Hartmut Semmler

Innovative Bildungsprojekte im ländlichen Raum:
Ein Erfahrungsbericht


Dr. Hartmut Semmler, geb. 1957. Studium der Germanistik und Geschichte an der Universität Freiburg. Referendariat in Rottweil. Promotion in Freiburg. Seit 1989 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Pädagogischen Arbeitsstelle für Erwachsenenbildung in Baden-Württemberg (PAE). Arbeitsschwerpunkte: Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Didaktik der Erwachsenenbildung, Bildungsprojekte im ländlichen Raum, Redaktion und Lektorat.

Veröffentlichungen:

Ländlicher Raum - Entfaltungsraum für Bildungsinitiativen (1993).

Erlebnis und Bildung - Ferienprogramme im ländlichen Raum (1996).

Desweiteren Beiträge in Fachzeitschriften und redaktionelle Betreuung der Zeitschrift 'PAE-Arbeitshilfen für die Erwachsenenbildung in Baden-Württemberg'.

Der folgende Beitrag blickt zurück auf sieben Jahre Arbeit an Kulturprojekten im ländlichen Raum, versucht aber auch, ausgehend von neuerdings begonnenen Vorhaben, Perspektiven für eine sinnvolle Weiterentwicklung der Erwachsenenbildungsarbeit in strukturschwachen Räumen aufzuzeigen

Rückschauend bleibt zunächst festzuhalten, daß sich die Fördervoraussetzungen kontinuierlich schwieriger gestaltet haben: War das PAE-Projekt 'Neue Formen der Bildungsarbeit im ländlichen Raum' von 1989 bis 1991 als ein ökonomisch zweckfreies Kulturvorhaben mit 100% vom Land Baden-Württemberg gefördert, so betrug der Zuschuß der Europäischen Union zu der PAE-Initiative 'Erlebnis und Bildung - modellhafte Ferienprogramme im ländlichen Raum' von 1993 - 1995 noch 50%. Das Nachfolgeprojekt im Rahmen der EU-Initiative LEADER II, das ab 1996 läuft, ist nur noch mit 30% von der Europäischen Union bezuschußt.

Es entsteht also zunehmend der Zwang zur Mischfinanzierung und damit auch die Notwendigkeit von Kooperationen - eine ambivalente Entwicklung. Denn so wünschenswert ein Miteinander sein mag, so ergeben sich doch wegen der bei immer knapperen Finanzmitteln steigenden Zahl von Kooperationspartnern zusätzliche 'Warteschleifen' aufgrund jeweils interner Entscheidungsprozesse. Es bleibt nicht aus, daß die Kulturarbeit auf diese Weise immer mehr in den Bereich ökonomischer Verwertbarkeit gerät. Das ist zwar nicht von vornherein als Sündenfall zu bewerten, da eine gewisse Marktorientierung als heilsames Gegengewicht zu möglicherweise 'abgehobenen' Themen fungieren kann, die Gefahr der Vereinnahmung durch potente Geldgeber ist jedoch zu sehen. Darüber hinaus bedingen Kooperationen eine neue Art von Konfliktbewältigungsstrategien.

Nicht immer stimmt die 'Chemie', viel Phantasie ist gefragt beim Austarieren und Bewältigen von persönlichen Empfindlichkeiten und Profilierungsbemühungen. Wie dennoch auch in Zukunft genuine, an den Bedürfnissen der Menschen orientierte Bildungsarbeit speziell unter finanziell schwierigen Bedingungen möglich sein wird, hoffe ich andeuten zu können.

Zunächst jedoch eine kurze Darstellung der bisher abgeschlossenen Projekte:

1. Projekt: 'Neue Formen der Bildungsarbeit im ländlichen Raum' im Landkreis Sigmaringen 1989 - 1991

Dieses Vorhaben fiel in eine Zeit der Aufbruchstimmung im ländlichen Raum, eine Zeit, in der man sich durch Kulturimpulse eine nachhaltige endogene Entwicklung strukturschwacher Räume versprach. Das Selbstbewußtsein und Selbstwertgefühl der Menschen im ländlichen Raum war ein Thema in der einschlägigen Fachliteratur und in den Verlautbarungen der Politik. Im PAE-Projekt 'Neue Formen der Bildungsarbeit im ländlichen Raum' sollten, ausgehend von einem Gemeindewettbewerb 'Suche nach Schätzen des Wissens' im Landkreis Sigmaringen, Könnerinnen und Könner aus allen Bereichen der ländlichen Lebenswelt ermutigt werden, mit ihrem Wissen an die Öffentlichkeit zu treten und in Arbeitskreisen unter Gleichgesinnten selbstorganisierte Kulturprojekte zu realisieren. Betreut wurden diese Vorhaben dann durch einen Moderator bzw. 'Animateur'. Folgende Elemente lagen der Konzeption zugrunde:

 

Vertrauen, daß im Menschen mehr Fähigkeiten vorhanden sind, als er sich selbst bewußt ist oder ihm von anderen zugetraut werden. Der Mensch wird nicht als Defizitwesen, sondern als Entfaltungswesen betrachtet.

-  Der Mensch ist Individuum und soziales Wesen.

-  Der Mensch ist spielendes und schöpferisches Wesen.

-  Der Mensch sucht nach Identität und fragt nach Lebenssinn

- Das Selbstbewußtsein und das Selbstwertgefühl der Menschen im ländlichen Raum sollte gesteigert werden, die Identifikation mit dem eigenen Lebensraum an Intensität gewinnen. Eigeninitiative und Selbstwirksamkeit sollten sich entfalten können.

- Entschulte Formen der Erwachsenenbildung im Vorfeld der institutionalisierten Bildungseinrichtungen wurden angestrebt.

- Vielfältige Formen der Begegnung sollten ermöglicht werden: Das zwanglose Fachgespräch unter Hobbyspezialisten, Austausch zwischen Könnern und interessiertem Publikum, Austausch zwischen den Bewohnern des ländlichen Raums und der Stadt.

- Durch ganzheitliche und lebendige Bildung wurde die Ebene der Kenntnisse (deren Erweiterung und Vertiefung), die Ebene der Emotionen (Freude wecken, Ängste überwinden), die Ebene des praktischen Tuns sowie die soziale Ebene (Gespräch, Zusammenarbeit, Erleben von Gemeinschaft) mit einbezogen.

- Bildung in der Freizeit sollte zum selbstgestalteten Erlebnis werden (z.B. Aktion, Fest).

- Durch attraktive und nachvollziehbare Vorbilder sollten andere angeregt werden, sich in der Freizeit ebenfalls als Hobbyspezialisten zu betätigen und in einer Gruppe mitzuarbeiten.

Das Projekt gliederte sich in vier Hauptabschnitte:

A: Phase des Entdeckens von Könnern und Spezialisten aus verschiedenen Wissensbereichen (November 1989 bis März 1990)

Durch einen Gemeindewettbewerb wollten wir eine möglichst große Zahl von Spezialisten aus den verschiedenen Hobbybereichen finden. Sie konnten sich entweder selbst melden oder von anderen benannt werden; letztere Möglichkeit wurde überwiegend wahrgenommen. Alle Gemeinden nahmen teil, aber in sehr unterschiedlicher Intensität. Es gelang, ein erstaunliches Spektrum an Fähigkeiten aufzuspüren. Freilich zeigte sich die Abhängigkeit von rührigen Kulturpromotoren vor Ort.

 

In zahlreichen Hausbesuchen bei den Könnerinnen und Könnern wurde die Qualität der Nennungen evaluiert, erste Interessenschwerpunkte ergaben sich. Es wurden insgesamt 313 Könner/-innen gefunden, mit folgender inhaltlich-thematischer Gewichtung:

Am Schluß des Wettbewerbs stand dann eine große öffentliche Veranstaltung, bei der die Preisträger vorgestellt wurden und wo sich eine erste Gelegenheit zum Kennenlernen unter den Hobbyfreunden ergab. Immerhin 16 von 25 Bürgermeistern der Kreisgemeinden waren anwesend. Die Möglichkeit zum Austausch unter Gleichgesinnten begeisterte die Teilnehmer. So faßte ein Teilnehmer seinen Eindruck von der Veranstaltung in folgenden Worten zusammen: "I find des gut, daß ma mit de Leut spricht. Was tust Du - was mache Sie - und so kommt doch manche Verbindung zusamme. Sonst kommt älles in d'Schublad rei, und jeder hot Angst, er könnt ausglacht werda."

Eine Umfrage zum Bildungsinteresse unter den immerhin 200 Gästen ergab, daß der gelegentliche Austausch mit Hobbyfreunden auf sehr hohes Interesse stieß, ebenso wie die in Aussicht gestellte Teilnahme an Ausstellungen. Das Weiterbildungsinteresse auch im Hobby erwies sich als hoch, während verbindlichere Formen der Mitarbeit an Hobbykreisen oder eigene Referententätigkeit demgegenüber deutlich abfielen; man wollte sich selbst nicht in den Mittelpunkt rücken.

B: Phase der Gruppierung/Arbeitsphase (von März bis September 1990)

Die durch den Wettbewerb gefundenen Personen erhielten nun Gelegenheit, sich in Neigungsgruppen zusammenzufinden, um gemeinsame Vorhaben zu bearbeiten. Dazu wurden Gruppen mit gleichen Fachinteressen in das Volkshochschulheim Inzigkofen bei Sigmaringen eingeladen. Parallel dazu fanden weiterhin Hausbesuche zur Erschließung und Dokumentation von Wissen statt. Diese Neigungsgruppen erhielten Unterstützung von fachkundigen und pädagogisch geschulten Betreuern. Folgende Einladungen kamen zustande: Heimatdichter, Lokalhistoriker, Kräuterkenner, Mineralogen, Philatelisten, Hobbymaler, Kunstgewerbler, Holzschnitzer, Krippenbauer, Woll- und Flachsspinner.

C: Phase der Öffnung (von Oktober 1990 bis April 1991)

Sobald erste Teilergebnisse vorlagen, wurde darüber in der Lokalpresse und im Rundfunk berichtet. Umfangreiche Informationsarbeit schuf die Voraussetzung dafür, weitere Menschen mit gleichen Interessen für die Arbeitsgruppen zu gewinnen. Dadurch erfolgte eine Öffnung dieser Hobbykreise, sie erhielten Kontinuität und Stabilität und erwiesen sich als Ergänzung zum bisherigen Angebot der Vereine und der institutionalisierten Erwachsenenbildung; sie erschloß neue Personengruppen für die Weiterbildung, die ihr bislang ferngeblieben waren. Die folgende Graphik zeigt die aus dem Projekt heraus entstandenen Aktivitäten. Als 'Selbstläufer' über das offizielle Projektende hinaus haben sich die Themen Krippenkunst, Kunsthandwerk, Kräuterkunde und traditionelles Handwerk erwiesen; hier sind durch Vereinsgründungen oder jährlich wiederkehrende Veranstaltungen Ansätze zu 'neuen Traditionen' im ländlichen Kulturbereich geschaffen worden

Aufgrund unserer Beobachtungen ließen sich folgende Gruppenprofile unterscheiden:

 

- Neigungsgruppen, die sich in unregelmäßiger Folge zum Erfahrungsaustausch und zur Vorbereitung längerfristig angelegter Vorhaben treffen wollen. Dazu zählten in unserem Projekt von Anfang an die Schnitzer, Kräuterliebhaber, Heimatdichter, Philatelisten, später stießen auch noch die Woll- und Flachsspinner hinzu. Dabei handelt es sich um kleinere Kreise von durchschnittlich 6 - 12 Teilnehmern. Diese kamen jeweils aus verschiedenen Teilen des Landkreises; die Mobilität war insgesamt erstaunlich hoch, auch bei den älteren Teilnehmern. Bei solchen Treffen verzeichneten wir sehr hohe Beteiligungsquoten (bei den Heimatdichtern 85% der Eingeladenen, bei den Kräuterfreunden 77%).

- Gruppen, die sich in erster Linie zu Planungsveranstaltungen für Großprojekte (Ausstellungen) treffen: Maler, Krippenbauer, andere Kunstgewerbler. Die Weiterbildungsarbeit im Hobby findet dann im kleineren Kreise statt, angeboten von Vereinen oder Einrichtungen der institutionalisierten Erwachsenenbildung (Maler). Auch hier verzeichneten wir eine kreisweite Streuung der Teilnehmerschaft mit großer Beweglichkeit. Die Beteiligungsquote bei diesen Zusammenkünften lag deutlich niedriger als bei den konstistenteren Neigungsgruppen (insgesamt 56% der angeschriebenen Teilnehmer kamen zu den ausgeschriebenen Treffen).

- Interessengebiete, bei denen sich keine kreisweiten Gruppen bildeten: Ortshistoriker (hier haben wir eine Bildungsveranstaltung zum Thema 'Flurnamen' sowie ein Geschichtsseminar anläßlich der Wiedervereinigung Deutschlands abgehalten), Mineralogen, Sammler, Tierfreunde, Photographen, Tüftler. Hier kam es dann zu anderen Formen der Einbindung ins Projekt: Exkursionen, Initiativen vor Ort, individuellem Austausch mit Hobbyfreunden anderer Bereiche - also zu einer 'Vernetzung' von Aktivitäten. Verschiedene Gründe lassen sich anführen, weshalb sich hier keine stabilen Gruppen bildeten: bereits bestehende Angebote (Tierfreunde), wenige Vertreter innerhalb eines Bereichs (Mineralogen, regenerierbare Energien), vielfältige und divergierende Interessenlagen (Historiker, Sammler, Photographen). Eine wichtige Rolle spielen auch die unterschiedlichen Mentalitäten der jeweiligen Gruppen: es gab eher kommunikative (Kräuterliebhaber, Schnitzer, Maler, nach Anlaufproblemen auch die Heimatdichter), dann aber auch tendenziell individualistisch orientierte, etwa die Sammler, welche aber fast durchweg hilfsbereit waren, wenn es um die Bereicherung von Projekten ging. Manche Sammler unterhielten räumlich sehr weitgespannte Kontakte, hatten dafür in der engeren Umgebung wenig Ansprechpartner; einige Historiker haben zwar den mangelnden Austausch mit 'Fachkollegen' beklagt, wir mußten sie aber davon überzeugen, daß es die gewünschten sehr speziellen Fachkollegen gar nicht gab. Unter den Tüftlern und Technikern trafen wir nur wenige eigenbrötlerische 'verkannte Genies'. Dominierend war hier der Wunsch nach mehr Öffentlichkeit, nicht so sehr der nach Kooperation mit Gleichgesinnten.

D: Phase der Verbindung mit dem Fremdenverkehr (Sommersaison 1990)

In diesem Abschnitt wurden auswärtige Gäste mit einheimischen 'Experten' zusammengebracht. Es kam durch individuelle Begegnungen von Städtern mit Einheimischen zu einer neuartigen Wahrnehmungsperspektive des ländlichen Raums.

2. Projekt:

'Erlebnis und Bildung - Ferienprogramme im ländlichen Raum' 1993 bis 1995

Dieser Ansatz, der anfangs aufgrund der kurzen Vorlaufzeit und den damit eingeschränkten Werbemöglichkeiten schwierig zu realisieren war, fand im EU-Projekt Leader I seine Fortsetzung mit dem Ziel, interkommunale Ferienprogramme für fünf Gemeinden des Landkreises Sigmaringen aus den gefundenen Potentialen heraus zu entwickeln. Es ging hierbei weniger um eine unmittelbare Umsetzung von Kultur in Wertschöpfung als vielmehr um weitere Erschließungsarbeit und touristische Imageverbesserung. Darüber hinaus ließ sich auf einem lokalpolitisch nicht belasteten oder umstrittenen Feld eine interkommunale Kooperationskultur einüben, die mittlerweile anfängt, Früchte zu tragen.

Bei den Vorbesprechungen zum EU-Projekt LEADER I zu Beginn der 90er Jahre, bei denen die Gemeinden Beuron, Leibertingen, Schwenningen, Ostrach und Illmensee teilnahmen, zählte die Entwicklung des Tourismus noch nicht zum vorrangigen ökonomischen Leitthema. Manche Kommunalvertreter verwiesen auf langfristig sicher geglaubte Arbeitsplätze, so etwa Bundeswehrstandorte. Den Strukturwandel der Landwirtschaft sah man noch nicht im Zusammenhang mit der Notwendigkeit von Gästegewinnung für die Region. Im Vordergrund standen Verbesserungen gemeindlicher Infrastruktur, die Umnutzung historischer Bausubstanz und die Ausweisung von Gewerbegebieten. Weiterbildungsbedarf im touristischen Bereich wurde kaum gesehen; Existenzgründungen in Nischenbereichen tauchten erst schemenhaft am Horizont auf. In dieser Situation konnte ein Vorhaben, das an der Schnittstelle von Erwachsenenbildung und Tourismus angesiedelt war, nur zögerlich mit Akzeptanz rechnen. Diese Einstellung hat sich zwischenzeitlich grundsätzlich gewandelt.

In der Zukunft des Fremdenverkehrs wird dem 'Sanften Tourismus' immer größere Bedeutung zukommen. Besondere Chancen erhält langfristig ein wohlverstandener 'Sanfter Tourismus', der Rücksicht auf Land und Leute nimmt, natürliche Ressourcen und Umwelt schont, der der Erhaltung der Gesundheit und dem Wiedergewinnen kreativer Kräfte dient. Diese Chancen müssen deshalb genutzt werden, weil zunehmend mehr Landwirtschaftsbetriebe aufgrund der anhaltenden Agrarkrise auf ein zweites wirtschaftliches 'Standbein' angewiesen sind.

Trotz der Überfülle an Angeboten - etwa im Ausflugstourismus - gibt es, besonders in ländlichen Räumen, die für den 'sanften' Fremdenverkehr prädestiniert sind, Versorgungslücken. Dies betrifft vor allem die Qualität der Betreuung am Urlaubsort. Die Erwachsenenbildung, die Museums- und Freizeitpädagogik können hier manche wertvolle Anregung geben. Denn wenn auch der reine 'Bildungsurlaub' wenig gefragt ist, so gilt doch: zu einer guten Gästebetreuung gehört das Bescheidwissen, das Neugierigmachen, gehört es, Möglichkeiten zu eröffnen, um Land und Leute kennenzulernen. Es geht darum, ein bewußt lebendes, interessiertes Publikum zu gewinnen, vorerst noch gemessen am gesamten Markt eine Minderheit, aber eine Minderheit, die im Wachsen begriffen ist und sich positiv abgrenzt gegenüber manchen unerwünschten Erscheinungen, die der Massentourismus nun einmal mit sich bringt.

Im Rahmen eines Ferienprogramms für Familien, das aus dem originären Potential einer Region hervorgeht, läßt sich Interesse und Bewußtsein für die Eigenart des ländlichen Raumes wecken. Ein solches Urlaubsprogramm, das von Einheimischen gestaltet wird, bringt in einer Reihe von kleineren Kursen, Führungen oder Vorführungen die Besonderheiten einer ländlichen Region näher. Persönliche Begegnungen schaffen eine dauerhafte Bindung an den Urlaubsort, was nicht nur den Wirtschaftsfaktor Fremdenverkehr in einer Region stärkt, sondern auch einen bewußteren Umgang mit der Natur der zur zweiten Heimat gewordenen Umgebung zur Folge hat.

Wie kann ein solches Programm verwirklicht werden, ohne hohe Kosten für die Veranstalter mit sich zu bringen, und unter den häufig nicht modernsten Standard entsprechenden infrastrukturellen Verhältnissen im ländlichen Raum? Dies zu untersuchen war die Aufgabe der PAE.

 

- Ermittlung des spezifischen touristischen Profils der fünf Gemeinden;

- Erschließung möglichst vieler lokal-regionaler Angebotspotentiale und Akteure in den Bereichen: Können und Wissen über die Geschichte, Tradition und Natur, sowie attraktive Beispiele ökologischen Handelns und gesunder Lebensweise;

- Erprobung von Einsatzmöglichkeiten dieser gefundenen Potentiale und Akteure im Fremdenverkehr mit variablen Veranstaltungsformen und pädagogischen Methoden zur Verbindung von Freizeit und Bildung;

- Erprobung, welche Elemente der Gesamtkonzeption (Führungen, Vorführungen, individuelle Informationsangebote u.a.) bei den auswärtigen Gästen und Einheimischen auf gute Resonanz stoßen.

 

1. Phase: Einstieg (März bis November 1993)

Im Mittelpunkt standen die Potentialermittlung, die Gewinnung von Experten, Könnern und Hobbyspezialisten aus der Region für das neue Angebot, die kooperative Bedarfsfindung mit den beteiligten Gemeinden sowie Vorschläge zur Fremdenverkehrswerbung. Bereits in dieser Phase wurden erste Angebote erstellt und empirisch abgesicherte Erfahrungen gesammelt.

2. Phase: Erweiterung des Angebots (April bis November 1994)

Das neue Angebot wurde durch die Erschließung weiterer Potentiale bereichert. Parallel zu den Veranstaltungen wurden mit den Einheimischen und auswärtigen Gästen Gespräche geführt, um deren Interessen, Zufriedenheit und Bildungsbereitschaft zu ermitteln. Die Gesprächsergebnisse wurden zum Gegenstand von Seminaren und Fachtagungen zum Thema 'Tourismus im ländlichen Raum' gemacht. Am Ende dieser Phase wurde die Programmgestaltung nochmals modifiziert.

3. Phase: Erfolgssicherung und Auswertung (April bis November 1995)

Das Veranstaltungsprogramm wurde mit reduziertem Personalaufwand fortgeführt, da die Fundamente in den vorherigen Jahren bereits gelegt waren. Die Befragung von Gästen und die Rückkopplung mit dem Beherbergungsgewerbe wurden fortgesetzt und eine Dokumentation erstellt.

Gewinnung von Akteuren

In den fünf Gemeinden Beuron, Leibertingen, Schwenningen, Illmensee, Ostrach wurde seit Februar 1993 mit der Aktivierung der Könnerinnen und Könner begonnen; Vorwissen und Erfahrungen aus dem Projekt 'Neue Formen der Bildungsarbeit im ländlichen Raum' kamen dabei zugute. Nach brieflichen und telefonischen Kontakten erfolgten ca. 60 Hausbesuche durch den Projektleiter. Weit überwiegend reagierten die Angesprochenen positiv: Allgemein wird anerkannt, daß traditionelles Wissen den nachfolgenden Generationen vermittelt werden muß, auch und gerade in den Ferien. Als weiteres Argument fürs Mitmachen bekam die 'Freude am eigenen Können' Gewicht. Niemand befürchtete, daß das eigene Engagement in den Dienst der Kommerzialisierung oder Überfremdung gestellt werden sollte. In Gemeinden, wo die Wiederbelebung der Tradition in Form von regelmäßig wiederkehrenden lokalen Festen schon Fuß gefaßt hat, erwies sich die Bereitschaft zum Mitmachen als besonders hoch.

Aber nicht nur traditionelles Wissen sollte zum Zug kommen, sondern auch der Kreativbereich sowie ein breites Spektrum ökologischer Wirtschaftsweise war abzudecken. Hier gelang es, Experten zu mobilisieren. Erfreulich war die Zahl der gewonnenen Akteure aus jüngeren Altersgruppen gerade in diesen Bereichen.

Probleme liegen speziell im Bereich des alten Handwerks: Viele Könner haben in der Nachkriegszeit ihre Gerätschaften aus den alten Werkstätten weggeworfen. In keiner Teilregion findet man die alten Handwerke in ihrer früheren Vollständigkeit mehr vor. Auch gibt es kaum noch geeignete Räume für Vorführungen mit originalem 'Flair'. Unter den Könnern des traditionellen Handwerks sind auch nur wenige anzutreffen, die in Übung geblieben sind und sich zutrauen, ihr Können zu reaktivieren. Im übrigen sollten sie auch über die Fähigkeit verfügen, ihr Handwerk anderen nahezubringen. Gewisse Schwierigkeiten ergeben sich ferner bei der Zusammenstellung von Mitmach-Angeboten für Urlauber im Zusammenhang mit dem alten dörflichen Handwerk.

Nicht in die Sommerferiensaison eingebunden werden konnte ein Wanderschäfer: Es kam also auch zu saisonbedingten Ausschlüssen von an sich sehr attraktiven Möglichkeiten. Von den bis Mai 1993 angesprochenen Könnern haben sich schließlich 40 beteiligt; eine respektable Quote, zumal wenn man berücksichtigt, daß die Nichtteilnahme überwiegend mit ernsthaften gesundheitlichen Problemen begründet war.

Aufgrund der guten Erfahrungen der ersten Saison fiel es 1994 und 1995 noch leichter, neue Akteure hinzuzugewinnen. Nur in vier Fällen erklärten sich Könner nicht bereit, ein weiteres Mal für eine Sommerveranstaltung zur Verfügung zu stehen. In drei Fällen waren die Ausführenden mit dem Besucherzuspruch unzufrieden, im vierten fühlte sich ein Referent von zu vielen Teilnehmern 'überrannt'.

Zusammenstellung des Angebots

Die Vorbereitungsphase der Veranstaltungen lief in allen drei Jahren ohne größere Reibungsverluste durch unvorhergesehene Schwierigkeiten ab: Die Ausstattung der Gemeinden mit Räumen ist in der Regel gut, in den Schulferien läßt sich das Raumangebot auch ohne weiteres nutzen. Freilich erweist sich nicht jeder Schulraum als geeignet; Phantasie und Improvisationsvermögen sind zuweilen gefordert. Als Faustregel bei der Auswahl der Räume gilt: lieber weniger perfekt und etwas beengt, aber dafür originell und original. Wie wir schon im Projekt 'Neue Formen der Bildungsarbeit im ländlichen Raum' feststellten, zeichneten sich die Könner in der Regel durch großen Idealismus aus. Es gab in der ersten Saison keine Probleme bei der Vereinbarung fester Termine in den Sommerferien; einige Akteure boten von sich aus mehrere kurzfristige Zusatzveranstaltungen an. Das Honorar orientierte sich am üblichen Satz für eine Abendveranstaltung an Volkshochschulen; bei dem oft erheblichen Vorbereitungsaufwand eine eher geringe Entschädigung. Den Referenten wurde freilich eine Ausfallgarantie zugesichert. Schwierigkeiten bei Terminfestlegungen traten lediglich für die erste Augusthälfte des Jahres 1995 auf. Vermutlich machte sich die Umstellung der Sommerferien in Baden-Württemberg auf den späten Termin bemerkbar. Akteure, die wir baten, bereits in der letzten Juliwoche für uns tätig zu werden, hatten Bedenken, ob zu dieser Zeit schon genügend Touristen und Einheimische das Angebot wahrnehmen würden.

Das Programm hatte Versuchscharakter. Daher wurden bewußt auch solche Elemente, die nicht unbedingt als 'Publikumsmagneten' gelten konnten, aber für die Vollständigkeit und das Image des Raumes einfach dazugehörten, mit hineingenommen. Als Motto dieser neuartigen Bildungsinitiative wählten wir den Titel 'Wir bieten Einblicke' (mit den beteiligten Gemeinden des Jahres 1997):

Es hob ab auf die individuelle Begegnung, auf die Möglichkeit, nicht Alltägliches kennenzulernen, 'Bildung und Freizeit' auf zwanglose Art miteinander zu verbinden. Zwei auf die jeweilige Teilregion (Beuron-Leibertingen-Schwenningen und Illmensee-Ostrach) abgestimmte Angebote wurden zusammengestellt. Im ersten Jahr fanden insgesamt 38 Veranstaltungen zu altem Handwerk, Kunsthandwerk, zur Heimatgeschichte und zur Botanik Aufnahme in das Programm, das vom 2. Juli bis zum 13. August 1993 lief.

1994 wurden zahlreiche neue Elemente eingebracht (25 neue Veranstaltungen), im dritten Jahr ließen sich die Vorerfahrung und das bereits gewonnene Potential gut nutzen. Trotz erneuter Variation des Programms reduzierte sich der zeitliche Aufwand bei der Vorbereitung erheblich.

Über das Programm informierte für jede Region ein DIN-A4-Faltblatt, das als Beilage in den Mitteilungsblättern der LEADER-Gemeinden erschien. Ferner lag es aus in den Fremdenverkehrsämtern des Landkreises Sigmaringen und im Landratsamt, in ausgewählten Banken und Schulen. Wir versandten es an alle Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen des Landkreises. Bei weiteren wichtigen Anlaufstellen für Touristen bzw. Gruppen von Urlaubern wie Campingplätzen, Ferienheimen und Jugendherbergen stellten wir das Programm persönlich vor. In der Lokalpresse erschienen redaktionelle Vorberichte, in zwei Tageszeitungen laufende Vorankündigungen. Auch in den Zielgemeinden selbst wurden laufend Vorankündigungen in den Mitteilungsblättern veröffentlicht. In den Jahren 1994 und 1995 kam es in begrenztem Umfang zu überregionalen Vorankündigungen.

Zur Durchführung der Veranstaltungen

Die Veranstaltungen waren in der Regel (außer bei manchen geführten Wanderungen) zur Voranmeldung über die Gemeinden ausgeschrieben. Bei den Gemeindeverwaltungen wurden entsprechende Listen geführt, am Ende jeder Woche tauschten sich dann die jeweils zusammengeschlossenen Gemeinden zum Abgleichen der Anmeldungszahlen aus. Dieses Verfahren brachte in einer Teilregion Probleme mit sich; die Kommunikation zwischen den Gemeinden gestaltete sich schwierig. Zusätzlich eruierten einige Teilnehmer auch noch die Rufnummern von Akteuren und wandten sich direkt an diese, was den Überblick weiter erschwerte.

Im ersten Jahr hatten wir im Programm ausdrücklich auf die Möglichkeit hingewiesen, daß die beteiligten Könner auch außerhalb der angegebenen Termine als Ansprechpartner zur Verfügung stünden. Von diesem Angebot wurde praktisch kein Gebrauch gemacht.

Insgesamt gestaltete sich die Zusammenarbeit mit den beteiligten Gemeindeverwaltungen höchst positiv. Hervorzuheben ist die gute Unterstützung in logistischer Hinsicht. Als Verbesserungsvorschlag für künftige Gemeinschaftsprojekte ergab sich aus den gemachten Erfahrungen, daß den Gemeinden Kurzbeschreibungen der einzelnen Veranstaltungen an die Hand gegeben werden sollten. Dies ermöglicht ihnen nicht nur, Anmeldungen entgegenzunehmen, sondern auch eine gezielte Beratung von Interessenten. Ab 1994 nahmen wir eine organisatorische Straffung vor: Im Raum Beuron gab es nur noch eine Ansprechstelle, was sich bewährte. Im Süden, bei nur zwei beteiligten Gemeinden, kam es kaum zu Abstimmungsproblemen. Daher bedurfte es während des Projektes hier auch keiner Änderung.

Daß ein Anmeldeverfahren grundsätzlich richtig ist, zeigte sich rasch bei den angebotenen Backtagen: Innerhalb kurzer Zeit waren sie ausgebucht. Bei anderen Veranstaltungen gab es einen 'Anmeldeschub' jeweils drei bis fünf Tage vor dem angesetzten Termin. Wie unberechenbar das Besucherverhalten sein kann, sei an zwei extremen Fällen demonstriert: Für den Besuch einer Küferwerkstatt lagen gerade zwei Anmeldungen vor, gekommen sind dann 17 Teilnehmer; zu einem Backtag, der mit 17 Anmeldungen schon Wochen vorher ausgebucht war, kamen 14 Gäste, davon nur 11 Angemeldete. Offenbar wird in den Ferien noch mehr als sonst auf Spontaneität großer Wert gelegt, und dies gilt nicht nur für die Touristen. Eine Anmeldung wird im Urlaub nicht als verbindlich betrachtet, zumal in unserem Projekt keine Vorabgebühren zu entrichten waren. In jedem Fall erscheint es voreilig, eine Veranstaltung abzusagen, auch wenn sich aufgrund der Anmeldungen nur ein schwaches Besuchsinteresse abzeichnet. Bemerkenswert scheint die Beobachtung, daß in der zweiten und dritten Projektsaison immer stärkere Diskrepanzen zwischen Anmeldezahl und tatsächlicher Teilnahme auftraten. Ein krasses Beispiel: Bei 9 Voranmeldungen kamen 1995 zu einer Veranstaltung lediglich drei Teilnehmer, und diese alle spontan.

Folgende in der Regel zweistündige Nachmittagsveranstaltungen fanden statt:

Vorführungen
Küfer - Schmied - Wagner - Korbmacher - Besuch im Tuffsteinbruch - Mühle - Buch-binderei - Instrumentenbauer - Öko-Bierbrauerei - Biobauernhöfe

Angebote zum Mitmachen

Imkerei/Kerzengießen - Hofkäserei - Backtage - traditionelle Bauernküche - Töpfern - Wolle spinnen und filzen - Papierschöpfen - Schnitzen - Schuhflechten - Schmieden - Aquarellieren/Zeichnen - Seidenmalen - Alte Sticktechniken

Führungen zur Heimatgeschichte und Geologie

Kirchen/Kapellen/Feldkreuze - (Erd-) Geschichte in der Natur

Führungen zur Pflanzen- und Tierwelt

Naturerfahrungsaktivitäten für Kinder

Veranstaltungen in einem Lehr- und Schaukräutergarten

Die Aktivitäten wurden von Projektbetreuern begleitet; es fanden Teilnehmerbefragungen statt.

 

In den drei Phasen des Projekts von 1993 bis 1995 fanden in zwei Teilregionen des Landkreises Sigmaringen insgesamt 111 Veranstaltungen statt. Dabei nahmen insgesamt ca. 2000 Besucher/-innen teil, davon ca. 430 auswärtige Gäste. Die Zahl der Mehrfachteilnahmen hat sich kontinuierlich erhöht. Den wichtigsten Teilnehmerstamm bildeten sowohl bei den Einheimischen als auch bei den auswärtigen Gästen Familien mit mehreren Kindern. Der räumliche Einzugsbereich der Teilnehmerschaft konnte im Verlauf der Jahre ausgedehnt werden. Auch die Zahl der teilnehmenden Touristen stieg an.

Es hat sich gezeigt, daß das Ferienprogramm (vor allem bei der Kategorie der Ferienwohnungen) geeignet ist, Dauergäste an die Region zu binden; es gab etliche Mehrfachteilnahmen von Touristenfamilien, die sich bereits für das nächstjährige Programm interessierten, um den Urlaub zeitlich entsprechend abzustimmen.

Beliebte Themen und Veranstaltungsformen

Sowohl in bezug auf die Resonanz bei den Voranmeldungen als auch bei den Teilnehmerbefragungen während der Veranstaltungen lagen in allen drei Projektabschnitten folgende Themenschwerpunkte in der Beliebtheit vorn:

- Traditionelles und neuestes Wissen im Bereich der gesunden Ernährung. Hierzu zählen die Backnachmittage, Besuche auf Ökobauernhöfen oder einer Biobier-Brauerei sowie einer Hofkäserei. Größtes (auch überregionales) Interesse verzeichneten Veranstaltungen im 'Klostergarten' Inzigkofen, bei denen es etwa um die Bedeutung von Kräutern und Ölpflanzen für die moderne Küche ging. In diesem Bereich lag das Interesse der Einheimischen besonders hoch, das der auswärtigen Gäste entsprach dem Durchschnitt.

- Hoch im Kurs stehen geführte Fahrten und Wanderungen zu Kultur- und Naturkleinodien in der Region. Insbesondere die 'Kapellenfahrten' im Raum Beuron, aber auch auf der Gemarkung Ostrach - Illmensee seien hier hervorgehoben. Hier war die Resonanz bei den auswärtigen Gästen sehr hoch, mit deutlicher Akzentverschiebung je nach Image des Feriengebiets.

Wichtig sind Aktivitäten in der Natur. Reine 'Schlechtwetterprogramme' werden weniger nachgefragt als eine ausgewogene Mischung von Aktionen im Freien wie in Räumen. Die Veranstaltungen sollten so konzipiert sein, daß ein bereits bestehendes Bildungsinteresse befriedigt und latent vorhandenes Bildungsinteresse geweckt werden kann; gerade in zwanglosem Rahmen ist die Aufgeschlossenheit für Neues am größten. Gäste und Einheimische wollen nicht nur erleben und erfahren, 'was alt ist', sie wollen auch die Tradition für ihren Alltag - sei es zur Erhaltung der Gesundheit oder für das Hobby - nutzbar machen, und nicht zuletzt will jeder etwas 'mit nach Hause nehmen' - nach Möglichkeit etwas Selbstgefertigtes.

Zur Werbung

In allen drei Projektphasen erwies sich das Gemeindeblatt als der wichtigste Werbeträger. In den Jahren 1994 und 1995 konnten erheblich mehr Teilnehmer/innen durch überlokale bzw. überregionale Werbung gewonnen werden. Auch die verstärkte Mund-zu-Mund-Propaganda hat sich in der Statistik niedergeschlagen.

Freilich bedarf es immer eines kurzfristigen 'Erinnerungseffektes', um ein latentes Teilnahmeinteresse zu aktivieren. Die 'Mehrkanaligkeit' der Information war ein Schlüssel zum Erfolg. Interviews mit Teilnehmer/innen haben dies bestätigt. Von daher kommt der Lokalpresse mit ihren laufenden Vorankündigungen der Ferienveranstaltungen über die Jahre hinweg eine gleichbleibend hohe Bedeutung zu, die sich nicht adäquat in den Fragebögen niederschlägt.

Ergänzende Werbemaßnahmen wie etwa Plakatierung erscheint nur an ausgewählten 'strategischen Punkten' sinnvoll (z.B. Campingplätze, große Gästehäuser, Einkaufsstätten).

Zur Mobilität der Teilnehmer

Während im ersten Projektabschnitt 1993 die auswärtigen Gäste in der Regel nicht mehr als 20 km für den Besuch einer Veranstaltung zurücklegen wollten, konnten wir in den Jahren 1994 und 1995 eine erheblich höhere Mobilität dieses Personenkreises feststellen. Die diachrone Betrachtung aller drei Durchgänge legt den Schluß nahe, daß die Mobilität nicht zuletzt vom Thema der Veranstaltung abhängt; die Einzugsbereiche bei beliebten Veranstaltungen, die nicht räumlich austauschbar sind (Kräuternachmittag im 'Klostergarten' Inzigkofen, Kapellenfahrt im Raum Beuron), sind sehr viel größer als bei solchen im Kreativbereich und beim traditionellen Handwerk. Der Begriff der 'Einheimischen' ist - besonders was die Durchgänge 1994 und 1995 betrifft - differenziert zu betrachten; so hat eine statistisch durchaus relevante Zahl an Teilnehmern Anfahrtswege von bis zu 100 km auf sich genommen (Tagesausflügler).

Das Projekt wird von den beteiligten Gemeinde fortgeführt, neue Kommunen stoßen dazu, wobei 1997 erstmals in beiden Teilregionen touristisch sinnvolle Gebietsabgrenzungen erreicht werden konnten; die interkommunalen Ferienprogramme könnten somit Keimzellen für eine intensivere Zusammenarbeit, etwa im Hinblick auf Tourismus-Zweckverbände werden.

Die aus diesem Projekt gewonnenen Erfahrungen, was die Schwerpunkte des Besucherinteresses betrifft, erlauben nun auch den Einstieg in die ökonomische Regionalentwicklung

3. Projekt: Kooperationsmodelle im ländlichen Raum -

Kultur als Entwicklungsfaktor einer Region (ab 1996)

In der EU-Initiative LEADER II, Gruppe Oberschwaben, an der 31 Gemeinden aus den Landkreisen Sigmaringen, Biberach und Alb-Donau beteiligt sind, steht die Entwicklung eines Sanften Tourismus als ökonomisches Thema im Mittelpunkt. Zugleich aber ist die Stärkung lokal-regionaler Kultur entscheidend für den Erfolg der wirtschaftlichen Zielsetzung. Dies spiegelt sich im offiziellen Motto der Aktion, die 'Kenner, Könner, Käpsele' in der Region ermutigen will, aktiv zu werden. Dies könnte als eine direkte Weiterführung der 'Suche nach Schätzen des Wissens' erscheinen, die die PAE seit 1989 betreibt, und in der Tat ergeben sich Parallelen in der Konzeption einer Stärkung endogener Potentiale. Auf bezeichnende Weise wirken freilich aktuelle politische Rahmenbedingungen ein. So werden die Zeitpläne für Projekte so kurz und straff wie irgend möglich gehalten, die Forderung nach raschen und meßbaren Erfolgen erzeugen weiteren Termindruck. Bei knapper werdenden Kassen sind die Gemeinden zu höheren finanziellen Eigenbeteiligungen angehalten.

Nun ist es im Prinzip sicher eine richtige Überlegung, daß die Wertschätzung mit dem Preis, der zu zahlen ist, steigt; aber speziell für viele kleine und wenig zahlungskräftige Kommunen gilt, daß viele laufende Verpflichtungen nicht einfach gestoppt werden können und von daher für neue Vorhaben kein Spielraum mehr bleibt, unabhängig von ihrer Bedeutung. Gerade in einer Zeit, in der Innovationen angezeigt wären, sinkt bei vielen die Risikobereitschaft. Größere und/oder bei der Finanzbeschaffung geschicktere Gemeinden können eine Sogwirkung ausüben, die zu Abhängigkeiten führt.

Der Situation lassen sich auch positive Aspekte abgewinnen. Es formieren sich neuartige, für den Betrachter zuweilen erstaunliche Kooperationen: Politische, weltanschauliche Grenzen werden zweitrangig, wenn es um eine gemeinsame Sache geht. Wichtige, manchmal auch schmerzhafte Lernprozesse finden statt, die in jedem Fall dem Weiterkommen dienen.

Zahlreiche interkommunale Vorhaben befinden sich in der Planung oder werden schon realisiert, je nach Thema kommt es nach dem 'overlay'-Prinzip zu sich überlagernden und überschneidenden Gebietsabgrenzungen. Ein neuartiger Koordinierungs- und Moderationsbedarf tut sich auf; Know-how über unterschiedlichste Zuschußquellen ist hoch gefragt.

Wie kann sich nun die ländliche Erwachsenenbildung in dieser Zeit sich wandelnder Konstellationen neu verorten? Wie andere Institutionen steht sie vor dem Problem, mit immer weniger Geld immer mehr Kräfte vor Ort bündeln zu müssen. Eine Chance liegt nun darin, daß Berührungsängste zwischen Tourismusindustrie und Erwachsenenbildung in jüngster Zeit abgebaut werden. Das Tourismusgewerbe erkennt zunehmend die Bedeutung der Weiterbildung bei der Betreuung der Gäste, und für die kulturellen Einrichtungen im ländlichen Raum eröffnen sich neue Zielgruppen, Themen sowie Finanzierungsquellen. Immer mehr Volkshochschulen und Bildungswerke überlegen, wie sie die bislang 'vorlesungsfreie' Zeit von Mai bis September mit Angeboten sinnvoll auffüllen könnten. Das Hauptproblem liegt darin, daß die Arbeit von ehrenamtlichen Kräften getragen wird, so daß es der Koordinierung und Betreuung bedarf, um eine Überforderung dieser Kräfte zu vermeiden.

Im Rahmen der EU-Initiative LEADER II verfolgt die PAE nun das Ziel, über das Sommerferienprogramm hinaus neue Themen wie etwa Heimatdichtung, Krippenkunst oder andere jahreszeitlich spezifische Angebote im Bereich des Kunsthandwerks und des alten Handwerks anzubieten. Damit können die bisherigen Projektansätze zusammengeführt werden. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt darin, zwischen unterschiedlichen Trägern Kooperationen herzustellen, um mittelfristig die Region selbst zu befähigen, diese Ansätze zur Zusammenarbeit in dauerhafte kulturelle Angebote umzusetzen. In diesem Kontext ist anzumerken, daß auch Förderungen für bauliche Investitionen künftig davon abhängig gemacht werden, inwiefern sich diese durch ein Konzept der Betreuung nachhaltig beleben lassen. Lokale Kulturträger sind hier künftig gefragt; neue Formen des Projektmanagements mit entsprechend geschulten Kräften werden sich etablieren.

Eine Vernetzung ist auch mit sozialen Projekten wie etwa Maßnahmen zur Schaffung neuer Arbeitsplätze in der Region denkbar. Wichtig erscheint die Erschließung von Nischen im kulturellen Bereich (Gästeführungen zu kulturellen Attraktionen im Auftrag von Gemeinden, Betreuung von 'Relaisstationen' entlang von Radwanderrouten). An dem Projekt 'Kulturelle Koordinierung' im Rahmen von LEADER II wirken als Partner mit: die Gemeinden Bärenthal, Beuron, Buchheim, Inzigkofen, Irndorf, Leibertingen, Schwenningen/Heuberg, Sigmaringen, Stetten a.k.M. aus dem Raum Obere Donau, weitere Gemeinden der Landkreise Alb-Donau, Biberach sowie Sigmaringen, das Bildungszentrum Gorheim der Erzdiözese Freiburg, Naturschutzzentren, BUND sowie zahlreiche Vereine bzw. Verbände wie etwa der Kreisbauernverband Sigmaringen.

- Erstellung von modellhaften zielgruppenspezifischen Kulturangeboten im Rahmen eines Sanften Tourismus in Vor-, Haupt- und Nachsaison zu regionalspezifischen Themen. Grundlage dafür sind Erhebungen in den Zielgemeinden.

- Entwicklung von Weiterbildungskonzepten für ehrenamtliche Kräfte vor Ort, die sich im Bereich der Kulturarbeit engagieren wollen.

- Entwicklung von Weiterbildungskonzepten für das Beherbergungsgewerbe bzw. die Gastronomie zur erwachsenenpädagogischen Aufwertung von Angeboten.

- Mithilfe beim Aufbau eines Netzwerks von 'Kulturstationen' im Raum Obere Donau, die mittelfristig von nebenamtlichen Kräften eigenständig betreut werden sollen. Auch hier bilden Erhebungen die Grundlage für die Auswahl.

- Mithilfe beim Aufbau von Vernetzungsstrukturen zur Vermarktung kultureller Angebote für Einheimische und auswärtige Gäste in mehreren zusammenhängenden Regionen.

Die aus dem weiteren Verlauf des Projekts gewonnenen Erfahrungen wird die PAE publizieren sowie auf Fachtagungen vorstellen; offene Prozesse leben nicht zuletzt von Diskussionen mit der Theorie und der Praxis.

Dr. Hartmut Semmler

Pädagogische Arbeitsstelle

für Erwachsenenbildung in Baden-Württemberg

Panoramastraße 19

70174 Stuttgart