Gedenkstättenarbeit

Auf dem Weg zu einer Geschichte des Konzentrationslagers Natzweiler

Forschungsstand - Quellen - Methode

 

VI. "Le Dompteur". Der Aussagewert eines einzelnen Verfahrens
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1. Vorbemerkung

Das hier ausgewählte Verfahren gegen den BV-Häftling Jakob S. eignet sich aus mehreren Gründen für eine exemplarische Betrachtung. Erstens handelt es sich bei dem Deutschen S. um einen Funktionshäftling, der für die Geschichte der französischen "NN"-Häftlinge von großer Bedeutung ist. Als Blockältester des gesonderten "NN"-Blocks und zeitweise als Kapo im Steinbruchkommando hatte S. maßgeblichen Einfluß auf die Lebensbedingungen dieser Häftlinge. S., von seinen Opfern "Le Dompteur" oder "Le grand Jacques" genannt, ist fast allen Häftlingen als ein in besonderem Maße brutaler und sadistischer Schläger in Erinnerung geblieben, der nachweislich den Tod von mindestens neun Häftlingen bewußt herbeigeführt hat. Da in dem Verfahren rund 60 Aussagen vor allem von ehemaligen "NN"-Häftlingen vorhanden sind, ist also zu erwarten, daß aus den Akten Aufschlüsse über die Lebensbedingungen und Behandlung der "NN"-Häftlinge gewonnen werden können, einer Häftlingsgruppe, über die bisher kaum etwas bekannt ist. Zweitens werden durch den Prozeß Aussagen über das Verhalten der Funktionshäftlinge in ihrer schwierigen und bedrohten Position zwischen SS und Häftlingsgesellschaft möglich. "Le grand Jacques" entspricht sowohl von seinem Lebenslauf als auch von seinem Verhalten im Lager dem oft geschilderten Typ des kriminellen BV-Häftlings, der von der SS bevorzugt als Funktionshäftling eingesetzt wurde. Es ist zu fragen, welche Motive den "Dompteur" zu seinem brutalen Verhalten brachten: War es - wie viele Häftlinge glaubten - ein ihm eigener Hang zum Sadismus oder wurde sein Verhalten durch das System der Funktionshäftlinge bestimmt? Insofern wird auch der Aspekt der Häftlingsselbstverwaltung beleuchtet, die es erst ermöglichte, mit relativ wenigen SS-Männern ein Vielfaches an Häftlingen zu kontrollieren. Es wird dabei klar, daß gerade der Terror gegen die "NN-Häftlinge" durch dieses System der Selbstverwaltung forciert wurde. Drittens ist dieses Verfahren besonders geeignet, da es auch für die Natzweiler-Verfahren der bundesdeutschen Justiz in Verlauf und Ausgang typisch ist.

Im deutlichem Gegensatz zum Gros der in die Zentrale Stelle gelangten Verfahren in Sachen Natzweiler ist die Akte über den Fall S. mit 800 Blatt umfangreich; nicht alle hier genannten Akten sind so ergiebig. Wie aus Unterlagen zu ersehen ist, hatte die Staatsanwaltschaft Hechingen gegen S. ein Ermittlungsverfahren angestrengt 182, das allerdings nach dem weiter oben beschriebenen Urteil des BGH im Juni 1966 vorläufig eingestellt wurde, da S. im Prozeß von Metz in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden war 183. Nach Abschluß des Zusatzvertrages war es eines der 39 Natzweiler-Verfahren, die ab 1975 wieder aufgenommen werden konnten 184. Als zuständige Staatsanwaltschaft wurde zunächst Bonn bestimmt, da der Beschuldigte dort seinen Wohnsitz hatte 185. Von dort wurde das Verfahren einer zentralen Stelle der Staatsanwaltschaft Köln übergeben, die auf NS-Verbrechen spezialisiert war und im Gegensatz zur Stelle in Ludwigsburg als Staatsanwaltschaft über erweiterte Ermittungs- und Zeugenvernehmungsrechte verfügte 186. Die Aufgabe der Zentralen Stelle Ludwigsburg beschränkte sich dabei auf die unterstützenden Ermittlungen, die sich zunächst hauptsächlich auf die Auswertung der zuvor erhaltenen Unterlagen aus Metz bezogen. Dies war notwendig, da die Taten der Beschuldigten nur summarisch bekannt waren, was für eine Anklage nicht ausgereicht hätte. Da die Zentrale Stelle auch den Auftrag hat, das erreichbare Material über NS -Verbrechen zu sammeln, wurde sie von der ermittelnden Staatsanwaltschaft über alle Schritte informiert und mit Kopien aller wichtigen Schriftstücke versehen, so daß es sich bei der in Ludwigsburg liegenden Akte nicht um ein Doppel der Originalakte, sondern eine Art zusammenfassende Übersicht handelt, die gleichwohl alle wichtigen Informationen enthält. Die Auswertung der Metzer Unterlagen wurde bis September 1979 abgeschlossen, sie erbrachte 35 einschlägige Aussagen 187. Die Staatsanwaltschaft in Köln ließ die Zeugen des Metzer Prozesses, soweit diese noch lebten und ihr Aufenthaltsort bekannt war, erneut vernehmen. Zusätzlich wurden deutsche und - per Rechtshilfeersuchen - zahlreiche ehemalige Häftlinge anderer Nationalitäten vernommen, deren Namen erst im Laufe des Verfahrens bekannt wurden. Insgesamt liegen zu den Protokollen aus Metz die Vernehmungsniederschriften von drei belgischen, neun niederländischen, einem österreichischen, drei Luxemburger, 27 französischen und 12 bundesdeutschen Exhäftlingen vor sowie von einem, der inzwischen DDR-Bürger geworden war. Dazu kommen die Vernehmungsniederschriften vier ehemaliger SS-Leute. Auch ein umfangreiches Protokoll der Vernehmung des Beschuldigten liegt vor. Die Vernehmungen wurden unter sehr unterschiedlichen Bedingungen in einem Zeitraum von Juni 1979 bis März 1980 durchgeführt, sie liegen sämtlich in amtlicher Übersetzung vor. Es handelt sich dabei allerdings nicht um wörtliche Protokolle, sondern um inhaltliche Wiedergaben. Über diese 35 alten und 31 neuen Vernehmungen hinaus wurde eine Vielzahl von Beweismitteln erhoben; so stammt das bereits erwähnte Nummernbuch aus Recherchen zu diesem Verfahren. Außer mit den deutschen Staatsanwaltschaften entsprechenden Stellen der betroffenen Länder wurde mit dem Bundesarchiv Koblenz, dem Internationale Suchdienst des Roten Kreuzes in Arolsen und mit zwei Vereinigungen ehemaliger Häftlinge zusammengearbeitet 188. Dies alles geschah im Rahmen eines Vorverfahrens; als die Anklageschrift fertig war - sie stütze sich auf 35 Aussagen und zahlreiche Dokumente und warf S. neunfachen Mord vor - wurde zwar am 17. November 1981 beim Landgericht Köln Anklage gegen S. erhoben. Ein medizinisches Gutachten hatte den mittlerweile 75 Jahre alten Beschuldigten zuvor für verhandlungsfähig erklärt. Nach physiologischen Gutachten wurden nun psychologische eingeholt, eines bescheinigte S., daß er nicht in der Lage sei, dem Verlauf des Prozesses zu folgen, woraufhin das Landgericht Bonn die Eröffnung der Hauptverhandlung ablehnte 189. Der Staatsanwalt der Kölner Stelle legte daraufhin beim Oberlandesgericht Köln Beschwerde ein. Dieses erkannte die Entscheidung des Landgerichtes an, da sie formal zulässig war, änderte aber ein Detail: Das Landgericht hatte die dem Beschuldigten entstandenen Kosten der Staatskasse zur Last gelegt, im Beschluß des OLG Köln heißt es dagegen:

Was die sachliche Entscheidung hinsichtlich der Auslagen des Beschuldigten angeht, so war von einer Überbürdung auf die Staatskasse abzusehen, weil eine Verurteilung des Beschuldigten bei Wegdenken des Verfahrenhindernisses annähernd sicher zu erwarten gewesen wäre, und das Verfahrenshindernis, die Verhandlungsunfähigkeit des Beschuldigten, erst im Laufe des Verfahrens eingetreten ist 190.

Wird die Eröffnung eines Hauptverfahrens abgelegt, so trägt in der Regel nach § 464 a I der Strafprozeßordnung die Staatskasse die dem Beschuldigten entstandenen Kosten. Weicht wie in diesem Fall das Gericht von dieser Regelung ab, so ist dies als Ausnahme zu betrachten 191. Diese vom Oberlandesgericht vorgenommene Änderung des Einstellungsbeschlusses ist also als eine Art von "Ersatzurteil" zu betrachten: da es nicht möglich war, den Beschuldigten im Rahmen eines Hauptverfahrens zu verurteilen, sollte dessen als annähernd sicher festgestellte Schuld wenigstens auf diesem Weg gewürdigt werden, was allerdings - abgesehen von der Kostenfrage - keinerlei rechtliche Konsequenzen mit sich brachte.

Mit dieser Bestätigung des Einstellungsbeschlusses waren die rechtlichen Verfolgungsmöglichkeiten gegen S. erschöpft. Die umfangreichen Ermittlungen endeten mit einer letzten Verfahrensübersicht nach über acht Jahren Ermittlungstätigkeit am 5. August 1983.

 

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