Klaus I. Rogge

Neue Wege braucht das Land ?!
Zur Renaissance dezentraler Konzepte in Nordrhein-Westfalen


Klaus I. Rogge, geb. 1943. Nach Buchhändlerlehre Studium der Betriebswirtschaft (Dipl.-Betriebswirt (FH)). Anschließende Tätigkeiten: Assistent der Geschäftsleitung einer Verlagsgruppe und Mitarbeiter eines neugegründeten pädagogischen Verlages. Aufbaustudium mit den Schwerpunkten Marketing und Unternehmensführung (Abschluß Dipl.-Ökonom). Hauptberufliche Tätigkeit als Fachbereichs- und Projektleiter in der Erwachsenenbildung. Seit 1979 Referatsleiter beim Landesinstitut für Schule und Weiterbildung, Soest, mit den Arbeitsschwerpunkten Bildungs- und Kulturmanagement / Organisationsentwicklung / Dezentrale Bildungs- und Kulturarbeit / Lernen vor Ort.

1. Was hat es auf sich mit der Regionalisierung der Politik?

Versuch einer ersten Standortbestimmung

Wer in älteren wie auch neueren Publikationen der nordrhein-westfälischen Landesregierung stöbert, dem fällt auf, daß dort von regionalisierter Strukturpolitik, von regional gestalteten Bildungslandschaften und regionaler Kulturpolitik die Rede ist. Was hat es nun auf sich mit dem gewachsenen, dem neuen Interesse an der Region? Mit der Krise des Bergbaus Ende der fünfziger Jahre, der nachfolgenden Strukturbereinigungen in der Textilindustrie sowie der in den siebziger Jahren einsetzenden Schwäche der Stahlindustrie verband sich bis in die achtziger Jahre in Nordrhein-Westfalen der Verlust von über einer Million Arbeitsplätzen (Ministerium für Wirtschaft, Mittelstand und Technologie (Hrsg.) (1992) S. 5). Dieser Trend hat sich bis in die 90er Jahre fortgesetzt. Seit Mitte der achtziger Jahre richtete sich deshalb die nordrhein-westfälische Wirtschaftspolitik nicht mehr auf den Erhalt alter Strukturen aus, sondern sie setzte sich vermehrt für die Anpassung und die Bewältigung des sich vehement abzeichnenden Strukturwandels ein. Die Umsetzung erfolgte strategisch auf zwei Ebenen: Einerseits wurden Formen des Dialogs wie z.B. Regionalkonferenzen erprobt und andererseits setzte man auf Formen der Kooperation z.B. zwischen Städten und Gemeinden einer Region (Abb. 1). Die 15 für eine regionalisierte Strukturpolitik vorgesehenen Regionen des Landes wurden demgemäß aufgefordert regionale Entwicklungskonzepte zu erarbeiten und vorzulegen (ebenda).

 

Was für die Wirtschaftspolitik gilt, gilt seit Mitte der 90er Jahre auch für die Kulturpolitik. Die Ziele der regionalen Kulturpolitik sind in der Regierungserklärung wie folgt abgesteckt: In den Regionen sollen kulturbezogene Entwicklungskonzepte erstellt, regionale Profile herausgearbeitet und die besonderen Fähigkeiten und Kräfte in der Region aufgespürt und gebündelt werden (Kral 1996, S. 52). Dabei wird es vorrangig jedoch doch nicht um Fragen der kulturellen Grundversorgung gehen, sondern vielmehr um die Förderung kultureller Projekte, die die Zugänglichkeit bzw. die Wahrnehmung von Kultureinrichtungen und -programmen über die jeweiligen Stadtgrenzen hinaus verbessern sollen. Regionale Kulturpolitik setzt dabei auch auf die Wechselwirkungen zwischen Kultur, Wirtschaft, Tourismus, Medien und Denkmalpflege. Bezweckt wird damit, die gewachsenen Kulturlandschaften in ihrer Leistungsbereitschaft zu stärken. Dazu gehört auch, die Erhaltung und Nutzung von wichtigen Kulturgütern wie z.B. von denkmalwerten Gebäuden sicherzustellen. Den Schwerpunkt - wenn man die finanzielle Dimension einmal außer acht läßt - legt dabei die Landesregierung auf die ländlich strukturierten Gebiete: Diese Zuschreibung trifft auf sieben von vorerst neun gebildeten Regionen zu.

 

Im Rahmen der Denkschrift der Kommission 'Zukunft der Bildung - Schule der Zukunft' (Bildungskommission 1995, S. 284 ff.) befaßt sich ein Kapitel mit regional gestalteten

Konzept der

Regionalisierten Strukturpolitik

 

flächendeckendes problemspezifisches Konzept

Konzept in ausgewählten Regionen

 

Initiator

Landesregierung ein/mehrere Akteur(e) (Wirtschaftsministerium) aus der Region, wie z. B. IHK,

Wirtschaftsförderungsgesellschaft

freiwillige Beteiligung der

gesellschaftlichen Gruppen in

Regionalkonferenzen

 

Arbeitsgruppen

Erarbeitung eines regionalen

Leitbildes über ein regionales

Entwicklungskonzept

Abb. 1: Regionalisierung der Strukturpolitik, aus: Ministerium für Wirtschaft, Mittelstand und Technologie (Hrsg.) 1994, S. 82.

 

Bildungslandschaften. Die Kommission möchte damit anregen, "in den Regionen eine Infrastruktur miteinander vernetzter Bildungsangebote zu entwickeln und zu sichern, die für die Nutzung transparent und als System ökonomisch ist" (ebenda S. 284). In den von der Kommission entwickelten Leitvorstellungen und Empfehlungen heißt es dazu: Mit regional gestalteten Bildungslandschaften verfolgt die Kommission das Ziel (ebenda S. 288), "die Kommunen des Landes in die Lage zu versetzen, ihre kulturelle und wirtschaftliche Infrastruktur durch umfassende, ortsbezogene Angebote an schulischer und außerschulischer Bildung zu stärken." Zentrale Elemente eines derartigen kooperativ angelegten Konzeptes sollen die folgenden Punkte sein (ebenda S. 289):

- "die Erweiterung der Entscheidungskompetenzen und der schulorganisatorischen Optionen der kommunalen Schulträger,

- im Bedarfsfalle eine interkommunale, das heißt regionale Rahmenplanung für die Schulentwicklung,

- die Ergänzung der Entwicklungsplanungen der kommunalen Schulträger um qualitative Elemente und deren Verknüpfung mit anderen Gestaltungsbereichen,

- ein Arbeitsverbund der öffentlichen Träger mit der Wirtschaft als Träger beruflicher Ausbildung und beruflicher Weiterbildung und den öffentlichen und privaten Trägern der Weiterbildung."

 

Neben der Festsetzung von Bildungsregionen bedarf es zur Umsetzung der Bildung von Bildungskommissionen unter Beteiligung der Gemeinden, Kreise sowie Zweckverbände (s. Abb. 2). Diese regionalen Kommissionen haben die Aufgabe der Bedarfsermittlung und Angebotssicherung. Über die Kooperation der öffentlichen und privaten Träger soll es in der Region zu einem abgestimmten und unverwechselbaren Angebotsprofil im schulischen Bereich, in der beruflichen Bildung und der Weiterbildung kommen.

 

Bildungsregionen

Regionales Gesamtprogramm

der Bildungs- und Weiterbildungsangebote

 

Bildungsregionen

Gemeinden, Kreise, Zweckverbände

Bildungskommissionen

 

Bedarfsermittlung und Angebotssicherung

Kooperation zwischen öffentlichen und privaten Trägern

 

Angebotsprofil

 

Schulische Bildung Ÿ Berufliche Bildung Ÿ Weiterbildung

 

Abb. 2: Struktur regionaler Bildungslandschaften, aus: Bildungskommission NRW (1995)

S. 290.

Welche Idee verbindet sich mit dem Regionalisierungskonzept der Landesregierung? Im 'kult-Magazin' (Brusis/Kienitz S.6/7) des Kulturraum Niederrhein e.V. nimmt die Kultusministerin des Landes Nordrhein-Westfalen dazu wie folgt Stellung:

- "Die Regionen gewinnen einerseits im zusammenwachsenden Europa und angesichts der Globalisierungstendenz der Wirtschaft an Bedeutung, weil mit dieser Einteilung überschau- und handhabbare Größen geschaffen werden. Denn eine Region wie z.B. die Hellweg-Region wird von den dort wohnenden und arbeitenden Menschen als ihr ureigenster Lebensraum begriffen und gestaltet;

 

- mit der Regionalisierungspolitik schafft sich die Landesregierung trotz leerer öffentlicher Kassen einen Gestaltungsspielraum. Denn man kann hier für die vom Kahlschlag bedrohte Kulturarbeit im Lande mit relativ bescheidenen Mitteln noch Handlungsspielräume eröffnen bzw. erwirken;

 

- darüber hinaus möchte die Landesregierung mit dieser Initiative die institutionelle Kooperation nicht nur der Kultureinrichtungen, sondern auch die Vernetzung der Kulturschaffenden in einer Region befördern. Dabei bezweckt die Landesregierung die Erzielung von nicht zu unterschätzenden Synergieeffekten in und zwischen den Gemeinden, Kreisen und Städten der jeweiligen Region."

 

Im Sinne von Leopold Kohr (1986), dessen Theorie sich mit Fragen nach der optimalen Größe von Gesellschaften beschäftigt, findet auf der landespolitischen Ebene eine Rückbesinnung auf die Region statt. Offensichtlich erhofft sich die Landesregierung mit der Regionalisierung ihrer Politik eine Erhöhung ihrer Effizienz und Effektivität in den entsprechenden Politikfeldern. Trotz der avisierten Formen und des Dialogs gilt es zunächst einmal festzuhalten, daß es sich bei der gewählten Vorgehensweise weiterhin um ein 'top-down'-Verfahren handelt. Denn die Landesregierung beschließt und setzt durch die Initiierung von Regionalkonferenzen entsprechende Impulse. Ob, wie und inwieweit diese in den Regionen umgesetzt werden, entzieht sich der direkten Einflußnahme des Ministeriums.

 

2. Aus dem Blickwinkel der Weiterbildung - eine zunächst einseitige

Betrachtungsweise

 

Im weiteren werde ich mich bei meinen Ausführungen auf die nordrhein-westfälische Weiterbildungspolitik beziehen und aus diesem Blickwinkel heraus Argumente für eine dezentrale Perspektive von Weiterbildung anführen. Beginnen werde ich mit einer Zustandsbeschreibung in bezug auf die derzeitige Praxis von Weiterbildung. Die öffentlich geförderten Weiterbildungseinrichtungen werden mit dem Anspruch der Landes- wie auch Kommunalpolitik konfrontiert, gesellschaftliche Problemlagen und Krisenerscheinungen alsbald zu erkennen und mit ihren Mitteln zu bearbeiten. So antwortet beispielsweise die Weiterbildung mit der Qualifizierungsoffensive und der damit einhergehenden Schwerpunktsetzung im Bereich der beruflichen Bildung auf die Krise der Arbeitsgesellschaft.

 

Das Hauptaugenmerk meiner Betrachtungen werde ich deshalb im folgenden auf Fragen des Arbeitsmarktes legen und dabei die Rolle der Weiterbildung erläutern und zugleich hinterfragen. Dazu wird es notwendig sein, Umfang und Auswirkungen der Veränderungen der Arbeitsgesellschaft kurz zu umreißen. Seit Anfang der 80er Jahre ist die Rate der Erwerbslosen auch in Nordrhein-Westfalen drastisch gestiegen. Von neuer Armut ist die Rede. Wer beispielsweise die Entwicklung der Wirtschafts- und Sozialpolitik in Großbritannien verfolgt, kann die folgenden Feststellungen machen: Die (gewollte) Massenarbeitslosigkeit schlägt sich in Kaufkraftverlusten in Regionen mit besonders hoher Arbeitslosenrate nieder, in Abwanderung von Industrie, starker Belastung einzelner Kommunen durch den rapiden Anstieg der Sozialhilfe und Rückgang des kommunalen Steueraufkommens. Das Gefälle zwischen reichen und armen Regionen in Großbritannien hat sich dramatisch verschärft. Orientierungslosigkeit, Apathie, Zukunftsangst machen sich in den betroffenen Regionen breit. Die Zwei-Drittel-Gesellschaft - ein Drittel arbeitslos - wird festgeschrieben. Ähnliche Verhältnisse galt es, in der Bundesrepublik zu verhindern. Nordrhein-Westfalen suchte, mit der Umsetzung des Konzeptes Regionale Strukturpolitik einseitige Schwerpunktsetzungen zu verhindern und einen tragbaren Weg für die 'Fläche' zu beschreiten. Kritisch anzumerken ist, daß es nur unzureichend gelang, die anderen Politikbereiche mit der Wirtschaftspolitik zu verschränken. Es blieb oftmals bei der reinen Absichtserklärung in bezug auf die Integration relevanter Politikbereiche.

 

Die nordrhein-westfälische Weiterbildung war durchaus nicht davor gefeit, einseitig auf die Qualifizierungsoffensive zu setzen. Denn die Landesregierung befand im Rahmen ihrer regionalen Strukturpolitik über die Förderung neuer Industriezweige wie Mikroelektronik und Umweltschutz durch beispielsweise Einrichtung von dezentralen Technologiezentren. Bei der Umsetzung der Strukturmaßnahmen spielte die Förderung der beruflichen Bildung eine nicht unerhebliche Rolle. Einer ausschließlichen Orientierung der Weiterbildung an der Qualifizierungsoffensive steht jedoch schon das Weiterbildungsgesetz (WbG NW) mit seiner Sachbereichsorientierung und seinem Grundsatz der Einheit der Bildung entgegen. Dieser Grundsatz erweist sich als sinnvoll vor dem Hintergrund des aufgezeigten radikalen Wandels der Arbeitsgesellschaft und der damit verbundenen Umbruchsituation. Denn gesellschaftliche Entwicklungen wie strukturelle Arbeitslosigkeit, zunehmende Gefährdung unserer Umwelt, Desorientierung weiter Bevölkerungsschichten werfen Fragen auf, die weit über die berufliche Weiterqualifizierung hinausgreifen. Sie beinhalten auch die Suche nach Selbsterkenntnis, nach historischer Selbstvergewisserung, nach kultureller Identität. Nicht von ungefähr geraten dabei Ansätze für die Bildungsarbeit in den Blickwinkel, die sich mit dem Alltag der Menschen und ihrem Wohnumfeld auseinandersetzen. Lernen vor Ort, das sich bewußt auf die Lebenswelt der Menschen bezieht und einläßt, stellt ein unverzichtbares Gegengewicht zur einseitigen Orientierung an der beruflichen Bildung dar.

 

Wer jedoch daraus den Schluß zieht, damit verbände sich eine Verteufelung regionaler Strukturpolitik, der irrt. Vielmehr gilt es an dieser Stelle aufzuzeigen, welche Chancen und Möglichkeiten in einer aufeinander bezogenen 'Strukturpolitik' stecken, in der unterschiedliche Politikbereiche sich ergänzen und gegenseitig beeinflussen. Im Rahmen meiner Erkundungen im Feld Regionalentwicklung bin ich auf recht unterschiedliche 'Vernetzungsbeispiele' gestoßen. Diese hatten in jedem Falle einen Regionalbezug, waren jedoch nicht in jedem Fall angebunden an ein landespolitisches Konzept. Daß die Weiterbildung dabei oftmals eine tragende Rolle spielt, ist meinem 'einseitigen' Weiterbildungsblick geschuldet. Von zwei wenig spektakulären Beispielen sei an dieser Stelle erzählt, wobei der Bericht sich auf das wesentliche beschränkt:

 

 

Beispiel A: Eine Weiterbildungs- und Kulturinitiative belebt die Region

Im Rahmen eines trinationalen Projektes beschäftigten sich Weiterbildner aus England, Südfrankreich und Nordrhein-Westfalen mit ökologischen Fragestellungen. Die französischen Kollegen und Kolleginnen zeigten auf, welche Impulse von einer Weiterbildungs- und Kulturinitiative zur Belebung einer strukturschwachen Region ausgehen können. Die Initiative hatte es sich zu Beginn zunächst zur Aufgabe gemacht, neben allgemeinbildenden Kursen berufsqualifizierende Maßnahmen anzubieten. Recht bald wurde ihnen klar, daß in ihrer Region bei einer Arbeitslosenquote von über 20% die Reichweite ihrer Bemühungen begrenzt ist. Denn nach der Qualifizierung wurden die TeilnehmerInnen in der Regel wieder in die Arbeitslosigkeit entlassen. Das Frappierende an dieser Initiative war und ist, daß sie sich als 'Reisendes Seminar' verstand. Das heißt, daß sie auf der europäischen Ebene Kontakte zu vergleichbaren Initiativen und Institutionen herstellte, um Anregungen für entsprechende Anstrengungen in ihrer Region zu erhalten. Der nordrhein-westfälische Partner war beispielsweise ein reger Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt. Die Vor-Ort-Erkundungen führten zur Umsetzung folgender Projektideen: Eine Kleider-Kammer, ein Entrümpelungs- und Trödelunternehmen, einen Betrieb, der sich mit dem Recycling u.a. von Papier beschäftigte, ein Öko-Restaurant ... . Diese Beispiele sind aus deutscher Sicht keinesfalls spektakulär zu nennen. Darin liegt auch nicht ihr Wert. Diese Projekte haben jedoch in der Pyrenäenregion ein 'anregendes Milieu' geschaffen, indem sie andere ermunterten, sich ebenfalls auf den Projektpfad zu begeben. Daß Initiativenmitglieder in der Region in Eigenarbeit ein Kulturhaus (auf-)bauten, macht deutlich, welche Kraftpotentiale hier freigesetzt wurden.

 

 

Beispiel B: Die Volkshochschule X in B. in Bewegung

Die Volkshochschule arbeitet in einer ländlich strukturierten Gegend. Mit einer Nachbargemeinde wird ein gemeinsames Veranstaltungsprogramm erstellt. Die Volkshochschule zeichnet sich jedoch dadurch aus, daß sie einerseits der Bevölkerung ein umfassendes Angebot an Weiterbildung unterbreitet und andererseits sich als regionale 'Unterstützungsagentur' versteht. Sie hat beispielsweise eine Kulturinitiative mitgetragen, die ein ehemaliges Kino in eine Kleinkunstbühne verwandeln wollte. Statt Konkurrenz zu wittern, kam es in der Folge zur Kooperation. Dazu gehörte u.a. die spätere entgeltliche Nutzung der 'Bühne' für die Zwecke der Volkshochschule. Da es sich aufgrund der anhaltenden Krise der Kommunalhaushalte verbat, weiteres festangestelltes Personal anzustellen - der Träger spielte nicht mit -, schloß die Volkshochschule über den kommunalen Träger einen Kooperationsvertrag mit einem Weiterbildungswerk (e.V.) ab. Im Rahmen des Kooperationsvertrages wurde der Verein damit betraut, Maßnahmen der Arbeitsverwaltung umzusetzen, Aufgaben der beruflichen Bildung wahrzunehmen sowie Fortbildung für die örtliche Wirtschaft (Bildung auf Bestellung) anzubieten. Die Volkshochschule erstellt mit dem Weiterbildungswerk ein gemeinsames Programm und fungiert als dessen Verwaltungsstelle. Als ein weiterer Schwerpunkt der Volkshochschularbeit kristallisierten sich im Laufe der Zeit Studienreisen und Exkursionen heraus. Die Volkshochschule initiierte die Gründung eines eingetragenen Vereins, der mit der Umsetzung der diesbezüglichen Volkshochschulveranstaltungen Angebote betraut wurde. Im Programm des Reiseveranstalters finden sich neben den Volkshochschulangeboten Offerten, die sich insbesondere an jüngere Leute wenden. Die Gründung einer Beschäftigungsgesellschaft in B. ist angedacht. Ihre Umsetzung steht noch aus.

 

3. Regionalisierungskonzepte und Dezentralisierung der Weiterbildung -

(k)ein Widerspruch?!

 

Analysiert man diese und weitere mir bekannte Beispiele, so kommt man zu dieser Schlußfolgerung: Es gibt im Weiterbildungsbereich eine nicht gering einzuschätzende Praxis in bezug auf Kooperation und Vernetzung im lokalen Zusammenhang. Manche Weiterbildungseinrichtung versteht sich als Forum bzw. Agentur zur Belebung einer Wirtschaftsregion. Das dem so ist, steht im Zusammenhang mit der Entwicklung der Struktur der nordrhein-westfälischen Weiterbildungslandschaft. Diese wiederum ist Ausfluß bildungsreformerischer Überlegungen der 70er Jahre. Maxime der damals eingeleiteten Entwicklung war die Sicherstellung eines bedarfsdeckenden Angebots für die Bevölkerung durch kommunale sowie andere Träger. Damit verbunden war die Verpflichtung der kommunalen Volkshochschulen, für eine Grundversorgung in allen Sachbereichen des Weiterbildungsgesetzes Sorge zu tragen. Um dem entsprechen zu können, bedurfte es der Herausbildung eines flächen- und bedarfsdeckenden Netzes an Weiterbildungseinrichtungen in Nordrhein-Westfalen. Auf dieses bestehende Netzwerk treffen die Bemühungen der Landesregierung in Bezug auf eine Regionalisierung bestimmter Politikbereiche. Regionale Initiativen, wie sie beispielhaft angeführt wurden, gehen von einer Institution aus und strahlen auf die Region ab. Demgemäß könnte man sie als bottom up-Verfahren apostrophieren. Will das Regionalisierungskonzept der Landesregierung einen nachhaltigen Erfolg zeitigen, so müßte diese dafür Sorge tragen, daß die Initiativen von unten ('bottom-up') mit der von oben ('top-down') korrespondieren. Dazu bedarf es der Schaffung bestimmter Voraussetzungen wie z.B. Erhalt der vorhandenen Infrastruktur. Für die Weiterbildung hat es auf diesem Hintergrund keinen Sinn, das bestehende Netzwerk von Weiterbildungseinrichtungen auf Grund der Novellierung des Weiterbildungsgesetzes radikal in Frage zu stellen.

Vielmehr gilt es, das Netzwerk erster Ordnung durch ein Netzwerk zweiter Ordnung zu ergänzen. Letzteres besteht aus den relevanten Institutionen (Ämtern, Weiterbildungseinrichtungen, Industriebetrieben u.a.m.), Personen ('Schlüsselpersonen') und Foren (Regionalkonferenzen, Arbeitsgruppen ... ) im regionalen Umfeld. Für die in diesem Feld agierenden Personen, Gruppen und Institutionen ist es notwendig, daß sie ihren Blickwinkel erweitern und benachbarte Arbeitsfelder unter dem Gesichtspunkt der Regionalentwicklung einbeziehen. Wollte man die sich daraus für eine ländlich orientierte Regionalpolitik ergebenden einzelnen Funktionsfelder beschreiben, so böte sich in etwa folgendes Bild an:

 

 

Ländliche Regionalentwicklung

 

Arbeit

&

Kommerz

è

 

Tourismus

è

 

Bildung

&

Kultur

ê

é

Natur

&

Umwelt

é

Landwirtschaft

ç

 

Verkehr

ç

 

 

Abb. 3: Funktionsfelder ländlicher Regionalentwicklung

 

Dabei ist festzuhalten, daß die regionalen Rahmenbedingungen recht unterschiedlich ausfallen und von daher das Funktionsfeld Regionalentwicklung immer wieder neu konturiert werden muß. Von daher kann die Beschreibung der im folgenden angegebenen Funktionsfelder nur exemplarisch erfolgen:

 

- Arbeit und Kommerz:

Im Rahmen von regionaler Strukturpolitik geht es beispielsweise um Beschäftigungsprojekte für Problemgruppen, um Betriebsgründungen in alternativen Beschäftigungsbereichen und um Maßnahmen der Qualifizierung.

 

- Natur und Umwelt:

Hierbei geht es oftmals um Maßnahmen des Umweltschutzes in Verbindung mit Umweltverbänden. Dazu zählen Renaturierungsprojekte wie z.B. Wiederherstellung von Flußauen, Einrichtung und Pflege von Feuchtbiotopen und Schutz von Lebensräumen bedrohter Tierarten.

 

- Landwirtschaft:

Die Umstellung von landwirtschaftlichen Betrieben im Hinblick auf eine ökologische Bewirtschaftung sowie die Direktvermarktung von landwirtschaftlichen Produkten wären hier anzuführen. Die Gewinnung von Energie durch die Aufstellung von Windkraftanlagen verdeutlicht nochmals die gewollte Verbindung von Ökologie und Ökonomie deutlich.

 

- Tourismus:

Von Maßnahmen des 'sanften' Tourismus, z.B. Fahrradtouren, Ferien auf dem Bauernhof bis hin zu erlebnisorientierten Veranstaltungen, reicht hier das Angebotsspektrum.

 

- Kultur und Bildung:

Die Erkundung von Kulturlandschaften, Besuche regionaler Museen, kulturhistorische Stadtrundgänge wie auch die Vermittlung von kulturellen, personenbezogenen wie auch beruflich orientierten Kenntnissen und Fähigkeiten durch regionale Bildungsträger wären hier beispielsweise anzuführen.

 

- Verkehr:

Damit dies überhaupt funktionieren kann, bedarf es entsprechender Überlegungen im verkehrstechnischen Bereich. Die Stärkung des öffentlichen Nahverkehrs, Fahrradstationen an den Bahnhöfen verbunden mit ausreichender Übernachtungskapazität zeigen auf, welcher Anstrengungen es bedarf, wenn man auf Regionalentwicklung setzt.

 

4. Lernen vor Ort - Die widerborstige andere Seite der Weiterbildung

 

Wenn im weiteren von Weiterbildung und dessen Angebot die Rede ist, so wird nicht Bezug genommen auf den traditionellen Kanon der Sachbereiche des nordrhein-westfälischen Weiterbildungsgesetzes. Vielmehr geht es dabei um Aufgaben und Stellenwert eines dezentralen, lebensweltorientierten Weiterbildungsangebotes. Damit deutlich wird, was sich damit verbindet, soll im weiteren kurz skizziert werden, wie die Lebenswelt der Menschen im einzelnen insbesondere im ländlichen Raum - vor einer Generalisierung sei jedoch gewarnt - ausschaut:

 

- Vereinsamung und Isolation des einzelnen, hervorgerufen u.a. durch Zersiedelung bzw. Verstädterung ländlicher Regionen;

- Veränderung nachbarschaftlicher Strukturen u.a. hervorgerufen durch das Ein- und Auspendeln der Gemeindemitglieder;

- Rückgang der Nutzung wohnumfeldbezogener Freizeitmöglichkeiten und der damit verbundene Rückzug auf die eigenen vier Wände;

- mangelnde Identifikationsmöglichkeiten u.a. aufgrund zunehmender Einsparungen im sozialen, kulturellen Bereich;

- Gesichts- und Geschichtslosigkeit von Städten und Gemeinden, bedingt u.a. durch die rigide Eingemeindung früher selbständiger Einheiten ('Orte').

Alexander Mitscherlich prägte Anfang der 70er Jahre den Begriff von der Unwirtlichkeit der Städte. Über die zunehmende Unwirtlichkeit ländlicher Regionen verlor er dagegen kein Wort. Denn Urbanität ist der Betrachtung wert, während Provinzialität dagegen ein flächendeckendes Ungütesiegel (Jansing 1996 S. 64f.) darstellt. Unter dem Diktat der leeren Kassen ist in absehbarer Zeit mit einer Verbesserung der Lebensverhältnisse nicht zu rechnen. Um so mehr kommt es für die Weiterbildung darauf an, auch aus dieser Perspektive das lokale Umfeld in den Blick zu nehmen, dessen Bedingungen zu analysieren und zu thematisieren (s. Abb. 4).

 

 

 

Lokales Umfeld/Lebenswelt

ê Die Leute und deren Bedingungen im lokalen Umfeld sind ê

Ausgangspunkt für:

 

Thematisch inhaltliche

Orientierung

(Nimmt Probleme, Fragestellungen aus

dem lokalen Umfeld und thematisiert sie.)

Methodische/didaktische

Strategien

(Geht vom Erlebnishorizont und

Erfahrungsfeld der Leute aus und bietet

entsprechend der Situation adäquate

Verfahren an.)

 

Institutionelle Bedingung

é (Ziele, Aufgaben und Struktur der Einrichtung; é

sonstige Rahmenbedingungen)

 

 

Abb. 4: Simplifiziertes Modell 'lernortsbezogener Erwachsenenbildung'

 

Denn im Laufe der Auseinandersetzung mit Lernen von Erwachsenen wurde deutlich, daß es nicht ausreicht, erwachsenengerechte Lernprozesse zu organisieren oder den Teilnehmer dort abzuholen, wo er sich befindet, d.h. einen Bezug zu seinen Lernerfahrungen und Lernverhalten herzustellen. Das hiermit umschriebene Prinzip der Teilnehmerorientierung sprach stärker die gebildeteren Schichten an und beförderte letztlich Verschulungstendenzen in der Weiterbildung. Auch die einseitige Orientierung an gegebene (ökonomische) Verhältnisse greift - wie dargestellt - zu kurz.

 

Lernen, das das Verschweigen gesellschaftlicher Skandale wie Massenarbeitslosigkeit, neue Armut, Landschaftszerstörung, Umweltverschmutzung durchbrechen will, muß eingreifen in gesellschaftliche Wirklichkeit. Ein derartiges Lernen muß anknüpfen am Alltag und Lebenszusammenhang der Menschen vor Ort und ihn zu durchdringen suchen. Der Tendenz, Kultur und Bildung zur Ablenkung von gesellschaftlichen Problemstellungen zu benutzen und als reinen Wirtschaftsfaktor zu betrachten, ist gegenzusteuern. Weiterbildungseinrichtungen, die den Problem- und Fragestellungen der 90er Jahre gewachsen sein wollen, müssen auf Teilhabe und Mitwirkung der Menschen angelegt sein. Dazu bedarf es u.a. der Öffnung im Hinblick auf das Gemeinwesen. 'Offen sein' heißt dann für die Weiterbildung:

 

 

- dezentral arbeiten:

Dezentralisierte Kultur- und Bildungsarbeit lädt ein zur Bedürfnisartikulation. Schwellenängste - hervorgerufen durch Anonymität der Institution - werden abgebaut. Das Selbsthilfepotential von Bevölkerungsgruppen, die sich der dezentralen Einrichtung bedienen, wird gestärkt.

- sich vernetzen:

Im kommunalen Felde agieren unterschiedliche Personengruppen und Institutionen, die Lernprozesse initiieren. Sollen Ziele und Aufgaben vergleichbar angelegt sein, sind die Aktivitäten abzustimmen bzw. zu bündeln. Die vernetzte Koordination spart individuelle wie auch materielle 'Energie'. Die Einwirkungsmöglichkeiten von Bevölkerungsgruppen bzw. Initiativen auf die Lernprozesse werden direkter.

- sich öffnen:

Die Institutionen organisieren sich gemäß dem Werkstattprinzip. Die Bildungseinrichtungen bieten Dienste an, die selbstbestimmt von den Menschen nachgefragt werden. Der Pädagoge wird somit eher zum Moderator oder Animateur des Lernens. 'Offen sein' betrifft sowohl das Binnen- wie auch das Außenverhältnis. Die institutionelle Wirklichkeit muß derart aufgebrochen werden, daß möglichst alle Bevölkerungsschichten und Altersgruppen an den Angeboten partizipieren. Die soziale Durchmischung ist einzufordern.

 

- partizipativ arbeiten:

Die Mitwirkungsrechte von Mitarbeitern und Teilnehmern in den Bildungsinstitutionen sind mit Leben zu füllen. Formen der Willensbildung in bezug auf Programmgestaltung und Umsetzung zu stärken, der Entfremdung von Programmplanern und Adressaten ist durch eine Vielzahl von Kontaktmöglichkeiten entgegenzuwirken.

 

 

5. Auf den Spuren von Lernen vor Ort - Zur institutionellen Praxis dezentraler, gemeinwesenorientierter Weiterbildung

Wer sich auf Spurensuche begibt, um den zentralen Impuls im Hinblick auf die Entwicklung dezentraler, gemeinwesenorientierter Weiterbildung herauszufinden, kann zu folgender Erkenntnis gelangen: Ausgangspunkt der Überlegungen zur Dezentralisierung des Angebots waren die bildungspolitischen Diskussion der 70er Jahre, aus der sich für die Weiterbildung folgende Aufgabenstellungen (vgl. Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft (Hrsg.) (1975) S.22) entwickelten:

- Überwindung von Ungleichgewichten zwischen den Bildungswegen.

- Abbau des Bildungsgefälles zwischen den gesellschaftlichen Gruppen.

- Gleiche Verteilung und Wahrnehmung der Chancen zu Selbstbestimmung und Beteiligung am sozialen, kulturellen und politischen Leben.

- Demokratisierung aller staatlichen und gesellschaftlichen Bereiche zur Sicherung und zum Ausbau des sozialen Rechtsstaates.

 

Weiterbildung sollte demnach einen Beitrag leisten zur Überwindung strukturell angelegter Probleme unserer Gesellschaft (s. Abb. 5).

 

 

 

Gesellschaftspolitische Begründungen für eine Gemeinwesenorientierung

 

Bildungspolitische Begründungen für eine Gemeinwesenorientierung

Pädagogische Begründungen für eine Gemeinwesenorientierung
Schwindende Fortschrittsgläubigkeit

Verschandelung der unmittelbaren Wohnumwelt

Zersiedelung der Landschaft/Verödung der Innenstädte

Krise unserer Arbeitsgesellschaft

Verarmung unserer Erlebniswelten

Geschichtslosigkeit - und damit Ausblenden der Vergangenheit - unserer Republik

Die eingeforderte Mobilität unserer Gesellschaft

Belastung der Menschen durch sinnentleerte Arbeit

...

 

 

Disparität zwischen Teilnehmer- und Bevölkerungsstruktur, z. B. in der Weiterbildung

Ungleiche Verteilung und Wahrnehmung der Chancen zur Selbstbestimmung und Beteiligung am sozialen, kulturellen und politischen Leben

Bildungsgefälle zwischen gesellschaftlichen Gruppen und zwischen den Generationen

Regionales/lokales Gefälle im Bildungs- und Kulturangebot

Fehlende Orientierung von Bildungsangeboten an der Lebenswelt der Adressaten

 

 

 

 

 

 

 

An Fachdisziplinen orientiertes Lernen

Zerstückeltes, unkoordiniertes Lernen

Einseitig 'verkopftes', nur kognitiv bestimmtes Lernen

Keine integrative Aufarbeitung von 'Schlüsselproblemen' wie Frieden, Umwelt, soziale Gerechtigkeit ...

Fehlende Partizipation bei der Bestimmung von Zielen, Inhalten und Methoden des Lernens

Keine Berücksichtigung der Wirklichkeit der Adressaten und deren Auswirkungen auf Lernprozesse

Lernorte werden nicht als Lebensorte begriffen

...

 

 

Abb. 5: Begründungen für eine Gemeinwesenorientierung

 

Diese primär soziologisch orientierten Zielvorstellungen führten u.a. zu folgenden konzeptionellen Überlegungen:

1. Dekonzentrierung des Weiterbildungsangebots:

Waren zunächst einmal die Träger der Weiterbildung in Nordrhein-Westfalen durch den Gesetzgeber zu einem flächendeckenden, bedarfsdeckenden Angebot verpflichtet worden, so wurden in der zweiten Ausbaustufe Planungen im Hinblick auf die Dezentralisierung des Angebots ins Auge gefaßt. Das Weiterbildungsangebot sollte demgemäß möglichst nutzernah unterbreitet werden.

2. Aufhebung der Disparität zwischen Teilnehmer- und Bevölkerungsstruktur:

Aufgrund der Feststellung, daß die Weiterbildungseinrichtungen hauptsächlich die Mittelschichten ansprachen, wurden Überlegungen angestellt, wie eine stärkere Beteiligung unterrepräsentierter Schichten herbeizuführen sei. Eine größere Wohnortnähe des Programmangebots würde - so wurde angenommen - den Zugang zu den Programmangeboten erleichtern.

3. Lokale Orientierung des Angebots:

Die Annahme, daß es nicht ausreicht, das Programm der 'Zentrale' auf die Stadtteile bzw. Gemeinden hin zu vervielfältigen, um eine größere Beteiligung der unterrepräsentierten Schichten sicherzustellen, führte zu folgenden Überlegungen: Die Programmangebote sollten sich an Problemstellungen des Stadtteils orientieren und die Bewohner bei der Artikulation ihrer Interessen unterstützen.

Die Recherche von 1986 (Brown, Maria / Rogge, Klaus I. (1987) S. 18ff.) bestätigte erneut die gewachsene Bedeutung lokaler Programmangebote. Nunmehr konnten in folgenden fünf Lernfeldern Angebote festgestellt werden, die dem Anspruch lokaler Orientierung gerecht wurden. Wenn auch die Lernfelder städtisch ausgeprägt zu sein scheinen, so ist damit noch keinerlei Aussage über die Bedeutung dieser Felder für den ländlich strukturierten Bereich getroffen. Die untersuchten Weiterbildungseinrichtungen in Nordrhein-Westfalen arbeiten dezentral. Denn ein VHS-Zweckverband, eine Kreisvolkshochschule sowie eine VHS gemäß öffentlich-rechtlicher Vereinbarung stehen für ein vom Gesetzgeber vorgegebenes flächendeckendes Angebot auf dem Lande ein. Die folgenden Angebotskategorien sind für ein Lernen vor Ort typisch (ebenda):

- Angebote zur Lokalgeschichte einer Stadt, eines Stadtteils, einer Gemeinde,

- Angebote zur Stadt(teil-)entwicklung, -ökologie und Wohnsituation,

- Angebote zur stadtteilbezogenen Zielgruppenarbeit (Integration von Ausländern, Behinderten, Frauen etc.),

- Angebote zur Stadt(-teil)kultur,

- Angebote zur Stadtteilkommunikation.

 

In den Angeboten wird sich beispielsweise kritisch mit dem Alltag eines Stadtteils während der Zeit des Nationalsozialismus, den Altlasten aufgelassener Industrieansiedlungen, dem Problem der Integration ausländischer Mitbürger sowie der Lebens- und Wohnsituation in einer Hochhaussiedlung auseinandergesetzt. Die Erstellung einer Dorfchronik wie auch die Beschreibung der Historie des Schützenwesens einer Gemeinde stehen dagegen eher für die unkritische Seite eines Lernens vor Ort. Über Gesprächskreise, Angebote der Mitmach-Kultur, die Einrichtung und Betreibung eines Stadtteiltreffs bis hin zur Gestaltung von Dorf- und Stadtteilfesten reicht das Spektrum der Angebotsformen. Dementsprechend finden sich in diesen Programmangeboten solche Gegensätze wieder wie Idylle und Abbruch, Plausch und Planung, Mundart und Video, Dorf und Stadt, Begrünungsaktion und Bürgerprotest, Heimattümelei und 'Kumpelgeschichte', 'röhrender Hirsch' und Landschaftszerstörung.

 

Damit wird die Hinwendung zu den 'kleinen Leuten' und deren (kommunal-)politischen Problemen vollzogen. Für die Weiterbildung gilt es, die soziale Wirklichkeit im Nahbereich nicht aus den Augen zu verlieren. Dazu bedarf es erfahrungsgestützter Erkundungen des Wohnumfeldes, Sondierungen bei lokalen Gruppen und Institutionen, der Suche nach Anknüpfungspunkten und der behutsamen Einleitung weiterer Kooperationen. Daß dieser Weg von allen Beteiligten einen langen Atem verlangt, Beharrlichkeit und nicht zuletzt ein hohes Maß an Kreativität, sei an dieser Stelle nicht verschwiegen. Und vor Anfechtungen ist man/frau nicht gefeit. Dennoch: Die Weiterbildung kann den einmal beschrittenen Weg nicht mehr verlassen, der auf eine Verbesserung der Lebens- und Wohnbedingungen der Menschen im lokalen Umfeld abzielt und das Mitgestalten der Lebenswelt in vielfältiger Kooperation mit Vereinen und Institutionen vor Ort beabsichtigt.

Wenn es richtig ist - wie Otto Herz es 1987 (Herz, Otto (1988) S. 120f.) formulierte -, daß die Bildungs-, Kultur- und Sozialarbeit an ihre Handlungsgrenzen gestoßen sind, dann braucht es die Partnerschaft der Professionen, will man/frau den Menschen in der Gesamtheit seiner Lebenslagen unterstützen und ihn nicht als Opfer von Zuständigkeiten mißbrauchen. Dazu gehören die Erprobung und Praxis neuer Handlungsstrategien und Lernformen.

Das notwendige Querdenken zur Profession und den Ressorts ist dabei unabdingbar. Es bedarf außerdem der Erfahrung miteinander statt des ausschließlichen Kontaktes untereinander. Der pädagogische Grenzgänger, der über den Tellerrand seiner Profession und seiner Institution hinaus schaut, wird wichtiger als die/der auf Zuständigkeiten bestehende Sozial-, Kultur- und Bildungsarbeiter/in.

 

Für mich stellt sich an dieser Stelle die Frage, ob und inwieweit die 'Regionalentwicklung' - so wie sie in den Konzepten der Landesregierung formuliert wird - von derartig erfahrungsgestützten konzeptionellen Überlegungen profitieren kann. Ein offene Frage. Noch. Die nordrhein-westfälische Wirklichkeit in bezug auf die Weiterbildung zeigt auf, daß die Weiterbildungseinrichtungen über eine vielfältige Erfahrung in der Umsetzung dezentraler Konzepte besitzen. Um an diesen Erfahrungen anknüpfen und daran partizipieren zu können, bedarf es seitens der Kommunal- wie auch Landespolitik der Anwendung eines 'Gegenstromprinzips'. Der Einflußstrom, der von oben nach unten ('top-down') verläuft, bedarf der Ergänzung durch einen von-unten-nach-oben- ('bottom-up') sowie einen horizontalen Strom. Das heißt, daß die Planung von oben (Regionalisierung) die Bewegung von unten (Lernen vor Ort) wahrnehmen und in ihre konzeptionellen Überlegungen mit einbeziehen muß. Damit diese Ströme 'fließen' können, bedarf es der Unterstützung durch intermediäre Akteure in der Region. Ein derartiger Akteur agiert als Vermittlungsagentur. Für ein regionales Weiterbildungsprojekt hat die Gesellschaft zur Förderung der Weiterbildung in der Region WIR e.V. als Vermittlungsagentur den folgenden Zielkatalog aufgestellt. Die Projektziele lauten demgemäß (o.J., S. 2):

- "der Aufbau von produktiven Kommunikations- und Kooperationsformen in Form von einrichtungs- und regionalübergreifenden Netzwerken

- die Entwicklung von Angebotsformen, die besondere regionale Spannungssituationen aufgreifen

- die gemeinsame Klärung von Entwicklungspotentialen und Veränderungsperspektiven für eine regionale Öffentlichkeit

- die Unterstützung bei der Entwicklung eines geeigneten Rahmens zur Erweiterung regionaler Handlungskompetenzen

- die Förderung der Interessenartikulation der Weiterbildung in den Brandenburger Landkreisen in ihrem Verhältnis zu einzelnen Berliner Stadtbezirken".

 

 

Zur Unterstützung innovativer Vorhaben in der Region favorisiert das Modellprojekt die folgenden Arbeitsformen (ebenda, S.3):

- "Angebotsanalysen unter dem Aspekt der Regionalorientierung

- problemklärende Gespräche mit den Akteuren vor Ort

- Regionalkonferenzen

- eine Zukunftswerkstatt zur Entwicklung eines regionalen Leitbildes als Grundlage innovativer Projektentwicklung".

 

Durch die bezweckte horizontale Kooperation von Gemeinden und Städten wird die Netzwerkstruktur noch verstärkt. Die nordrhein-westfälischen Kultursekretariate in Wuppertal und Gütersloh wären hier für den Kulturbereich beispielhaft anzuführen. Denn gelingt es nicht, daß sich die Einflußströme aufeinander beziehen, so deckt die Regionalpolitik einerseits gewachsene und lebendige dezentrale Strukturen zu und führt letztlich deren Zerstörung herbei. Der allerorten feststellbare kulturelle Kahlschlag macht andererseits deutlich, welch eine begrenzte Impulsfunktion eine regional ausgerichtete Kulturpolitik hat, wenn auf der kommunalen Ebene eine vorhandene Infrastruktur radikal abgebaut wird und damit der regionalen Kulturpolitik potente Akteure verloren gehen. Dies bedeutet nicht, daß dringend notwendige Strukturreformen nicht auch im kulturellen Bereich angesagt seien. Veränderungen müssen jedoch mit Augenmaß auf den Weg gebracht werden.

 

 

Bildungskommission NRW: Zukunft der Bildung - Schule der Zukunft (Neuwied 1995).

 

Maria Brown / Klaus I. Rogge: Von der Lokalgeschichte zur Stadtteilkommunikation. Eine Veranstaltungsübersicht zu Lernen vor Ort (Soest 1987).

 

Ilse Brusis / Klaus-Peter Kienitz: Die Kraft der Regionen - kult Forum, in: kult-Magazin September/Oktober/November 1996, hrsg. v. Der Kulturraum Niederrhein e.V.

 

Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft (Hrsg.): Weiterbildung - Chance für Arbeitnehmer (Bonn 1975).

 

Gesellschaft zur Förderung der Weiterbildung in der Region (WIR) e.V./ Humboldt-Universität: Regionale Strukturentwicklung für die Weiterbildung in Brückenregionen Brandenburgs (o.J.) [Faltblatt].

 

Otto Herz: Gemeinwesenorientierte Kultur- und Bildungsarbeit als Dienstleistung für die Bürger - Anforderungen an das öffentliche Bewußtsein der Städte und Gemeinden, in: Heidi Behrens-Cobet / Hildegard Kühne-Scholand / Klaus I. Rogge: Lernen vor Ort. XVI. Soester Weiterbildungsforum (Soest 1988).

 

Meinolf Jansing: Sehr geehrter Herr H. - oder: Wie ich lernte, die Provinz zu lieben. Kultur und Provinz, feindliche Schwestern?, in: KulturTrip Heft 5/96, hrsg. v. Ministerium für Stadtentwicklung, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen (Düsseldorf 1996).

 

Leopold Kohr: Die überentwickelten Nationen - Rückbesinnung auf die Region (München 1986).

 

Wolfgang Kral: Regionale Kulturpolitik - Eine gemeinsame Aufgabe, in: Kulturpolitische Mitteilungen Nr.74 III/96.

 

Ministerium für Wirtschaft, Mittelstand und Technologie des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Regionalisierung - Neue Wege in der Strukturpolitik Nordrhein-Westfalens (Düsseldorf 1992).

 

Ministerium für Wirtschaft, Mittelstand und Technologie des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Regionalisierungsprozesse in den deutschen Bundesländern - Eine Bestandsaufnahme der bundesweiten Konzepte sowie Ansatzpunkte, Beteiligungen und Handlungsmöglichkeiten der regionalen Akteure (Düsseldorf 1994).

 

Anschrift des Verfassers:

Klaus I. Rogge

Landesinstitut für Schule und Weiterbildung

Abt. Weiterbildung

Postfach 1754

59491 Soest

 

Nachwuchssorgen

Bald gehen die Leithammel ein an Altersschwäche,

und die Jungen tragen noch immer

Abdrücke von Scheißhafenringen am Arsch.

Zeigt man ihnen bei einem Stallhasen

das Ansetzen des Genickschlags,

schauen sie weg.

Keinen Weihwasserkessel wollen sie mehr halten,

kein Meßdienergewand mehr überziehn.

Wie aus aller Art geschlagen haben sie

keine Ahnung mehr von Ackerzucht und Viehbau,

können Mist von Sternenkot nicht unterscheiden.

Während unsereiner alte Weichen ölt,

werden höhren Orts die Strecken stillgelegt.

Wie sollen Generationen denn noch wechseln,

wenn schon dem Chor der Jubiläumsständchen

die Baritone fehlen und der Baß.

 

 

Walle Sayer: Zeitverwehung (1994)