Gedenkstättenarbeit

Auf dem Weg zu einer Geschichte des Konzentrationslagers Natzweiler

Forschungsstand - Quellen - Methode

 

IV. Gedruckte Erinnerungen ehemaliger Häftlinge
Zum Inhaltsverzeichnis

 

Die Erinnerungen ehemaliger Häftlinge stellen eine Quellengattung dar, deren Auswertung wesentlich problematischer ist, als es auf den ersten Blick scheint. Die Arbeit mit ihnen erfordert einen hohen Grad an quellenkritischer Reflexion. Wie sich im folgenden zeigen wird, muß sich der Historiker einer Vielzahl von Entstehungsbedingungen bewußt sein, um nicht unter dem Eindruck der Authentizität der Schilderungen zu falschen Schlüssen zu kommen.

Bei der Auswertung muß sich die erste Frage auf den Entstehungszeitraum der Erinnerung richten, der sich im Normalfall über das Datum der Drucklegung erschließen läßt. Er gibt Aufschluß über das gesellschaftliche und politische Umfeld des Autors sowie seinen Wissenshorizont, in dem er das Erlebte verorten kann. Von den bisher erfaßten Erinnerungen an Natzweiler sind sechs bis 1950 erschienen. Ihnen ist deutlich anzumerken, daß sie in der Absicht geschrieben wurden, das Erlebte einer möglichst breiten Öffentlichkeit zu berichten. Die Autoren gehen dabei davon aus, daß die Leser von der von ihnen erlebten Wirklichkeit des Dritten Reiches keine Vorstellung besitzen. Charakteristisch für diese Berichte ist, daß sie relativ unsystematisch sind. Von den sechs dieser Gruppe zuzuordnenden Veröffentlichungen werden hier die drei vorgestellt, die mir bisher zugänglich waren 57. Die Werke von Kristian Ottosen und Floris B. Bakels sind dagegen aus größerer zeitlicher Distanz geschrieben; ihnen ist das Bemühen anzumerken, die Erlebnisse in einen größeren historischen Horizont einzuordnen. In diesem Bemühen verbannte Ottosen das "ich" in das Vorwort und wählte statt der Form des Erlebnisberichts die einer historischen Abhandlung; sein Buch wurde deshalb auch als solche im vorigen Kapitel besprochen.

Generalisierend läßt sich sagen, daß die "frühen" Erinnerungen authentischer sind, als die "späten". Die Autoren hatten in der Regel nicht die Gelegenheit, ihre Erfahrung mit denen anderer Häftlinge abzugleichen und sie in einen größeren, aus der Literatur gewonnen Horizont einzuordnen. Dies bedeutet im einzelnen, daß sie zwar mehr falsche Angaben oder Fehleinschätzungen enthalten als spätere Werke, daß das unmittelbare, subjektive Erleben aber noch nicht durch den Abgleich mit der "offiziellen" Erinnerung verdeckt ist, wie sie etwa in den Amicales, also den Vereinigungen ehemaliger Häftlinge, tradiert wird. Dieser Vorgang ist in der Regel nicht bewußt gesteuert, sondern entspringt grundsätzlichen psychischen Voraussetzungen des Erinnerns - einer Problematik, die neben der Psychologie vor allem durch die Volkskunde und durch die oral history erforscht wurde 58. Auch wenn diese methodologischen Überlegungen stets von primär mündlichen Quellen ausgehen, etwa von auf Tonband fixierten Interviews von Augenzeugen des historischen Untersuchungsgegenstandes, so können doch die Ergebnisse dieser Untersuchung auch als methodologische Voraussetzungen für die Beschäftigung mit schriftlich fixierten Erinnerungen gelten, solange sie sich nicht auf die Praxis des Interviews und die dabei ablaufenden psychischen Prozesse beziehen, sondern das Problemfeld "Erinnerung" betreffen. Dies bietet sich im Umgang mit den schriftlichen Erinnerungen ehemaliger KL-Häftlinge in besonderem Maße an, da die mündlich erfragte Geschichte in der oft anderer Quellen ermangelnden KL-Forschung einen festen Platz einnimmt 59. So ergibt sich aus der in der oral history rezipierten Forschung über das menschliche Gedächtnis in Anlehnung an den französischen Soziologen Maurice Halbwachs die Erkenntnis, daß es neben dem individuellen Gedächtnis auch ein kollektives gibt, und beide sich gegenseitig bedingen 60. Dieses kollektive Gedächtnis bedeutet eine "Institutionalisierung der Überlieferung in sozialen Organisationen und die durch Interaktionen gestützte Rekonstruktionsbedürftigkeit aller Erinnerungen" 61. Eine solche Institution ist beispielweise die "Association des Anciens du Struthof", die zumindest eine Zeit lang regelmäßige Jahrestreffen veranstaltete 62. Dies bedeutet, daß es eine von äußeren Einflüssen unabhängige Erinnerung nicht gibt, sondern daß die Erinnerungsprozesse im "autobiographischen Gedächtnis" ständig in Korrelation zum kollektiven Gedächtnis stehen 63. Der Prozeß durchläuft demgemäß folgende Stationen: Zunächst wird das Erlebte aufgenommen, das heißt, es bildet Spuren in der Erinnerung, die davon geprägt sind, wie der Moment erlebt wurde. Schon hier wird selektiert. Der dadurch entstandene Eindruck bildet nur den Rohstoff, der dann weiterverarbeitet wird. Dies geschieht beim Sich-Erinnern, das kein automatisches Hervorholen des Gespeicherten ist, sondern eine aktive Handlung darstellt, die "die Gegenwart oder einen Teil der Gegenwart beim Hervorholen, beim Rekonstruieren der Vergangenheit [einschließt]" 64. Hier spielt also sowohl das Moment des politischen wie auch des sozialen Umfelds eine Rolle, als auch der beabsichtigte Zweck des Erzählens oder Schreibens. Denn es hängt von der Wahl des Standpunktes, des Blickwinkels, ab, welchen Elementen man bei der Rekonstruktion des Vergangenen eine Bedeutung zumißt und welchen nicht. Eine solche unterschiedliche Gewichtung einzelner Erinnerungsfragmente ist bereits aus den "Erzählzwängen" notwendig, die vom Erzähler oder Schreiber verlangen, seine Geschichte in einem stringenten und nachvollziehbaren Zusammenhang darzustellen, also mindestens zeitlich zu ordnen 65. Wird dieser Prozeß öfter wiederholt, rekonstruiert der Darstellende seine Geschichte nicht jedesmal neu, sondern greift auf die sich verfestigenden Einzelelemente zurück, die sich bereits bewährt haben: es hat eine "Anekdotisierung" stattgefunden 66. Da die Erlebnisse im Konzentrationslager als Ausnahmezustand empfunden wurden, unterliegt der Erinnerungsprozeß in diesen Fällen auch besonderen Bedingungen. Hierzu zählt, daß die "permanente Instabilität der Verhältnisse", die eine "ständige Bedrohung" mit sich brachte, den Teil des Geschehens, der als "Routine" oder "Alltag" erlebt wurde und deshalb keine besonderen Spuren im Gedächtnis hinterließ, relativ klein erscheinen ließ. Die bisher in dieser Dichte nicht erlebten traumatischen Erfahrungen prägten dagegen deutliche Spuren, die sich minuziös in das Gedächtnis einbrannten 67. Andererseits bedingt die starke Traumatisierung das Bedürfnis nach einer umfassenden Interpretation der Erlebnisse.

In dieser Beziehung erweisen sich die Erinnerungen des Niederländers Floris B. Bakels als mehrfacher Glücksfall. Der über gute schriftstellerische Fähigkeiten verfügende promovierte Jurist veröffentlichte 1977 sein 387 Seiten umfangreiches Erinnerungsbuch "Nacht und Nebel. Mijn verhaal uit Duitse gevangnissen en concentratiekampen", das 1979 auch in deutscher Sprache erschien 68. Er konnte sich dabei auf ein äußerst genaues Tagebuch stützen, das er mit einer kurzen Unterbrechung während der gesamten Zeit in Gefängnissen und Konzentrationslagern führte 69.

Bakels wurde als Angehöriger des niederländischen Widerstandes am 9. April 1942 in der Nähe von Rotterdam verhaftet und zunächst in verschiedenen Gefängnissen und Lagern inhaftiert. Am 10. Juli 1943 wurde er mit rund 80 anderen Niederländern als "NN"-Häftling nach Natzweiler transportiert. Sein Bericht wird dominiert von einer Reihe religiöser Erweckungserlebnisse, die zeitweise in religiösen Wahn übergehen 70. Das gesamte Buch ist ganz um diesen religiös geprägten Erzählfaden orientiert, was tendenziell eine Überformung des Erlebten zur Folge hat; zumindest kann konstatiert werden, daß sich seine Wahrnehmung, seine Rekonstruktion der Erinnerung, von derjenigen anderer stark unterscheidet. Daß es sich hierbei um einen Prozeß handelt, der sich zu großen Teilen bei der Rekonstruktion vollzog und zwar in mit zunehmendem zeitlichem Abstand fortschreitendem Maße, wird aus anderen Berichten deutlich, die Bakels in mündlicher und schriftlicher Form zu früheren Zeitpunkten über das gleiche Thema abgegeben hat. Nach eigenen Angaben legte er seine Erlebnisse auf Wunsch des "Reichsinstituts für Kriegsdokumentation" am 11. April 1946 nieder, so daß ein Vergleich mit seiner 31 Jahre später veröffentlichten Schilderung möglich ist 71. Darüber hinaus hat Bakels mehrfach über Natzweiler vor Gericht ausgesagt 72.

Der Bericht von 1946 unterscheidet sich zunächst von Bakels Buch von 1977 durch die Perspektive, die durch die Intention des Erzählens bestimmt wird. Im Buch schildert Bakels seinen eigenen Leidensweg. Seine Verhaftung und Deportation bedeuteten für ihn eine biographische Katastrophe größten Ausmaßes; um dem Leser die Tiefe dieser Zäsur zu vermitteln, schildert er sein Leben sowohl vor als auch nach der Haft und greift in diesem Bestreben bis zur Schilderung des Lebens seiner Großeltern aus. Sein Bericht von 1946 hat dagegen einen anderen Charakter, da er in offiziellem Auftrag geschrieben wurde. Seine persönliche Leidenserfahrung wird hier nur soweit wiedergegeben, wie sie für eine gedachte Allgemeinheit der holländischen Häftlinge repräsentativ zu sein scheint. Dem Zweck der "Berichterstattung" gemäß bleiben die Erlebnisse vor und nach dem Lager ausgeblendet. Ganz anders die Intention des Buchs: Wie er im Vorwort erklärt, schrieb er das Buch den ums Leben gekommenen Leidensgenossen zu Ehren, vor allem aber, weil er sich von Gott dazu berufen fühlte, da dieser ihn deshalb vor dem Tod verschont habe. Er erblickt in den

"zwölf Jahren deutscher Dämonie [...] eine Erscheinung des Antichrist, der zu dieser großen Macht gelangen konnte, weil die Menschheit dabei war, von Christus abzufallen".

Zwar konnte das Dritte Reich niedergerungen werden, aber

der Ermordung von sechs Millionen Juden ist nichts gefolgt, was eine Wiederholung unmöglich macht [...] Die Rufer in der Wüste warnen zu Recht vor künftigen Katastrophen. Als Autor dieses Buches schließe ich mich ihnen an. Die Toten verpflichten mich dazu 73.

Bakels glaubt sich hier also im Besitz eines göttlichen Auftrags und stellt sich mit den biblischen Propheten auf eine Stufe - eine Intention, von der im Bericht von 1946 nichts zu spüren war. In Folge dieser Intention verschiebt sich nun die Darstellung: Es geht nicht mehr nur um die äußeren Erlebnisse im Lager, um die Dokumentation der Verbrechen, sondern auch um das Ringen eines Menschen um seinen Glauben, der mehrfach durch göttliche Erscheinungen gerettet wird und, letzten Endes auch um die Missionierung anderer. Diese schon im Tagebuch, nicht aber im Bericht von 1946 angelegte religiöse Dimension findet ihren Kulminationspunkt in mehreren Jesuserscheinungen, in denen immer wieder eine Analogie vom Leiden Bakels zur Passion Christi gebildet wird. So heißt es beispielweise, als Bakels bei einer nächtlichen "Desinfektionsaktion" im tiefsten Winter das Bewußtsein zu verlieren droht und nur dadurch aufrecht gehalten werden kann, daß ihn zwei Mithäftlinge rechts und links unter den Arm fassen:

Ich hänge an zwei Freunden, meine Arme um ihren Hals, nackt, ausgestreckt. Ein anderes Wesen, die Arme ausgestreckt, sehe ich mir gegenüber hängen. Es blickt mich an. [Hervorhebung im Original] 74

Durch die religiöse Gesamtinterpretation seines Lebenswegs gelingt es Bakels, die kaum begreifbare Erfahrung der KL-Haft sinnvoll in einen lebensgeschichtlichen Rahmen einzupassen. Er bedient sich dabei - wie schon angedeutet - des biblischen Vorbilds der Propheten, deren biographische Leidenserfahrung im Dienst der göttlichen Aufgabe steht.

Durch das Hinzutreten dieses religiösen Diskurses verändert sich die Darstellung identischer Sachverhalte. Bakels schildert etwa im Bericht von 1946, daß er mehrfach das Revier aufsuchen mußte:

Auch im Revier, wo ich mich insgesamt drei Monate aufgehalten habe[!]. Es gab dort eine Kontroverse zwischen den Revierkapos und dem Häftlingsarzt Fritz Leo, einem geheimnisumwitterten Mann, der jetzt bei einer Zeugenvernehmung im Prozeß in Lüneburg selbst als Kriegsverbrecher festgenommen wurde. Ich mußte vor dem PRA in Amsterdam eine Aussage über ihn machen. Leo wird beschuldigt, im Revier politische Gegner ermordet zu haben. Ich selbst kann nur sagen, daß er mir sehr geholfen hat und mich selbst vor dem Tod bewahrt hat 75.

Von einer religiösen Dimension des Konfliktes mit Leo ist hier keine Rede. Anders im Buch: Hier schildert Bakels einerseits den mutigen Einsatz der dort beschäftigten Holländer, mit deren Hilfe es schließlich gelang, den Kommunisten Leo von seiner Haltung abzubringen, daß "alle Westeuropäer am besten ausgerottet werden sollten". Andererseits wird Leo von Bakels hier als Instrument Gottes umgedeutet, der ihm das Leben rettet. Vor einer von Leo an Bakels durchgeführten lebensrettenden Operation sagt Leo: "Diesmal wird nicht Gott dir helfen, sondern ich"; nach dem gelungen Eingriff schreibt Bakels "Hat Fritz Leo nicht verstanden, daß mein Gott mich zum tausendsten Mal gerettet hat, und zwar durch Fritz Leo ?" 76. Der Konflikt zwischen dem Kommunisten und den Holländern, der offenbar sogar vor Gericht thematisiert wurde, wird hier in den Rahmen von Bakels Ringen um den Glauben gestellt; Leo wird dabei zu Bakels atheistischem Widerpart. Daß der Kampf zwischen Leo und Bakels zwar durchaus weltanschaulich motiviert sein mochte, aber nicht lediglich die Existenz Gottes als Streitpunkt hatte, zeigt eine andere Bemerkung Bakels:

Die niederländische Mannschaft im Revier bestand aus [...]. In ihrem ununterbrochenem Einsatz im Kampf gegen die SS, den Häftlingsarzt Leo und alle anderen, unterstützt von polnischen und tschechischen Pflegern, haben sie ihr möglichstes getan, um Niederländern, die in Schwierigkeiten waren [...] zu helfen. [...] Es gelang, das Revier von intrigierenden Kommunisten zu säubern 77.

Tatsächlich handelt es sich hier also um einen Kampf um die Vorherrschaft im Krankenrevier, die die Überlebenschancen einer Häftlingsgruppe entscheidend verbessern konnte. Der in den Personen Bakels und Leo personifizierte Konflikt ist also strukturell bedingt. Da das Leitthema in Bakels Schilderung aber sein individueller Weg zum Glauben ist, war er zu dieser Personifizierung gezwungen, da sich dieser Weg kaum beim Kampf zweier Menschengruppen gegeneinander zeigen ließ. Einen anderen Beleg für diese perspektivische Einengung stellen einige in wörtlicher Rede dargestellte theologische Dispute dar, in denen es Bakels gelingt, selbst Theologen und Priester von seinem überkonfessionellem Glauben zu überzeugen. Es ist unmöglich, diese Darstellungen zu überprüfen, aber doch zumindest unwahrscheinlich, daß Bakels die Dispute in wörtlicher Rede in seinem Tagebuch notiert hat und deshalb so exakt wiedergeben kann; hier scheint es sich um eine literarische Ausgestaltung im Dienst der missionarischen Absicht des Berichts zu handeln.

Daß auch "kollektive Gedächtnis" die Darstellung Bakels' beeinflußt, wird an einem anderen Ereignis deutlich. In seinem Bericht von 1946 heißt es: "Einmal wurden auch vier französische Mädchen, Spioninnen, nach Einsperren im Bunker im Krematorium aufgehängt" 78. Es handelt sich um die bereits von Béné und Allainmat beschriebenen Agentinnen. Im Buch dagegen ist die Schilderung präziser: Bakels beschreibt die Frauen detailliert, die er angeblich mit eigenen Augen über den Lagerplatz hat gehen sehen. Er schreibt weiter:

Am nächsten Tag erfuhren wir es, durch viele Verbindungsleute, von den Häftlingen, die mit Geheimarbeiten im Bunker und Krematorium vertraut waren: Vier englische oder französische Mädchen hatten wir gesehen. Vier Frauen, die sogleich mit Phenolspritzen ermordet wurden. Vier Mädchen, schon im Kamin verschwunden. Verbrannt 79.

Im nächsten Absatz verweist Bakels auf die veröffentlichten Protokolle eines englischen Militärtribunals, auf die weiter unten noch einzugehen sein wird 80. Es ist anzunehmen, daß er die in "Nacht und Nebel" enthaltene Darstellung den dort veröffentlichten Zeugenaussagen entnommen hat, denn wenn er seine Informationen tatsächlich seinen eigenen Beobachtungen und dem lagerinternen "Nachrichtensystem" verdanken würde, warum hätte er zunächst angeben sollen, die Frauen seien gehängt worden? Da die Ermordung der vier Frauen unter strengen Geheimhaltungsmaßnahmen stattfand, war es Bakels unmöglich, Augenzeuge zu sein 81. Aber was für einen Sinn hat es, die Übermittlung der Information über die Todesart der Frauen den "Verbindungsleuten" zuzuschreiben? Wahrscheinlich ist, daß Bakels sich nicht bewußt war, wann und wo er die korrekte Information erhalten hat und seine Erinnerung mit der überlieferten abgeglichen hat.

Auch seine Gesamtbewertung der Erlebnisse im Lager scheint Bakels nach 30 Jahren relativierungsbedürftig. Er schrieb 1946:

Es gab auch eine "Kantine", und dann und wann konnten wir dort Machorkowe-Zigaretten kaufen und auch Bier, das es auf einer Kaffeeterrasse im Freien gab, am liebsten mit Musik... Es wurden uns sogar 2 mal Filme gezeigt. Natzweiler hat sich fortwährend gebessert. Wie ich bereits sagte, habe ich eigentlich nicht die "schlimme Zeit" von Natzweiler mitgemacht - obwohl auch unsere Zeit schlimm genug war. Später, als das Lager immer voller wurde, wurde die Disziplin immer schlaffer. Es traf auch Wehrmachtspersonal ein und das Schlagen wurde ganz verboten - woran sich natürlich niemand hielt. Als das Lager schließlich überbelegt war, war keine ausreichende Arbeit mehr da, und man sah die Gefangenen in der Sonne faulenzen und auf ihr Essen warten... 82

In "Nacht und Nebel" fehlt diese Bewertung, aber einzelne Elemente dieser Schilderung - etwa den Bierausschank - übernimmt Bakels auch hier. Da diese Erinnerungen nicht in die im Buch dargestellte Interpretation des KL als "Reich des Satans" 83 passen, versieht er sie hier aber mit der Überschrift "Anomalien" kennzeichnet sie also als Ereignisse, die "eigentlich" nicht zum Lager gehörten.

Zusammenfassend kann eine Verschiebung in der Darstellung der gleichen Ereignisse in den zu verschiedenen Zeitpunkten und zu verschiedenen Zwecken entstandenen Texten festgestellt werden. Zwar bleiben die Kernaussagen gleich, doch werden sie durch nachträglich erlangte Informationen ergänzt - ein Vorgang, der Bakels bewußt war, da er wiederholt auf die Quellen seiner Information verweist. Entscheidender Unterschied ist aber der Gesamtrahmen, in dem die Erinnerungen gesehen werden. Der Rahmen des christlichen Glaubenskampfes macht es stellenweise schwierig, die Authentizität des Buches einzuschätzen.

Nicht immer ist das Zusammenwirken von kollektivem Gedächtnis und individueller Erinnerung, von Intention und Entstehungszusammenhang und der sich daraus ergebenden Darstellungsperspektive so kompliziert, wie im Falle von Bakels. Die Frage nach dem "Warum," nach dem Motiv des Autors und der daraus folgenden Perspektive ist bei den "frühen" Erinnerungen leichter zu klären. Denn je geringer der zeitliche Abstand zu den Ereignissen ist, je weniger Reflexion und je weniger nachträglich erhaltene Informationen im Bericht vorhanden sind, desto leichter lassen sich diese Fragen beantworten. Meist möchte der Verfasser der Um- und Nachwelt Zeugnis ablegen, will er dafür sorgen, daß das, was ihm geschah, nicht vergessen wird und zielt mit politischem Impetus in die Zukunft.

Die Frage nach dem Motiv läßt sich bei der Erinnerung Udo Dietmars, die bereits 1946 erschien, leicht beantworten 84. Er will "als einer der überlebenden Zeugen in Wahrheit schildern, was sich in den Konzentrationslagern unter meinen Augen und an mir selbst vollzog." Dem Grauen der Lager stellt Dietmar die "internationale Solidarität" aller überlebenden Konzentrationslagerhäftlinge im Lager entgegen, deren Beschwörung in einer Glorifizierung des "Schwurs von Buchenwald" kulminiert. Die von Dietmar auch in Natzweiler beschworene Solidarität kommt in den anderen Erinnerungen in dieser Form nicht vor; sie scheint von den Ereignissen in Buchenwald geprägt und nachträglich auch auf Natzweiler übertragen worden zu sein.

Dietmar schildert weder Geschichte noch Ursache seiner Verhaftung. Er wurde zusammen mit anderen Häftlingen von Köln nach Rothau gebracht und von dort mit Lastwagen abgeholt. Die Lastwagen hielten vor dem eigentlichen Lagertor, so daß die Häftlinge zu Fuß einmarschieren mußten. Dietmars Schilderung des Lageraufbaus ist präzise. Auch die Schilderung der Eingangszeremonie ist genau. Noch vor dem Rasieren und Einkleiden wurde ein polnischer Häftling aussortiert und erschossen. Nach der Einweisung der Neuen durch den Lagerkapo wurden sie dem Quarantäneblock zugewiesen. Besonders hebt der Autor die französischen "NN"-Häftlinge hervor, deren Sonderstatus ihm anhand der auffälligen Kennzeichnung durch die mit heller Farbe auf alle Kleidungsstücke gemalten Buchstaben "NN" und durch ihre besonders schlechte Verfassung bereits am ersten Tag im Lager aufgefallen war. Da Dietmar nach Ablauf der Quarantänezeit im Arbeitskommando "Steinarbeiten" arbeiten mußte, das vor allem aus "NN"-Häftlingen bestand, kannte er deren Lebensumstände relativ genau. Unter anderem schreibt er, daß ihnen keinerlei Kommunikation nach draußen erlaubt war, daß sie bis Herbst 1943 nicht im Krankenrevier behandelt werden durften und daß für ihre Unterbringung im Schutzhaftlagerbereich eine Sonderbaracke errichtet wurde, die mit Stacheldraht von den anderen Baracken separiert war. Dietmar spricht auch von einigen Funktionshäftlingen, vor allem Kapos, deren Brutalität die der SS-Männer noch übertraf. Die problematische Situation eines Kapos zwischen Häftlingen und SS wurde Dietmar besonders deutlich, als er selbst zum Hilfskapo eines Arbeitskommandos ernannt wurde. Auch die "medizinischen" Versuche waren Dietmar bekannt: "kurz nach Weihnachten" seien drei Autos mit "Zigeunern" aus Auschwitz ins Lager gekommen, an denen Typhusversuche durchgeführt worden seien. Außerdem seien auch Versuche mit Giftgas an 15 Häftlingen aus dem Lager durchgeführt worden, die im "Beisein einer Kommission, bestehend aus SS-Ärzten und Chemikern" in eine Gaszelle beim Struthof gesperrt worden seien. Von den 15 hätten nur zwei kurze Zeit überlebt. Dietmar nennt außer dem öffentlichen Prügeln auf dem Prügelbock als üblichste Lagerstrafe das öffentliche Aufhängen 85. Neben den "regulären" Hinrichtungen beschreibt Dietmar auch außerordentliche Hinrichtungen. So hätten eines Morgens im Sommer 1944 36 Polen nicht zur Arbeit ausrücken müssen. Während die meisten anderen Häftlinge in den diversen Arbeitskommandos beschäftigt gewesen seien, seien diese Polen zu je sechs im Krematorium erhängt und anschließend verbrannt worden. Klar erkennt er auch die Funktion des KL als Hinrichtungsstätte für die Gestapo. Die Opfer wurden allein zu diesem Zweck nach Natzweiler gebracht und in der Regel in der Kiesgrube erschossen. Die Auflösung des Lagers erlebte Dietmar als doppelte Rettung, denn er habe, wie er schreibt, zu diesem Zeitpunkt im Bunker auf die Bestätigung des gegen ihn in Berlin beim RSHA beantragten Todesurteils gewartet; durch mehrere Zufälle sei er aber gerettet worden. Dietmar erwähnt auch, daß während der Evakuierung ununterbrochen Menschen in ziviler Kleidung auf Lastwagen aus dem Tal nach Natzweiler gebracht worden seien, die sofort in kleinen Gruppen hingerichtet und verbrannt worden seien. Er selbst wurde nach einem kurzen Aufenthalt in Dachau nach Buchenwald gebracht, wo er die Befreiung am 11. April 1945 erlebte.

Die zweite Frage an diese Quellen muß lauten: "Wer schreibt?" Denn der Anteil der Häftlinge, die nach ihrer Haft diese literarisch verarbeiteten, war denkbar gering. Voraussetzung dafür war zunächst einmal, daß der Häftling das Konzentrationslager überlebte. Zwar existieren auch Zeugnisse von Häftlingen, denen dies nicht gelang, etwa in Form von Briefen oder erhaltenen Tagebüchern, doch ist dies eher selten der Fall. Es ist also bei der Auswertung stets zu bedenken, daß es sich um die Überlieferungen der Häftlinge handelt, die in der Regel ihr Leben nicht glücklichen Zufällen verdanken, sondern die in der Lage waren, Strategien im Lager zu entwickeln, die ihnen ein Überleben ermöglichten. So stammen von den bisher ermittelten publizierten zehn Erinnerungen vier von deutschen Häftlingen, vier von französischen und je eine von einem holländischen und einem norwegischen Häftling 86. Daß keine von einem osteuropäischen Häftling verfaßte Publikation bekannt ist, ist kein Zufall, sondern liegt zum einen darin begründet, daß Publikationen außerhalb des westeuropäischen Sprach- und Kulturraums schwer bibliographisch zu erfassen sind, zum andern ist zu vermuten, daß trotz des überproportionalen Anteils dieser Häftlinge keine veröffentlichten Erinnerungen vorliegen, da diese Häftlingsgruppe in Natzweiler am schlechtesten behandelt wurde und - neben den "NN" Häftlingen - die höchste Mortalität aufzuweisen hatte. Die "Ostvolkangehörigen", also die "russischen Zivilarbeiter" und die Polen, gehörten im Lager stets zu einer der vier zahlenmäßig stärksten Häftlingsgruppen: sie lag von August 1942 bis März 1944 bei etwa 35 %, was bei einer durchschnittlichen Belegung von 7374 Häftlingen einer durchschnittlichen Zahl von 2581 Häftlingen entsprach 87. Angesichts dieser Zahlen ist trotz der hohen Mortalität, die im einzelnen zu untersuchen hier ein Desiderat bleiben muß, von zahlreichen Überlebenden auszugehen. Warum also sind keine Erinnerungen dieser Häftlinge bekannt?

Im Gegensatz zu den aus Frankreich, den Niederlanden, Norwegen, Luxemburg und Belgien stammenden "NN"-Häftlingen, unter denen überdurchschnittlich viele Intellektuelle waren, war dies bei den Osteuropäern nicht der Fall. Es ist daher zu vermuten, daß die Zahl derjenigen, die über literarische Fähigkeiten verfügten, weitaus geringer war, als bei den Westeuropäern. Hinzu kommt, daß die nach Kriegsende wiedergewonnene soziale Umgebung offenbar ein weitaus geringeres Interesse an den Lebensläufen der nach Natzweiler Deportierten hatte als das bei den "NN"-Häftlingen der Fall war. Insbesondere bei den Franzosen, in deren Territorium das Lager lag und die schon durch die Verbindung mit der Bekämpfung der Résistance einen direkten, nationalen, oft auch personalen Bezug zu dem Konzentrationslager hatten, stießen und stoßen Erinnerungen an das Lager auf großes Interesse und provozierten so immer neue Publikationen. Diese Entwicklung fand in den osteuropäischen Ländern nicht statt. Wer konnte sich unter einem Lager in den Vogesen etwas vorstellen, wo sich doch im eigenen Land fast unglaubliche Verbrechen abgespielt hatten, wo doch wesentlich bekanntere Lager standen und wo die Schicksale der riesigen Zahl der Verfolgten so unterschiedlich und doch jedes für sich grauenerregend war? Es ist also zu berücksichtigen, daß die Erinnerungen keinesfalls repräsentativ für die gesamte Häftlingsgesellschaft sein können, da nur ein kleiner Bruchteil der Häftlinge überhaupt solche Erinnerungen veröffentlichte.

Aus diesem Grund kann die Erinnerung von Aimé Spitz als typisch gelten: Ein Elsässer berichtet für andere Elsässer über seine Erfahrungen in deutscher KL-Haft.

Spitz wurde im Juni 1943 mit einem der ersten drei Transporte mit französischen "NN"-Häftlingen nach Natzweiler gebracht. In seinem 1947 veröffentlichten Bericht "Struthof. Bagne nazi en Alsace" beschreibt er, daß er im August 1942 in Lyon von der Gestapo verhaftet wurde, als er im Auftrag der Widerstandsorganisation "France Combattante" eine "gefährliche Mission" ausführen wollte 88. Nach zehnmonatiger Haft in Lyon wurde er nach Natzweiler gebracht. Wie schon Dietmar beschreibt er die Einweisungszeremonie; seine Darstellung weicht nur insofern von der Dietmars ab, als er als "NN"-Häftling noch zusätzlich markiert und in der Politischen Abteilung verhört und registriert wurde. Spitz schildert das täglichen Leben, die Ernährung und zählt dann die diversen Arbeitskommandos auf. Er erwähnt, daß die "NN"-Häftlinge im August 1943 in eine von den anderen getrennte Baracke umziehen mußten. Die Sonderbehandlung der "NN"-Häftlinge wird besonders deutlich, wenn Spitz beschreibt, daß arbeitsunfähige "NN"-Häftlinge erst ab Ende Oktober 1943 wie die anderen Häftlinge auch in das Revier eingewiesen werden durften 89. Nach Spitz war das Revier ein besonders gefährlicher Ort, da einige Häftlingsärzte ebenso brutal zu den Kranken waren wie die SS-Ärzte selbst. Zudem tat sich der Revierkapo, ein holländischer Häftling, durch besondere Grausamkeit hervor. In einer besonderen "chambre pique", dem Raum 1 des Blocks 5 seien zahlreiche Kranke durch tödliche Spritzen mit Benzin oder Petroleum getötet worden. Diese Spritzen seien durch einen holländischen Häftling namens Gert verabreicht worden, der nach der Befreiung in Dachau der amerikanischen Polizei übergeben worden sei. Auch im Lager selbst habe es nach Spitz kaum Solidarität unter den Häftlingen gegeben, vielmehr seien Denunziationen und Diebstähle an der Tagesordnung gewesen.

Wie schon in Dietmars Erinnerung enthält auch Spitz' Buch eine Aufzählung der Lagerstrafen. Auch er unterscheidet ordentliche und außerordentliche Exekutionen. Von ordentlichen Hinrichtungen erwähnt er die Ermordung der Agentinnen, wobei er fälschlich ihre Zahl mit sieben angibt 90. Außerdem seien eine große Anzahl von Menschen, Spitz schätzt über 500, in der zum Lagerbereich gehörigen Kiesgrube erschossen worden.

Über die "medizinischen" Experimente schreibt Spitz, daß im Juli 1943 27 jüdische Frauen nach Natzweiler gebracht worden seien, die zunächst mit einer ihm nicht bekannten Krankheit infiziert und nach 15 Tagen in der Gaskammer umgebracht worden seien. Spitz war im Oktober 1943 selbst am Bau des stationären Krematoriums im Lager beteiligt, er beschreibt, daß neben dem Krematorium selbst noch ein Operationssaal, ein Desinfektionsraum, Duschräume, Büroräume und der unter dem Bau gelegene Leichenkeller vorhanden gewesen seien.

Im Kapitel über die Außenkommandos nennt er namentlich Oberehnheim (Obernai), Markirchen (Saint-Marie-aux-Mines), Sennheim (Cernay) sowie Rastatt, Kochem 91, Erzingen und Neckarelz. Er selbst wurde am 4. März 1944 mit einem insgesamt 300 Häftlinge umfassenden Transport nach Kochem gebracht, wo er einen Tunnel zwischen den Orten Bruttig und Treis, in dem zuvor Champignonzucht betrieben worden war, vom dafür benötigten Mist reinigen mußte. Diese Arbeit diente zur Vorbereitung des Tunnels für Rüstungsarbeiten, die Spitz nicht weiter spezifizieren kann, da er vor Beginn der Aufnahme dieser Arbeiten nach vierwöchiger Reinigungsarbeit zurück ins Stammlager gebracht wurde.

Die Evakuierung wurde nach Spitz am 31. August 1944 beschlossen, der erste Transport ging mit 2000 Häftlingen in der Nacht auf den 1. September mit der Bahn von Rothau aus nach Dachau. In derselben Nacht sei es, so Spitz, zu einem Massenmord von rund 350 Mitgliedern der Widerstandsorganisation "Alliance" gekommen, die aus dem Lager Schirmeck nach Natzweiler gebracht worden seien 92.

Das dritte Problem, das sich dem Historiker bei der Auswertung stellt, ist die sowohl räumliche als auch zeitliche Begrenzung der Lagererfahrung. Nur wenige Häftlinge waren vom Aufbau des Lagers 1941 bis zu seiner Räumung im September 1944 in Natzweiler inhaftiert; Transporte in andere Lager, Einsatz in zum Teil weit entfernte Außenkommandos, manchmal auch Entlassungen verhinderten dies. Aber auch für die Zeit, die sie im Lager verbrachten, war ihre Erfahrung auf ihr direktes Umfeld beschränkt. Beispielsweise hatten die Häftlinge durch das System der Häftlingsselbstverwaltung mit relativ wenig SS-Angehörigen direkten Kontakt, was sich in vielen Erinnerungen darin niederschlägt, daß dort nur wenige Namen von SS'lern genannt werden. Wie sollte beispielsweise ein in der Wohnbaracke, beim Essen und bei der Arbeit streng von den anderen Häftlingen abgeschirmter "NN"-Häftling erleben, wie ein deutscher Funktionshäftling in der Schreibstube behandelt wurde? Was wußte der Funktionshäftling umgekehrt vom "NN"? Mußte sein Bild nicht zwangsläufig stark von der erlebten Realität der "NN"-Häftlinge abweichen, da ihm diese hauptsächlich in Form von Verwaltungsakten begegneten? Wieviel an Informationen wurde durch Mund-zu-Mund-Kommunikation übermittelt? Wie oft waren die Informationen falsch? Diese Fragen sind kaum zu beantworten, aber die Erinnerung von Max Porzig deutet zumindest die räumliche und zeitliche Bedingung der Erfahrung des Einzelnen an.

Porzigs Erinnerung erschien noch 1945 93. Sie schließt mit dem Aufruf: "Deutsche daheim und im Ausland! Begreift endlich restlos, daß mit der Hitlerei das gemeinste Verbrechen der Weltgeschichte gestützt und gefördert wurde!" Porzig möchte das "Grauen des Nationalsozialismus darstellen", ist sich aber der Tatsache bewußt, daß seine Geschichte im Vergleich mit der anderer Häftlinge "vergleichsweise harmlos ist" 94. Er wurde im Alter von 65 Jahren am 22. August 1944 im Rahmen einer größeren Aktion zusammen mit anderen politisch Mißliebigen in seinem Heimatort Singen von der Gestapo verhaftet und per Zug gemeinsam mit anderen Verhafteten aus dem Bodenseeraum über Straßburg zum Bahnhof Rothau gebracht, von wo sie ins KL Natzweiler marschieren mußten. Porzig vermutet, daß der Grund für die Verhaftungsaktion zum einen die wirtschaftliche Ausbeutung von "über hundert Qualitätsarbeitern", zum anderen aber die Vernichtung politisch Mißliebiger gewesen sei. Nach einer Rede des Kommandanten, der die Neuankömmlinge als "Sittlichkeitsverbrecher" bezeichnet habe, sei die Eingangszeremonie gefolgt, die aus der Abgabe aller persönlichen Besitztümer und der Kleidung, Rasur der Körperbehaarung, dem Duschen und der Ausgabe von "Zebra"-Kleidung bestanden habe. Porzig erwähnt die terrassenförmige Anlage des Lagers, die zentrale Lagerstraße, an deren Ende sich das Krematorium nebst dazugehörigem Leichenraum und "Hängeraum" befunden habe. Er spricht auch von "einem Vergasungszimmer auf der Höhe". Dies demonstriert, in welchem Maß Porzig auf Gerüchte zurückgreifen muß, da er die Gaskammer offensichtlich niemals selbst gesehen hat: sie lag gut 100 Höhenmeter tiefer als das Lager beim Struthof. Wie ihm berichtet wurde, habe es früher ständig öffentliche Hinrichtungen gegeben, zur Zeit seiner Einlieferung hätten aber die heimlichen Hinrichtungen überwogen; der Ofen des Krematoriums habe oft Tag und Nacht gebrannt. Konkret erinnert sich Porzig an die Ermordung von 24 Männern Ende August 1944 in einheitlicher Kleidung, die aber keine in Natzweiler gebräuchliche Häftlingskleidung gewesen sei. Diese seien zum Krematorium geführt worden und dort "verschwunden". Ohne Datierung spricht er von zwei Frauen, die "zweifellos vergast worden sind". Auch hier greift er auf erzählte Informationen zurück, da es sich tatsächlich um vier Frauen gehandelt hatte. Das Wort "zweifellos" markiert hier seine Unsicherheit. Er nennt insgesamt "einige tausend" Häftlinge, die mit ihm im Lager gewesen seien, unter ihnen viele Franzosen und Elsässer. In diesem Zusammenhang erwähnt er auch das Lager Schirmeck, das er fälschlich als "Konzentrationslager für weibliche Häftlinge" bezeichnet. Im Vergleich zu Dachau empfand er die Verpflegung als "noch einigermaßen erträglich". Generell bewertet Porzig seine Lebensumstände als relativ gut, so schreibt er über die Anfangszeit: "Zunächst flossen für uns Neulinge im Lager die Tage fast unbeschwert - vom Hunger abgesehen - dahin" 95. Porzig erlebte die Räumung des Lagers mit, ohne diese näher zu beschreiben. Er wurde in einem der ersten Transporte per Bahn nach Dachau gebracht, von wo er nach Allach, einem Außenkommado von Dachau, geschickt wurde. Anschließend wieder in Dachau, wurde er dort am 24. September 1944 zusammen mit sieben anderen Häftlingen aus Singen entlassen. Bemerkenswert ist die Feststellung, daß die verbleibenden sieben Singener Häftlinge nach und nach von den Firmen, bei denen sie vor ihrer Verhaftung gearbeitet hatten, aus dem KL geholt worden seien. Porzig schweigt sich darüber aus, wie dies vor sich ging 96.

Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß die Auswertung dieser Art von Quellen vom Historiker ein äußerst kritisches und umsichtiges Vorgehen verlangt. Geht er aber mit dem beschriebenen Instrumentarium an sie heran, sind sie ein aussagekräftige Quelle, die allerdings weniger über die faktische Entwicklung des Lagers, als vielmehr über das Erleben der Häftlinge Antworten geben kann.

 

  Zurück zum Index


Copyright ©   2000  LpB Baden-Württemberg   HOME

Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de