicher erschreckend. Ist der Karriereknick doch vorprogrammiert. Die meisten Frauen mußten das schon immer: Berufsleben, Leben als Familienfrau, Mutter und danach der oft schwierige Einstieg ins Berufsleben, oft in einen anderen Beruf als den erlernten.

Das muß aber nicht unbedingt negativ sein: ''Viele Leben möchte ich leben.'' Das macht zwar finanziell nicht reich - aber man kann seine Hoffnung auf viele verschiedene Bereiche setzen. Diese Flexibilität macht innerlich reich, gibt Mut.

Mut macht mir auch meine ehrenamtliche Arbeit im Landfrauenverband. Bundesweit 550.000 Frauen und in Baden-Württemberg 80.000 Frauen sind als Einzelmitglieder im Landfrauenverband organisiert.

 

Die Ziele des Deutschen Landfrauenverbandes sind

- Verbesserung der sozialen, wirtschaftlichen, rechtlichen Situation von Frauen,

- Vereinbarkeit von Familie und Beruf,

- Gesellschaftliche Anerkennung der Arbeit in Haushalt und Familie,

- Befähigung von Frauen zur Mitwirkung im öffentlichen Leben,

- Befähigung zur Sicherung des Einkommens und Lebensqualität der Familie im ländlichen Raum,

- Erhaltung und Verbesserung der Lebensqualität.

 

Auf Kreisebene organisieren wir Landfrauen jedes Jahr ein bis zwei Seminare. Die Themen sind unter anderem: 'Rhetorik', 'Veranstaltungen eröffnen, leiten, abschließen', 'Wie sag ich es dem Verbraucher?', '1x1 der Nachrichten', 'Wohin mit meiner Wut?'. Diese Tagesseminare sind für uns Gelegenheiten zu Zusammenkünften mit Gleichgesinnten. In offenem Miteinander lernen wir unsere Probleme zu relativieren und uns Freiräume zu schaffen, die wir Frauen zur Entwicklung unserer Persönlichkeit dringend brauchen.

Nur wenn Frauen sich als gleichwertige Menschen wichtig nehmen, können sie auch das nötige Selbstwertgefühl entwickeln. Und daraus erwächst dann der Mut, sich für andere, auch im Verband, zu engagieren. Hoffnungsträger für andere sein zu dürfen macht auch Hoffnung.

''Die berühmte 'Hausfrauenkrankheit', die Frauen geistig austrocknet, ist offenbar schon sehr alt. (...) Frauen, die sich angeblich für ihre Familie 'aufopfern' und zu bequem und ängstlich sind, ihrem Haus-Patriarchen entschieden 'Nein!' zu sagen, schädigen psychisch nicht nur sich, sondern auch ihren Mann und - vor allem - die Kinder. Frauen, die sich nur 'aufopfern', müssen neurotisch werden. Wer neurotisch ist, macht auch andere krank.''

In den letzten Jahren kann ich verstärkt einen 'Wertewandel' feststellen. Ich sehe das z.B. bei Landfrauenbegegnungen: Früher mußte etwas hergestellt werden: eine Bastelarbeit, der Strickstrumpf - auf jeden Fall wollte zuhause gezeigt werden, daß etwas geleistet wurde. Viele Frauen wollen das heute bewußt nicht mehr, und hier lernen ältere Frauen von den jüngeren: Immer mehr Frauen erkennen, daß sie sich ihr Dasein nicht verdienen, erarbeiten müssen. Das ist eine große Befreiung, die hilft, im Alter zufrieden zu sein, wenn man sich naturgemäß nicht mehr über die Leistung definieren kann, und die Mut macht.

Frauen unterschiedlichster Parteien und Verbände haben bei uns im Zollernalbkreis eine 'Initiativgruppe für eine Kreis-Frauenbeauftragte' gegründet. (Wir haben ein gutes Miteinander - das manche Männer staunen läßt und uns Mut macht.) Wir Beteiligte dieser Gemeinschaft haben u.a. folgende Faktoren zusammengetragen, die uns im ländlichen Raum Zuversicht geben:

- Weiterbildung für Frauen in allen Sparten, z.B. Fachseminare für Baupolitik,

- mehr Frauen im Gemeinderat, in der Gemeindepolitik,

- die Infrastruktur in den Dörfern mit Laden, Post, Bauernmarkt, Kindergarten, Schule (für Frauen mit Kindern ist Kommunikation wichtig),

- Frauengruppen mit eigenen Interessen z.B. Gymnastik für Ältere, Mutter-Kind-Turnen,

- Nachbarschaftshilfe.

Mir persönlich machen auch leere öffentliche und private Kassen Mut. In den letzten Jahren wurden viele Herausforderungen mit Geld zugedeckt - nicht gelöst: z.B. Kindergeburtstag - Mc Donald's; alt - Altersheim; pflegebedürftig - Pflegeheim; sterben - Krankenhaus; arbeitslos - Arbeitslosengeld - selber schuld. Immer mehr Menschen sind von diesen Problemen betroffen. Gefordert sind Phantasie, Mitgefühl, Mitverantwortung, Zusammengehörigkeitsgefühl, innere (weibliche?) Werte - wir werden alle umdenken (müssen). Das ist unsere Zukunft!

Als Mutter im ländlichen Raum freue ich mich, daß alles, was das Leben in unserer Familie bestimmt, (bis jetzt noch) in erreichbarer Nähe ist: Schule, Kirche, Laden, Arbeitsplätze, Kurzzeitpflegeplätze, gute Nachbarschaft, Eigeninitiative (z.B. wurde die Schule im Dorf von den Eltern, bei Bereitstellung des Materials, selbst renoviert). Ich denke, daß unsere Kinder ein reiches, interessantes Leben haben. Im Dorf ist genug Platz zum Spielen da - das beweisen mir die leeren Spielplätze. Viel wichtiger sind meiner Meinung Kindergartenplätze, Jugendarbeit, Jugendbegegnungsstätten - da ist noch viel zu tun!

Ich hoffe, daß sich viel mehr Mütter in die Kommunalpolitik einbinden. Mütter sind näher am Leben und flexibel (sie müssen sich mit ihren Kindern verändern, weiterentwickeln).

Menschen, die schon seit vielen Jahren in den Gremien sitzen und deren wichtigstes Argument ''Das war schon immer so!'' ist, müssen ersetzt werden: Wir brauchen Platz für andere Ideen, für Frauen, für 'Familien-Männer'. Ich sehe darin die einzige Chance, daß die Lebenswelt von Familien (als Keimzelle der Gesellschaft) auch von Männern und der Umwelt ernst genommen wird. ''Ich kenne Familienpolitiker, die ständig - auch am Wochenende auf Tagungen - über 'Familie' reden, aber fast nie ihre Familie sehen und überhaupt nicht mit ihr leben. Für 'Ideen' gingen Männer schon immer über Leichen, über die psychischen Leichen ihrer Frauen und die psychischen Leichen ihrer Kinder zuallererst - und das Leben kommt zu kurz dabei. (...) Auch ich habe die Krankheit 'Reden statt Tun' durchgemacht und bleibe für sie anfällig. Deshalb weiß ich, wie 'gut' wir Männer es immer 'meinen'. Die Politik ist voll von Männern, die 'es gut meinen'.''

Es ist eine Tatsache, daß der ländliche Raum mit 7% die niedrigste Arbeitslosenquote hat. Die Betriebe in den Städten bilden immer weniger aus. Der ländliche Raum steckt voller Entwicklungschancen, die genutzt werden müssen. Das gibt mir Zuversicht, daß unsere Kinder Ausbildungsplätze und später Arbeitsplätze finden. Das hört sich vielleicht kurzsichtig an. Aber ich als Mutter darf mich von 4,5 Millionen Arbeitslosen nicht erdrücken lassen, denn ich kann die politischen Probleme nicht lösen.

Erwin Ringel sagt, daß Kinder nicht nur mit Milch und Brot, sondern auch mit Werten gefüttert werden müssen. Ich denke, daß wir unseren Kindern zeigen, was wichtig ist im Leben, und daß wir unser Leben so leben, daß wir Vorbild sein können. Wir veranschaulichen ihnen, daß man auch mit wenigem zufrieden sein und das Selbstwertgefühl nicht nur über Haben und Leistung wachsen kann. Wir besprechen miteinander, welche Anschaffungen wichtig sind und beziehen sie in unsere Entscheidungen mit ein. Sie lernen unsere finanziellen Grenzen kennen und damit zu leben und werden lebensfähiger.

Bäuerin sein heißt für mich auf unserem Aussiedlerhof mit Milchvieh und Ackerbau

- tägliche 5-6 Stunden Stallarbeit,

- kein Urlaub,

- Mithilfe in der Außenwirtschaft,

- Buchführung, Schreibarbeit,

- Drei-Generationen-Haushalt,

- Mitarbeit / Mitdenken im Bauernverband,

- ein interessanter und abwechslungsreicher Beruf mit vielen Möglichkeiten zur Selbst-verwirklichung,

- viel Arbeit,

- aber auch die Möglichkeit der Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse der Menschen, z.B. Pflege von Kranken, Zeit für Gespräche.

Mich ärgert, daß die Gentechnik als 'Hoffnungsträger' verkauft wird. In den ersten Diskussionen wurde noch informiert. Jetzt geht es in Industrie und Politik nur noch um die Fragen: ''Wie bringen wir Gentechnik in die Landwirtschaft? Wie kommen gentechnisch veränderte Lebensmittel (unbemerkt?) auf den Markt?'' Wovon sollen wir Landwirte denn noch abhängig gemacht werden? Die Forderung an uns lautet immer, wir sollen ''für den Markt produzieren'' - eben das, ''was der Verbraucher will''. Das sei die einzige Chance für den Fortbestand der flächendeckenden Landwirtschaft.

Dazu Auszüge aus dem Kommentar ''Rinderzüchter am Rande des Ruins'' von Klaus Siegmeier im Schwarzwälder Boten vom 14. Oktober 1996: ''Vertrauensbildende Maßnahmen wie die Qualitäts- und Herkunftszeichen oder die Aktionstage zur Gläsernen Produktion haben bei weitem nicht so gegriffen, wie sich Landwirtschaftsverbände dies gewünscht hätten. Die Verbraucher schreckt nicht nur der britische BSE-Skandal ab, sondern sie erinnern sich auch an die für Menschen unschädliche Schweinepest, vor allem in nördlichen Großbetrieben. Zuvor hatten ihnen Würmer im Fisch, Schleuder-Ei in Nudeln und andere Widerlichkeiten in Lebensmitteln den Appetit verdorben. Gegenwärtig beeinträchtigt zudem die Diskussion über genmanipulierte Lebensmittel die Magennerven ebenso wie EU-Verordnungen, die weitere Zusatzstoffe in der Wurst erlauben. (...) Unter deutscher Mithilfe wurden die EU-Vorschriften über die Kennzeichnung genmanipulierter Lebensmittel so vollkommen verwässert, daß niemand wirklich sicher sein kann, solche Waren nicht doch unbeabsichtigt zu erwerben. (...) Unter solchen Vorzeichen ist das Vertrauen der Verbraucher nicht so schnell zurückzugewinnen.''

Ich sehe, daß sich zur Zeit eine Resignation unter vielen Bauern ausbreitet, die ich früher nicht für möglich gehalten hätte. Vor einigen Jahren habe ich die Meisterprüfung in der ländlichen Hauswirtschaft abgelegt. Unsere Probleme aber sind mit dieser Qualifikation nicht zu lösen. Es werden andere Herausforderungen an uns Bäuerinnen gestellt, die nicht fachlicher, sondern menschlicher, sozialer Natur sind. Der Mensch muß sich wohlfühlen - und das ist heute nicht mehr möglich.

Die Betriebsreportage 'Wenn Kühe zuviel Arbeit fressen - 110 Kühe mit zwei Arbeitskräften' aus dem 'Magazin für moderne Landwirtschaft - top agrar' (August 1996, Seite 28) schildert die Verdichtung der Arbeit: ''Täglich um Mitternacht beginnt auf dem Betrieb Kraft die 'Spätvorstellung' für die 110 schwarzbunten Kühe. (...) Der Betriebsleiter hat eine dritte Melkzeit eingeführt, um die Leistung der Herde weiter zu steigern. (...) Knapp zwei Stunden später ... kann M.K. endlich seinen wohlverdienten Feierabend genießen. Im Stall arbeitet er nachts allein. (...) Trotz der beeindruckenden und kostspieligen Mechanisierung und trotz der Mithilfe seiner Eltern zu je 50% ist M.K. mit dem Betrieb 'auf Dauer von der Arbeit her überlastet', wie er einräumt. Was kann er dagegen tun? (...) 'Wenn alle Stricke reißen, muß ich die dritte Melkzeit vorübergehend wieder aufgeben', so Kraft, 'obwohl sie von der Leistung her mindestens 15 Prozent Steigerung bringt.'

Hierzu die Entgegnung einer Frau in Form eines Leserbriefes in einer Folgenummer des Magazins 'top agrar' (September 1996, Seite 7): ''Ich bin es leid, ständig von Fachpresse und Politik gesagt zu bekommen, was wir Milchbauern uns an Mehrarbeit noch alles antun sollen (Direktvermarktung, Ferien auf dem Bauernhof und, und ...). Das Maß der Arbeit der Familienbetriebe ist voll! Bedenkt hier niemand, daß wir bei weiter steigender Arbeitsbelastung in einen geistige, soziale und seelische Armut getrieben werden? Am Beispiel des Betriebes Kraft möchte ich dazu einige Gedanken äußern:

- Die Mithilfe der Eltern zu je 50 Prozent: Wie sollen Altenteiler dem Druck standhalten, mithelfen zu müssen (bis zum Umfallen?) Was tun bei Krankheit, Pflegefall?

- Bei Erkrankung von Kraft jun.: Findet er eine kompetente Aushilfe für seine beeindruckende und kostspielige Mechanisierung? Welcher Betriebshelfer hat Lust, mitten in der Nacht ein drittes Mal zu melken?

- Bleibt noch Zeit für Hobbies, Teilnahme am dörflichen Leben, politisches Engagement?

- Findet sich eine Freundin, die einen solchen Arbeitsplatz toleriert? Wie gestaltet sich hier ein Eheleben bzw. ein partnerschaftliches Familienleben? Natürlich gibt es auch in unserer Branche die absoluten Überflieger, die scheinbar alles auf die Reihe kriegen. Aber es gibt auch die schlichten Workaholiker, vielleicht aus einer inneren Not heraus, dies darf aber nicht zur Meßlatte für die Allgemeinheit werden.''

Als Bäuerin kann ich nicht Hoffnungsträgerin sein: Wir können keine Rücklagen bilden und leben von der Substanz unserer Höfe. Wir arbeiten pausenlos und sehen keinen Sinn, keine Perspektive. Die minimale Hoffnung, daß mehr Verbraucher regionale Produkte saisongerecht essen und verlangen, kann nicht aufrichten. Ich sehe die - scheinbare - Wertlosigkeit unserer Arbeit: Überbeanspruchung in der Landwirtschaft ohne finanziellen Ausgleich auf der einen Seite und Unterforderung und Arbeitslosigkeit auf der anderen Seite.

 

Die drei Steine

 

''Wie lange kann ich noch leben

wenn mir die Hoffnung

verlorengeht?''

frage ich die drei Steine

 

Der erste Stein sagt:

''Soviel Minuten du

deinen Atem anhalten kannst unter Wasser

noch so viele Jahre''

 

Der zweite Stein sagt:

''Ohne Hoffnung kannst du noch leben

solange du ohne Hoffnung

noch leben willst!''

 

Der dritte Stein lacht:

'Das hängt davon ab was du

noch leben nennst

wenn deine Hoffnung tot ist''

 

Erich Fried

 

Anschrift der Verfasserin

Inge Eberhart

Karlshof

72351 Geislingen-Binsdorf