Goldrainer Thesen


1. Internationaler Kongreß

'Erwachsenenbildung auf dem Lande'

Schloß Goldrain, Südtirol, 25. bis 28. Oktober 1989

Die Erwachsenenbildung hat in unserer Gesellschaft noch nicht jene Bedeutung erlangt, die sie sich in ihrem eigenen Selbstverständnis zuschreibt. Dies gilt für die Erwachsenenbildung in der Stadt, aber noch viel mehr für die auf dem Lande. Der Grund liegt bei der Erwachsenenbildung selbst. Den Politikern präsentiert sie sich zu schwammig und zu vage, den engagierten Bürgern zu unverbindlich und den Aufsteigern zu wenig erfolgversprechend.

Die ländliche Erwachsenenbildung hat zu wenig Profil. Sie weiß nicht, ob sie Schule ist oder Freizeitbeschäftigung, ob sie systemerhaltend oder systemkritisierend wirken soll. Zur Zeit sehe ich in der Erwachsenenbildung eine Schar von unauffälligen Veranstaltern, die der Anpassung zum Rollenverhalten der Erwachsenen dienen und höchstens im persönlichen Bereich zu kritischer Orientierung animieren. Generell wird Erwachsenenbildung vielfach individualistisch angegangen. Der solidarische Aspekt kommt zu kurz. Wo es um Aktionen geht, wird sie von Bürgerinitiativen überholt, wo es um die Freizeit geht, sind ihr die Vereine überlegen.

Ein gänzlich befriedigendes Strukturmodell für die ländliche Erwachsenenbildung ist noch nicht gefunden; zumindest bei uns nicht. Vielleicht gibt es dieses Modell auch nicht. Mit den verlängerten Armen der Verbände werden zwar die zentralen Angebote in der Peripherie befördert, die Selbstsorge um die dörflichen Probleme kommt dabei aber zu kurz. Koordinierungsausschüsse, wie sie die Bildungsausschüsse darstellen, brauchen einen Großteil der Energie für die Koordination und haben dann kaum mehr die Kraft für kreative Initiativen. Sogenannte freischwebende Gruppen, die nicht Vereinen angehören, bringen zwar gute Impulse, haben aber eine geringe Lebensdauer. In der Spannung zwischen Kontinuität und Kreativität werden ehrenamtliche Mitarbeiter verbraucht.

Uns ist kein befriedigendes Modell der örtlichen Mitarbeiterausbildung bekannt. Da die meisten örtlichen Bildungsorganisationen ehrenamtlich geleitet werden, schwankt die Dauer des Engagements sehr stark. Dadurch wird die Kontinuität der Mitarbeiterausbildung in Frage gestellt. Sobald solche Mitarbeiter eine längere Ausbildung hinter sich haben, sind sie oft auch schon wieder weg von der Organisation. Es ist aber offensichtlich, daß die Qualität der örtlichen Bildungsarbeit von der Ausbildung der Führungskräfte abhängt. Zu einer fundierten Ausbildung nehmen sich ehrenamtliche Mitarbeiter oft kaum die Zeit, sie bringen nicht die Energie auf und manchmal fehlt es auch an Geld. Dementsprechend kann in der Regel von einer geringen Professionalität der örtlichen Weiterbildung gesprochen werden

Erwachsenenbildung ist auf dem Lande noch nicht als Möglichkeit erkannt worden, die humanen Ressourcen zu nutzen. Deshalb wird sie auch kaum finanziell gefördert; weder von den Gemeinden, noch von starken Sponsoren, noch von einer Lobby oder von zentralen Verwaltungen. Eine Abgrenzung gegenüber städtischer Erwachsenenbildung ist nicht in Sicht. Insofern gibt es auch kein eigenes Selbstverständnis der ländlichen Erwachsenenbildung. Ohne Selbstverständnis aber kann sich ein Bereich der Gesellschaft nicht stark machen. Es wird auf diesem Kongreß zu prüfen sein, ob die ländliche Erwachsenenbildung eine andere sein muß als die städtische und wie das Selbstbewußtsein des Landes und der ländlichen Erwachsenenbildung gefunden werden kann.

Durch die mangelnde Professionalisierung hinkt die Erwachsenenbildung der technologischen Entwicklung auf dem Lande nach. Vielfach hat man - zumindest in Südtirol - in der beruflichen Weiterbildung noch keine brauchbaren Alternativen zum üblichen Modell gefunden, nämlich, daß der Teilnehmer zur Bildung kommt und nicht die Bildung zum Teilnehmer. Das breite Reservoir von Gruppenberatung, Fernkursen und Lernen über die Medien ist meines Erachtens noch nicht ausgeschöpft. Vielleicht bedingt durch die Förderungsmodalitäten, hat sich die Erwachsenenbildung auf dem Lande zu einer Art Schule entwickelt, der vernetztes Denken großteils abgeht.

Erwachsenenbildung auf dem Lande muß überwiegend politische Bildung sein. Nirgends sonst kann der Bürger am politischen Geschehen und am Gemeinwesen so beteiligt werden wie im Dorf. Die Überschaubarkeit des sozialen Lebens, der unmittelbare Kontakt zwischen sozialen Gruppen und unterschiedlichen Bevölkerungsschichten kann auf Dorfebene am besten erlebt und im Sinne von solidarischem Verhalten genutzt werden. Die Erwachsenenbildung darf nicht übersehen, welche Rolle die Frau im Dorf spielt, wo die sozialen Probleme liegen und welche gesellschaftlichen Gruppen zu kurz kommen. Bevor das Engagement in diesen Fragen nicht geklärt ist, hat die Erwachsenenbildung auch wenig Chance, sich gesellschaftlich Bedeutung zu erringen.