Eckart Frahm

Perspektiven ländlicher Entwicklung:
Potentiale und Kooperationen auf dem Lande


Eckart Frahm, geb. 1941. Studium der Germanistik, Sportwissenschaft und Empirischen Kulturwissenschaft. Nach Lehrtätigkeit im Gymnasium freier Journalist für verschiedene Zeitungen und Rundfunkanstalten. Seit 1981 am Deutschen Institut für Fernstudienforschung der Universität Tübingen (DIFF). Mitarbeit am Zeitungskolleg und am Projekt 'Dorfentwicklung'. Seit 1991 Koordinator des Funkkollegs. Veröffentlichungen vor allem zu Fragen der Massenkommunikation, Gemeindeforschung, Dorfentwicklung, Kulturgeschichte, Alltag und Volkskultur.

Veröffentlichungen: Eckart Frahm / Holger Magel / Klaus Schüttler (Hrsg.): Kultur - ein Entwicklungsfaktor für den ländlichen Raum. Anregungen, Tips und Beispiele aus der Praxis (München 1994); Lösungswege einer sinnvollen Dorferneuerung in den neuen Bundesländern. Forschungsvorhaben im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Bonn. Leitung der Arbeitsgruppe: Eckart Frahm (Tübingen 1994); Eckart Frahm: Kultur als Element der Dorferneuerung, in: Niedersächsische Akademie Ländlicher Raum, Schriftenreihe, Heft 16: Kultur im Ländlichen Raum. Entwicklungsimpulse und Lebensqualität (1995) S. 11-34; Eckart Frahm / Beate Haussmann / Susan Fuchs / Uwe Opolka: Medienpraktische Projekte Baden-Württemberg. Hrsg. von der Landesanstalt für Kommunikation (Stuttgart 1996).

"Nichts geschieht in der Stadt, alles geschieht auf dem Land. Die Stadt erzählt nur, was auf dem Land geschehen ist, es ist bereits auf dem Land geschehen." Wer sich mit Problemen des Ländlichen Raumes beschäftigt, kann mit dieser Einschätzung von Gertrude Stein die Überzeugung gewinnen, daß es lohnt - um des gesellschaftlichen Ganzen willen - sich mit Problemen und Fragen des Landes zu beschäftigen. Diese beiden Sätze verströmen geradezu Gewißheit und Gelassenheit, sie unterstützen in unseren Köpfen den automatischen Reflex, bei 'Stadt' immer zugleich 'Land' mitzudenken. Für das Land Engagierte fühlen sich ja bisweilen nicht gerade als die gesellschaftlich angesehensten Experten; und nicht selten reden über das Land und auf dem Land zweit- und drittklassige Land-Experten, denen in der Stadt niemand zuhören würde. Da kommt ein solches Zitat gerade recht, zumal es sich bei Gertrude Stein (1874-1946) um eine amerikanische Intellektuelle handelt, die im Paris der zwanziger Jahre als weltläufige Literatin eine große Anregerin war und als 'Mutter der Moderne' gefeiert wurde. Angesichts des gegenwärtigen Trends, wieder häufiger mit feuchten Augen von den Wurzeln zu reden, die man angeblich auf dem Land hat (auch wenn da nur eine Großmutter wohnt, die man ganz selten besucht) oder zu schwärmen vom einfachen Leben auf dem Lande und den tiefen Werten einer Gemeinschafts-Kultur mit der Nähe zur Natur, der Ressourcenschonung, der intakten Nachbarschaft und gegenseitigen Hilfe - ganz zu schweigen von den Märchen und Volksliedern, die der einfache Landmann seiner nicht minder schlichten Frau am Feierabend auf der kleinen Bank vorm Haus als eigene Erfindung vorträgt - angesichts dieses gefühlig-schwammigen und nur schwer greifbaren Trends gegenwärtig, scheint die großstädtisch geprägte Gertrude Stein eine eher unverdächtige Zeugin mit ihrem Urteil über den wahren Wert eines Lebens auf dem Lande.

Sieht man jedoch genauer hin, so zeigt sich auch in diesen beiden scheinbar so nüchternen Sätzen ein zeit- und gesellschaftsabhängiges Werturteil, gefällt in der Distanz zu Paris, formuliert als bewußtes Kontrastprogramm in einer ländlichen Sommerfrische im Frankreich der Zwanziger Jahre. So wie bei diesem wunderschönen Stein-Zitat, das also vielmehr als Programm und Aufforderung, denn als realistische Beschreibung des Ländlichen zu lesen ist, sollten wir mit jeder politischen Lobrede auf das Land, jedem wissenschaftlichen Beitrag umgehen. Die Zeiten, daß Städter wie weiland die Missionare mit Geld und guten Worten bei den Landbewohnern ohne jede Widerrede Eindruck machen konnten, sind vorbei. Jetzt wird wieder nachgefragt: Warum kommt der oder die überhaupt her zu uns? Was will er oder sie? In welcher Situation wird etwas gesagt? Welche Interessen stecken dahinter? Von welchen Annahmen geht einer aus? Sind die Befürchtungen oder die Erwartungen realistisch? Wer gewinnt? Wer verliert? Und wie geht es in dieser schwierigen Zeit, in der Experten so oft ratlos und selbsternannte Sinnstifter so ratvoll sind, tatsächlich weiter? Und wie soll man sich sinnvollerweise verhalten? Welche Potentiale können in welchen Kooperationen entwickelt werden?

Das Tagungsthema ist so verführerisch-vielversprechend formuliert und die Tagungsdidaktik ganz auf der Höhe der Zeit vom allgemeinen Überblick zum konkreten 'Lernen vor Ort', daß ich die Gelegenheit nutzen möchte, zunächst noch ein paar Hintergründe des merkwürdigen und unübersichtlichen Land-Trends auszuleuchten, bevor ich zu den Fragen komme und zu dem, was Sache ist oder sein sollte.

Für die Ungeduldigen unter Ihnen ein Fazit vorweg: Es gibt kein 'endogenes Potential' des ländlichen Raumes, das dornröschenhaft von außen oder von oben durch Förderprogramme oder Strukturpolitiken 'wachgeküßt' werden kann. Und schon gar nicht ist im vielzitierten, nicht selten von ganz und gar irrationaler Hoffnung getragenen und ins Visier genommenen 'endogenen Potential' eine bestimmte - sozusagen naturwüchsige - gesellschaftliche Ordnung, ein bestimmter Umgang mit Natur und Menschen, ein bestimmter eherner Werte-Kosmos wie in einem Weizenkorn angelegt, so daß nur im herkömmlichen oder metaphorischen Sinne gesät, geackert und geerntet werden muß. Wer das Land liebt, darin einen Probierstein der Wahrheit für gesellschaftliche Entwicklungen und Probleme sieht und Bauern und Dörfer als notwendige Garanten für das Überleben in der Industriegesellschaft ansieht, der wird - so schwer das im einzelnen auch ist - Abschied nehmen müssen von den allzu gefühligen Natur- und Landmetaphern. Es gibt in Stadt und Land gleichermaßen nur das mühselige Geschäft der Aufklärung, der Kommunikation und der Kooperation, um Menschen ihre je spezifischen, ortsgebundenen und ortsungebundenen Möglichkeiten, vagen Vorstellungen und Träume bewußt zu machen - vielleicht oder sogar in erster Linie als Bewußtsein eines Mangels oder eines Schmerzes, den zu beseitigen und zu überwinden ein Teil der konkreten Menschwerdung ist. Es geht also bei allem, was wir auf dem Lande tun, wollen oder verhindern, um Menschenförderung und nicht um Sachförderung oder abstrakte Programme an sich.

Wie also geht es in diesen gesellschaftlich unübersichtlichen Zeiten auf dem Lande weiter? Welche Perspektiven haben Bewohner und Politiker? Welche Potentiale können in welchen Kooperationen entwickelt werden? Sucht man gegenwärtig Antworten auf diese Fragen in den Zeitungen und Zeitschriften, in journalistischen, politischen oder wissenschaftlichen Beiträgen, so wird man kaum fündig im direkten Sinne. Bezeichnenderweise enthält zum Beispiel das ansonsten sehr auskunftsfreudige 'Bulletin der bayerischen Landesregierung' in der Rubrik 'Landwirtschaftsministerium' seit mehr als ein, zwei Jahren, kaum noch Artikel über Dorf-, Land- oder Regionalentwicklung im Sinne der oben gestellten Fragen; es geht statt dessen um den bayerischen Wald, die Preise für und innerhalb der Landwirtschaft, um die Qualität des Wassers u.a.m..

Im Gegensatz zur Situation vor zwei, drei Jahren fällt Experten heute die Beantwortung der Landbürger-Fragen offenbar nicht nur schwer, sondern ihr Mitteilungsdrang tendiert gegen Null - was erstaunlich ist, angesichts der vielen Pläne, die man vordem hatte zur Neuorientierung von Dorf- und Landkultur, zur Umnutzung alter Bausubstanz, zur Erhaltung von Dorfwirtshäusern und Tante-Emma-Läden und vielem anderem mehr. Warum das alles und besonders in Baden-Württemberg (politisch) zum Erliegen gekommen wurde (muß man wohl etwas schief sagen), wird uns in diesen drei Tagen noch beschäftigen (müssen)!

Was derzeit notwendig ist - so meine Erkenntnis mit Dorf- und Land-Projekten besonders in den letzten zehn Jahren - sind (selbst-)kritische Bilanzen zunächst und dann darauf aufbauend gut begründete, zukunftsfähige Konzeptionen und Strategien, um die gegenwärtige Situation des deprimierenden (Weiter-so-) Durchwurstelns und Kaputt-Sparens ohne Konzeptionen zu überwinden. Dazu - und auch das sollte man nicht geringschätzen - ist auch die Form der Annäherung an das Land, die Form der Wahrnehmung und Wertschätzung des Landes, die jeweilige Interessen-Perspektive und das offene, also nicht eingeschränkte Nachdenken darüber nicht ganz unwichtig. Ich zum Beispiel bin im Aufklärungs- und Weiterbildungsgeschäft tätig als Kulturwissenschaftler. Ein Kulturwissenschaftler kann nicht mit einem Ministerialbeamten konkurrieren und daher nicht mit einem bisher noch unbekannten Subventionsfüllhorn winken. Er kann auch nicht, wie ein Politiker vor der Wahl, einen großen Berg Grießbrei versprechen und erklären, seine Partei sei als einzige im Besitz der notwendigen Löffel. Ein Kulturwissenschaftler kann keine direkten Zugangswege zu Geld und Arbeitsplätzen öffnen, und er kann auch den Bewohnern nicht vorhersagen, wann und ob die nächste technische Revolution, zum Beispiel die vielzitierte Daten-Autobahn, für ihren Ort viele Arbeitsplätze bringen wird. Einmal unterstellt, auch das Land - und nicht nur die finanziell ertragreichen Ballungsräume - wird kommunikationstechnisch vernetzt.

Ein Kulturwissenschaftler kann erstens zeigen, wie verschieden und erfolgreich die Versuche sind, die Attraktivität der Dörfer und des Landes überhaupt wahrzunehmen, das heißt, er könnte Ihnen vielleicht ein drittes, ein historisches Auge schaffen, um das Eigene wie etwas Fremdes sehen zu lernen, es entdecken und entziffern zu lernen. Das ist in unserer bildersatten Medienwelt offenbar nicht mehr jedermann gegeben. Ein Kulturwissenschaftler kann zweitens zeigen, worin diese Attraktivität des Landes besteht, wie sie aufgrund von Differenzerfahrungen in ihrer Eigenart, in ihrem ländlichen und dörflichen Eigen-Sinn als besonderer Wert geschätzt werden kann, wie sich berechtigter Stolz und Identifikation 'psychotopisch' herausbilden. Und drittens kann er darauf hinweisen, durch welche äußeren und inneren, lokalen und weltweiten, sichtbaren und unsichtbaren Entwicklungen die dörfliche Attraktivität gefährdet ist.

Und weil das Land offenbar zur Zeit aus dem Blick und aus dem Bewußtsein vieler Politiker und Experten verschwunden ist, sollte auch nachdrücklich an folgendes erinnert werden: Wir brauchen das Land und das Dorf als lebenswerte Alternative zur Stadt, als schieren Ausdruck von Vielfalt, als sanfte, angepaßte Lösung von Siedlungs- und Kommunikationsproblemen, als Ausdruck menschlichen Reichtums, als Bestand einer Kultur, die auch als europäische von der kleinteiligen Vielfalt lebt und nicht durch genormte, industriell hergestellte Massen- und Kulturwaren standardisiert und eintönig gemacht werden darf. Wir brauchen Dörfer, weil es sie noch gibt. So wie man angesichts aussterbender Tier- und Pflanzenarten in der Natur das noch bestehende Genpotential mittlerweile in Genbanken oder Genarchiven sorgfältig schützt und dokumentiert, so brauchen wir Dörfer. Wir brauchen diese besonderen Sozialarchive zum Leben, so wie man Bibliotheken und Bücher zum Lernen braucht. Dörfer vermitteln uns zumindest eine Ahnung von einer anderen Form des Lebens als die herrschende städtische, eine Ahnung von anderen Arten zu produzieren, eine Ahnung von anderen Zeit- und Arbeitserfahrungen. Gerade das scheinbar so Überlebte und Unzeitgemäße am Dorf wird in Zukunft zunehmend wichtiger für das Leben in einer sich selbst zerstörenden Risikogesellschaft und besonders für eine Transformation und Weiterentwicklung dieser Gesellschaft - wenn sie denn eine lebenswerte Zukunft haben soll. Auf welche Erfahrungen und Modelle sollten wir sonst zurückgreifen können, wenn nicht auf dörfliche? Das Dorf steht immer häufiger Modell für den allgemeinen gesellschaftlichen Wandel. Das ließe sich an vielen Beispielen von der Müllvermeidung über den schonenden Umgang mit Ressourcen bis hin zur Gestaltung von Arbeitsabläufen und gesellschaftlichen Problemlösungsversuchen zeigen.

Es ist immer wieder verblüffend zu sehen, wie gerade Fremde und Zugezogene zu neuen Trägern der Agrar-Traditionen werden und schätzen lernen, was die Einheimischen bisweilen verachten, oft fliehen. Fremde, Zugezogene, die ein anderes Leben als das städtische lernen und probieren wollen, werden oft zu Initiativpersonen auf dem Lande. Man sehe sich daraufhin einmal an, wer in Vereinen, Bürgerinitiativen, Selbsthilfegruppen die Aktiv-Bürgerinnen und Aktiv-Bürger sind.

Wie aber gehen wir, Politiker, Experten, Liebhaber des Landes, mit dieser Problematik um? Bohren wir geduldig und mit Phantasie dicke (Land-)Bretter? Nein - in der Diskussion um die Rolle und Entwicklung des Landes und der Dörfer jagt eine schnellebige Mode die nächste. Jetzt findet sich das Dorf in einem Europa der Regionen wieder, und da beeilen sich Politiker und Ministerialbeamte in den Zentralen, die Fahne der Subsidiarität zu hissen und zu verkünden: Nicht in Brüssel, sondern bei uns in und auf dem Land soll über die Aufgaben, die wir selbst lösen können, auch entschieden werden. Wir Dorfbewohner wollen in diesem Europa der Regionen den Herren gerne beim Hochhalten der Fahne 'Subsidiarität' behilflich sein. Wir wissen nämlich, wie es ist, wenn man Entscheidungskompetenzen verliert, wenn Bürgermeister, Lehrer und Pfarrer nicht mehr im Dorf sind, und wir wissen auch, wie man solche Kompetenzen über das eigene Leben wieder gewinnen könnte. Die Dörfer können beim europäischen Wettlauf nur gewinnen: Je grenzenloser die allgemeinen weltweiten Vernetzungen und Marktabhängigkeiten sind, desto größer wird offenbar der Wunsch nach einem ganz kleinen, überschaubaren Fixpunkt, an dem man zudem noch aktiv 'Wurzeln' schlagen kann. Und wir werden in diesen veränderlichen Zeiten genau aufpassen müssen, daß sich beide, Weltgeist und Dorfhorizont, nicht bis zur Unkenntlichkeit vermischen. Und wenn auch - was offensichtlich in den Großstädten und Ballungsräumen derzeit in Mode ist - die Stadtbewohner die Orte 'rurbanisieren' wollen (rurbanisieren: ein Kunstwort aus rural = ländlich und urban = städtisch), so wollen wir, die wirklichen rural citizen, uns nicht im Zeichen des Zeitgeistes verurbanisieren. Wir bestehen auf Unterschieden und auf Grenzen, denn nur über Grenzen hinweg sind qualitative Sprünge möglich.

Themen, Moden und Tagungen fallen nicht vom Himmel, sie entstehen in ganz bestimmten Konstellationen, mit ganz bestimmten Wünschen. Nach meinen Erfahrungen seit 1977 gerät das Land immer dann in den städtischen Blick, wenn die Städte es in ihrem eigenen, selbst angerichteten Müll, Gestank und Verkehr nicht mehr aushalten. Dann hat Ländliches Konjunktur. Aber das über Jahre in verschiedenen Konjunkturen und Vermarktungen jeweils gesteigerte Interesse an Heimat, an Region und Dorf führt paradoxerweise nicht zu einem Zuwachs an genauen Kenntnissen über das Land. Der Publizist Lothar Baier hat einmal linke Träume und Hoffnungen der Regionalbewegung sarkastisch kritisiert. Und zwar ging er aus von einer großen Demonstration auf dem Larzac-Plateau in Frankreich und den dort geführten Reden und den Verhaltensweisen der Städter gegenüber der Landbevölkerung: "Wir wollen vor allem, scheint mir, deshalb so wenig genaues über das Landleben wissen, damit das Land eine unbeschriebene Fläche bleibt, auf die wir ungehindert unsere Wunsch- und Wahnbilder produzieren können. Diese Bilder, die wir so gerne als dokumentarisch ausgeben, sagen jedoch nichts über das Land, aber alles über städtische Kaputtheit."

Es gibt erhebliche Erkenntnisschwierigkeiten für Städter, Land und Landwirtschaft überhaupt objektiv in den Blick zu bekommen. Beate Brüggemann und Rainer Riehle behaupten in ihrem Buch 'Das Dorf' (1986) sogar: "Dorfstudien ohne gegenseitige Kenntnis und Anerkennung - und da genügen eben mehrmalige, auch mehrwöchige Aufenthalte oder auch der Besitz eines Ferienhäuschens am Ort nicht - sind nicht möglich; ihre Ergebnisse können nur von äußerst begrenztem Wert sein. Sprechen werden die Menschen im Dorf auf Nachfrage gewiß immer, und die entsprechenden Fragen kann jeder stellen. Das Sprechen allein ist aber nur ein geringer Ausschnitt individueller und kollektiver Lebensäußerung. Worte gewinnen ihre Bedeutung erst im Verständnis der sozialen Normalität dörflichen Lebens - und auch nur dort fallen sie."

Das Ergebnis ihrer Studie läßt sich so zusammenfassen: "Die gegenwärtige Regulierung des sozialen Lebens im Dorf ist trotz der Marginalisierung von Bauern im Dorf und der städtischen Vereinnahmung der Dörfer immer noch weitgehend bäuerlich geprägt."

Diese unübersichtliche Gemengelage aus Tradition und Moderne zu durchschauen, darin liegt gegenwärtig wohl das schwerste Erkenntnis-Hindernis auf dem Weg zu einem zukünftigen, angemessenen Landverständnis. Vielleicht schärft ein an kulturellen Differenzen trainierter Blick ja auch die Schreiber von Großstadt-Zeitungen, von denen einer 1988 bereits vorwegnahm, was vor unseren Augen inzwischen möglicherweise geschehen ist, ohne daß wir es bemerkt haben, weil wir uns von liebgewonnenen Vorstellungen über das Stadt-Land-Gefälle nicht trennen können oder wollen. Ein FAZ-Schreiber 1988: "Im toten Winkel zwischen den Städten findet die stillste aller Revolutionen statt: das Verschwinden des Dorfes". Solche Sätze kommen heraus, wenn ihre Verfasser gelegentlich aufs Land fahren. Das Land ist für sie "zwischen der Stadt, aus der wir kommen und der Stadt, in die wir wollen".

Inzwischen ist der städtische Blick durch das kulturelle Wahrnehmungstraining offenbar geschärft. Der Tübinger Kulturwissenschaftler Utz Jeggle: "Ein dörfliches Auge hat einen anderen Blick als ein städtisches. Es schaut anders, vielleicht geruhsamer, weniger angespannt, und es sieht andere Dinge, z.B. keine schöne Landschaft, sondern fruchtbare Äcker, die jemandem gehören. Die Gesetze einer dörflichen Welt sind mit den Mitteln 'städtischer Wissenschaft' nur mühsam zu entziffern, obwohl die Regeln und Gesetze für diejenigen, die in diesem Kosmos leben, das allerselbstverständlichste sind. Die Fremdheit dieser Verhaltensweisen sollte sie nicht als missionsbedürftig abtun, sondern uns unserer eigenen unsicher machen."

Wer bei Dorf-, Land- oder Regionalentwicklung nicht immer wieder dieselben Fehler machen will, das Rad sozusagen immer wieder neu erfinden will, nicht immer wieder falschen Hoffnungen und schlechten Visionen aufsitzen will, der sollte sich gelegentlich die Mühe machen zu rekapitulieren und herauszufinden, welche Erwartungen sich im Rahmen der zahllosen Förderprogramme und Landpolitiken der letzten 30 Jahre wirklich erfüllt haben - und welche nicht! Wer jetzt zum Beispiel Abschied vom Allversorger Staat nimmt und überzeugt ist, daß bürgerschaftliches Engagement (sozusagen als neues 'endogenes Potential') die staatlichen Versorgungs- und Förderdefizite automatisch und nahtlos kompensiert, muß - vielleicht mit Staunen - zur Kenntnis nehmen, daß die ganzheitlichen Lebenswelten und Bedürfnislagen der Landbewohner im Zuge der Förder- und Strukturprogramme oft eine weit geringere Rolle gespielt haben als sektorale Ressortkonkurrenzen und -abstimmungen der zuständigen Behörden und Ministerien.

Um noch einmal daran zu erinnern: generell läßt sich bei allen politischen Anstrengungen, die sich mit Dorf-, Land- und Regionalentwicklung befassen, eine gemeinsame Grundabsicht erkennen: Politiken und Programme sollten die Lebens- und Arbeitsverhältnisse der Land- und Dorfbewohner verbessern, den eigenständigen Charakter der ländlichen Siedlungen erhalten und die Dörfer den künftigen gesellschaftlichen Erfordernissen anpassen.

Ob dieser Modernisierungs-Auftrag (vgl. auch die Grundgesetzforderung nach 'gleichwertigen Lebensverhältnissen', GG Art. 72 (2), 3, 91 (1)) auch tatsächlich erfüllt wurde, sieht aus der Perspektive der Großstädte und Ballungsräume und der Rechnungshöfe anders aus als aus der Perspektive der Landbewohner. Und dazwischen die Experten: ratlos.

Es gibt bislang auffallend wenig theoretische Anstrengungen, Dorf- und Landentwicklung insgesamt darzustellen (warum das Interesse daran so gering ist, wäre eines längeren Nachdenkens wohl wert). Vielleicht sollte man dazu auf Erkenntnisse und Anstrengungen anderer wissenschaftlicher Disziplinen zurückgreifen, zum Beispiel auf eine Erkenntnis des Literaturwissenschaftlers Karl Riha:

"Der umfassende innovative Anspruch, den wir mit dem Begriff der Moderne fixieren, ist ja nicht nur in die Zukunft gerichtet, sondern bezieht sich ebenso auf alles bisher Dagewesene, und eben nicht nur im Sinne seiner Negation; das heißt aber: im neuen Wahrnehmungsvermögen, das uns abstrakte Kunst, DADA, konkrete Poesie etc. vermitteln, haben wir ein Perspektiv zur Hand, das uns alle Möglichkeiten bietet, einen ganz und gar neuen Blick auf alle vorgelagerte Kunst- und Literaturgeschichte zu werfen, sie aus den Fesseln ihrer bisherigen Betrachtung zu lösen und damit tendenziell überhaupt erst zu entdecken..."

Das wäre durchaus auf das weite Feld der Dorferneuerung zu übertragen - etwas mehr Phantasie und Professionalität könnte uns Dilettanten fürs Ganze (Friedrich Hebbel: "Das Dorf ist eine kleine Welt, in der die große ihre Probe hält.") nicht schaden ...

An der baden-württembergischen Politik der Dorfentwicklung kann man beispielhaft die Versuche einer Bewältigung des bäuerlichen Erbes mit Hilfe städtischer Fortschrittsgläubigkeit studieren. Angefangen hat es Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre mit fünf Musterdörfern. Sie alle lagen in einem Landesfördergebiet, betrieben Flurbereinigung und hatten aktive Bürgermeister, die bei den ministeriellen Plänen 'mitzogen', wie Verwaltungsfachleute mit leuchtenden Augen hinter Aktenstapeln sich noch heute erinnern. Was den Betroffenen, den Bewohnern der Muster-Dörfer, allerdings nicht ganz klar wurde und angesichts zahlreicher japanischer und sonstiger Besuchergruppen durchblickmäßig auch schwerfallen mußte: Die Experten tappten selber im Dunklen und wußten nicht, wie sie das ''Ausbluten des ländlichen Raumes'' (Behörden-Jargon um 1960 angesichts einer dörflichen Abwanderungsquote von bis zu 25%) stoppen sollten. Man probierte es zunächst mit flächenhafter Sanierung, übte und praktizierte Kahlschlag in den Ortsmitten und wollte - 1960 war das neue Bundesbaugesetz verabschiedet worden - Luft und Sonne in die ehedem (zu) dichte dörfliche Bebauung bringen. Das Ganze nannte man später, als man erkannte, daß Ziele und Ergebnisse sich doch nicht unbedingt deckten, dann 'Dorfsanierung'. (Man bedenke auch für die weitere Darstellung die schöne Etikettierung jeder neuen Phase dieser Politik. Das macht zwar das - in kulturwissenschaftlichem Sinne - unsichtbare Dorf nicht viel sichtbarer, aber es gibt der Entwicklung eine über die Realität hinausschießende Dynamik. So kommt in die Amtsstuben, Referate, Broschüren und Sonntagsreden ein nicht genug zu würdigender Hauch von Frischluft und Optimismus.)

1967, in der zweiten Phase, begann man mit der 'erhaltenden Dorferneuerung', um Identifikation, Heimeligkeit, Atmosphäre und Maßstäblichkeit der Gemeinde im Dorfgefüge zu erhalten (so der 'Vater' der baden-württembergischen Dorfentwicklung, der mir dies alles vor ein paar Jahren einmal freundlicherweise ausführlich erläutert hat).

1975, nach Erfahrungen in 120 Dörfern, erkannte man, daß mehr 'Entwicklung' als 'Erhaltung' (das Pendel schwingt in diesem Politikfeld beständig zwischen diesen beiden Polen hin und her) notwendig sei, und betrieb fortan in der dritten Phase 'Dorfentwicklung' ("Ohne Begriffsreiterei zu betreiben, sollte der Begriff als solcher bereits Verpflichtung darstellen"). Dem semantischen Ausgriff folgte ein quantitativer auf dem Fuß: 900 Dörfer wurden nun ins Förderprogramm aufgenommen. (Eine andere Abteilung der Landesregierung war übrigens gerade dabei, die Zahl der selbständigen Gemeinden von 3.380 auf vermeintlich leichter zu handhabende 1.111 zu verringern.) Schwerpunkt in dieser Phase waren die Bürgerbeteiligung (immerhin nach 15 Jahren schon!), Freizeit- und Erholungskonzepte, Fragen der kommunalen Gesellschaftspolitik. Allmählich begannen die Offiziellen und Experten - als Reaktion auf eine zunehmende Zahl von Kritikern - sich bei ihrem Modernisierungsgeschäft zu fragen, was das Ganze denn überhaupt solle und was man tatsächlich bewirke (später, Ende der 80er Jahre, sprach der Innenminister des Landes ganz unverblümt von einer 'Verstetigung der Baunachfrage', die man mit solchen Programmen erreichen wolle, auch und neben den eigentlichen Zielen der Dorfentwicklung durch das Landwirtschaftsministerium, versteht sich).

Die vierte Phase der baden-württembergischen Dorfsanierungs-/ Dorferneuerungs-/ Dorfentwicklungs-Politik wurde 1979 eingeleitet. Und weil bis dahin jede Fachbehörde nach ihrem Gusto und Auftrag sich vom Dorf eine Scheibe zwecks fachkundiger Bearbeitung abgeschnitten hatte, ohne auf andere Behörden, vor allem ohne auf das unsichtbare, aber heftig reagierende Dorf zu achten, nannte man die beabsichtigte Politik dann 'ganzheitliche Dorfentwicklung'. (Für Historiker ein semantischer Indikativ: Schon die Verfügung des württembergischen Herzogs Karl Eugen im 18. Jahrhundert kann man als realistische Zustandsbeschreibungen lesen, man muß nur jeweils ein umgekehrtes Vorzeichen davorsetzen.)

Ab 1980 dann schwappt die eigentliche Modernisierungswelle bundesweit über das Land, ein eigenständiger (Bau-)Markt bildet sich heraus, Planungsbüros ziehen ihre Spuren noch heute erkennbar durch die Landschaft (an ihren Leitdetails sollt ihr sie erkennen...), Ortsmitten entstehen aus dem Baukasten folkloristischer Ersatzstücke und sehen dann fertig aus, wie Heino singt. Das alles ist nicht zuletzt fatales Ergebnis eines gigantischen Konjunkturprogramms (ZIP: Zukunftsinvestitionsprogramm), mit dessen Hilfe die Bundesregierung 1977-1980 die Wirtschaft ankurbeln wollte - allerdings just zu einem Zeitpunkt, als sie selbst schon wieder Aufschwungstritt gefaßt hatte. Mit dem ZIP wurde die Dorfentwicklung im gesamten Bundesgebiet gleichzeitig thematisiert, das ist seine große, nachhaltige Wirkung. 1324 Vorhaben (zumeist gerade vorhandene, alte Pläne aus den Schubladen investitionsgeneigter Bürgermeister mit dem guten Draht nach 'oben') wurden in Baden-Württemberg mit 267,68 Millionen Mark gefördert. Das führte zu einem gewissen Flächenbrand an Begehrlichkeit von 'unten'. Inzwischen sind die Baden-Württemberger, die jahrzehntelang die deutsche Vorreiterrolle hatten, gegenüber Hessen und besonders den Bayern deutlich zurückgefallen. Denn dort hat man aus der schwäbischen Erklärungs-Not eine didaktische Tugend gemacht: Im 'Musterländle' waren die bisher erfolgsgewöhnten Land-Politiker zum ersten Mal wirklich und eingestandenermaßen öffentlich ratlos und stoppten Ende 1988 für eine einjährige Nachdenk-Zeit die Bearbeitung der Aufnahmeanträge für das laufende Förderprogramm; denn immer mehr der 1.111 Dörfer bzw. Gemeinden wollten immer mehr Geld vom Staat zur Schönheitskur und zur Revitalisierung haben. Und wer leer ausging, der verlor nur allzu leicht den Glauben an die allgemeine Machbarkeit, an die Gerechtigkeit und Stabilität staatlicher Politik. Und weil vor allem viele der schön renovierten, umgebauten und umgenutzten Keltern, Zehntscheuern etc., und weil fast alle der so teuer gepflasterten Ortsmitten nicht jenes kulturell so bunte Leben automatisch nach sich gezogen haben, das eigentlich erwartet wurde, bastelte man dann an einem Kulturkonzept; Räume hatte man ja erst mal genug erneuert.

Dazu hat Ende 1988 eine Arbeitsgruppe des Ludwig-Uhland-Instituts für empirische Kulturwissenschaft der Universität Tübingen im Auftrag des baden-württembergischen Ministeriums für Ländlicher Raum, Ernährung, Landwirtschaft und Forsten eine Konzeption 'Kultur im ländlichen Raum' vorgelegt. Das war eine Bestandsaufnahme der Traditionen, Gruppen (Frauen, Alte, Junge, Ausländer) und der kulturellen Bereiche (insgesamt zehn, von der Volkshochschule über Bibliotheken bis hin zu Vereinen und Museen), und zum anderen wurde gezeigt, welche Konsequenzen daraus für eine moderne, ländliche Kulturpolitik zu ziehen sind, welche Initiativen zur Stärkung der regionalen und lokalen Kultur notwendig sind:

- die Schaffung neuer Aktionsmöglichkeiten für selbstgemachte lokale Kulturarbeit (Theatergruppen, Mundartgruppen, Literaturlesungen,                 Kunstausstellungen, Musik- und Filminitiativen),

- die Schaffung neuer kultureller Aktionsformen zur Stärkung lokaler Identität (Dorferkundigungen, Dorfanalysen, Spurensicherung),

- die Erhaltung oder Wiederherstellung örtlicher (Kultur)-Treffpunkte und Kommunikationsformen.


Darüber hinaus wurde eine Qualifizierung und Professionalisierung im Kulturbereich gefordert bis hin zur Einrichtung neuer Stellen für Kreis-Kulturbeauftragte oder Kreisheimatpfleger, die Betreuungsaufgaben der im Kulturbereich tätigen Gruppen übernehmen können.

Das war - wiederum ausgehend von Baden-Württemberg und vom dort zuständigen Ministerium - um 1990 dorf- und landentwicklungspolitisch Avantgarde. Baden-Württemberg hat diese Entwicklungs-Perspektive, diese Zukunftschance allerdings nicht genutzt, sondern hat mit einem 'Entwicklungsprogramm Ländlicher Raum' vom 1. Juli 1994 andere, bemerkenswert andere Akzente gesetzt.

Man sollte die Prämisse dieses Programms genau lesen, weil darin auch ein Abschied von bisherigen Modernisierungs-Vorstellungen steckt, die zuvor allen bundesdeutschen Dorf-, Land- und Regionalpolitiken zugrunde lagen, und weil hier erstmals - wenn ich das recht sehe - von Bürgermitwirkung nicht mehr die Rede ist:

"Ziel des Entwicklungsprogramms Ländlicher Raum ist es, in Dörfern und Gemeinden vor allem [!] des ländlichen Raumes die Lebens- und Arbeitsbedingungen durch strukturverbessernde Maßnahmen zu erhalten und fortzuentwickeln, der Abwanderung entgegenzuwirken, den landwirtschaftlichen Strukturwandel abzufedern und dabei sorgsam mit den natürlichen Lebensgrundlagen umzugehen."

Um 1989/90 beginnt also in der Dorferneuerung eine neue Phase - nicht ganz zufällig, und zwar aus drei Gründen:

 

  1. Man hatte immerhin 25 Jahre Erfahrung mit der Dorferneuerung hinter sich und wußte:

Eine Dorfentwicklung ist um so erfolgreicher, vielfältiger, phantasiereicher, je besser die Bürgerbeteiligung ist, je früher und umfassender Bürger informiert werden und sie über Ziele und Aufgaben nicht im Unklaren gelassen werden.

Je mehr zu diesem Thema ein Bundesland in Weiterbildung investiert, desto attraktiver - nach innen und nach außen, ins eigene Land hinein und im Ansehen auf Bundesebene - ist die Dorfentwicklung.

  1. Es gab neben den Agrarwissenschaftlern, Landwirtschaftsverwaltungen und Architekten zunehmend Angehörige anderer Berufszweige im weiten Bereich der Dorfentwicklung: Geographen, Kulturwissenschaftler, Kunsthistoriker (Denkmalpfleger), Ökonomen, Ökologen, Sozialpädagogen.
  2. Es gab - zuerst in Bayern im November 1991 - mit den Schulen der Dorf- und Landentwicklung neue Lernorte, wo man in Klausur, außerhalb des Alltags und des eigenen Dorfes, im Dialog zwischen Laien und Experten gemeinsam nach Lösungen suchen konnte. Und es gibt - neben den Arbeitsgemeinschaften für eigenständige Regionalentwicklung (in Österreich seit Anfang der 80er Jahre, danach in Hessen, in Baden-Württemberg zum Beispiel) - in vielen Bundesländern inzwischen Akademien Ländlicher Raum.

 

Akademien sind Orte, in denen ein wenig abseits von der Tagespolitik nachgedacht und diskutiert und konzipiert wird. Baden-Württemberg hat das Kunststück fertiggebracht, diese Akademie direkt im Ministerium Ländlicher Raum anzusiedeln. Den Experten in diesem Lande ist es offensichtlich egal, daß damit ein möglicher Ort zur Entwicklung eines Differenz-Bewußtseins zwischen Lebenswelt und Politik, zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit, zwischen Tatsächlichem und Visionärem einfach preisgegeben wurde und damit praktisch nicht mehr existiert.

Neue Perspektiven für ländliche Räume können nach Holger Magel, dem obersten bayerischen Dorfentwickler und Präsidenten der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum, entwickelt werden, wenn in Kultur und Arbeit gleichermaßen investiert wird, und wenn es eine ausgewogene Verteilung der Finanzmittel zwischen Stadt und Land gibt: "Die ländlichen Räume können Neuentwicklungsimpulse erhalten, wenn das Verbleiben-wollen verstärkt wird, Voraussetzung ist die Identifikation der Menschen mit ihrem Lebensraum - und das Verbleiben-können ermöglicht wird - Voraussetzungen sind attraktive qualifizierte Arbeitsplätze und eine ausreichende Infrastruktur".

Das Starren allein auf die nackten Wirtschaftsdaten verengt den Blickpunkt. Wir brauchen um der Zukunfts-Perspektiven wegen zur Schaffung kreativer Potentiale und engagierter Bürgerinnen und Bürger eine neue regionale ländliche Kultur-Arbeit. Zusammen mit Klaus Schüttler und Holger Magel habe ich dazu in dem Buch 'Kultur - ein Entwicklungsfaktor für den ländlichen Raum' unter sechs Aspekten allgemeine Aufgaben und Chancen so skizziert. (Nebenbei sei noch gesagt: Alle Dorferneuerung - und das erleben wir in diesen Jahren im Zeitraffertempo in den neuen, östlichen Bundesländern - verläuft fast gesetzmäßig von außen nach innen, von der Dorfflur in den Dorfkern, vom Materiellen zum Immateriellen, von der Architektur zur Kultur: Erst ein Dach über dem Kopf, dann Arbeit (meist braucht man dazu eine Straße, um zur Arbeit fahren zu können), dann ein Wirtshaus und schließlich Kultur - so Leopold Kohr in seinem Plädoyer für die kleinen Einheiten):

1. Als Grundversorgung mit einem wichtigen Lebens-Mittel: Regionale und kommunale Kulturpolitik soll Menschen zusammenführen, um die kulturelle Identität des ländlichen Lebensraumes zu bewahren, zu fördern und in vielfältigen Formen weiterzuentwickeln. Engagierte Kulturpolitik ist nicht nur gegenwartsbezogene Daseinsfürsorge, sondern immer auch ein Beitrag zur Sicherung der Zukunft. In einer Zeit allgemeiner gesellschaftlicher Veränderungen und Umbrüche bietet Kultur den Bürgern zuletzt die Möglichkeit der Selbsterfahrung und Selbstvergewisserung. Kultur stellt damit ein wichtiges politisches Übungsfeld dar, Gemeinsinn zu erwerben (was früher hauptsächlich bei den Vereinen geschah). Das Bedürfnis nach Kultur ist dabei keine feste, vorgegebene Größe; es wechselt nach örtlichen und zeitlichen Gegebenheiten, Traditionen, Zufällen, Initiativpersonen. Kommunale und regionale Kulturpolitik muß in Zukunft diesem Sachverhalt stärker als bisher Rechnung tragen, zum Beispiel auch durch eine gewisse Risiko-Vorfinanzierung von Initiativen.

2. Als Investition in Menschen hat Kulturarbeit eine starken sozialen Bezug. Das gilt insbesondere für wichtige, in ihrer Bedeutung zumeist nur unzureichend wahrgenommene Bevölkerungsgruppen. Kommunale und regionale Kulturpolitik hat mit spezifischen Angeboten auf den allgemeinen gesellschaftlichen Bedeutungsverlust der Alten, ihre abnehmende gesellschaftliche Wertschätzung und den Verlust der lokalen Verhaltenssicherheit gerade bei dieser Bevölkerungsgruppe zu reagieren. Frauen bestimmen in beachtlichem Umfang die Qualität des alltäglichen Lebens im Dorf. Auf ihre soziale und politische Erfahrung, ihre spezifisch weibliche Kompetenz (etwa in der Zeiterfahrung oder im Umgang mit der Natur) wird Kulturarbeit künftig stärker aufbauen müssen, um der Zukunft des ländlichen Raumes wegen. Das Engagement Jugendlicher für dörfliche Angelegenheiten ist nicht geringer geworden, auch wenn sie sich weniger stark als früher in feste Strukturen einbinden lassen. Jugendliche wollen sich mit dem Ort identifizieren und im ländlichen Raum bleiben, wenn sie das bei entsprechenden Freizeit- und Arbeitsangeboten auch können.

3. Als Regionalimpuls wird Kultur immer wichtiger für Umweltfürsorge und regionale Entwicklung. Die 'Region' ist zum Kristallisationspunkt vieler wirtschafts- und regionalpolitischer Hoffnungen in den ländlichen Räumen geworden. Dabei wird die gegenwärtige Regionalismusdebatte stark vom Begriff der Kulturregion geprägt. Im Zeichen sich mehr und mehr kulturell definierender Regionen kann Regionalpolitik nicht mehr alleine aus reiner Infrastruktur- und Wirtschaftsförderung bestehen. Sie muß künftig praktische Kultur- und Sozialpolitik sein. Das Entstehen oder Bewahren ausgeprägter und unverwechselbarer, aber auch vielfältiger Regionalkultur muß zu einem vorrangigen Ziel moderner Regionalpolitik für die ländlichen Räume werden. Agrarkultur und 'neue Bäuerlichkeit' sind Hoffnungen für die Zukunft. Die klassischen agrarkulturellen Werte wie Nachhaltigkeit, Dauerhaftigkeit und langfristiges Denken sollten wieder stärker zur Leitlinie der Landwirtschaft werden. Sie können ein neues bäuerliches Selbstverständnis begründen. Die ökologische Umstrukturierung unserer Gesellschaft ist ein kultureller Prozeß, der überall, auch in den Dörfern der ländlichen Regionen, begonnen werden muß. Weil ökologische Umstrukturierung auch eine Triebkraft für eine regionale wirtschaftliche Entwicklung sein kann, sind Dorf und Region ideale Handlungsfelder, um damit an konkreten Beispielen zu beginnen.

4. Als Zugewinn neuer öffnen Volkskultur und Heimatpflege wichtige Wege in die Zukunft. Eine moderne Heimat- und Kulturpflege orientiert sich immer am gelebten Leben, statt in betulicher Beschaulichkeit auf die Einhaltung traditioneller Formen zu bestehen und so einer Musealisierung der Dorfkultur Vorschub zu leisten. Zur Identifikation mit dem Lebensraum trägt ganz wesentlich die Vertrautheit mit der natürlichen geschichtlich gewordenen Eigenart des Dorfes, der Landschaft und der Region bei. Diesen (Lern-) Prozeß hat eine gegenwartsbezogene und zukunftsorientierte Heimatpflege zu unterstützen. Neben den traditionellen Feldern und altbewährten Institutionen der ländlichen Kultur wie Kirchen und Vereine hat sich in den letzten Jahren verstärkt eine Reihe von kulturellen Aktivitäten außerhalb der kulturellen Institutionen entwickelt. Dieses Programmangebot ist wie die Vereinskultur zu fördern.

5. Als Sicherung und Schaffung von Vielfalt ist Kultur das wichtigste Medium. Eine moderne ländliche Kulturpolitik wird künftig eine 'Kulturenpolitik' sein. Sie muß vielfältig wie die Lebensstile der 'Kulturenträger' sein und läßt sich nicht mehr unter einem einzigen Leitbild für ländliche Kulturpolitik zusammenfassen. Moderne Kulturpolitik in ländlichen Kleinstädten wird einen steigenden Stellenwert in der kommunalen Gesamtentwicklung einnehmen. Ihre wichtigste Aufgabe wird es dabei sein, die Breite der vorhandenen Kulturszenen zu erhalten und zur Entwicklung neuer Vielfalt beizutragen. Die ländliche Kleinregion wird zunehmend zum kulturellen Netz, in dem sich diejenigen verankern, denen Dorf und Kleinstadt zu eng und die Großstadt zu weit und unübersichtlich sind. Mit kulturpolitischer Unterstützung kann sie künftig ein 'Floaten', also ein interesse- und bedürfnisgeleitetes Wechseln zwischen verschiedenen regionalen Angeboten und Lebensstilen bieten. Moderne Kultur(en)politik für die ländlichen Regionen sollte Kultur auch als Hilfe zur Lebensbewältigung verstehen und als Chance, die Zukunft unserer Gesellschaft mitzugestalten. Eine so verstandene regionale Kultur- und Bildungsarbeit kann die Menschen ermutigen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und selbst an der Lösung ihrer Probleme zu arbeiten. Die Finanzierung dieser Art von Kulturarbeit ist eine landespolitische Zukunftsinvestition. Sie sollte ebenso ihren Platz in den Kulturetats haben wie die derzeit attraktiven Kultursommer- und Musikfestivals.

6. Um Wirklichkeit als Möglichkeit sinnlich zu erfahren, ist Kultur in der Region ein wichtiges Handlungsfeld. Vielfältige Programme zur Erneuerung und Entwicklung der Dörfer und Landschaften sind auf dem Wege, eine neue Kultur der Bürgermitwirkung zu begründen. Sie besteht darin, daß Bürgerinnen und Bürger wieder lernen, den eigenen Lebensraum als 'Gestaltungs- und Möglichkeitsraum' zu begreifen und zu nutzen. Die Methode der Gemeinwesenarbeit beispielsweise ist dafür besonders geeignet, weil sie Information, Motivierung, Aktivierung, Kompetenzzuwachs und Selbstorganisation gleichermaßen vermittelt und bewirkt.

Warum auch und nicht zuletzt in Kultur investieren und nicht ausschließlich in Arbeit und entsprechenden 'strukturverbessernden Maßnahmen'? Weil beides zusammengehört, weil Arbeit immer eine bestimmte Kultur voraussetzt und nur in bestimmten kulturellen Prägungen funktioniert - und vor allem weil in dem Prozeß der Modernisierung, der nicht abgeschlossen ist und der auch niemals abschließbar ist, zunehmend die Kosten in den Blick geraten und nicht nur der Fortschritt und die Gewinne. Und diese Kosten des allgemeinen Strukturwandels werden in kultureller Münze bezahlt, wobei man vom Land und von den Bauern als den Überlebenskünstlern im krisenhaften, sich selbst zerstörenden Kapitalismus - so eine Charakterisierung von John Berger - lernen könnte.

Zur Modernisierung bemerkt Ralf Dahrendorf: "Modernisierung bedeutet, daß Menschen befreit werden aus Sozialzusammenhängen - Familie, wirtschaftliche Abhängigkeit im ländlichen Bereich, auch sonst überlieferte soziale Positionen, Kirche usf. -, die sie nicht selber gewählt hatten, die ihnen aufgedrängt werden, die ihnen ihre Spielräume begrenzen, aber natürlich zugleich auch sagen: Hier stehst du, hier gehörst du hin, hier wird von der Gesellschaft für dich ganz klar definiert, was du zu tun hast. Modernität befreit sie daraus, führt dann aber zu enormen Unsicherheiten; und das ist nun in aller Welt spürbar, überall da jedenfalls, wo diese Modernisierungsentwicklung Platz gegriffen hat. In diesen Unsicherheiten - das ist jedenfalls meine Erklärung - versuchen Menschen in zunehmendem Maße, ihre Stellung in der Gesellschaft, ihren Platz auf der sozialen Landkarte, ihre gesellschaftliche Identität zu bestimmen durch Zugehörigkeiten, die konkreter sind, die mehr Sinn haben als das, was im Paß steht. Und diese Zugehörigkeiten sind eben in den allermeisten Fällen kleinere Räume als die Nationen, es sind Regionen mit einer gemeinsamen Sprache, gemeinsamem Dialekt, gemeinsamen Traditionen, vielleicht bestimmten gemeinsamen wirtschaftlichen, politischen oder sonstigen Zielen. Es sind natürlich auch Gemeinden. Ich sehe auch die Wiederbelebung der Gemeindepolitik in diesem Zusammenhang; und übrigens sehe ich auch das direkte Interesse an Erscheinungen der unmittelbaren Umwelt wie Kraftwerkbau und so in demselben Zusammenhang einer sozialen Identitätsbestimmung in einer allzu offen gewordenen sozialen Landschaft."

Und dabei gewinnt die Kultur nach Dahrendorf eine neue Qualität als Medium für diese Auseinandersetzungen: "Sie gewinnt eine sehr erhebliche Qualität, denn es ist ja sehr auffällig, daß diese starken regionalen Bewegungen nur im Ausnahmefall wirtschaftlich begründet sind. In den meisten Fällen (...) ist es nicht wirtschaftliche Motivation, sondern im strengen Sinne kulturelle Zugehörigkeit - Zugehörigkeit, die dokumentiert wird durch Sprache, durch Überlieferung, durch historische Abgrenzung."

Kultur dient also der regionalen Verortung im weitesten Sinne, d.h. der Prozeß der Modernisierung zwingt dem Dorf Kultur bzw. das Bedürfnis nach identitätsstiftender Kultur auf.

 

Dazu drei konkrete Beispiele, in denen dörfliche bzw. ländliche Identifizierungsprozesse über Eigenarbeit und im Medium der Kultur verlaufen:

1. Beispiel: In einem Nachbarort fing eine aktive Pfarrersfrau im Herbst 1981 an, mit Kindern im Chor bzw. im kleinen 'Chörle' zu singen. Später kamen Jugendliche dazu, ein zweiter und ein dritter Chor. Und dann spielte man auch Theater - aber wo? Seit es die alten Wirtshaussäle auf dem Dorf nicht mehr gibt, gibt es für solche Aktivitäten ein Platzproblem. Die Initiatorin war angewiesen auf Schulräume und Turnhallen, die aber von den örtlichen Vereinen sehr frequentiert waren. Auf der Suche nach einem eigenen Raum kam sie nach einem Gastspiel in Oberschwaben, wo die Gruppe in einer alten Scheune spielte, auf den Gedanken, so etwas ähnliches könnte man doch auch in ihrem Ort finden. Der damalige Ortschaftsrat empfahl ihr die Kelter, die als Abstellraum für den Bauhof diente, offenbar in der Erwartung, daß es sich bloß um ein paar Vorführungen handelte. Das gestaltete sich aber durch das Engagement der Eltern, die von ihren Kindern 'angesteckt' wurden, ganz anders: Der Spielort wurde mit großem Aufwand renoviert, und inzwischen entdeckten auch die Behörden diese alte Kelter und stellten sie unter Denkmalschutz. Vom Mai bis Ende Oktober kann man nun spielen, und inzwischen hat sich sogar ein Förderverein gegründet, der Spenden sammelt und beim weiteren Ausbau hilft, um auch das Dach dicht zu machen und eventuell später einmal eine Heizung einzubauen. Nach der erfolgreichen Kulturarbeit mit Kindern möchte die Initiatorin mittlerweile auch anderen Bevölkerungsgruppen etwas bieten und hat zum Beispiel für Jugendliche ein Rockkonzert organisiert, obwohl sie das in ihrem Leben noch nie getan hat. Aber mittlerweile 'geschieht' an diesem Ort Kultur wie von selbst, weil eine Gruppe die nächste nach sich zieht. Inzwischen haben die Initiatorin und der Verein mit einem Mundart-Abend auch jene Nachbarn versöhnt, die unmittelbar neben diesem alten Gebäude wohnen und gelegentlich unter dem Lärm und den neuen Aktivitäten leiden.

2. Beispiel: Im Nachbarort haben Jugendliche von einem Bauern, dem sie ihre Wünsche lang und breit erläutert haben und der ein Ohr für sie hatte, einen kurzen Streifen Ackerland gleich am Ortsrand bekommen. Darauf haben sie längst vergessene heimische Nutzpflanzen angebaut. Zu den Feldern dieser Jugendlichen kamen immer häufiger während des ganzen Sommers Einheimische, Verwandte und auch Fremde, um sich das anzuschauen. Erfahren habe ich davon zuerst vom Gastwirt, der sich wunderte, warum er auf einmal die doppelte Anzahl von Essen an Wochenenden verkaufen konnte, ohne daß er selbst irgendwelche Werbung betreiben mußte. Später stand auch etwas in der Zeitung. Begonnen hat dieses Engagement mit einem kleinen Streifen Land, das ein verständnisvoller Öko-Bauer den Jugendlichen zur Verfügung gestellt hat. Samen und Pflanzen haben sie übrigens von dem Erlös einer Kleider- und Papiersammlung gekauft, weil Bitten bei entsprechenden Institutionen (Bürgermeister, Ortsverwaltung u.a.) zur großen Enttäuschung der Jugendlichen nichts gebracht haben. Auch hier haben die kulturellen Aktivitäten möglicherweise Konsequenzen: Jetzt wollen die Jugendlichen mit dem Gemeindearbeiter noch einen heimatgeschichtlichen Lehr- und Wanderpfad einrichten und auch entsprechend ausschildern.

3. Beispiel: Vor 25 Jahren wurden 17 ursprünglich selbständige Gemeinden nach Rottenburg am Neckar eingemeindet. Seitdem warten 850 Bürger im Stadtteil Weiler, daß die Kernstadt, an die sie seit 25 Jahren mit gleich hohen Steuern, Gebühren und Beiträgen wie alle Rottenburger Bürger beteiligt waren, endlich ihr Eingemeindungsversprechen wahr macht und ein Bürgerhaus in Weiler realisiert. Die Bürger dort haben kein Wirtshaus mehr und keinen ausreichend großen Gemeindesaal, um sich sozial und kulturell zu entfalten, wie es der Stadtentwicklungsplan Rottenburg vorsieht, daß sich "alle Bürger Rottenburgs mit der Lebensqualität (dieser Stadt) identifizieren können". Inzwischen hat sich ein 'Förderverein Bürgerhaus Weiler' mit immerhin 135 Mitgliedern gebildet und man veranstaltet - sozusagen um den Vorgeschmack auf eigene Dorf-Kultur zu entwickeln - Theater- und Musikabende im ehemaligen Kursaal des Sanatoriums in Bad Niedernau, dem Nachbarort. Und die dortigen Schwestern sind froh, daß wenigstens ab und zu wieder Leben in die alten Gebäude einzieht. Ohne Mangel-Bewußtsein, ohne Wunsch nach einem eigenen Bürgerhaus wäre diese früher undenkbare überörtliche Kooperation sicher nicht zustande gekommen - warum auch? Und mittlerweile hat der Rottenburger Oberbürgermeister angekündigt, Weiler in die Rottenburger Hallenkonzeption aufzunehmen. Ein weiterer Beweis für den Wandel der Politik von der vorsorglichen Strukturförderung (die 25 Jahre nichts brachte) zur Moderation vorhandener Bürger-Aktivitäten.

Solche Aktivitäten greifen zunehmend über einzelne Dörfer hinaus, weil die Potentiale und Kooperationsmöglichkeiten innerhalb einer Region natürlich größer sind. Im wissenschaftlichen Kuratorium der bayerischen Akademie Ländlicher Raum haben wir vier Projekte in einem Workshop sehr intensiv daraufhin untersucht, welche Projektideen zugrunde lagen, welche neuen Kooperationen sich auf regionaler Ebene bilden, ob und wann und wie man solche Initiativen fördern kann. Zunächst ein kurzer Blick auf die vier Projekte:

1. Holzhäuser in Vorarlberg: Der Anstoß zu diesem Projekt kam vom Energiesparverein und der Solarbauschule Dornbirn in Vorarlberg: Holzarchitektur als ökologisches Bauen, das bereits im Konzept energiesparend und ressourcenschonend sein soll; der Energieverbrauch ist dabei nicht nur eine technische Frage, sondern eine Frage der Einstellung, des Gesamtkonzepts und der gesellschaftlichen Akzeptanz. Das Holzhaus wird dabei als Medium gesehen, um den Menschen (wieder) in Einklang mit der Natur zu bringen. Ziel der Vernetzung der einzelnen Planungs- und Realisierungsschritte ist die Herstellung eines Gleichgewichts. Vorarlberg versteht sich als Solar-Land. Am Anfang stand eine Kooperation von Architekten, die Bauen mit Holz propagierten. 1985 wurde der Energiesparverein gegründet, 1989 gab es das Förderprogramm 'Energiesparhaus', Ende 1993 bereits 1.000 Energiesparhäuser. Die Förderung durch das Land ist progressiv je nach Höhe der Energieeinsparung. Es geht nicht nur um den Bau von Häusern, sondern auch um den gesellschaftlichen Prozeß der entsprechenden Bewußtseinsbildung und der Motivierung. Aus diesem Grunde gibt es ein zusätzliches Bildungsprogramm (Sommerkurs der Solarbauschule Dornbirn) für Architekten, Handwerker und einen sehr breiten und bunten Teilnehmerkreis. Man möchte diesen Lernprozeß von unten kombinieren mit einer staatlichen Lenkung und Förderung von oben, also Machbarkeit mit Anreiz, so daß der Funke überspringt.

2. Straße ohne Grenzen: Eine Art Ferienstraße (mit einer kleinen Broschüre), die Museen, Archive und Produktionsstätten im bayerischen Wald, in Tschechien und in Oberösterreich verbindet - eine politische Initiative, um den grenzüberschreitenden Dialog zu fördern, um ein Verständigungs-Klima zu schaffen, um Vorurteile abzubauen.

3. Fränkischer Sommer: Mit der Entwicklung und Förderung kulturellen Lebens auf dem Lande sollte nach der Gebietsreform in der Region um Rothenburg ob der Tauber eine neue westmittelfränkische Identität geschaffen werden, ein kulturelles Gegengewicht gegen den Ballungsraum Nürnberg. Zudem sollten vergessene historische Bauwerke wieder genutzt werden. Die Themenfindung für den 'Fränkischen Sommer' ist weitgehend abhängig von Tourismus-Überlegungen.

4. Wirtschaftsmessen Pressath - Eschenbach - Grafenwöhr: Eine Initiative eines Handelsvereins, die zu einer abwechselnd von den drei Kleinstädten realisierten Messe geführt hat.

Diese vier Projekte waren bewußt als sehr heterogene Projekte ausgewählt, um Probleme und Chancen der Vernetzung und deren Förderung möglichst breit studieren zu können. Dazu ein kurzes Fazit: Es herrscht eine begriffliche Vielfalt, was Vernetzung ist. Das ist in bezug auf Netze im ländlichen Raum zu präzisieren und zu konkretisieren. Allgemein wurde - mit Bezug auf die vorgestellten Projekte - als Mythos kritisiert, daß etwas so einfach von unten herauf wächst. Es bedarf offensichtlich jeweils eines Anstoßes von außen; allerdings muß etwas vor Ort bereits geschehen bzw. 'im Schwange' sein. Vorgeschlagen wird die gezielte Förderung von Dienstleistungen im Vorfeld der Innovationen (z.B. Datenbanken als Informationsdrehscheibe). Es bedarf eines kreativen, konkurrierenden Nebeneinanders; allerdings sollten von Zeit zu Zeit klare Definitionen und Kompetenzverteilungen festgelegt werden. Bürger wollen sich engagieren, allerdings nicht gleich auf mehrere Jahre. Es bilden sich - per Netz - neue Räume, wobei Verwaltungsgrenzen nicht identisch sein müssen mit tatsächlichen sozioökonomischen Verflechtungen. Konkrete Ansprechpartner sind wichtig, auch müssen Politiker angesichts neuer Entwicklungen ihre Rolle neu definieren und gestalten (als Moderatoren). Vor dem Hintergrund vielfältiger Kooperationen und Zweckverbände sind regionale Netze als Teil einer neuen Kultur auf kommunaler Ebene begrifflich nur sehr schwer zu fassen. Andererseits ist die Umsetzung in Politik mit Hilfe neuer Instrumente die Netze schaffen, fördern und stärken können, der (erneute) Versuch, die 'endogenen Potentiale' des ländlichen Raumes zu entwickeln. Dazu sind kommunale Netze und Allianzen allerdings keine Patentrezept.

 

Abschließend ein paar Leitbegriffe mit kurzen Hinweisen:

1. Projektidee/Initiativpersonen:

Die vorgestellten Projekte funktionieren in sehr vielfältigen Netzen unter nur sehr schwer vergleichbaren Rahmenbedingungen. Dennoch kann festgehalten werden: Ausgangspunkt ist in der Regel ein als defizitär empfundener Zustand, der mit Hilfe des Projekts überwunden werden soll. Die Projektidee wird zumeist von Einzelnen oder einer nur sehr kleinen Zahl von Initiativpersonen formuliert.

2. Multiplikationseffekte:

Je klarer ein unmittelbarer Nutzen sichtbar ist bzw. als Hoffnung artikuliert werden kann, um so schneller und weitflächiger zündet der Funke der Projektidee. Daher scheint eine homogene Gruppenstruktur (z.B. Verein) als Träger und Multiplikator einer Projektidee den Erfolg zu begünstigen.

3. Erwartungen:

Die Euphorie gegenüber der Leistungsfähigkeit von Netzen wird sicher gefördert durch eine gewisse Multivalenz der Projektidee (z.B. Energiesparen und das Herausbilden eines Bewußtseins für Nachhaltigkeit, für Ökonomie und Ökologie), gebremst wird die Euphorie durch die eher kleinräumlichen Wirkungen. Allgemeiner Konsens (der am Workshop Beteiligten) ist allerdings, daß es lokale Synergieeffekte (vor allem bei Infrastruktur) gibt, eine Kostenreduzierung durch Verteilung auf mehrere Träger, Vorteile beim Standortwettbewerb (u.a. durch einen einzigen, leicht identifizierbaren Ansprechpartner).

4. Symbolische Repräsentation:

Wichtig erscheint ein sprechender 'Marktname' für ein solches Projekt und ein ebensolches Logo.

5. Bürgerbeteiligung:

Das Projekt muß überschaubar sein, der Nutzen muß möglichst vielen einleuchten, die

zeitlichen und räumlichen Dimensionen müssen begrenzt und sinnlich begreifbar sein. Der Erfolg muß möglichst schnell als Überzeugungs- und Motivierungshilfe zu realisieren sein. Das alles erleichtert das Engagement von Bürgern. Zukunfts- und Dorfwerkstätten können den Ideentransfer begünstigen.

6. Politische (Förder-)Instrumente:

Der Anstoß von 'außen' und 'oben' (vgl. Projekt 3: 'Fränkischer Sommer') kann bereits bestehende Initiativen stärken (vgl. Projekt 1: 'Holzhäuser in Vorarlberg'), aber auch etwas Neues schaffen bzw. etwas bisher Ungeklärtes aus dem kommunalen Humus erwachsen lassen. Wichtig erscheint eine fortlaufende Evaluation oder eine Überprüfung der intendierten Ziele zu gegebener Zeit.

7. Konkurrenz der Netze:

Inwieweit der bestehende Standortwettbewerb sich als neuer Netzwettbewerb lediglich auf höherer Ebene konstituiert, ohne daß dadurch etwas wirklich Neues geschaffen wird, scheint noch eine offene Frage.

Es ging mir bei meinen Überlegungen und Beispielen darum, Ihnen keine Patentrezepte vorzuführen, sondern Widersprüche und Schwierigkeiten ein wenig auszuleuchten und Ihnen nicht zuletzt vorzuführen, daß die theoretischen Bemühungen um das Land und den ländlichen Raum derzeit in einer Krise stecken, die vielleicht auch eine Chance sein kann. Nachdem die ursprüngliche Absicht der Dorferneuerungsprogramme weitgehend erreicht wurde und sehr viele handfeste Defizite gegenüber der Stadt ausgeglichen wurden (nicht zuletzt weil die Stadt selbst zunehmend defizitär wurde), sind offensichtlich viele Dorf-Experten zunehmend ratlos geworden.

In diesem Sinne möchte ich meine Überlegungen auch angemessen zusammenfassen - in acht Fragen:

1. Warum gerät der ländliche Raum nur ab und zu ins Visier der großen Politik? Warum kann man die Aufmerksamkeitskonjunkturen nicht verstetigen und vor allem vom Überdruß und den Problemen der Ballungsräume abkoppeln? Der ländliche Raum wird anscheinend immer dann entdeckt, wenn es Probleme in und mit der Stadt gibt ...

2. Warum gibt es keine Art von Dorffolgenforschung wie etwa die Umweltverträglichkeitsprüfungen? Warum wird auf diese Weise nicht frühzeitig dargestellt, welche Folgen Gesetze für den ländlichen Raum haben werden, zum Beispiel die Einführung von Energiesteuern für den Autoverkehr oder die Pflegeversicherung angesichts der demographischen Entwicklungen (um nur zwei Problemfelder zu nennen)?

3. Warum gibt es keine Datenbank, in die Problemlösungen vielfältigster Art eingespeichert und für den Bürger abrufbar bereitgestellt werden? Das heißt, warum muß jeder alles im ländlichen Raum immer wieder neu erfinden?

4. Warum gibt es keine stärkere Kooperation von Hochschulen und ländlichem Raum, also einen schwierigen, mühevollen und ständigen Dialog von Wissenschaft und Praxis?

5. Warum gibt es kein bewußtes Erben von der ländlichen Tradition, um für die Gestaltung der industriellen Arbeitswelt wichtige Informationen etwa über ganzheitliches Arbeiten herauszufinden, Arbeiten, die ihren Sinn in sich tragen und deren Motivation nicht von außen durch ausgeklügelte Anreiz- und Belohnungssysteme strukturiert werden müssen?

6. Warum kann man nicht von der Gestaltung öffentlicher und privater Räume und vor allem deren Vermischung, wie sie auf dem Lande praktiziert wird, auch für die urbane Gestaltung lernen (das würde nämlich den Flächenverbrauch einschränken)?

7. Warum wird das Experimentier- und Zukunftspotential, die Form des bäuerlichen Überlebens, nicht beharrlich aufgespürt und entsprechend zum Nutzen der gesamten Gesellschaft bereitgestellt?

8. Warum gibt es keine wirkliche Gleichstellung der Räume? Warum muß der eine Raum, der ländliche nämlich, zum Beispiel Müll oder Erholungssuchende ertragen und darf dafür Entscheidungskompetenz und Arbeitsplätze an die sogenannten Ballungsräume abgeben?

Fragen also über Fragen, die Dorfbewohner tatsächlich bewegen. Aber wer von denjenigen, die Politik für den ländlichen Raum machen, nimmt sich auch einmal die Zeit, die Äußerungen nicht so sprachgewandter, aber eben authentischer Landbewohner in ihrer Eigenschaft als Experten in eigener Sache geduldig sich anzuhören? Vielleicht ist ein Wunschkatalog der Bewohner, um deren Zukunft es schließlich gehen soll, ebenso wichtig wie die Meinungen von weither angereisten Experten ...

 

Anschrift des Verfassers:

Eckart Frahm

Deutsches Institut für Fernstudienforschung an der Universität Tübingen (DIFF)

Konrad-Adenauer-Straße 40

72072 Tübingen

 

Die Festredner bezeichnen jedes alte Backhaus, das kurz vorm Abriß gestanden ist, als eine Sehenswürdigkeit. Erheben jeden ausgedienten Melkschemel zu einem besonderen Kulturgut. Die Gegenwart wird bei ihnen zum Grabwächter der Tradition. Die Vergangenheit zur Quelle von Brauchtümern, die eine armselige Wirklichkeit verzieren. Wenn sie von Heimat reden, haben ihre Sätze einen hohlen Nachklang und ihre Worte einen Sprung im Ton. Hinter ihnen stehen die Trachtenträger wie verirrte Fastnachtsnarren auf der Bühne und warten auf ihren Einsatz.

Walle Sayer: Glockenschläge (1990)

 

Zeitverwehung

 

Diese Jahre haben den Blechwert ermittelt

von Verdienstkreuzen und Tapferkeitsmedaillen,

die knarrenden Türschwellen sind Absprungbalken,

um verklärte Jugendzeiten übertreten,

ernannte Ehrenbürger,

die ihre Vergangenheiten überleben,

was Chronisten zu all dem aneinanderreihen,

ergibt noch lang keine Geschichte,

in der man erschlagen wird

von herabfallenden Dämonenziegeln,

das Erhaltenswerte sind nur Errungenschaften

der Ungleichzeitigkeiten, und früher war damals,

als es noch eine Fremde gab hinterm Horizont,

als man sich wenigstens noch einreden konnte,

daß überall woanders alles anders ist,

dort stehn wie auf einer verwackelten

Kostümprämierung die Vorfahren herum,

aus ihren Tränen stammt die Tinktur,

mit der die Zeit die Wunden heilt,

bis weit hin zu uns und heute,

wo am Ortsrand ein Manager wohnt

im restaurierten Armenhaus.

 

Walle Sayer: Zeitverwehung (1994)