Schriften zur politischen
Landeskunde Baden-Württembergs
Band 32

Kulturelle Vielfalt
Baden-Württemberg als Einwanderungsland

Hrsg.: K.-H. Meier-Braun, Reinhold Weber


2005
Schutzgebühr: 6,50 €



INHALT


Vorwort
5

Grußwort des Ausländerbeauftragten der Landesregierung Baden-Württemberg
7

K.-H. Meier-Braun, Reinhold Weber
Kulturelle Vielfalt: Baden-Württemberg als Einwanderungslang
13

Reinhold Weber
Auf der Suche nach einer neuen Heimat: Zur Geschichte der Aus- und Einwanderung im deutschen Südwesten
30

Karl-Heinz Meier-Braun
Die (fast endlose) Geschichte vom Einwanderungsland Deutschland: Zur Ausländerpolitik des Bundes und des Landes Baden-Württemberg
65

Heribert Rech
Integrationspolitik in Baden-Württemberg
100

Dieter Obererndörfer
Zuwanderung, kulturelle Vielfalt und Integration im demokratischen Verfassungsstaat

 

110
Der zweite Teil des Bandes behandelt einzelne Aspekte der Migrations- und Integrationspolitik wie auch unterschiedliche Gruppen von Migrantinnen und Migranten. Weit überwiegend kommen hier Autorinnen und Autoren zu Wort, die selbst einen biografischen Migrationshintergrund haben oder langjährige Erfahrung in der Arbeit mit Zuwanderern besitzen. 

Özkan Ergen
Bildungserfolg und zuwanderungsbedingte Mehrsprachigkeit
126

Irene Tröster
Aussiedler - "neue alte Deutsche"
146

Utku Pazarkaya
Muslime in Baden-Württemberg: Vielfalt und Einheit
164

Manfred Köhnlein
Flüchtlinge und Asylsuchende
185

Joel Berger
Einwanderung jüdischer Migranten und jüdischer Kultur in Baden-Württemberg
205

Helmut Schmitt
"Ein Fremder ist ein Freund, dem man bisher nicht begegnet ist." Ein kommunaler Erfahrungsbericht aus Mannheim
220

Kerstin Reich
Kriminalität junger Zuwanderer - zwischen "gefühlter Bedrohung" und Realität
232

Dieter Rössner / Marc Coester
Gewalt gegen Fremde: Präventionsmaßnahmen gegen Vorurteilskriminalität
247

Dieter Baumann
Mit Sport gegen Hass und Gewalt?

 

261
In einem dritten Teil des Bandes wendet sich der Blick in die Zukunft. Ivar Cornelius, Leiter des Referats „Bevölkerungsstand und -bewegung“ im Statistischen Landesamt Baden-Württemberg, präsentiert grundlegende Daten und Fakten zu Zuwanderungen nach Baden-Württemberg in Vergangenheit und Gegenwart. Sein Aufsatz erörtert darüber hinaus die demografischen Perspektiven des Landes unter migrationspolitischer Perspektive. 

Ivar Cornelius
Zuwanderung in Baden-Württemberg und demografische Perspektiven 
272

Richard Reschl
Migration und demografischer Wandel in der StadtRegion Stuttgart
291

José F.A. Oliver
wortein, wortaus
305

Die Autorinnen und Autoren
312

Umschlagfotos
316
 

Herausgegeben von:

Landeszentrale
für politische Bildung
Baden-Württemberg

Auf der Suche nach einer neuen Heimat: Zur Geschichte der Aus- und Einwanderung im deutschen Südwesten (Reinhold Weber):
Migration ist der „Normalfall“ in der deutschen Geschichte. In einem historischen Überblick stellt Reinhold Weber den historischen Wandel der Vorläuferstaaten des heutigen Baden-Württemberg vom Auswanderungs- zum Einwanderungsland dar. Der Beitrag zeigt, dass der deutsche Südwesten schon immer von Wanderungsbewegungen geprägt war: von der frühneuzeitlichen Einwanderung, der massiven Auswanderung des 18. und 19. Jahrhunderts über die Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer im Übergang zum Industrieland bis hin zur bisher größten europäischen Bevölkerungsbewegung der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Der Beitrag analysiert die zentralen Ursachen und Motive von Migration, die sich im historischen Längsschnitt wiederholen: Armut, Arbeitssuche, Krieg und die vielfältig bedingte Vertreibung und Flucht von Menschen.


Die (fast endlose) Geschichte vom Einwanderungsland Deutschland (Karl-Heinz Meier-Braun):
Karl-Heinz Meier-Braun resümiert die Ausländerpolitik der Bundesrepublik Deutschland und Baden-Württembergs seit den 1950er-Jahren, als die ersten Arbeitsmigranten Deutschlands in den deutschen Südwesten geholt wurden. Neben den Heimatvertriebenen haben auch die so genannten „Gastarbeiter“ einen wesentlichen Beitrag zur deutschen Wirtschafts(wunder)geschichte geleistet. Meier-Braun analysiert sechs unterschiedlich akzentuierte Phasen der Ausländerpolitik, an deren Ende die langwierige Auseinandersetzung und letztlich die als historisch zu bewertende Verabschiedung des Zuwanderungsgesetzes im Sommer 2004 steht. „Baden-Württemberg braucht Einwanderer“ ist das Resümee des Autors, der Integrationserfolge und Forderungen an die Integrationspolitik darlegt und mit dem Blick auf die demografische Entwicklung der baden-württembergischen Gesellschaft das zukunftsweisende Potenzial einer gesteuerten Einwanderung unterstreicht.


Integrationspolitik in Baden-Württemberg (Heribert Rech):
Der Innenminister des Landes Baden-Württemberg, Heribert Rech, umreißt in seinem Beitrag die Grundlinien der Integrationspolitik der Landesregierung. Im Zentrum stehen dabei ausländerpolitische Zielsetzungen, integrationspolitische Leitlinien sowie Integrationsvoraussetzungen und -maßnahmen der Regierung. Die Integration der ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger ist in weiten Teilen gelungen, so der Minister resümierend. Sie ist aber auch weiterhin eine staats- und gesellschaftspolitisch herausragende Aufgabe, von deren Gelingen die Zukunft Baden-Württembergs und seiner Gesellschaft maßgebend abhängt.


Zuwanderung, kulturelle Vielfalt und Integration im demokratischen Verfassungsstaat (Dieter Oberndörfer):

Der Freiburger Politikwissenschaftler Dieter Oberndörfer erörtert den Zusammenhang von Zuwanderung, kultureller Vielfalt und Integration im demokratischen Verfassungsstaat. Dem unter integrationspolitischen Gesichtspunkten defizitären „Gastarbeitermodell“ stellt er ein Integrationsmodell als Voraussetzung für eine gelingende Integration entgegen, das die Akzeptanz des kulturellen Pluralismus in der deutschen Gesellschaft voraussetzt. Oberndörfer wirbt für mehr Toleranz im Umgang mit Zuwanderern und fordert ein Umdenken im Selbstverständnis Deutschlands – die Abkehr vom althergebrachten Staatsverständnis der „völkischen Nation“ mit Abstammungsprinzip hin zum Selbstverständnis als Staatsbürgernation mit ethnischer und kultureller Vielfalt.


Bildungserfolg und zuwanderungsbedingte Mehrsprachigkeit (Özkan Ergen):

Özkan Ergen, Erziehungswissenschaftler an der Universität Heidelberg, türkischer Herkunft und von Migrationserfahrungen geprägt, untersucht Aspekte zuwanderungsbedingter Mehrsprachigkeit in Deutschland. Das Erlernen der deutschen Sprache ist eine wichtige Voraussetzung für eine gelingende Integration. Ergen erläutert positive und negative Auswirkungen auf den Zusammenhang von Bildungserfolg und Mehrsprachigkeit – auch in der Sozialisationsinstanz Schule. In einem persönlich gehaltenen Exkurs kontrastiert er die theoretischen Befunde mit seinem eigenen biografischen Hintergrund.


Aussiedler - "neue alte Deutsche" (Irene Tröster): 
Irene Tröster, als Deutsche in Kasachstan geboren, in Baden-Württemberg aufgewachsen und hier mit einer Forschungsarbeit über Russlanddeutsche promoviert, zeigt einerseits die großen Integrationserfolge, aber auch die weiterhin bestehenden Integrationsprobleme in der Gruppe der Aussiedler. Hierbei geht es insbesondere um die seit dem Anfang der 1990er-Jahre größte Gruppe innerhalb der Aussiedler, die russlanddeutschen Spätaussiedler. Die Autorin behandelt auch die Auswirkungen des neuen Zuwanderungsgesetzes auf diese Migrantengruppe, an deren Ende wohl ein weiterer drastischer Rückgang der Zugangszahlen aus den ehemaligen Ländern der Sowjetunion stehen wird.


Muslime in Baden-Württemberg: Vielfalt und Einheit (Utku Pazarkaya):
Die Integration der Muslime in Baden-Württemberg ist gelungen, so das Resümee von Utku Pazarkaya, auch wenn es weiteren Integrationsbedarf gibt. Eine Voraussetzung dafür ist der interkulturelle Dialog zwischen Christen und Muslimen, so Pazarkaya, einer der wenigen Journalisten in der deutschen Medienlandschaft mit türkischem Migrationshintergrund. Der Islam hat ein Image-Problem, so schreibt der Autor zugespitzt mit Blick auf die weltweite Terrorgefahr und die Diskussion um verfassungsfeindliche und gewaltbereite islamistische Gruppierungen. Dass dieses Problem nur eine kleine Minderheit der Muslime in Baden-Württemberg betrifft, liegt auf der Hand. Pazarkaya betont auch, dass die Muslime im Land weder nach nationaler Herkunft noch nach religiöser Ausprägung eine homogene Gruppe sind. Der Stuttgarter Journalist legt die Unterschiede zwischen den größten Gruppen – Sunniten, Aleviten und Schiiten – dar und unterstreicht die kulturelle und wirtschaftliche Bereicherung durch die Türken als der größten Gruppe aller Zuwanderer im Land.


Flüchtlinge und Asylsuchende (Manfred Köhnlein):
Mit der eigenen Erfahrung als jahrelanger ehrenamtlicher Helfer von Flüchtlingen und Asylsuchenden beleuchtet Manfred Köhnlein aus Schwäbisch Gmünd die soziale, rechtliche und psychische Lage dieser Migrantengruppe. Köhnlein resümiert die Asylpolitik der letzten zwanzig Jahre und diskutiert die Änderungen durch das neue Zuwanderungsgesetz, das im Bereich der Asyl- und Flüchtlingspolitik positive Veränderungen bringt, in manchen Punkten aber den langjährigen Forderungen der Menschenrechtsorganisationen nicht nachkommt.


Einwanderung jüdischer Migranten und jüdischer Kultur in Baden-Württemberg (Joel Berger):
Joel Berger, ehemaliger Landesrabbiner von Württemberg, thematisiert die Jahrtausende alte Tradition jüdischen Lebens auf südwestdeutschem Boden. In seinem Aufsatz spannt er vor allem den Bogen von der Entwicklung der jüdischen Gemeinden nach dem Zweiten Weltkrieg über die Situation der Juden in der Sowjetunion bis hin zum Wandel der Gemeinden in Baden-Württemberg durch die Zuwanderung von Menschen jüdischen Glaubens aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion seit dem Ende des Kalten Krieges.


"Ein Fremder ist ein Freund, dem man bisher nicht begegnet ist." (Helmut Schmitt):
 Mannheim ist eine der Städte in Baden-Württemberg mit dem höchsten Ausländeranteil, aber auch mit beispielgebenden Integrationsprojekten. Helmut Schmitt, langjähriger Ausländerbeauftragter der Stadt Mannheim und einer der dienstältesten Ausländerbeauftragten im Land, berichtet über die Entwicklung der kurpfälzischen Großstadt aus zuwanderungspolitischer Perspektive, beschreibt erfolgreiche kommunale Integrationsprojekte und bilanziert mehrere Jahrzehnte kommunalpolitischer Integrationsarbeit.


Kriminalität junger Zuwanderer - zwischen "gefühlter Bedrohung" und Realität (Kerstin Reich):
Mit den wichtigen Themen „Ausländerkriminalität“ und „Gewalt gegen Minderheiten“ haben sich zahlreiche Wissenschaftler aus Baden-Württemberg beschäftigt. Kriminalität bei jungen Zuwanderern ist ein kontroverses Thema, das zwischen „gefühlter Bedrohung“ und Realität diskutiert wird. Die Tübinger Kriminologin Kerstin Reich thematisiert die so genannte „Ausländer- und Aussiedlerkriminalität“ und wendet sich gegen eine Stereotypisierung und Instrumentalisierung des Zusammenhangs von Migration und Kriminalität. Auf empirischer Datenbasis analysiert und interpretiert die Autorin die quantitativen, aber auch die qualitativen Aspekte der Kriminalitätslage von jungen Ausländern und Aussiedlern. 

 


Gewalt gegen Fremde: Präventionsmaßnahmen gegen Vorurteilskriminalität (Dieter Rössner / Marc Coester):
 Dieter Rössner und Marc Coester präsentieren Ergebnisse und neue Konzepte aus der präventiven Arbeit gegen vorurteilsbedingte und ausländerfeindliche Kriminalität aus dem Bereich der nationalen und internationalen Forschung. Die Autoren stellen das Konzept der so genannten „Hate Crimes“ (Hasskriminalität) vor, das vor allem in den USA erfolgreichen Eingang in die kriminalpräventive Arbeit gefunden hat.


Mit Sport gegen Hass und Gewalt? (Dieter Baumann):
Dieter Baumann, Leichtathlet und Olympiasieger, stellt aufgrund eigener Erfahrungen die Integrationsmöglichkeiten durch Sport in Vereinen und Schulen dar. „Mit Sport gegen Hass und Gewalt?“, stellt er als Frage – und gibt darauf die Antwort, dass der Sport in jeglicher Form vor allem jungen Zuwanderern vielfältige Möglichkeiten bietet, ihr eigenes Lebensgefühl in Regeln und Ritualen zu kanalisieren.

Zuwanderung in Baden-Württemberg und demografische Perspektiven (Ivar Cornelius):
Ivar Cornelius, Leiter des Referats „Bevölkerungsstand und -bewegung“ im Statistischen Landesamt Baden-Württemberg, präsentiert grundlegende Daten und Fakten zu Zuwanderungen nach Baden-Württemberg in Vergangenheit und Gegenwart. Sein Aufsatz erörtert darüber hinaus die demografischen Perspektiven des Landes unter migrationspolitischer Perspektive.


Migration und demografischer Wandel in der StadtRegion Stuttgart (Richard Reschl):
 Richard Reschl präsentiert die zentralen Ergebnisse einer aktuellen Studie, des Verbundprojekts „StadtRegion Stuttgart 2030“. Auf der Grundlage von Analysen, Prognosen und Szenarien wurden hier handlungsorientierte Leitbilder für die langfristige Perspektive der StadtRegion Stuttgart mit den inhaltlichen Schwerpunkten demografische Veränderung, Migration und soziale Segregation erarbeitet.

 


wortein, wortaus (José F.A. Oliver):
José F.A. Oliver, andalusischer Herkunft, mehrfacher Literaturstipendiat des Landes Baden-Württemberg und Träger zahlreicher renommierter Literaturpreise, wurde 1961 in Hausach im Kinzigtal geboren. Oliver wuchs hier zweisprachig auf, genauer gesagt dreisprachig, denn neben dem Spanischen und dem Deutschen ist ihm auch der alemannische Dialekt bestens vertraut. 1989 erschien sein erster Lyrikband »Auf-Bruch«, dem zahlreiche weitere Lyrikveröffentlichungen folgten, zuletzt 2004 der Band »finnischer wintervorrat«. Mit dem Gefühl des Andalusiers, dem nüchternen Blick des Europäers und mit seiner ganz persönlichen Erfahrung als mehrsprachig aufgewachsenes Zuwandererkind spricht der Spaniendeutsche Oliver in einem poetisch-literarischen Text für alle diejenigen Zuwanderer, die nicht wie er über eine wunderbare Stimme und literarische Begabung verfügen, um ihrer Lebenserfahrung im Umgang mit der Angst vor dem Fremden und vor der Sprachlosigkeit Ausdruck zu geben.

 


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