Gedenkstättenarbeit

Auf dem Weg zu einer Geschichte des Konzentrationslagers Natzweiler

Forschungsstand - Quellen - Methode

 

III. Die Literatur über das KL Natzweiler
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Die Veröffentlichungen über Natzweiler gliedern sich in drei Gruppen: Erlebnisberichte ehemaliger Häftlinge, Dokumentationen und interpretierende Darstellung der Lagergeschichte. Die Häftlingserinnerungen sind weniger der Literatur als vielmehr den Quellen zuzurechnen und werden deshalb im nächsten Kapitel besprochen.

Die Gruppe der Dokumentationen setzt sich aus drei Titeln zusammen, die über einen Zeitraum von 1966 bis 1998 erschienen sind. Ihnen ist gemeinsam, daß sie keinen wissenschaftlichen Anspruch erheben, sondern versuchen, ihre Leser mit einzelnen Aspekten der Lagergeschichte vertraut zu machen. In loser Reihenfolge fügen sie kurze Erläuterungstexte, Häftlingserinnerungen, Auszüge aus SS-Dokumente, Fotografien, aber auch Zeichnung und Gedichte aneinander, die die Leser nicht nur informieren, sondern auch emotional an das Thema heranführen.

Besonders deutlich wird dies bei der ersten zum Publikation zum KL Natzweiler überhaupt, die kein reiner Erlebnisbericht eines Einzelnen ist. Es handelt sich dabei um die vom "Comité national pour l'érection et la conservation d'un mémorial de la déportation au Struthof" 1966 veröffentlichte Dokumentation "K.Z. Lager Natzweiler-Struthof" 40, die 1977 auch in deutscher Sprache erschien. Sie richtet sich an ein Publikum ohne Vorkenntnisse. Der vorangestellte allgemeine Teil, der die Geschichte der Konzentrationslager thematisiert, kann angesichts des heutigen Forschungsstandes vernachlässigt werden. Auch der zweite Teil, der sich speziell mit dem KL Natzweiler beschäftigt, ist problematisch, da er sich in weiten Teilen auf abgedruckte Erlebnisberichte stützt, diese aber nicht kritisch behandelt.

In einzelnen kurzen Texten wird die Gründung des Lagers geschildert und die funktionale Struktur des Lagers dargestellt. Auch auf die einzelnen Arbeitskommandos wird eingegangen. Weitere Schwerpunkt der Dokumentation liegt auf dem Schicksal der französischen "Nacht und Nebel"-Häftlinge, den medizinischen Versuchen sowie auf den Massenmorden an französischen Résistance-Angehörigen kurz vor der Räumung des Lagers.

Trotz der aus heutiger Sicht unzulänglichen Beschaffenheit vermag die Broschüre als erste Hinführung zu Geschichte dieses Ortes dienen, vor allem, wenn sie wie in den meisten Fällen unmittelbar vor oder nach einem Besuch der Gedenkstätte erworben wird. Die in der Gedenkstätte regelmäßig angebotenen Führungen vermag sie allerdings nicht zu ersetzten. Es wäre deshalb wünschenswert, daß den Besucher, die nicht an einer solchen Führung teilnehmen, präzisere Informationen an die Hand gegeben werden würden.

Die bisher einzige deutsche Dokumentation zum Hauptlager erschien 1986 41. Jürgen Zieglers Buch "Mitten unter uns" steht ganz im Zeichen der Aufklärung über die Verbrechen der Nationalsozialisten und der Empörung über die Versäumnisse der Geschichtswissenschaft und "will einen kleinen Teil des bisher Versäumten nachholen" 42. Der Autor ist, wie er betont, kein Historiker und wendet sich an ein allgemeines Publikum. Das Buch ist eine Sammlung von einzelnen Dokumenten, Zeugenaussagen und von Darstellungen des Verfassers und enthält weder ein Verzeichnis der verwendeten Literatur, noch werden die Darstellungen systematisch durch Anmerkungen belegt. Ziegler stützt sich auf Erlebnisberichte ehemaliger Häftlinge, die ihm teilweise mündlich mitgeteilt wurden. Unterstützend führte er Recherchen im Bundesarchiv Koblenz und in regionalen Archiven durch.

Wie schon in Dokumentation des Comités findet der Leser Hinweise auf die Gründung des Lagers, auf die einzelnen Arbeitskommandos sowie auf die Qualen der "NN-Häftlinge". Neben einem Abschnitt über "Flucht und Fluchtversuche" und einer Aufstellung der "Lagerstrafen" sind vor allem Zieglers Ausführungen über die medizinischen Versuche und deren Hintergrund besonders hervorzuheben. Mit der Verwendung von Unterlagen aus Gerichtsverfahren gegen die "Struthof-Ärzte" , der vom 17. bis 24. Dezember 1954 in Metz stattfand, betritt Ziegler Neuland. Nicht nur durch die Verwendung solcher Unterlagen, sondern auch durch den Abdruck zahlreicher zeitgenössischer Dokumente erweist sich sein Buch als unverzichtbare Materialsammlung. Leider jedoch sind die zahlreichen Dokumente jedoch unsystematisch angeordnet und meistens ohne die notwendige Einordnung in ihre Zusammenhänge abgedruckt.

Weiterhin enthält die Dokumentation Angaben zu den Außenkommandos Mannheim, Sandhofen, Neckarelz I und II, Neckargerach, Asbach, Bad Rappenau, Neckarbischoffheim und Guttenbach, in das die Kommandantur des Hauptlagers Natzweiler nach dessen Auflösung verlegt wurde.

Die 1998 veröffentlichte Dokumentation "Le camp de concentration du Struthof. Konzentrationslager Natzweiler. Témoignages." knüpft dagegen eher an die Broschüre des Comités an, allerdings auf wesentlich höherem Niveau 43. Sie besteht hauptsächlich aus einer Aneinanderreihung von Erinnerungen ehemaliger Häftlingen, leuchtet aber besonders wichtige Teilaspekte der Lagergeschichte und ihre Hintergründe wie etwa den der medizinischen Versuche oder das Leben der Häftlinge in den durch kurze Beiträge aus. Zwar werden auch die belgischen und norwegischen Häftlinge thematisiert, doch liegt auch hier der Schwerpunkt der Darstellung klar auf dem Schicksal der französischen "NN-Häftlinge". Die Osteuropäischen Häftlinge kommen nur am Rande vor. Anders als in den der Broschüre des Comités sind im in diesem Band kurze Texte vorhanden, die einen Blick über den Lagerzaun hinaus werfen und das Lager in die Geschichtete des Elsaß unter nationalsozialistischer Besatzung einzubetten. Besonders hervorzuheben sind hier ein Beitrag des ehemaligen Häftlings Ernest Gillen, der sich mit den zahlreichen Außenkommandos befasst und die Ausführungen über das Leben der Bewohner des nahegelegen Bruche-Tals im Schatten des Lagers und über die Reaktionen der amerikanischen Truppen bei der Befreiung des Lagers. Das Buch, das im besten Sinne als Erinnerungsbuch bezeichnet werden kann, wird ebenfalls durch Fotos, Zeichnungen und Erinnerungen ergänzt.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß diese Dokumentationen neben ihrem vornehmlichen Zweck - der Bewahrung von Erinnerung und Information der Leser - eine überaus wichtige Funktion erfüllen. Sie stellen gleichzeitig das Material für die verstehende und analysierende Forschung bereit. Problematisch ist dabei zweierlei: Erstens sind die in diesen Dokumentationen gemachten Angaben selten nachprüfbar, auch kann die Herkunft abgedruckter Dokumente meist nicht nachvollzogen werden. Dies betrifft vor allem die häufig verwendeten Erinnerungen ehemaliger Häftlingen, die weder kommentiert noch quellenkritisch überprüft werden. Zweitens vermitteln Dokumentationen ihrer Natur nach dem Leser ein Bild der Ereignisse, das sich aus wie in einem Kaleidoskop aus vielen Einzelsegmenten zusammensetzt. Die Gesamtinterpretation der Einzelteile und die Erklärung der Ganzen leisten sie nicht.

Dies ist das Anliegen der interpretierenden Literatur. Statt nur einzelne Eindrücke und Fakten zu präsentieren, versuchen die zu Natzweiler vorliegenden sechs Titel die Informationen in einen Gesamtrahmen einzuordnen und so verstehbar zu machen. Sie tun dies allerdings mit unterschiedlichen Anspruch: Während fünf Titel mehr oder weniger wissenschaftlichen Kriterien genügen, hat das Buch Henry Alainmats eher erzählenden Charakter.

Den ersten wissenschaftlichen Beitrag zum KL Natzweiler leistete der ehemalige Häftling Charles Béné 1968 mit seinem Buch "Du Struthof à la France libre" 44. In vier Kapiteln beschreibt er mit einer dezidiert patriotischen Ambition die Besetzung des Elsaß' durch die Nationalsozialisten und die Entstehung der Lager. Diese Studie diente Béné als Basis seiner nächsten Veröffentlichung über dieses Thema, die 1972 als fünfter Band seines siebenbändigen Werkes "L'Alsace dans les griffes nazies" unter dem Titel "Organisations policières nazies. Prisons et camps de déportation en Alsace" erschien 45. Bevor er sich in sieben Kapiteln dem KZ Natzweiler widmet, geht er ausführlich auf die Geschichte des benachbarten "Sicherungslagers" Schirmeck-Vorbruck ein.

Seine Darstellung der Entstehung des Lagers ist detailliert. Die Gründungsgeschichte des Lagers, die einzelnen Arbeitskommandos, das Schicksal der "NN-Häftlinge", die Ermordung der vier englischen Frauen werden ebenso präzise geschildert, wie die Geschichte der medizinischen Versuche. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die biographischen Ausführungen zu den einzelnen Kommandanten des Konzentrationslagers. Auch wenn der Schwerpunkt der Schilderungen auf den Vorgängen im Lager selbst liegt, so geht Béné doch auf die einzelnen Außenkommandos ein, von denen er vier aufgrund näher beschreibt.

Die Problematik dieses Werkes ist neben der Fokussierung auf die Geschichte der französischen Häftlinge und der starken patriotischen Ausrichtung vor allem die fehlende Nachprüfbarkeit der Darstellung, da der Band kein Literatur- und Quellenverzeichnis enthält und der Autor mit Anmerkungen äußerst sparsam umgeht.

Ähnlich verhält es sich mit dem 1974 erschienenen Buch "Auschwitz en France. La vérité sur le seul camp d'extermination nazi en France. Le Struthof" von Henry Allainmat 46. Zwar scheint diesem Werk eine ausführliche Recherche zugrunde zu liegen, doch ist es so "literarisch" geschrieben, daß es nur bedingt als wissenschaftlich relevant gelten kann. In sieben Kapiteln schildert Allainmat, häufig in direkter Rede, die Zusammenhänge, die zur Gründung des Lagers führten, dessen Aufbau, die Arbeiten im Steinbruch und in der Kiesgrube, das tägliche Leben im Lager mit seinen Grausamkeiten, und die strukturelle Zusammensetzung der Häftlingsgesellschaft. Ausführlicher geht auf die Kategorie der "NN"-Häftlinge und auf das Außenkommando Kochem ein 47. Weitere Kapitel widmet er dem Krankenrevier, der Ermordung der vier Frauen am 7. Juli 1944 und den medizinischen Versuche und der Ermordung der aus Auschwitz herangebrachten Juden für Hirts Skelettsammlung. Er zitiert dabei zahlreiche Dokumente in Übersetzung. Seine Schilderung des "letzten Massakers", der Mordaktion an den französischen "Alliance"-Mitgliedern, bringt gegenüber Béné Werk ebensowenig neue Ergebnisse wie die nur eine Seite umfassende Darstellung der Evakuierung des Lagers. Außerdem finden sich in einem Anhang einige ins Französische übersetzte Dokumente zur Errichtung des Lagers und zu den offiziellen Strafen und Foltermethoden. Wichtig ist eine genaue Aufstellung zur Organisation der SS im Lager, aus der zumindest für die Führungspositionen klar hervorgeht, welcher SS-Mann in welchem Zeitraum welche Funktion innehatte. Der Anhang enthält auch eine Liste der Namen der Ermordeten "Alliance"-Mitglieder und eine Aufstellung der im Lager verstorbenen französischen Häftlinge. Außerdem findet sich im Kapitel "Le Comité des Meurtres" ein Auszug der Anklageschrift eines nicht näher bezeichneten Prozesses gegen die "Wächter von Struthof" mit 67 "außerordentlichen" Hinrichtungen, also solchen ohne jegliches Gerichtsverfahren 48. Auch in diesem Werk gibt es kein Literaturverzeichnis und nur sehr wenige Quellenangaben.

Der erste wissenschaftliche Beitrag zum KL Natzweiler aus Deutschland ist der von Herwart Vorländer herausgegebene Sammelband "Nationalsozialistische Konzentrationslager im Dienst der totalen Kriegsführung. Sieben württembergische Außenkommandos des Konzentrationslagers Natzweiler/Elsaß" von 1978 49. Der Band enthält sieben Aufsätze damaliger Studierender der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, die sich mit verschiedenen Außenkommandos befassen. Untersucht werden nach einem von Vorländer verfaßten Vorwort die Lager in Leonberg, Hessental, Neckargartach, Echterdingen, Hailfingen, Vaihingen und Schörzingen. Die Arbeiten haben also einen regionalgeschichtlichen Ansatz und wollen, wie es im Vorwort heißt, "einen Beitrag leisten zur Erforschung des Systems der nationalsozialistischen Konzentrationslager in der letzten Phase seiner Geschichte" 50. Vorangestellt ist ein Verzeichnis der verwendeten gedruckten und ungedruckten Quellen. Einen herausragenden Stellenwert nehmen dabei der Aktenbestand des Internationalen Suchdienstes des Roten Kreuzes (ITS) im hessischen Arolsen ein, sowie zahlreiche Gerichtsakten, die weitgehend aus Prozessen zu den Außenkommandos stammen.

Die vorangestellten Bemerkungen Vorländers zum KL Natzweiler sind knapp und bleiben hinter dem Detailreichtum Bénés zurück, haben dafür aber den Vorteil, daß sie wissenschaftlich exakt und nachprüfbar sind und sich auf Quellen übergeordneter Instanzen stützen. Im Anhang des Buches sind 35 Dokumente von zentraler Bedeutung abgedruckt, die sich als Grundlage für weitere Arbeiten über das Konzentrationslager Natzweiler anbieten.

1989 erschien in Norwegen ein Buch mit dem Titel "Natt og toke", das einen neuen Akzent in der Forschung zu Natzweiler setzte und 1994 auch in französischer Sprache erschien 51. Der Autor, selbst ehemaliger "NN"-Häftling in Natzweiler, rückt das Schicksal der Norweger in Natzweiler in den Mittelpunkt. Er geht darin der Frage nach, aus welchen Gründen Norweger in deutsche Konzentrationslager kamen, und warum sie bevorzugt nach Sachsenhausen und Natzweiler gebracht wurden. Während seine Ausführungen über die Gründung des Lagers eher kurz gehalten sind, findet man Genaueres über die Hierarchie der SS-Leute im Lager und die Verwaltung der Häftlinge. Auch das Schicksal der luxemburgischen Häftlinge wird kurz im Horizont der Besatzung ihres Landes geschildert. In einem Kapitel über Frauen in Natzweiler geht Ottosen auf die Ermordung der jüdischen Frauen in Zusammenhang mit Hirts Plänen für die Anlage einer Skelettsammlung und die Rolle des "Ahnenerbes" ein, ebenso auf die Ermordung der vier Frauen am 6. Juni 1944. Das Kapitel über die medizinischen Versuche ist detailliert. Ausführungen zu den Außenkommandos Erzingen, Leonberg, Dautmergen und Vaihingen ergänzen das Buch, weitere Außenkommandos anderer Stammlager wie Gotenhafen (Stutthof) und Ottobrunn (Dachau) werden ebenfalls erwähnt, sofern dort norwegische Häftlinge arbeiten mußten. Angeschnitten werden bei Ottosen die Bemühungen des schwedischen und dänischen Roten Kreuzes, die skandinavischen Häftlinge durch Lebensmittelpakete vor dem Verhungern zu bewahren.

Der Umstand, daß der Autor selbst ehemaliger Häftling war, verleiht dem Buch eine lebendige Plastizität; dennoch ist Ottosens Buch im Gegensatz zu den Büchern der französischen Autoren nicht patriotisch eingefärbt.

1992 erschien die bisher einzige Dissertation zum KL Natzweiler im deutschsprachigen Raum unter dem Titel: "Das Konzentrationslager als Institution des totalen Terrors. Das Beispiel des KL Natzweiler" 52. Wolfgang Kirstein versucht in dieser soziologischen Arbeit, den "totalen Terror" im KL anhand von Natzweiler darzustellen. Das generelle Problem dabei ist, daß er mit Natzweiler ein Beispiel gewählt hat, das bisher unzureichend erforscht ist. Auf nur 32 Seiten werden die Geschichte und Funktion des Lagers dargestellt, wobei die Rolle der "NN"-Häftlinge, der Zusammenhang mit der DESt, die "medizinischen" Versuche, die verschiedenen Exekutionen nur sehr knapp behandelt werden. Kirstein beschreibt den "Wandel der ökonomischen Dominanzfunktion", also die zunehmende Bedeutung der Rüstungsproduktion, auf eineinhalb Seiten. Die folgende Analyse des "Machtraums" berücksichtigt den ständigen An- und Umbau des Lagers nicht, sondern beschränkt sich auf den Zustand, den das KL unmittelbar vor seiner Auflösung hatte. Die Differenzierung in "Stacheldrahtbereich", "äußerer Lagerbereich" und "Standortbereich" stammt im wesentlichen von Eugen Kogon und ist damit nichts Neues, hat aber den Vorzug, die immer wieder erwähnten Bauten und Zonen systematisch zuzuordnen 53. Die Schilderung der Hierarchie des SS-Personals bleibt im Typischen, da Kirstein nicht auf einzelne SS-Männer eingeht, die in Natzweiler Dienst taten, namentlich erwähnt werden lediglich Kramer und Hartjenstein. Die Ausführungen über die "zahlenmäßige Entwicklung und Zusammensetzung der Häftlingspopulation" beschränken sich nach einem skizzenhaften Überblick auf einen Beobachtungszeitraum von August 1942 (Eröffnung als Einweisungslager) bis März 1944, nachdem laut dem Autor das im Bundesarchiv vorhandene Zahlenmaterial nicht mehr interpretierbar ist. In dieser Zeit waren demnach 7374 Menschen für kürzere oder längere Zeit inhaftiert, von denen 37% "Politische Schutzhäftlinge", annähernd 25% "russische Zivilarbeiter", 11% "befristete Vorbeugehäftlinge", 5% "Sicherungsverwahrte", 10% polnische Häftlinge, 4% "Asoziale", 2% Homosexuelle, 2,5% "Zigeuner" und 1% Juden waren.

Weiter werden die "Elemente des Lagerterrors", mit den Unterpunkten "Initiation", "Normen und Strafsystem" sowie "Hunger" behandelt. Ferner untersucht Kirstein das Verhalten der Individuen zwischen Anpassung und Widerstand. Im fünften und letzten Teil geht er noch auf die Geschichte und Funktion der Außenkommandos ein, deren Zahl er mit 46 angibt.

Insgesamt trägt die Arbeit außer einer gewissen Systematisierung vor allem die Auswertung der in Koblenz archivierten "Schutzhaftlagerberichte" zum Forschungsstand bei.

Über diese genannten Titel hinaus existieren noch einige Publikationen zu diversen Außenkommandos 54.

Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß die vorhandene Literatur zum KL Natzweiler unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten unzulänglich ist. Zwar liegen einige Titel vor, die eine Vielzahl von einzelnen Fakten darstellen, aber eine systematische, umfassende und wissenschaftlich befriedigende Darstellung existiert nicht. Diese hätte die vordringliche Aufgabe, die Erkenntnisse der geschilderten Werke zu überprüfen und zu systematisieren. Darüber hinaus müsste aber auch der vorhandene Quellenkanon kritisch hinterfragt und erweitert werden. Andernfalls droht die Fortsetzung dessen, was sich bereits bei der vorgestellten Literatur ankündigt: In Ermangelung anderer Quellen werden immer die gleichen Erinnerungen und Dokumente zu Grunde gelegt, und damit gleichzeitig der Fragehorizont mit übernommen. In der Konsequenz führt dies dazu, dass die bekannten Teilaspekte der Lagergeschichte, beispielsweise die Geschichte der medizinischen Versuche, immer weiter vertieft werden, andere drängende Fragen aber weiter unberücksichtigt bleiben werden. Welche Rolle spielte Natzweiler innerhalb des Systems der Konzentrationslager? Wie entwickelte sich immer dichter werdende Netz von Außenkommandos? Wie wichtig war das elsässische KL innerhalb der in Frankreich errichteten nationalsozialistischen Besatzungstruktur? Welches Schicksal erlitten die bisher kaum beachteten osteuropäischen Häftlingsgruppen? Wer waren die SS-Täter, was war ihre Motivation und wie verliefen ihren Biographien nach 1945? Wurde sie bestraft oder in die Gesellschaft der Bundesrepublik integriert? Welchen Stellenwert nimmt das Konzentrationslager in den deutschfranzösischen Nachkriegsbeziehungen ein?

Dies sind nur einige der anstehenden Fragen, die sich weder aus der vorhanden Literatur noch aus dem bisher verwendeten Quellen beantworten lassen. Immerhin lassen sich einzelne Hintergründe durch die Auswertung von Spezialliteratur weiter erhellen - beispielsweise enthält die Forschung über die wirtschaftlichen Bestrebungen der SS Hintergrundinformationen auch über die Tätigkeit der SS-Firma DESt in Natzweiler, oder die Forschung zum "Ahnenerbe" Hinweise über die Zusammenhänge dieser "Forschungsgemeinschaft" mit den medizinischen Versuchen, doch kann diese die eigentliche Forschung nicht ersetzen 55. Es handelt sich hier um einen typischen historiographischen Vorgang: Da die Geschichte des Lagers bisher nur unzureichend erforscht wurde, taucht das Lager in den übergreifenden Werken kaum auf, was wiederum kein Interesse an neuen Studien weckt, sondern vielmehr den Eindruck fördert, es handle sich bei Natzweiler um ein unbedeutendes Lager. Dies birgt die Gefahr einer völlig ungerechtfertigten Marginalisierung. Es ist zu hoffen, daß dieser Mißstand durch die angekündigte Gesamtdarstellung Robert Steegmanns endgültig behoben werden wird 56.

 

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