Gedenkstättenarbeit

Auf dem Weg zu einer Geschichte des Konzentrationslagers Natzweiler

Forschungsstand - Quellen - Methode

 

V. Gerichtsakten als Quellen
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6. Akten aus Verfahren in der Bundesrepublik Deutschland

Grundlage der meisten von der Zentralen Stelle in Zusammenhang mit Natzweiler durchgeführten Verfahren sind die Unterlagen aus Metz. In der Regel handelt es sich dabei um Vorermittlungsverfahren, in denen die Zentrale Stelle ohne Auftrag von außen tätig wurde, da aufgrund des gesammelten Materials - in der Regel im Zusammenhang mit bereits anhängigen Prozessen aus veröffentlichten Erinnerungen sowie aus den französischen Akten - der Verdacht auf ein Mordverbrechen bestand. Nur einige davon sind an die zuständigen Staatsanwaltschaften weitergeleitet und verfolgt worden, da in vielen Fällen ein Verfahrenshindernis wie die Unauffindbarkeit des Verdächtigten bestand, oder die Beweislage aussichtslos war. Der bereits erwähnte Überleitungsvertrag stand dabei dem Großteil der Verfahren im Weg, da er die weitere Verfolgung von Personen verbot, die bereits von alliierten Gerichten verurteilt worden waren. Auch die geschilderte Entscheidung des Bundesgerichtshofes, die die Strafverfolgung derjenigen Männer blockierte, die in Frankreich lediglich in Abwesenheit verurteilt worden war, wirkte sich hier aus. Im Zusammenhang mit Natzweiler waren 39 Verfahren blockiert, von denen sich bis 1971 sieben wegen des Todes der Beschuldigten erledigt hatten und drei unkonkret blieben 169.

Insgesamt sind in der Verfahrenskartei 148 Hinweise auf Vorermittlungsverfahren, Ermittlungsverfahren und Prozesse enthalten, von 89 dieser Verfahren befinden sich die Akten ganz oder teilweise in Ludwigsburg. In diesen 89 Verfahren wurde gegen 268 Personen ermittelt, sowie 21mal gegen Unbekannt. Insgesamt wurden die Verfahren gegen 284 Beschuldigte eingestellt oder gelangten niemals zu einer Staatsanwaltschaft. Die Verfahren gegen 24 Personen wurden nach § 170 Absatz II Strafprozeßordnung eingestellt, das heißt, daß entweder kein verfolgbarer Straftatbestand, hier also Mord oder Beihilfe zum Mord, vorlag oder der Tatverdacht gegen den Beschuldigten nicht ausreichte, oder aber ein formales Verfahrenshindernis vorlag 170. Zu diesen Verfahrenshindernissen zählt beispielsweise der Tod des Beschuldigten, allein 20 weitere Verfahren wurden aus diesem Grund eingestellt. Weitere zehn Personen konnten nicht verurteilt werden, da dies in Metz schon geschehen war, sechs waren verhandlungsunfähig und eine Tat war schon verjährt, da es sich nicht um Mord, wie zunächst angenommen, sondern um bereits verjährten Totschlag handelte. Die Verfahren gegen die übrigen 223 Personen wurden aus unterschiedlichen, oftmals aus der Kartei nicht erschließbaren Gründen vorläufig oder endgültig eingestellt. Nur in fünf Fällen kam es zu einer Verurteilung, was einer Quote von 1,7% entspricht.

Darüber hinaus finden sich Verfahren zu 50 Außenkommandos 171.

Die Verfahren lassen sich bestimmten Tatkomplexen zuordnen. Die Aufgliederung erlaubt erste Aussagen darüber, welche Phasen und Elemente der Geschichte des KL Natzweiler sich mit ihrer Hilfe beschreiben lassen.

Insgesamt lassen sich acht Tatkomplexe feststellen:

Bei dem ersten handelt es sich um den Tatkomplex der Ermordung der vier englischen Agentinnen. Hierzu sind in der Kartei drei Verfahren verzeichnet, die alle drei eingestellt wurden 172. Die Akten von zwei dieser Verfahren sind in Ludwigsburg vorhanden. Diese Prozesse dürften als Ergänzung zu dem bereits veröffentlichten Verfahren des englischen Militärtribunals ausreichen, um ein klares Bild dieser Angelegenheit zu vermitteln.

Der zweite dieser Tatkomplexe ist der der "Alliance"-Morde. Hierzu finden sich vier Verfahren verzeichnet, deren Akten sämtlich in Ludwigsburg zu finden sind. Alle vier wurden eingestellt 173. Auch hier scheint die Quellenlage für eine Erforschung ausreichend, da bereits umfangreiche Unterlagen aus dem Metzer Prozeß vorhanden sind.

Der dritte Tatkomplex betrifft die Morde bei angeblichen "Fluchtversuchen", also die Erschießung von Häftlingen, die durch die Postenkette gestoßen wurden. Hierzu sind alle drei verzeichneten Verfahren in der Zentralen Stelle vorhanden. Alle drei wurden eingestellt 174. Für die Bewertung dieses Quellenbestands gilt das gleiche wie zu den "Alliance-Morden".

Viertens ist der Bereich der medizinischen Versuche zu nennen. Hierzu sind neun Verfahren verzeichnet, von denen acht in der Zentralen Stelle vorhanden sind. Alle neun Verfahren wurden eingestellt, eines allerdings in der zweiten Berufung wegen Verhandlungsunfähigkeit 175. Es dürfte sich bei diesem Tatkomplex um den am besten dokumentierten Vorgang handeln. Neben den von Mitscherlich/Mielke veröffentlichten Ergebnissen der Nürnberger Prozesse liegt in den erwähnten Verfahren aus Straßburg und Metz weiteres Material vor. Darüber hinaus sind die größeren Zusammenhänge der Forschung über das "Ahnenerbe" zu erfahren 176.

Eng mit den "medizinischen" Versuchen verknüpft ist der fünfte Bereich "Jüdische Skelettsammlung", zu dem zwei Prozesse verzeichnet sind, deren Akten in Ludwigsburg liegen 177. Trotz dieser geringen Zahl ist auch hier die Quellenlage als gut zu bezeichnen, zu der geschilderten Literatur tritt hier noch der von Klarsfeld veröffentlichte Auszug aus den Straßburger Gerichtsakten.

Der sechste Bereich ist der der Mordverfahren gegen höhere SS-Angehörige, wie Kommandanten, Schutzhaftlagerführer, Leiter der Politischen Abteilungen und ähnliche. Hierzu finden sich Hinweise auf sieben Verfahren, von denen sechs in Ludwigsburg liegen 178.

 Auch hier wurden alle eingestellt. Um die Aussagekraft dieser Verfahrensgruppe beurteilen zu können, ist eine genauere Untersuchung notwendig; aus den Informationen, die die Kartei enthält, läßt sich darüber kaum etwas sagen.

Eine große - die siebte - Gruppe bilden die Verfahren wegen nach der Kartei nicht näher spezifizierbarer Mordprozesse sowohl gegen ehemalige SS-Angehörige als auch gegen ehemalige Häftlinge. In dieser Gruppe sind 19 Verfahren verzeichnet, die alle im Archiv der Zentralen Stelle liegen. 15 Verfahren wurden eingestellt, der Ausgang dreier Verfahren ist der Kartei nicht zu entnehmen, in einem Fall kam es zu einer Verurteilung 179. Hier lassen sich kaum Prognosen über die Aussagefähigkeit dieser Akten für den Historiker treffen, bevor sie im einzelnen untersucht wurden.

Eine achte Gruppe bilden die zwölf Verfahren gegen ehemalige Funktionshäftlinge. Diese Gruppe soll hier in exemplarischer Absicht genauer untersucht werden 180. Das im nächsten Kapitel im Zentrum stehende Verfahren stammt aus dieser Verfahrenssektion. Alle zwölf Verfahren sind in Ludwigsburg zu finden, alle zwölf endeten mit Einstellung 181. Die Verfahren entstammen einem Zeitraum vom 15. Juni 1975 bis zum 19. Januar 1989, erstrecken sich also über einen Zeitraum von dreizehneinhalb Jahren. Auffallend ist der im Vergleich mit anderen Natzweiler-Verfahren relativ späte Beginn der Ermittlungen. Dies ist darin begründet, daß die Ermittlungen gegen diese Gruppe von Beschuldigten in besonderem Maße von dem durch den Überleitungsvertrag bewirkten Verfolgungsverbot bereits anderweitig Verurteilter betroffen war: sieben der Beschuldigten waren in Metz in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden, einer zu 20 Jahren Zwangsarbeit und 20 Jahren Aufenthaltsverbot in Frankreich, bei zwei Beschuldigten ist eine Verurteilung unklar, lediglich gegen einen wurde in Frankreich kein Verfahren angestrengt. Hier zeigt sich, wie ergiebig die Auswertung der Metzer Unterlagen war: in allen Fällen waren sie die Grundlage der Ermittlungen. In sechs Fällen stellte die Zentrale Stelle bereits das Vorermittlungsverfahren ein, in fünf Fällen endete das von verschiedenen Staatsanwaltschaften geführte Ermittlungsverfahren mit der Nichteröffnung der Hauptverhandlung, so daß keiner der Beschuldigten verurteilt wurde. Die Verfahrenseinstellungen erfolgten in vier Fällen, weil der Aufenthalt der Beschuldigten nicht ermittelbar war, in einem Fall, weil der Beschuldigte verhandlungsunfähig war, zweimal handelte es sich nicht um ein Morddelikt, gegen drei Funktionshäftlinge wurde nicht weiterermittelt, da sie keine deutschen Staatsbürger waren und die Gerichte in den jeweiligen Ländern trotz dort bekannten Tatvorwurfs keine hinreichende Beweislage gesehen hatten, selbst ein Verfahren anzustrengen. In einem Fall war die Akte im Archiv der Zentralen Stelle nicht auffindbar, so daß als Einstellungsgrund lediglich § 170 II StPO angegeben werden kann. Bei den Beschuldigten handelt es sich um sieben Deutsche und um je einen Norweger und Luxemburger, die Nationalität zweier Personen war nicht festzustellen. Drei dieser Häftlinge waren mit Sicherheit als BV ("Befristete Vorbeugehäftlinge" bzw. "Berufsverbrecher") inhaftiert, zwei als politische Häftlinge, bei den anderen ließ sich der Status nicht mit Sicherheit ermitteln. Gegen drei deutsche BV'ler wurde wegen Verbrechen als Kapos in den Arbeitskommandos "Steinbruch" und "Straßenbau" ermittelt; ein deutscher BV'ler und ein wahrscheinlich deutscher politischer Häftling hatten sowohl Posten als Kapos als auch als Barackenälteste inne. Ein Häftling, dessen Nationalität ebensowenig ermittelt werden konnte wie sein Haftgrund, und ein Deutscher mit ebenfalls unklärbarem Haftgrund wurden als Blockälteste beschuldigt. Zwei politische Häftlinge, einer luxemburger und einer norwegischer Herkunft, wurden beschuldigt, als Revierkapo beziehungsweise Häftlingsarzt im Krankenbau Verbrechen verübt zu haben. Bei zwei deutschen Häftlingen konnte weder ermittelt werden, welcher Häftlingsklasse sie angehörten, noch welche Funktion sie ausgeübt hatten. Alle Verbrechen wurden von 1942-44 begangen, die Aufbauphase des Lagers ist davon also nicht betroffen. Gegen sechs Beschuldigte bestand oder besteht der Verdacht, daß sie Häftlinge durch quälende, folternde oder besonders brutale Behandlung bei der Arbeit oder im Block zu Tode quälten. Gegen die beiden im Krankenrevier beschäftigten Häftlinge wurde im Zusammenhang mit den "medizinischen Versuchen" und Häftlingstötungen ermittelt. In drei Fällen blieben die Mordvorwürfe unkonkret.

Über diese hier vorgestellten Gruppen hinaus finden sich in der Kartei noch Hinweise auf 89 andere Natzweiler-Verfahren, die sich aber wegen mangelnder Beschreibung keinem der genannten Tatkomplexe zuordnen lassen. Es ist ebenfalls nicht auszuschließen, daß einige Verfahren durch unpräzise Karteiangaben falschen Gruppen zugeordnet wurden. Dies gilt insbesondere für die Sektionen sechs und sieben.

Allein an der Tatsache, daß die Grundlage aller Verfahren gegen Funktionshäftlinge die Unterlagen aus Metz sind, wird deutlich, daß diese Prozesse keineswegs repräsentativ sein können. Die Zentrale Stelle konnte nur dort ermitteln, wo sie auf Hinweise auf Verbrechen stieß. Solange diese nicht aus den gedruckten Häftlingserinnerungen oder Aussagen stammen, die in anderem Zusammenhang gemacht wurden, oder aber aus SS-Schriftstücken, verfolgte die Ludwigsburger Stelle Hinweise aus den französischen Prozessen. Wurde ein Tatbestand dort nicht verhandelt, ist zu erwarten, daß er niemals bearbeitet wurde und werden wird.

Der Historiker muß dieses bei der Auswertung solcher Unterlagen stets berücksichtigen und sich vor schnellen Schlüssen hüten. Darüber hinaus sind noch zahlreiche Besonderheiten zu beachten, wie exemplarisch an dem folgenden Fall deutlich wird.

 

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