Gedenkstättenarbeit

Auf dem Weg zu einer Geschichte des Konzentrationslagers Natzweiler

Forschungsstand - Quellen - Methode

 

V. Gerichtsakten als Quellen
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5. Der Aktenbestand des Zentralen Stelle zum Konmzentrationslager Natzweiler

Im Zusammenhang mit dem Konzentrationslager Natzweiler erweist sich der umfangreiche Aktenbestand der Zentralen Stelle als Glücksfall. Er entspringt ganz unterschiedlichen Entstehungszusammenhängen. Zum einen finden sich in den Räumen der Stelle Ablichtungen sogenannter "USA-Filme", in denen von den Amerikanern nach Kriegsende beschlagnahmte Originaldokumente kopiert wurden 142. Von diesen Filmen sind zwei natzweilerspezifisch 143, sie enthalten insgesamt 2072 Blatt mit SS-Akten, deren Ablichtungen sieben Aktenordner füllen. Darunter sind zahlreiche "Schutzhaftlagerrapporte" zu finden. Diese wurden monatlich von der Schreibstube angefertigten und von der Kommandantur an das WVHA weitergeleitetet. Sie erstrecken sich mit teilweise sehr großen Lücken über den Zeitraum vom 24. Oktober 1942 bis zum 14. Oktober 1944 und geben Auskunft über die Belegstärke der Lager, die Anteile der einzelnen Häftlingskategorien an der Gesamtstärke sowie über Überführungen von Häftlingen an andere Lager oder Außenkommandos. Darüber hinaus sind in ihnen auch besondere Vorkommnisse wie Selbstmorde von Häftlingen, Fluchtversuche und offizielle Hinrichtungen verzeichnet. Auch sogenannte "Kommandanturbefehle" sind in diesem Bestand zahlreich enthalten. Diese erstrecken sich lückenlos über einen Zeitraum vom 1. November 1942 bis zum 1. Oktober 1944. Diese monatlich ausgestellten Befehle geben Aufschluß über die in der Kommandantur des Lagers tätigen SS-Mitglieder; dabei ist zwar der jeweilige SS-Dienstgrad verzeichnet, nicht aber die jeweilige Verwendung. Aus diesen Befehlen lassen sich wichtige Veränderungen im Lager entnehmen, wie der Wechsel der Kommandanten, die Festlegung der Arbeitszeiten, die nach Jahreszeit und auch nach dem jeweiligen Kommandant variierte, Anordnungen zur Regelung des Zählappells 144 oder die Einrichtung der Wachhundestaffel 145 des KL, die im Zusammenhang mit der Ermordung vor allem von "NN"-Häftlingen eine große Rolle spielten. In diesen Befehlen spiegelt sich auch weniger Spektakuläres wider, etwa die Einführung von Essensmarken für die SS-Männer oder die Regelung ihres nächtlichen Ausgangs. Manches, was auf den ersten Blick wenig aufsehenerregend ist, erweist sich für den Historiker dennoch als aussagekräftig. So ordnete beispielsweise am 15. August 1941 der damalige Kommandant Heinz Hüttig an, daß es den SS-Männern verboten sei, den Häftlingen in der Friseurstube Trinkgelder zu geben; ebenso verboten sei es, übrig gebliebenes Essen aus der SS-Kantine privat den Häftlingen zukommen zu lassen. Dafür sei, so Hüttig, der offizielle Weg über den Schutzhaftlagerführer zu benutzen 146. Diese Anordnung wirft Licht auf die Behandlung der Häftlinge in der Frühzeit des Lagers. Ein anderer Befehl vom 13. Juni 1942 verbietet die bis dahin übliche Verwendung von Häftlingen in der Verwaltung des Lagers - ein schwer zu interpretierender Sachverhalt, da in der Schreibstube nach den Erinnerungen der Häftlinge nach wie vor und wie in anderen Lagern auch Häftlinge beschäftigt waren 147. Dies war eine der ersten Maßnahmen des am 21. April 1942 neu eingesetzten Lagerkommandanten Egon Zill. Sie beleuchtet ebenso dessen Führungsstil wie die Zurücknahme der von Hüttig den SS-Männern erteilten Erlaubnis, außerhalb ihres Dienstes Zivil zu tragen 148 oder das Verbot, private Radiogeräte von Häftlingen reparieren zu lassen 149. Im Kommandanturbefehl vom 18. Mai 1942 heißt es:

Erfahrungsgemäß besteht die Möglichkeit, daß Häftlinge mit Zivilkleidung bzw. SS-Uniformen versehen, die Postenkette zu überschreiten versuchen 150,

- ein Hinweis auf die in der Literatur mehrfach geschilderte gelungene Flucht Martin Winterbergs, dem dies mit drei Mithäftlingen in einem entwendeten SS-Auto und in SS-Uniformen gelang. Ähnlich aufschlußreich sind mehrere Befehle, die sich auf Todesfälle beziehen, die im Steinbruch bei Sprengarbeiten vorgekommen seien: erwähnt sei die bei Ziegler verzeichnete Erinnerung eines ehemaligen Häftlings, wonach den "NN"-Häftlingen bei Sprengungen verboten worden sei, in Deckung zu gehen 151.

Außer den Kommandanturbefehlen finden sich noch einige "Veränderungszettel", die die zahlenmäßige Entwicklung der SS-Mannschaft dokumentieren.

Im USA-Bestand enthalten sind außerdem einige allgemeinere lagerinterne Dokumente wie eine "Belehrung zur Überstellung" von Häftlingen 152, eine "Belehrung zur Entlassung" 153, eine "Belehrung für Neuzugänge" 154, eine "Blockeinteilung und Lagerordnung im KL Natzweiler" 155 und eine Bestrafungsliste, in der hinter die alphabetisch geordneten Delikte per Hand die Anzahl der zu erteilenden Stockhiebe eingetragen sind 156. Inwieweit solche Anordnungen tatsächlich in der Praxis angewendet wurden, läßt sich kaum beurteilen; doch geben Dokumente wie "Allgemeine Hinweise über das Verhalten der Häftlinge im Schutzhaftlager bei der Arbeit und während der Freizeit" immerhin einen Eindruck über die Bestrebungen der Kommandantur und auch über die Probleme, die tatsächlich herrschten 157.

Vorhanden sind eine Anzahl von Einzeldokumenten und Sonderbefehlen, Schriftwechseln, Anweisungen des WVHA und ähnliches. Diese sind sehr aufschlußreich; etwa wenn die Kommandantur der Sicherheitspolizei in Straßburg am 24. März 1943 folgende Rechnung stellt:

Für die im hiesigen Konzentrationslager exekutierten und eingeäscherten 20 Häftlinge sind an Kosten RM 127.05 entstanden. Die Kommandantur des K.L. Natzweiler bittet um baldige Überweisung des obengenannten Betrags 158,

ist dies ein Hinweis auf eine bisher nirgendwo erwähnte Hinrichtungsaktion, die das KL in seiner Funktion als Hinrichtungsstätte für die Gestapo und Sipo durchgeführt hat und die daher mit der Ermordung der vier Agentinnen vergleichbar ist. Es existieren auch Briefwechsel über den Einsatz von Häftlingen bei Firmen und bei der Blindgängerbeseitigung in umliegenden Ortschaften, Belegungslisten der Strafkompanie, Gewährungen von Privilegien für einzelne Häftlinge, Anordnungen zur Postzensur und Befehle im Zusammenhang mit den "NN"-Häftlingen, auf die weiter unten noch einzugehen sein wird.

Eine wichtige Quelle sind die ebenfalls in diesem Bestand vorhandenen Sterbebücher des KL, das offiziell als "Sterbebuch des Standesamtes Natzweiler II" geführt wurde. Es ist für die Zeit von Februar bis August 1943 überliefert 159. Die dort enthaltenen Sterbeurkunden weisen den Namen des Toten, das Datum des Todes und die Todesursache aus. Diese ist freilich meist stereotyp mit Herzversagen, Kreislaufkollaps oder ähnlichem angegeben und entspricht mit Sicherheit nicht den wahren Ursachen. Lediglich bei den Opfern von "offiziellen Hinrichtungen", also solchen, die vom RSHA angeordnet wurden, ist dies auch vermerkt. Hier erweist sich das Sterbebuch als wichtige Quelle. Ebenso lassen sich mit Hilfe dieser Dokumente einzelne Schicksale verfolgen und die Mortalitätsraten einzelner Gruppen wie der "NN"-Häftlinge überprüfen. Dies ist jedoch nicht einfach, da die Häftlingskategorie auf den Totenscheinen nicht vermerkt ist und eine Identifizierung also über den Namen erfolgen muß.

Noch wichtiger als das Sterbebuch ist das ebenfalls in Ludwigsburg vorhandene Nummernbuch des Konzentrationslagers. Es wurde 1981 im Rahmen des unten dargestellten Ermittlungsverfahrens im Privatbesitz eines ehemaligen Häftlings aufgefunden und kopiert. Es stellte sich heraus, daß der ITS in Arolsen bereits im Besitz dieses Nummernbuchs war. Es ist allerdings nicht vollständig, sondern umfaßt im ersten Teil die Nummern 1-12 260. Ein weiterer Teil setzt bei der Nummer 33 110 erneut ein. Die Lücke konnte auch durch den Bestand in Arolsen nicht gefüllt werden 160.

Das Buch enthält in der Regel folgende Informationen: Den Namen des Häftlings und - falls vorhanden - dessen alte Häftlingsnummer, die neue, in Natzweiler zugeteilte Nummer, das Datum der Einlieferung, die Haftkategorie, das Geburtsdatum sowie alle "Veränderungen" wie Tod, Verlegung oder Flucht.

Diese Informationen sind allerdings nicht durchgehend eingetragen, oftmals fehlen einzelne Daten. Insbesondere im Teil mit den Nummern ab 33 111 finden sich oft nur noch der Name, die Häftlingskategorie, die neue Nummer, manchmal noch das Geburtsdatum. In diesem Bereich sind auch fragmentarische Nummernlisten einiger Außenkommandos vorhanden 161. Das Nummernbuch ist eine wichtige und vielseitig auszuwertende Quelle, aus der sich sowohl Informationen über einzelne Häftlinge und Häftlingsgruppen als auch statistische Angaben wie Gesamtbelegung, Sterblichkeit, Neueinweisungen, Verlegungen oder Entlassungen gewinnen lassen.

Ferner finden sich im Archiv der Ludwigsburger Stelle zehn Aktenordner mit sogenannten "DC-Checks". Es handelt sich dabei um Anfragen der ZSL beim Berlin Document Center, ob dort zu einzelnen in Natzweiler eingesetzten SS-Männern Material vorhanden sei. Falls dies der Fall war, antwortete das BDC mit einem Dossier, das Kopien aus den dort befindlichen jeweiligen SS-Akten enthält. Der Inhalt dieser Dossiers fällt je nach Aktenlage höchst unterschiedlich aus; im besten Fall finden sich Beurteilungen von Vorgesetzten, handgeschriebene Lebensläufe mit Fotos, Anträge auf Heiratserlaubnis, Zeugnisse und ähnliches, im schlechtesten Fall wurde lediglich ein SS-Mitgliedsausweis abgelichtet.

Diese DC-Checks stellen eine vorzügliche Quelle dar, wenn man über die einzelnen SS-Männer nähere Informationen benötigt. Allerdings ergaben Stichproben anhand von Mitgliedern der Kommandantur, daß die Bestände sehr lückenhaft sind, was sich durch den Umstand erklärt, daß die Zentrale Stelle solche Anfragen nur in Fällen machte, die sie für juristisch verfolgbar hielt.

Einen ebenfalls wichtigen Quellenbestand bilden zwölf Aktenordner mit insgesamt 6064 Blatt französischem Gerichtsmaterial. Es handelt sich dabei um die Unterlagen des bisher größten Prozesses in Verbindung mit dem KL Natzweiler. Er fand bis zum Jahre 1954 vor einem Militärtribunal in Metz statt und führte zu zahlreichen Verurteilungen. In diesen Unterlagen finden sich auch die Akten eines Prozesses vor einem Militärgericht in Straßburg, der ab 1945 geführt wurde und die Ermordung der Juden zur Anlage der Skelettsammlung zum Gegenstand hatte 162. Das Beweismaterial zu diesem Tatkomplex ist umfassend, es finden sich Zeugenaussagen, technische Gutachten, Fotodokumente und Autopsiebefunde. Unter den Vernehmungsprotokollen findet sich auch eines des beteiligten Straßburger Ordinarius Eugen Haagen und eines des ehemaligen Kommandanten Kramer, der die Ermordung direkt beaufsichtigte. Er wurde bei einem Prozeß vor einem englischen Militärgerichtshof in Lüneburg am 6. Dezember 1945 vernommen 163. Ferner sind auch zahlreiche SS-Dokumente vorhanden, etwa Abrechnungen über Dieselkraftstoff zur Leichenverbrennung 164. Die in Metz niedergelegten Akten finden sich in den Ordnern III bis XII (Bl. 1347-6064). Sie bestehen aus französischsprachigen Vernehmungsniederschriften ehemaliger Häftlinge deutscher, französischer, holländischer, belgischer, niederländischer, luxemburger und norwegischer Herkunft. Die osteuropäischen Häftlinge sind mit Ausnahme einiger tschechischer Protokolle nicht vertreten. Es lassen sich in diesen Unterlagen einzelne Schwerpunkte ausmachen, in denen in besonderem Maße ermittelt worden ist. Dies sind im einzelnen der Komplex der medizinischen Versuche und der der Anlage der jüdischen Skelettsammlung, zu dem besonders viele SS-Schriftstücke zumeist in französischer, beglaubigter Übersetzung vorhanden sind 165. Ein weiterer Schwerpunkt sind die Morde im sogenannten "Todesgraben". Dabei handelt es sich vorwiegend um "NN"-Häftlinge, die bei der Arbeit einen Steilhang hinuntergestoßen wurden und so die Postenkette der SS-Wachmänner überschritten; sie wurden deshalb von diesen ohne Vorwarnung erschossen 166. Viel Raum wurde auch den "Alliance"-Morden eingeräumt, also dem Massenmord an den zuvor in Schirmeck internierten Widerstandskämpfern unmittelbar vor der Räumung des Lagers 167. Ferner finden sich die Schriftstücke des Gerichts, also Zusammenfassungen, Beweisaufnahmen, Einlassungen, Anklagen und ähnliches. Darunter gibt es auch zunächst eher befremdliche Schriftstücke wie eidestattliche Erklärungen ehemaliger Häftlinge, die für einzelne SS-Leute bürgten. So heißt es beispielweise in einem Brief eines ehemaligen deutschen politischen Häftlings über Heinz Hüttig:

Ich erkläre hiermit Ihnen gegenüber hiermit nochmals an Eidesstatt: "Jeder Deutsche, der meinen ehemaligen Kommandanten vom Ke [!] Natzweiler, irgendwelcher Kriegsverbrechen, Häftlingsmißhandlungen oder menschenunwürdiger Behandlungen während der Kommandantentätigkeit von Herrn Hüttig während meines Lageraufenthalts bezichtigt, beleidigt mich [!]. Sobald ich hiervon kenntnis [!] erhalte, stelle ich sofort Strafantrag wegen Verleumdung! 168

Solche erstaunlichen Aussagen finden sich über mehrere führende SS-Männer, darunter auch solche, deren Brutalität anderswo hervorgehoben wurde. Es handelt sich hier aber um ein Phänomen, das bei vielen Prozessen gegen SS-Angehörige festzustellen ist und seine Erklärung in Bestechungen, persönlichen Verflechtungen und übergroßer Identifikation mit den Terrorausübenden findet; sie wurden in der Regel von deutschen ehemaligen Funktionshäftlingen verfaßt, also Lagerinsassen, die tendenziell unter einem weniger großen Leidensdruck seitens der SS standen. Somit muß vor vorschnellen Urteilen gewarnt werden. Die beiden letzten Ordner enthalten im wesentlichen Gerichtsentscheide.

Obwohl diese Unterlagen von der Zentralen Stelle bereits teilweise ausgewertet wurden, gibt es in diesen Akten noch ein sehr großes unausgeschöpftes Potential. Dies liegt zum einen daran, daß die juristische Auswertung der Zentralen Stelle nur einen kleinen Teil des gesamten Materials umfaßt - so existieren beispielsweise nur bruchstückhafte Übersetzungen kleiner Teile, zum anderen erfolgte die Auswertung stets unter dem Gesichtspunkt, einzelnen Verbrechen nachzugehen. Eine historische Bearbeitung erfolgte bisher nicht.

 

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