Lichtensterner Thesen


2. Internationaler Kongreß

'Erwachsenenbildung auf dem Lande - Kulturträger im Dorf'

Lichtenstern, Südtirol, 1. bis 5. Juni 1992

Die Ideologie der 'Macher und des Machbaren', des 'immer mehr' an materiellen Gütern mit der zunehmenden Natur- und Umweltzerstörung hat keine Zukunft. Der ländliche Raum erfährt eine neue Wertschätzung, die dörfliche Gesellschaft gewinnt ein neues Selbstbewußtsein. Daraus wächst der Mutterboden für ein neues Lebensgefühl, das nicht mehr bäuerlich, aber auch nicht städtisch ist. Dem entspricht eine gewandelte, vielleicht neue ländliche Kultur.

Aufgabe der Weiterbildung ist es, Vordenkerin und Ideenträgerin für neue Leitbilder zu sein, anstatt überholte Lebensmuster zu bestätigen. Sie soll Projekte für eine innovative Gemeindeentwicklung anregen und die Struktur- und Mitarbeiterentwicklung im ländlichen Raum fördern.

Neben der Familie ist die örtliche Kultur die erste identitätsprägende Bildungserfahrung eines jeden Menschen. Nur auf ihr aufbauend können interkulturelle Beziehungen in einer multikulturellen Gesellschaft gelingen. Deshalb muß Kulturarbeit auf gegenseitige Wertschätzung, auf Zusammenarbeit und gewollten Austausch ausgerichtet sein. Ghettolösungen und Assimilationszwänge sind inhuman und aus jeder Kulturpolitik und Kulturarbeit auszuschließen.

Die Weiterbildung muß sich mehr um das Zusammenfinden von Einheimischen, Zugezogenen und Zuwanderern bemühen. Sie muß Integrationswünsche aufgreifen, Kontaktpunkte zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen schaffen und diese gezielt zusammenführen.

Kulturarbeit im Dorf ist immer auch politische Bildung mit Offenlegung von demokratischen Ansprüchen gegenüber verdeckten Machtstrukturen und undemokratischen Machenschaften. Sie fordert und fördert die Kulturautonomie der Bürgerinnen und Bürger und führt zwangsläufig zu Auseinandersetzungen mit der alten 'Kulturmacht'. Diese spürt die Emanzipationskraft der Kulturarbeit, fürchtet häufig Unruhe und sieht sich durch die Selbsthandlungsfähigkeit innovativer Bürgerinnen und Bürger gefährdet.

Kultur im Dorf wird so zu Konfliktkultur für den Umgang mit Vorurteilen, Konkurrenzängsten und Neidhaltungen. Erst durch eine neue Beziehungskultur glücken neue gesamtdörfliche Kulturinitiativen und Bildungsprogramme.

Die Weiterbildung hat einen zu engen, traditionellen Kulturbegriff. Sie spricht zwar viel über den Menschen als Individuum, nötigt aber denselben Menschen in ihrer Praxis, 'fremde Kleider anzuziehen'. Statt vorgefertigte Inhalte anzubieten und mit brüchiger Harmonisierung Konflikte zu verdecken, muß sie dem Bürger helfen, selbstbestimmt zu handeln und eigene Konfliktlösungen zu finden. Nur so kann sich Weiterbildung zu einer gesellschaftstragenden Kraft profilieren.

 

 

Religion ist Bestandteil der Kultur. Sie begleitet den Menschen sakral und durch ein reiches christliches Brauchtum durch den Jahreslauf und auf den wichtigsten Stationen seines Lebens. Christlicher Humanismus ist Grundlage dörflichen Zusammenlebens und christliches Brauchtum Teil dörflicher Identität. Beide entsprechen den Grundbedürfnissen nach Lebenssinn, Sicherheit und Geselligkeit. Trotz zunehmender Säkularisierung bleibt das Dorf in seinem Wertverständnis christlich.

Neben dem Seelsorger sollen auch Laien ihre Verantwortung in der Weiterbildung wahrnehmen und damit die Präsenz der Kirche in der Gemeinde gewährleisten und als Kulturträger wirken.

 

 

Kulturarbeit auf dem Lande ist immer Menschenarbeit. Die Kulturträger sind 'Kulturpersonen', die die Kulturarbeit verkörpern. Sie sind die Basis jeder ländlichen Kulturinitiative. Jede/r GemeindebürgerIn hat Fähigkeiten, die in der Kulturarbeit gebraucht werden.

Neue Kulturpersonen haben schwere Einstiegsbedingungen. Das Durchbrechen etablierter Vereinsstrukturen, die Neuaufteilung der Bildungsarbeit und die Übernahme von Funktionen bringen Auseinandersetzungen mit den alten Funktionsträgern im Dorf und mit überfremdenden Kulturimpulsen von außen.

Die Weiterbildung soll die neuen Kulturpersonen im Dorf wahrnehmen und ihren Einsatz bewußt stützen.

 

Die kulturelle Leistung der Frau in Familie und im sozialen Bereich ist unbestritten. Die ihr zustehende Anerkennung wird ihr von seiten der Gesellschaft noch weitgehend versagt.

Frauen sind jetzt schon aufgrund ihrer Fähigkeiten als 'Kulturaktivistinnen' erfolgreich in Schlüsselpositionen tätig. Sie stellen eine Personalressource dar, die genutzt werden muß, wenn Kultur mehr als Traditions- und Denkmalpflege sein soll.

Die Weiterbildung muß die Leistungen der Frau nicht nur verbal, sondern auch in der Praxis anerkennen. Der Frau haben alle führenden Kulturfunktionen gleichberechtigt offenzustehen.

 

Kulturträgerrollen stellen hohe Anforderungen an die persönliche Integrität und fachliche Kompetenz der MitarbeiterInnen. Diese sind 'Personen unterwegs', arbeiten auf freiem Feld und müssen Flagge zeigen. Damit sind sie angreifbar und oft auch verunsichert. Es fehlt der notwendige 'Kulturträgerschutz', eine 'kulturelle Immunität'. Eine personalorientierte, regional ausgerichtete Mitarbeiteraus- und weiterbildung verlangt neue Konzepte auf Grund neuer Anforderungen,

Die begleitende Weiterbildung muß vor allem 'Hilfe für die Helfer' sein und die MitarbeiterInnen vor dem 'eigenen Ausgebranntsein' schützen.

 

Für die Kulturarbeit im ländlichen Raum ist auch in Zukunft die ehrenamtliche Mitarbeit unersetzbar. Appelle an den Idealismus, Belohnungen durch Lob, kleine Auszeichnungen und Minigeschenke geben der Erwachsenenbildung das Image von Wohltätigkeitseinrichtungen.

Die Weiterbildung wagt es derzeit nicht, durch eine entsprechende Preisgestaltung (ähnlich der beruflichen Weiterbildung) Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leistungsgerecht zu honorieren, noch mit der entsprechenden Deutlichkeit, evtl. auch mit Kampfmaßnahmen, von der öffentlichen Hand die notwendigen Mittel einzufordern.

Es ist notwendig, die ehrenamtlichen Funktionen zu stärken und die Entscheidungsverfahren zu demokratisieren, um der hauptberuflichen Dominanz entgegenzuwirken. Dazu bedarf es freilich einer vermehrten Professionalität der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Zeitaufwand zur Erreichung solcher Qualifikation und der vermehrte Einsatz müssen monetär abgegolten werden. Diese Abgeltung sollte transparent und nach Richtgrößen erfolgen.

 

In der Kulturarbeit bestimmen die Bürgerinnen und Bürger selbst Bedarfsentwicklung, Zielsetzung und Maßnahmen. Im Sinne des Subsidiaritätsprinzips hat jeder Impulsgeber von oben lediglich die Funktion der Anregung und Hilfestellung. Er vermittelt Kontakte und Ressourcen.

Die Weiterbildung muß sich dafür einsetzen, daß die öffentliche Hand (Staat, Land und Gemeinden) Rahmenbedingungen schafft, die eine selbstbestimmte Kulturarbeit ermöglichen. Dies betrifft die Bereitstellung von Räumen, von Unterrichts- und Organisationsmitteln und die Honorierung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Für eine gerechte Verteilung der Mittel und eine Ausgewogenheit der Förderung sind einvernehmlich Richtgrößen zu erstellen, wie sie in verschiedenen Weiterbildungsgesetzen bereits als Muster vorliegen.

 

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