Gedenkstättenarbeit

Auf dem Weg zu einer Geschichte des Konzentrationslagers Natzweiler

Forschungsstand - Quellen - Methode

 

II. Zur Geschichte des Konzentrationslagers Natzweiler
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Die Entscheidung zum Bau eines Konzentrationslagers im Elsaß fiel unmittelbar nach der militärischen Kapitulation Frankreichs im Juni 1940. Sie entsprach der seit Kriegsbeginn verfolgten Politik der Ausweitung des nationalsozialistischen Lagersystems 11. Dieses bestand bis 1939 aus sechs Konzentrationslagern, nämlich Dachau, Sachsenhausen, Buchenwald, Ravensbrück, Flossenbürg und Mauthausen. Nach dem Beginn des Krieges erschienen der SS-Führung diese Lager jedoch nicht ausreichend, um ihre Macht auch in den nun besetzten Gebieten dauerhaft durchzusetzen und die dort ansässigen Menschen ihrer Kontrolle zu unterwerfen. Um dies zu erreichen, wurden in der ersten Kriegshälfte bis 1942 fünf weitere Konzentrationslager errichtet: Auschwitz, Groß-Rosen und Majdanek im Osten, Neuengamme und Natzweiler im Westen 12. Während Neuengamme bei Hamburg, bis 1940 Außenkommando des Konzentrationslagers Sachsenhausen, zum eigenständigen KL ernannt wurde und zur "zentralen Haftstätte für den nordwestlichen Teil des Deutschen Reiches sowie der angrenzenden Staaten - die skandinavischen Länder und die Benelux-Staaten-" ausgebaut wurde, sollte für diese Aufgabe im Südwesten ein weiteres KL im Elsaß gegründet werden 13.

Bei der Suche nach einem geeigneten Standort fiel die Wahl auf einen nach Norden exponierten Bergrücken, der sich rund 50 km südlich von Straßburg bei dem Ausflugsgasthof "Le Struthof" befindet. Ausschlaggebend für diese Wahl war, daß sich hier, in der Nachbarschaft des kleinen Ort Natzwiller, ein Steinbruch befand, aus dem sich Granit mit einer selten Färbung gewinnen ließ. Für die von Albert Speer geplanten gigantomanischen Bauprojekte des Dritten Reiches wurden große Mengen Baumaterials benötigt. Die SS versuchte, aus diesem Umstand Kapital zu schlagen, indem sie eigene Wirtschaftsunternehmungen gründete, in denen die KL-Häftlinge zur Arbeit gezwungen wurden. Die erste dieser Firmen war die "Deutschen Erd- und Stein Werke GmbH" (DESt), die neben anderen Betrieben in Konzentrationslagern in Mauthausen, Groß-Rosen und Flossenbürg Steinbrüche betrieb. Hier wie auch in den Vogesen beeinflussten die wirtschaftlichen Interessen der SS die Standortwahl: Nachdem offenbar Albert Speer selbst bei einer Besichtigungsfahrt am elsässischen Granit Gefallen gefunden und die Ausbeutung des Steinbruches angeregt hatte, wurde die "DESt" mir dieser Aufgabe betraut. Im September 1940 prüfte ein SS-Standartenführer namens Karl Blumberg die Eignung des Granits und begann, da das Ergebnis günstig ausfiel, unter Zuhilfenahme von Zivilarbeitern aus der Umgebung mit den Vorbereitungen für den Abbau. Im Oktober 1940 trafen die ersten Häftlinge ein, die mit dem Aufbau des Lagers begonnen. Es handelte sich dabei um 300 Häftlinge aus dem KL Sachsenhausen 14. Sie errichteten zunächst Behelfsbaracken beim Struthof, begannen dann, das Gelände des späteren KL zu terrassieren, legten Wege und Strassen an und errichteten die ersten dauerhaften Baracken. Insgesamt entstanden im Schutzhaftlager, also dem für die Häftlinge vorgesehenen Bereich, 15 Baracken, von denen je eine als Schreibstube und Lagerküche diente, die anderen als Unterkünfte. Umringt wurde das Schutzhaftlager von acht Wachtürmen und einem zweifachen elektrisch geladenen Stacheldrahtzaun. Außerhalb dieses Bereiches wurden weitere Bauten errichtet, die als Unterkünfte des Kommandanten und des Wachpersonals oder als Versorgungsgebäude dienten. Während des Aufbaus war Natzweiler noch kein eigenständiges KL, sondern galt als Außenlager des KL Sachsenhausen 15.

Die Ernennung Natzweilers zum eigenständigen Lager am 1. Juni 1941 markierte das Ende der Aufbauphase. Als erster Kommandant war am 17. April 1941 der zuvor in Sachsenhausen tätige Heinz Hüttig ernannt worden 16. Nach Abschluß des Lageraufbaus wurde das Leben der Häftlinge vor allem von der auszehrenden und gefährlichen Arbeiten in den verschiedenen "Arbeitskommandos" im Lager und im Steinbruch bestimmt, die wie schon der Aufbau des Lagers, viele das Leben kostete 17. Die SS-Führung teilte die Konzentrationslager in drei Klassen ein, die die Härte der Haftbedingungen bestimmen sollten. Natzweiler wurde mittleren zugerechnet, doch bedeutet dies keineswegs in irgendeiner Weise humane Haftbedingungen 18. Die Sterberate war besonderes am Anfang an sehr hoch: Von den rund 900 Häftlingen, die im ersten Jahr nach Natzweiler gebracht wurden, waren nach einem halben Jahr im November noch 446 dort, die anderen hatten unter den harten Bedingungen ihr Leben verloren oder waren als "arbeitsunfähig" in andere KL überstellt worden 19.

Am 1. April 1942 kam es zu einem Wechsel des Kommandanten. Der neue Mann hieß Egon Zill. Für die Häftlinge bedeutet diese zunächst keine Veränderung, doch wurde das Lager in zunehmenden Maße als Exekutionsstätte für Menschen genutzt, die keine Lagerinsassen waren, sondern lediglich dorthin gebracht wurden, um ermordet zu werden. Die erste dieser "Sonderexekutionen" wurde im September 1942 durchgeführt. Opfer waren vor allem Russen und Polen. Auch wenn die Hinrichtungen dieser Art längst nicht die Dimensionen anderer KL erreichten, so wurden in Natzweiler insgesamt hunderte Menschen auf diese Weise ermordet 20. In Zills Zeit als Kommandant fiel auch der Beginn der pseudomedizinischen Versuche an Menschen: Anfang Oktober wurde im Lager eine erste Versuchsreihe mit dem Kampfmittel Phosgen durchgeführt 21.

Am 15. August 1942 wurde das Lager zum "Einweisungslager" erklärt 22. Nun konnten auch Häftlinge dorthin gebracht werden, die vorher nicht in einem anderen KL inhaftiert gewesen waren. Zu diesem Zeitpunkt waren rund 600 Insassen registriert, bis Dezember waren es 921. Die Zahl der Häftlinge erhöhte sich im Januar 1943 spunghaft auf 1500. Dies war die Folge eines Funktionswandel des gesamten KL-Systems, der von der SS-Führung bereits Anfang 1942 beschlossen worden war. Unter dem Eindruck des durch die ungeplant lange Kriegsdauer verursachten Mangels an Arbeitskräften sollten die KL-Häftlinge nun in der Rüstungsindustrie arbeiten 23. Zur Realisierung dieses Vorhabens wurden verschiedene Umstrukturierungsmaßnahmen durchgeführt, von denen sich drei unmittelbar auch auf Natzweiler auswirkten. Erstens wurden, um die notwendigen Arbeitskräfte zur Verfügung zu haben, im großen Stil Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene osteuropäischer Herkunft in die KL verschleppt. Die dadurch herbeigeführte annähernde Verdopplung der gesamten Häftlingszahl in den KL führte auch in Natzweiler zu dem beschriebenen Anstieg. Nun vermeintlich mit eine ausreichenden Zahl von Arbeitskräften ausgestattet, glaubte die SS-Führung, auf die noch in den KL inhaftierten Juden nicht angewiesen zu sein und ließ diese nach Auswitz deportieren. Darunter waren auch 22 Juden aus Natzweiler 24. Als dritte Maßnahme kam es zu zahlreichen Umbesetzungen bei den Lagerkommandanten. Eugen Zill wurde Ende Oktober durch Josef Kramer ersetzt, da Zill nun in Flossenbürg verwendet werden sollte 25.

Unter Kramers Ägide wurden nun die Arbeiten für die Rüstungsindustrie aufgenommen. Schon seit Sommer 1943 wurden im Steinbruch mehrere Baracken aufgebaut, in denen die Häftlinge nun unter anderem für Junkers-Werke arbeiten mußten 26. Dem gegenüber trat der Granitabbau in den Hintergrund und wurde schließlich eingestellt. Ebenfalls in die Zeit Kramers fallen drei weitere Ereignisse, für die Lagergeschichte entscheiden geprägt haben. Dies betrifft einmal das Schicksal der sogenannten "Nacht und Nebel-Häftlinge", zum anderen die medizinischen Versuche an Menschen und drittens die Ermordung von 86 Juden, deren Skelette für eine "Anatomische Lehrsammlung" verwendet werden sollte.

Die Geschichte der "Nacht und Nebel-Häftlinge" kann als relativ gut erforscht gelten. Es handelte sich dabei um eine besondere Gruppe von Häftlingen, die im Zusammenhang mit der Bekämpfung der Widerstandsbewegungen verhaftet wurden und in den Lagern unter einer besonders brutalen Behandlung zu leiden hatten. Grundlage war ein Befehl Hitlers vom September 1941, der die umstandslose Festnahme verdächtiger Personen vorsah 27. Diese sollten zur Vermeidung von Aufsehen und zur Abschreckung nach Deutschland verbracht werden, ohne daß in ihren Heimatländern Informationen über ihr weiteres Schicksal bekannt wurden. Martin Broszat schätzte, daß aufgrund dieses Befehls bzw. des darauf beruhenden sog. "Nacht und Nebel-Erlasses" des Oberbefehlshaber der deutschen Wehrmacht, Wilhelm Keitel vom 7. Dezember 1941 rund 7000 Menschen ins Reich verschleppt wurden 28. Gemäß einigen weiteren Regelungen wurde diejenigen unter den kurz "NN" genannten Häftlingen nach Natzweiler gebracht, die "arischer" Herkunft waren. Ab Juni 1943 trafen dort solche Häftlinge aus Frankreich, Holland, Luxemburg Belgien und Norwegen ein. Die brutalen Haftumstände, die sie dort erwarteten, werden anhand einer Gruppe französischer Häftlinge in Kapitel VI der vorliegenden Studie geschildert.

Die "wehrmedizinischen Versuche" an Menschen wurden durch die Mediziner und Biologen der benachbarten "Reichsuniversität" Straßburg durchgeführt. Sie begannen im Oktober 1942 und dauerten bis zur Auflösung des Lagers 1944 29.  Die Gaskammer, seit April 1943 beim Struthof in Betrieb war, wurden in diesem Zusammenhang gebaut. Die Unmenschlichkeit, die die beteiligten Ärzte und die Lager-SS in Natzweiler an den Tag legte, erregte nach der Befreiung des Lagers weltweites Aufsehen. Noch größeres Entsetzen rief die Ermordung von 86 Juden zum Zweck der Schaffung einer anatomischen Skelettsammlung hervor, die im August 1943 in Natzweiler stattgefunden hatte. Beide Sachverhalten werden in Kapitel V näher dargestellt.

Noch unter der Leitung Kramers erlebte das Konzentrationslager Natzweiler eine weitere tiefgreifende Veränderung. Ende 1944 wurden die Arbeit der Häftlinge zunehmend aus den im Lagerbereich angesiedelten Arbeitskommandos in sogenannte "Außenkommandos" verlagert. Diese wurde im Elsaß, vor allem aber in Süddeutschland errichtet. Die Häftlinge mussten dort für unterschiedliche Auftraggeber Arbeiten verrichten, die vor allem der Rüstungsindustrie, oder der Beseitigung von Kriegsfolgen dienten. Die Haftbedingungen waren unterschiedlich, in vielen Fällen aber schlimmer als im Stammlager. Dies war vor allem in denjenigen Außenkommandos der Fall, in denen die Häftlinge zur Verlegung von Produktionsanlagen unter Tage gezwungen wurden. Waren noch im Dezember lediglich sieben dieser Außenstellen vorhanden 30,  so nahm die Zahl im letzten Kriegsjahr explosionsartig zu. Bis heute ist genaue Zahl dieser Lager unbekannt, doch liegt sie mit Sicherheit nicht unter 40, wenn nicht gar bei 70 31. Entscheidend ist, daß insgesamt weit mehr Menschen in den Außenlagern inhaftiert waren, als im Hauptlager. Waren im März 1944 in dem ursprünglich für 1500 Personen gedachten Hauptlager über 5000 Menschen zusammengepfercht, so befanden sich in den Außenlagern Mitte Oktober bereits 18 907 Häftlinge. Dies Zahl stieg bis zur Jahreswende auf 22 587 an 32. Rund 70 % dieser Menschen waren osteuropäischer Herkunft. Doch während sich das Netz der Außenkommandos 1944 immer weiter entfaltete und sich vor allem aber in Süddeutschland ausdehnte, neigte sich die Geschichte des Hauptlagers bereits ihrem Endpunkt zu. Anfang Mai wechselte erneut der Kommandant des Lagers. Josef Kramer ging als Kommandant nach Auschwitz-Birkenau, neuer Kommandant von Natzweiler wurde Friedrich Hartjenstein 33.

Nach der Landung der Alliierten in der Normandie im Juli 1944 wurde die militärische Lage im Westen zunehmend aussichtslos. Das Hauptlager wurde deshalb im September 1944 aufgelöst und die Häftlinge das Hauptlagers in insgesamt vier Konvois per Bahn nach Dachau gebracht, das insgesamt 7184 ankommende Häftlinge registrierte 34. In dieser letzten Phase des Lagers vor der Räumung fanden Exekutionen statt, die alles bisherige übertraf. Hier ist die Ermordung von vier Frauen am 6. Juni 1944 besonders hervorzuheben. Sie wurden als Angehörige eines englischen Geheimdienstes allein zum Zweck der Hinrichtung nach Natzweiler gebracht und dort mit Phenolspritzen ermordet. Die näheren Umstände dieser Tat werden im Kapitel V genauer geschildert. Unmittelbar im Zusammenhang mit den der Räumung des Elsaß´ kam es auch zu Massentötungen an französischen Widerstandskämpfern. Seit August 1940 bestand in dem benachbarten Ort Schirmeck-Vorbruck ein sogenanntes "Sicherungslager", in dem die Sicherheitspolizei ein große Zahl von vermeintlichen oder tatsächlichen Widerstandskämpfern gefangen hielt 35. Unter ihnen befand sich eine große Zahl von Angehörigen einer Résistance-Gruppe namens "Alliance". Sie wurden als große Gefahr angesehen und sollten nach der Auflösung des "Sicherungslagers" nicht in Freiheit gelangen. 107 von ihnen wurde deshalb in der Nacht vom 2. auf 3. September 1944 mit Lastwagen nach Natzweiler gebracht und dort im Krematoriumsbau erhängt oder mit Giftspritzen oder Pistolenschüssen in den Nacken getötet, ihre Leichen im lagereigenen Krematorium verbrannt. Charles Béné gibt aufgrund von Zeugenaussagen an, daß bereits in der Nacht auf den 1. September auf diese Weise rund 300 Menschen getötet wurden 36.

Die ersten amerikanischen Truppen erreichten das geräumte Hauptlagerlager am 24. November 1944 37. Da die Außenlager in dem noch nicht von den Alliierten eroberten Gebiet jedoch fortbestanden, war die Kommandantur des Konzentrationslagers Natzweiler zunächst nicht aufgelöst, sondern ins badische Guttenbach verlegt worden. Auf der Flucht vor den alliierten Truppen wechselte sie im Jahre 1945 ihren Standort noch mehrmals, bis sie sich schließlich im Allgäu auflöste 38.

Insgesamt wurden von 1940 bis 1945 im Konzentrationslager Natzweiler und in seinen Außenkommandos zwischen 30 000 und 33 000 Menschen gefangen gehalten 39.

 

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