Gedenkstättenarbeit

Auf dem Weg zu einer Geschichte des Konzentrationslagers Natzweiler

Forschungsstand - Quellen - Methode

 

VI. "Le Dompteur". Der Aussagewert eines einzelnen Verfahrens
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3. Le Dompteur: Vom KL-Häftling zum Soldaten für die SS

Für die weitere Analyse des Falls Jakob S. ist es nötig, die Biographie des Beschuldigten wenigsten umrißhaft zu kennen. Diese geht aus seiner eigenen Vernehmung hervor, die am 12. und 13. November 1980 gemacht wurde 204. Dabei wird auch die völlig unzulängliche Verteidigungsstrategie von S. deutlich.

S. wurde am 1. September 1906 in Köln in einfachen Verhältnissen geboren. Nach Beendigung der Volksschule hielt er sich eine nicht näher bestimmbare Zeit mit diversen Hilfsarbeiten über Wasser, bis er eine Lehre als Friseur begann, die er etwa 1925 mit der Gesellenprüfung abschloß. Anschließend meldete er sich freiwillig zur Reichswehr, wo er es bis zum Dienstgrad eines Obergrenadiers brachte. 1929 wurde er - ohne daß der Grund aus den Akten hervorgeht - unehrenhaft ausgestoßen. Schon bei der Schilderung dieses Umstandes wird S.' Strategie deutlich, die auf Uminterpretation des Sachverhaltes und sprachliche Vernebelung abzielt. S. sagte laut Protokoll folgendes dazu aus: "Im Mai 29 bin ich freiwillig aus der Reichswehr ausgestoßen [!]" 205 S. scheitert hier bei der Uminterpretation der Ereignisse schon auf der sprachlichen Ebene; daß er sie hier versucht, demonstriert seine Unkenntnis der juristischen Grundlagen des Verfahrens. Es ist für das Gericht völlig unerheblich, weshalb er die Reichswehr verlassen hat. S. versucht dennoch, die "Schande" zu verdecken und untergräbt so von vorneherein seine Glaubwürdigkeit. Nach dieser Episode lebte er in Berlin, Köln und Hamburg, wo er wegen Arbeitslosigkeit "das Luderleben anfing" 206. Nach Auskunft des Internationalen Suchdienstes des Roten Kreuzes wurde er 1936 in Hamburg verhaftet und, da er bereits wegen mehrerer Straftaten verurteilt worden war, zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr verurteilt 207. Nach Verbüßung dieser Strafe wurde er von der Gestapo in "Schutzhaft" genommen und, nachdem er offenbar zunächst in einem nicht eindeutig identifizierbaren Ort - wohl Hamburg-Fuhlsbüttel -, inhaftiert gewesen war, am 10. Februar 1941 in das KL Sachsenhausen gebracht 208. Am 24. Mai 1941 wurde er mit einem der ersten Transporte in das entstehende KL Natzweiler verlegt. Er gibt weiter an, daß er nach der Aufbauphase, in der er keine Funktion hatte, zunächst Blockfriseur in Block 3 war, dann sei er Blockältester des gleichen Blocks geworden, anschließend wurde er vom Kommandanten Kramer zum Lagerältesten gemacht. Als er nach rund sechs Monaten abgesetzt wurde, sei er einer der Kapos im Steinbruch geworden, was er bis zu seiner Verlegung nach Buchenwald blieb. Das Entscheidende an dieser Darstellung ist zum einen die Behauptung, Blockältester in Block 3 gewesen zu sein. Die Franzosen waren in Block 13 untergebracht. Diese Behauptung steht nicht nur im Gegensatz zu allen einschlägigen Zeugenaussagen, sondern sie wird auch dadurch nicht glaubwürdiger, daß S. auf Befragen nicht in der Lage ist, beispielsweise den Namen des Blockschreibers seines Blocks anzugeben, mit dem er tagtäglich zusammenarbeiten mußte. S. leugnet die Existenz eines "Franzosenblocks" schlicht und gibt stattdessen an, nur zirka zehn Franzosen in seinem Block gehabt zu haben, die bei der Arbeit unter dem "Lagerkapo" schwer zu leiden gehabt hätten, außerdem seien diese nicht durch besondere Streifen auf der Kleidung und die Buchstaben "NN" auf dem Rücken, sondern durch sogenannte "Fluchtpunkte" gekennzeichnet gewesen. Da es in den KL üblich war, alle "fluchtgefährlichen" Häftlinge durch ein Zielkreuz auf dem Rücken zu markieren, leugnet S. hier die Kennzeichnung der Franzosen als besondere Häftlingsklasse. Dies ist für ihn argumentativ notwendig, da er die Existenz der "NN"-Häftlinge bestreitet. Wichtiger ist aber eine andere Aussage: S. gibt an, er sei zuerst Blockältester, dann Lagerältester und dann Kapo gewesen. Wie aus verschiedenen Zeugenaussagen hervorgeht, war S. 1942 Lagerältester, was bedeuten würde, daß er ab 1942 nicht mehr Blockältester war, also in dem Zeitraum, in dem die ihm vorgeworfenen Verbrechen begangen wurden. Es ist jedoch eindeutig beweisbar, daß S. entgegen seiner Behauptung mindestens von August 1942 bis Januar 1944 Blockältester von Block 13, des Franzosenblocks, war. Darüber hinaus gibt er an, er sei als Lagerältester abgelöst worden, da er einem neuen, aus Dachau kommenden Kommandanten als zu "weich" gegolten habe. Bei diesem handelte es sich um Egon Zill, den zweiten dritten Kommandanten Natzweilers. Wie Langbein berichtet, brachte Zill tatsächlich aus Dachau Häftlinge mit, die er in Natzweiler mit Funktionen versah 209. Dabei handelte es sich um "rote", also politische Häftlinge, die die bis dahin herrschende Vorherrschaft der "Grünen", der kriminellen Häftlinge, brachen. Langbeins Gewährsmann erinnert sich, daß damals die "schlechtesten Roten von Dachau abgeschoben wurden." 210 Tatsächlich gibt im Verfahren gegen S. ein Zeuge zu Protokoll:

Einfügen möchte ich, daß eines Tages SS-Leute aus Dachau gekommen sind, die Häftlinge mitbrachten. Es waren 10 Häftlinge. Diese Häftlinge bekamen Lagerfunktionen. Die Gruppe hat "sich sehr schlecht" betragen 211.

Daraus ergibt sich erstens, daß S. wahrscheinlich bald nach dem 1. Mai 1942 nicht mehr Lagerältester und somit möglicherweise schon ab diesem Zeitpunkt Blockältester war, und zweitens, daß er die Funktion des Lagerältesten mutmaßlich nicht verlor, weil er "zu weich" war, sondern weil eine andere Häftlingsgruppe, nämlich politische Häftlinge, die Vorherrschaft gewann. Weitere Entlastungsmanöver sind die Belastung eines anderen, bereits verstorbenen Funktionshäftlings, mit dem der Beschuldigte behauptet verwechselt zu werden, und die Nennung eines angeblichen Entlastungszeugen, der von der Staatsanwaltschaft daraufhin vernommen wurde, aber keine Entlastung für S. brachte.

Anfang März 1944 wurde S. in das KL Buchenwald überführt. Dort erhielt er eine kurze militärische Ausbildung und "kam dann zu einer Einheit Dirlewanger", wie er es ausdrückte 212. Es handelte sich dabei um die besonders berüchtigte SS-Formation unter dem Kommando des mehrfach - unter anderem wegen des sexuellen Mißbrauchs eines 13jährigen BDM-Mädchens - vorbestraften Dr. Oskar Dirlewanger, die sich vor allem bei der "Partisanenbekämpfung" und der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes im August 1944 als besonders blutrünstige Truppe einen Namen machte. Das Regiment war am 23. März 1943 als "Wilddieb-Kommando Oranienburg" gegründet worden, um nach entsprechenden agrarromantischen Vorstellungen Hitlers die besonderen Fähigkeiten der in den Gefängnissen des Reiches einsitzenden "anständigen Wilddiebe" für den Kriegseinsatz zu nutzen 213. Da die Zahl der tatsächlichen "Wilddiebe" sehr gering war, wurden ab Mai 1943 erstmalig KL-Häftlinge, vor allem "Kriminelle", "Sittlichkeitsverbrecher" und einige "Asoziale" herangezogen. Nach schweren Verlusten der Einheit gab Himmler im Februar 1944 den Befehl,

daß aus den Asozialen und Berufsverbrechern in den Konzentrationslagern von der Alterstufe zwischen 17 und 35 Jahren, in Einzelfällen bis 40 Jahren, durch SS-Obersturmbannführer Dirlewanger selbst diejenigen herausgesucht werden, die sich zu einem Fronteinsatz zum Zwecke ihrer Rehabilitierung freiwillig melden 214.

Innerhalb der nächsten drei Monate wurden 800 Häftlinge aus den verschiedensten KL ausgemustert und in Buchenwald, Sachsenhausen und Auschwitz zu größeren Gruppen zusammengefaßt. Unter diesen war S.. Bereits 1943 waren 15 Häftlinge aus Natzweiler zu Dirlewanger gekommen 215. Es ist unmöglich zu ermitteln, ob diese Meldung im Fall von S. freiwillig oder unter Zwang erfolgte, zumal seine Formulierung zweideutig ist; generell waren freiwillige Meldungen eher selten. Auch wenn es wohl in einzelnen Lagern eine relative Freiwilligkeit gegeben hat, so erfüllten die Kommandanten ihre Quote in der Regel durch das Abkommandieren von Häftlingen 216. Oft wurden die Häftlinge durch eine Mischung von Drohungen, Täuschungen und Versprechen gewonnen 217.

Die Frage nach der Freiwilligkeit ist ebensowenig zu beantworten wie die nach der Tätigkeit von S. bei Dirlewanger. Nach der Forschungslage erreichte er zusammen mit rund 700 anderen Häftlingen Anfang Juni 1944 die in Usda liegende Formation. Aus diesen Männern wurde das 2. Bataillon der Formation Dirlewanger gegründet. Nach seinen eigenen Angaben war er als Panzergrenadier in Rußland mit der "Partisanenbekämpfung" beschäftigt. In Ostpreußen wurde S. schwer verwundet und geriet in russische Kriegsgefangenschaft. Es war alles andere als selbstverständlich, daß er diese überlebte, da die Russen diese in SS-Uniformen kämpfenden, für ihre Grausamkeit bekannten Männer oft erschossen. Darüber hinaus wurde er im Gegensatz zu den gesunden Gefangenen bereits nach kurzer Zeit entlassen 218.

Nachdem S. 1945 nach Köln zurückgekehrt war, heiratete er und arbeitete zunächst im Steinbruch seiner Schwiegereltern; später eröffnete er eine Gastwirtschaft.

 

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