Willi Zierer

Erwachsenenbildung als Entwicklungsfaktor für den ländlichen Raum


Dipl.-Päd. Willi Zierer, geb. 1951. 1980-1990 pädagogischer Mitarbeiter und seit 1982 Leiter der Volkshochschule für Stadt und Kreis Tuttlingen. Fachreferent und stellvertretender Direktor des Volkshochschulverbandes Baden-Württemberg. Arbeitsschwerpunkte: Weiterbildung im ländlichen Raum und an kleinen Volkshochschulen, Zielgruppenarbeit, Fortbildung hauptberuflicher VHS-Mitarbeiter. 

  1. Die Beschreibung der Erwachsenenbildung (EB) als 'Entwicklungsfaktor' betont die verändernde Kraft von Bildungsarbeit. Zu berücksichtigen ist die Kraft anderer Faktoren (beispielsweise Politik oder Wirtschaft) sowie die Freiwilligkeit und Selbstbestimmung des Menschen.
  2. Die Bedeutung von EB nimmt jedoch zu: Die Beschleunigung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen erfordert zunehmend lebenslanges Lernen.
  3. EB läßt sich analytisch nach zwei Zielrichtungen einteilen:

- Unterstützung des Individuums, Orientierung an den Bedürfnissen und Interessen des einzelnen Menschen.

- Orientierung an Zielen der Gesellschaft (z.B. Entwicklungsprojekte einer Gemeinde, einer ländlichen Region, Weiterbildung zur Vermeidung von Arbeitslosigkeit).

  1. Beide Zielrichtungen wirken als Entwicklungsfaktor. Die erste hilft, fördert den einzelnen Menschen und wirkt deshalb indirekter, die zweite versucht direkter allgemeine und gesellschaftliche Ziele zu unterstützen. EB im ländlichen Raum sollte beide Zielrichtungen verfolgen. Gesellschaftliche Ziele dürfen individuelle Bedürfnisse und Ziele nicht verdrängen. Außerdem müssen beide Zielrichtungen nicht unvermittelt nebeneinander stehen, sondern können sich im Ergebnis ergänzen. Der Ansatzpunkt der Bildungsarbeit ist unterschiedlich.
  2. EB im ländlichen Raum kann nicht nur mit den Methoden und Instrumenten einer städtischen EB arbeiten, Wenn sie angemessen und erfolgreich sein will, muß sie die Besonderheiten des Umfeldes im ländlichen Raum berücksichtigen, beispielsweise

- engere Beziehungsstrukturen der Menschen,

- Überschaubarkeit in kleinen Städten und Gemeinden,

- gesellschaftliche Spannungsfelder werden von den Menschen sehr direkt erfahren (z.B. einerseits wirksame Traditionsbezüge in der Landwirtschaft, die durch EU-Politik und modernste Industrie- und Forschungspolitik massiv berührt werden, andererseits international orientierte mittelständische Betriebe),

- kleinere Gruppen potentieller Teilnehmer,

- Ehrenamtlichkeit vieler Erwachsenenbildner.

6. Aufgaben einer umfeldangemessenen EB im ländlichen Raum

 

6.1. Aufgaben einer an den individuellen Bedürfnissen orientierten EB im ländlichen Raum leiten sich aus der Vielfältigkeit der Kulturen und Interessen her. Die EB sollte sich auf diese Vielfältigkeit einstellen und die Ziele des Individuums, im Rahmen des demokratischen Gemeinwesens, durch Weiterbildungsangebote unterstützen. Beispiele:

- Umfassende Bildungsarbeit: inhaltliche und thematische Beschränkungen müßten abgebaut und besonders die Bereiche allgemeine und politische Bildung, Kulturarbeit und die berufliche Weiterbildung gestärkt werden.

- Qualitätsorientierte EB: EB im ländlichen Raum darf inhaltlich und in ihren Formen nicht mit verminderter Qualität betrieben werden (z.B. Sprachkurse nur im Anfängerbereich).

- Zielgruppenspezifische Bildungsarbeit z.B. für Frauen, ältere Menschen, Aussiedler, Ausländer, Jugendliche.

- Verbindung zwischen Bildungs- und Kulturarbeit: den Bedingungen des ländlichen Raumes entspricht es mehr, wenn die verschiedenen Träger und Initiativen kooperieren statt konkurrieren.

 

6.2. Aufgaben einer EB im ländlichen Raum, die sich durch Unterstützen und Begleiten gesellschaftlicher Prozesse wie Dorf- oder Regionalentwicklung als Entwicklungsfaktor begreift (Beispiele):

- Analyse der örtlichen und regionalen Entwicklungsbedarfe und Entwicklungsprozesse: nur bei genauer Kenntnis der zugrundeliegenden Probleme und Zielrichtung der Prozesse kann sich die EB sinnvoll einbringen.

- Die am Prozeß beteiligten Menschen bestimmen wesentlich die Inhalte und die Formen der Bildungsaktivitäten: die Träger bzw. Verantwortlichen der EB sind Unterstützer, stellen inhaltliches und methodisches Know-how zur Verfügung, sind Dienstleister.

- Die EB sollte sich als Partner der Gemeinde verstehen.

- Neue Formen der Aktivierung, Unterstützung, Moderation von Gruppen, von Abstimmungs- und Willensbildungsprozessen werden nötig.

- Bildungsarbeit im Sinne einen Forums: Entwicklungsprozesse gelingen nur, wenn die Beteiligung bzw. mindestens die Akzeptanz ausreichend groß ist. EB kann hier die Aufgaben eines Bürgerforums wahrnehmen zur Information, zum Austausch von Meinungen, zur Begegnung und zur Entwicklung von Verständnis für andere Meinungen.

- Bildungsarbeit durch Kooperation (Vernetzung): die Bündelung von Ressourcen der Trägerorganisationen, Vereine, Initiativen usw. ist wesentlich für die Organisation und Durchführung dieser Bildungsarbeit.

 

Anschrift des Verfassers:

Willi Zierer

Volkshochschulverband Baden-Württemberg

Raiffeisenstraße 14

70771 Leinfelden-Echterdingen