Ferdinand Bisle

Ländliche Entwicklung in Bayern


Dipl.-Ing. Ferdinand Bisle, geb. 1951. Vermessungsstudium von 1969 bis 1972 an der Fachhochschule München, anschließend bis 1977 Studium der Geodäsie an der TU München. Zweijährige Referendarzeit; seit 1979 an der Direktion für Ländliche Entwicklung Krumbach (Schwaben) in den Bereichen Dorferneuerung und Flurentwicklung tätig. 1988/89 abgeordnet an das Bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Derzeit stellvertretender Abteilungsleiter und Referent an der DLE Krumbach sowie Moderator an der Schule für Dorf- und Landentwicklung in Thierhaupten.

Die Verwaltung für Ländliche Entwicklung kann in Bayern auf eine 110jährige Arbeit zurückblicken. Natürlich hat sich in dieser Zeit die Zielsetzung und Aufgabenstellung mehrfach gewandelt. Eines ist aber bis heute geblieben: Sie wollte immer dem ländlichen Raum und seiner (bäuerlichen) Bevölkerung bei der Bewältigung von Problemen und Aufgaben helfen. Diese stellen sich heute in anderer Form als früher dar. Galt es damals vor allem, die Produktivität in der Landwirtschaft zu verbessern, so stellt sich heute eine differenzierte Aufgabe mit der Berücksichtigung unterschiedlicher Ansprüche an den ländlichen Raum. Dies hat auch dazu beigetragen, daß vor drei Jahren die Flurbereinigungsverwaltung in 'Verwaltung für Ländliche Entwicklung' umbenannt wurde. Neben der 'Imagepflege' soll mit der neuen Bezeichnung auch das Tätigkeitsfeld besser umschrieben werden.

Derzeit stehen wir, bedingt durch gesellschaftspolitische Forderungen nach einfacheren, schnelleren und effizienteren Verfahrensabläufen, vor einem Reformprozeß mit einschneidenden Konsequenzen im fachlichen Aufgabenbereich sowie in der personellen und finanziellen Ausstattung.

Unsere Verwaltung ist durch den Ministerratsbeschluß vom 22.07.1996 aufgefordert, den neuen Anforderungen durch ein umfassendes Reformkonzept gerecht zu werden. Bis Mitte 1997 müssen Vorschläge erarbeitet und nachweisbare Ergebnisse vorgelegt werden. Der fachlichen Anerkennung im Bereich der Dorferneuerung und der Bodenordnung haben wir es zu verdanken, daß unsere Verwaltung - in verschlankter Form - weiter bestehen bleibt.

Die Bayerische Verwaltung für Ländliche Entwicklung besteht aus sieben Direktionen für Ländliche Entwicklung (verteilt auf die sieben Regierungsbezirke) und der Abteilung E am Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in München. Die untere Verwaltungsebene ist durch das Bayerische Genossenschaftsprinzip auf die Teilnehmergemeinschaften als Körperschaften des öffentlichen Rechtes übertragen. Sie haben eigenverantwortliche Aufgabenbereiche innerhalb des Verfahrens und sind damit eine gute Einrichtung zur Förderung des Subsidiaritätsprinzips und der Eigeninitiative vor Ort. Gerade in Zeiten, in denen der Staat möglichst viele Aufgaben nach unten verlagern oder privatisieren will, erfüllt die Teilnehmergemeinschaft die Anforderungen an ein bürgernahes Handeln.

Der Handlungsauftrag unserer Verwaltung besteht heute im wesentlichen aus folgenden Schwerpunkten:

- Hilfe für die bäuerliche Land- und Forstwirtschaft,

- Erhaltung der Kulturlandschaft,

- Dorferneuerung,

- Unterstützung kultureller Aktivitäten,

- Verbesserung der Infrastruktur,

- umfassende Bodenordnung,

- aktive Bürgerbeteiligung.

Damit soll die Eigenart und Eigenkraft des ländlichen Raumes auch in Zukunft erhalten werden. Er soll für seine Bewohner wirtschaftlicher und naturnaher Lebensraum sein, kurz gesagt Heimat, in der man sich wohlfühlt.

Obwohl durch die Europäische Union (EU) ein zentralistisches Gebilde entstanden ist, spürt man in den Mitgliedsländern immer mehr einen erstarkenden Regionalismus und unser Ministerpräsident Dr. Edmund Stoiber fordert ihn für Bayern mit Nachdruck ein. Aus diesem Spannungsverhältnis zwischen großen Gebilden und regionalen Besonderheiten ist inzwischen der Leitsatz entstanden "Global denken - lokal handeln". Auch für die Ländliche Entwicklung erscheint dies als ein guter Grundsatz. Der Leiter unserer Verwaltung, Prof. Dr. Holger Magel sagt: "Der Weg für die Zukunft der ländlichen Räume ist die ländliche Regionalentwicklung. Sie muß gemeindeüberschreitend Dorf und Landschaft als Einheit betrachten und zu gemeinsamen Strategien und Wegen führen".

Welchen Beitrag kann die Ländliche Entwicklung nun zur Regionalentwicklung leisten? In Bayern hat sich der Begriff 'integrierte ländliche Entwicklung' herausgebildet. Hierunter versteht man die flächendeckende Entwicklung in Dorf, Landschaft und Region nach einem Leitbild. Dieses Leitbild sollte auf möglichst breiter Basis mit den Betroffenen (Bürger, Gemeinden, Fachgremien usw.) erarbeitet und aufgestellt werden. Basierend auf diesem Leitbild sind dann die Ziele und konkreten Projekte zu entwickeln und schrittweise zu verwirklichen.

Die Ländliche Entwicklung leistet dazu ihren Beitrag. Zur Information und Motivation werden für die Bürgerinnen und Bürger aus dem ländlichen Raum, insbesondere aus Gemeinden, in denen Verfahren der Ländlichen Entwicklung geplant oder angelaufen sind, Seminare an den Schulen für Dorf- und Landentwicklung organisiert und abgehalten. Drei solcher Einrichtungen gibt es in Bayern, in Thierhaupten, Plankstetten und Klosterlangheim; jeweils in Klöstern untergebracht. In der Vorbereitungs- und Planungsphase werden durch die Aktivierung von örtlichen Arbeitskreisen und Initiativen die Betroffenen direkt beteiligt. Qualifizierte Planer nutzen dieses Potential zu einer Dialogplanung von unten nach oben, und erfahrene Bürgermeister sind froh um diese kostenlose, meistens sehr konstruktive Basisarbeit.

Wichtige Elemente dieser Bürgerarbeit sind

- Hilfe zur Selbsthilfe,

- Eigeninitiativen entwickeln,

- Solidarität mit dem Nachbarn,

- Gemeinschaftssinn und damit Stärkung des Wir-Gefühles.

 

Dies führt zu neuen Initiativen und Impulsen im

- soziokulturellen Bereich

durch systematische Gemeinwesen- und Bildungsarbeit;

kulturelle Veranstaltungen, altes Brauchtum, Heimatgeschichte;

Kinder-, Jugend- und Altenbetreuung.

- ökologischen Bereich

durch Planung und Förderung von Maßnahmen im technischen Umweltschutz mit

dem Ziel, Kreisläufe aufzubauen;

Aktionen zu Schutz und Bewahrung der natürlichen Ressourcen.

- ökonomischen Bereich

durch Maßnahmen zur Wertschöpfung vor Ort durch Dorfladen, Kunst- und

Kleingewerbe, Direktvermarktung, Dienstleistungen im Bereich der

Telekommunikation.

 

Anhand eines aktuellen Beispieles aus Bayern möchte ich das Gesagte belegen: In der Region um den Auerberg haben sich neun Gemeinden, nämlich Bernbeuren, Burggen, Ingenried, Schwabbruck, Schwabsoien im Regierungsbezirk Oberbayern (Pfaffenwinkel) und Lechbruck, Rettenbach, Roßhaupten, Stötten im Regierungsbezirk Schwaben (Ostallgäu) zu einer kommunalen Allianz mit dem Namen 'Ländliche Entwicklung Auerbergland' zusammengeschlossen. Das Projekt wird mit Mitteln aus dem LEADER II-Programm der EU gefördert und durch Verfahren der Ländlichen Entwicklung unterstützt.

Seit dem Zusammenschluß im Jahre 1992 sind im Auerbergland ca. 60 Arbeitskreise mit rund 600 Mitgliedern aus den Gemeinden aktiv. Sie werden fachlich von einem Planungsteam aus Architekten und Landschaftsplanern unterstützt und beraten. Bisher konnten 25 Projekte umgesetzt werden. Einige seien kurz genannt:

- Erstellung eines Logo 'Auerbergland',

- Erlebniswege Auerbergland mit Rad- und Wanderkarte,

- Gründung des Vereins 'Auerbergland-Spezialitäten',

- Errichtung eines Schlachthauses für Direktvermarkter in Burggen,

- Entwicklung des Konzeptes 'Via Claudia - 2000 Jahre Römerstraße im Auerbergland' mit Aufstellung eines Meilensteines,

- Umsetzung von kommunalen Landschaftsplänen,

- Ausrichtung einer Gewerbeschau Auerbergland,

- Einrichtung einer gemeinsamen Geschäftsstelle für das Auerbergland in Bernbeuren.

Inzwischen ist das Auerbergland bei Fachleuten weit über seine Grenzen hinaus bekannt. Zahlreiche Besuchergruppen, Besichtigungen und Fachvorträge beweisen, daß die Ländliche Entwicklung Auerbergland auf dem richtigen Weg ist.

Die verschärften Rahmenbedingungen in der Landwirtschaft, in Handwerk und Gewerbe sowie die große Mobilität der Bevölkerung erfordern für die ländlichen Räume neue Strategien und gemeinsames Handeln. Nur so können sie ökonomische Voraussetzungen schaffen, um ihr ökologisches und kulturelles Potential auch in Zukunft zu bewahren und zu entwickeln. Gerade in wirtschaftlich schlechteren Zeiten können sie noch weniger auf die große Hilfe vom Staat hoffen, sondern müssen sich auf ihre eigenen Stärken und Qualitäten besinnen und das Kapital 'Geist und Fleiß' ihrer Bewohner positiv nutzen. Die Bayerische Verwaltung für Ländliche Entwicklung wird auch in Zukunft durch Dorferneuerung und Flurneuordnung hierzu ihren Beitrag leisten, auch wenn durch die derzeit laufende Reform Abstriche am Leistungsumfang hingenommen werden müssen.

 

Anschrift des Verfassers:

Bauoberrat Dipl.-Ing. Ferdinand Bisle

Direktion für Ländliche Entwicklung Krumbach (Schwaben)

Dr. Rothermel-Straße 12

86381 Krumbach

 

Kartengruß

 

Gegend, gesprenkelt

mit Gehöften, Dörfern,

ein Weitblick auf das Nahgelegene,

hinweg über Gemarkungsgrenzen,

am höchsten Punkt ragt uneinnehmbar

die Ruine einer Burg, dahinter,

zwischen Verinnen und Entrinnen,

der Horizont, die Linie

als schmaler Grat:

steht da, noch ungestempelt,

von mir in meiner Schrift geschrieben,

auf dem Rückseitigen von dieser Ansicht,

die adressiert ist an mich selber,

damit ich wissen werde,

wo ich war.

Walle Sayer

in: Allmende 52/53, 1997, S. 121