Gedenkstättenarbeit

Auf dem Weg zu einer Geschichte des Konzentrationslagers Natzweiler

Forschungsstand - Quellen - Methode

 

VI. "Le Dompteur". Der Aussagewert eines einzelnen Verfahrens
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5. Auftreten und Handeln des "Dompteurs"

Die extreme Mortalität der französischen Häftlinge, die sich nach Einsicht des Sterbe- und des Nummernbuchs etwa in dieser Größe zu bestätigen scheint, wird hier an erster Stelle auf das Verhalten von S. zurückgeführt 228. Wie sah dieses Verhalten im einzelnen aus? Ging S. dabei methodisch vor und wenn ja, welches waren seine Methoden? Ich beschränke mich im folgenden auf S.'s Aktivitäten als Blockältester, da sie aus den Akten am leichtesten greifbar sind.

Die chronische personelle Unterbesetzung der SS zwang diese zur Delegation eines Teils ihrer Macht an Häftlinge, die als Funktionshäftlinge zu einer "Intermediären Instanz" zwischen SS und Häftlingsgesellschaft wurden 229. Diese Häftlinge bildeten die Häftlingsselbstverwaltung im Lager, ohne die es unmöglich gewesen wäre, die Lager funktionstüchtig zu erhalten. Eine Vielzahl von Funktionären, deren Macht hierarchisch abgestuft war, war in jedem Lager tätig. Die Blockältesten waren nicht die höchstrangigen - sie waren dem Lagerältesten und natürlich der SS untergeben -, aber sie hatten eine große Machtfülle über die ihnen im Block unterstellten Häftlinge. Zu ihren Aufgaben gehörte das Verteilen von Essen und Kleidern, die Kontrolle der Hygiene, das Wecken, die Führung des Blockbuchs. Im folgenden wird deutlich, wie S. diesen Pflichten nachkam.

Nach den Aussagen der Häftlinge fiel S. durch seinen guten körperlichen Zustand und seine großen Körperkräfte auf, was im krassen Gegensatz zu den ausgezehrten und erschöpften "NN"-Häftlingen stand. Die meisten Häftlinge erinnerten sich an ihn "mit den Stiefeln und der Peitsche in der Hand", die er als Schlagwerkzeuge häufig nutzte. In den Vernehmungsniederschriften wird sein allgemeines Verhalten mit Härte und Unmenschlichkeit charakterisiert, so heißt es, er sei "ein Tier" gewesen, "der schlimmste Kapo im Lager", der die Häftlinge "schlimm, oft bis zum Tode mißhandelt habe". Er habe "ohne Grund" oder "aus nur geringem Anlaß geschlagen" und dabei habe er besonders die "Schwachen und Alten im Visier gehabt", habe die Häftlinge "schrecklich mißhandelt", was angesichts des rücksichtslosen Arbeitseinsatzes und der mangelhaften Ernährung oftmals zum Tode geführt habe.

Mehrere Zeugen schildern, wie S. seine Stellung als Blockältester auszunutzen pflegte, etwa dadurch, daß er bei einer seiner Verpflichtungen - der Verteilung des Essens - Brot und andere Lebensmittel einbehielt, was einerseits die "NN"-Häftlinge weiter schwächte und es S. anderseits ermöglichte, sich für das so eingesparte Brot sexuelle Dienstleitungen zu erkaufen.

Um die Privilegien und die mit der Funktion verbundene Macht behalten zu können, mußte S. sich der SS als besonders guter Kapo erweisen. Eine solche Verteidigung eines Privilegs führte zu einem der neun Morde, die die Staatsanwaltschaft S. mit großer Sicherheit nachweisen konnte. Ein Freund des Ermordeten erinnert sich:

betreffend den Tod von M., habe ich persönlich seine Leiden und seinen Tod erlebt.[...] Wie im übrigen viele von uns litt er an der Ruhr, wegen der schlechten Ernährung, und, in unserem Block hatten wir 5 oder 6 WC zu unserer Verfügung, außer einem, das für S. reserviert war. Eines Tages am 13. Dezember 43, infolge eines dringenden Bedürfnisses, da er die anderen WC nicht hatte benutzen können, weil sie bereits besetzt waren, benutzte er das WC, das für S. reserviert war. Dabei entdeckte ihn S., er packte ihn und brachte ihn in unsere Stube, schlug ihn windelweich mit Fäusten und Tritten, und zwang ihn, auf einen Schemel zu steigen und die "Kröte zu spielen" M. mußte die Folter die ganze Nacht über erdulden und am frühen Morgen fiel er in Ohnmacht. S. verließ ihn und ließ ihn dort liegen, wir hoben unseren Kameraden auf, um ihn zum Morgenappell zu bringen und er starb in unseren Armen während des Appells 230.

Bei der "Kröte" handelte es sich um die von S. favorisierte Bestrafung, wenn einer der ihm unterstellten Häftlinge seiner Meinung nach gegen die Disziplin verstoßen hatte. Einer, der diese Strafe überlebte, schildert sie:

Er zwang mich, auf einen Schemel zu steigen, wo ich halbhockend mehrere Stunden lang verbleiben mußte, die Arme nach vorne ausgestreckt, waagerecht, mit einem Gegenstand zwischen den Zähnen (Gabel, Löffel). Sobald ich das Gleichgewicht verlor, schlug er mich entweder mit einer Peitsche oder mit einem anderen Gegenstand (Schemel, Besenstiel). Ich bin ohnmächtig umgefallen und als Kur bekam ich einen Eimer Wasser über den Kopf 231.

Der "Dompteur" war gezwungen, der SS ständig zu demonstrieren, daß er seine Funktion ganz in ihrem Sinne ausfüllte. Deshalb mußte er ständig dafür sorgen, daß "seine" Häftlinge keinen Anlaß zu Beanstandungen gaben. S. sprach noch bei seiner Vernehmung im Jahre 1980 davon, daß er "keine Beanstandungen von der SS in meinem Block gehabt habe" 232. Auch Zeugen berichteten, daß er seinen Block immer "tiptop in Ordnung gehalten habe" 233, daß die Arbeitsleistung seiner Leute "wegen des von ihm ausgeübten Terrors immer mustergültig" gewesen sei 234, daß S. in "Punkto Sauberkeit, Ordnung, Disziplin, Durchhalten usw. Maßstäbe setzen wollte" 235. Offenbar benutzte er dieses Bestreben aber auch immer wieder als Vorwand, um seine offenbar tatsächlich vorhandenen sadistischen Neigungen zu befriedigen. Unter dem Vorwand der "Sauberkeit" und "Disziplin" führte er sogenannte "Bettenbauübungen" durch:

er weckte uns nachts auf, um uns zu Bettenbauübungen zu zwingen, die Strohmatrazen mußten perfekt liegen, die weißen Streifen der Decke mußten perfekt gerade, genau schnurgerade liegen, von Bett zu Bett liegen 236.

Ebenso zwang er die Häftlinge, ihre Holzpantoffeln so lange mit Glasscherben oder ähnlichem zu bearbeiten, bis das "Holz ganz weiß war" 237. Er pflegte auch nächtliche "Fußkontrollen" durchzuführen, bei denen er diejenigen verprügelte, die schmutzige Füße hatten. Bei solchen Gelegenheiten trat mehrmals ein Verhalten an den Tag, das kaum anders als mit der Lust am Quälen erklärt werden kann:

Im Lager hatte ich eine Hautkrankheit bekommen: die "Ichtyose" (Fischschuppenkrankheit) und meine Füße waren ganz aufgerissen und das Fleisch kam durch. S. sagte mir also, ich hätte schmutzige Füße und rieb sie mir mit einer Metallbürste ab; ich litt furchtbar unter dieser Behandlung 238.

Über diese Handlungen hinaus, die seinem direkten Vorteil oder Machterhalt dienten, oder aber gezielt gegen einzelne Häftlinge gerichtet waren, wird von zahlreichen Übergriffen berichtet, die S. zumindest auf den ersten Blick keinen Vorteil einbrachten und auch nicht gezielt gegen einzelne Häftlinge gerichtet zu sein schienen. Hierzu sind die zahlreichen "Extraappelle" zu zählen, von denen sehr häufig in den Aussagen die Rede ist. Unter einem solchen "Extraappell" ist ein von S. erzwungener Appell der Häftlinge in Block 13 zu verstehen, der zu den kräftezehrenden Appellen aller Häftlinge im Lager hinzukam. Ein Häftling berichtet:

Ein weiteres Beispiel: uns um 3 oder 4 Uhr morgens aufstehen zu lassen und uns außerhalb des Blocks stehen zu lassen, bis zum Appell um 6 Uhr, und das bei jedem Wetter.[...] nach solchen Schikanen waren wir völlig durchnäßt und schmutzig, oder voll Dreck, wir mußten aber sauber sein, um wieder in die Baracke hineinzugehen, dies um zu sagen, daß wir unsere Kleider waschen mußten, im fließenden Wasser, daß wir unsere Kleidung sofort wieder anziehen mußten, so daß wir nie trocken waren 239.

Es handelt sich hier also durchaus um eine Zwangsmaßnahme, die das Leben der Häftlinge gefährdete, da sie nicht nur eine Verkürzung der mehr oder weniger erholsamen Nachtruhe, sondern auch noch eine zusätzliche Belastung darstellte. Diese Aktionen wurden gelegentlich durch sogenannten "Sport" verschärft:

Er zwang uns auch, Gymnastik zu treiben, vor den Baracken, in Gruppen und außerhalb der Arbeitszeiten. Diese Gymnastik bestand hauptsächlich daraus, daß wir kriechen, laufen, rennen, uns hinknien mußten, eine halbe bis eine ganze Stunde. [...] 240

Besonders verhängnisvoll an diesem von S. ausgeübten Terror war, daß er die Häftlinge, die bereits unter erheblichem Terror tagsüber bei der Arbeit zu leiden hatten, jeglicher Möglichkeit der Erholung beraubte. Statt sich physisch und psychisch von den Grausamkeiten des Tages im Block erholen zu können, wie das unter einem anderen Blockältesten möglich gewesen wäre, wurde der Druck auch nachts fortgesetzt. Wurde nicht gearbeitet, versuchte S. den nun fehlenden Terror sogar zu ersetzen, wie aus folgender Episode deutlich wird:

Wenn es manchmal sehr nebelig war, zwang man uns aus Sicherheitsgründen, in die Blocks hineinzugehen. S., immer allein und auf eigene Initiative, wenn wir alle im Block waren, ließ die Fenster vom Block wegnehmen [!], damit ein starker Durchzug entstehen konnte, und dann zwang er uns, mit nacktem Oberkörper dazustehen und so ließ er uns stehen, und dies geschah im Winter 241.

Ohne die Aktion des "Dompteurs" hätte ein solcher Tag ohne Arbeit eine Erholungspause für die "NN"-Häftlinge bedeutet, so aber wurden gerade die bereits in besonderem Maße Geschwächten der Gefahr einer Lungenentzündung oder ähnlichem ausgesetzt, einer Erkrankung, die angesichts der Verweigerung medizinischer Hilfe und des zumindest anfänglich bestehenden Arbeitszwangs für kranke "NN"-Häftlinge mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit tödlich war.

Offensichtlich tötete und quälte S. aus mehreren, unterschiedlichen Gründen. Zum einen brachte er offenbar gezielt einzelne, vor allem alte und schwache Häftlinge um, zum anderen folterte und mordete er offensichtlich diejenigen, die in seinen Augen "Ordnung, Sauberkeit und Disziplin" bedrohten, drittens diejenigen, die seine Privilegien als Funktionshäftling bedrohten, und viertens erhöhte der "Dompteur" den Leidensdruck auf die Häftlinge des Blocks 13 immer wieder auf Eigeninitiative - etwa durch den "Mordsport" -, ohne dabei einzelne Häftlinge gezielt im Visier zu haben. Wesentlicher als die von der Staatsanwaltschaft verfolgten Verbrechen des ausgeführten Mordes sind dabei die zahlreichen geschilderten Maßnahmen, die auf die allmähliche Schwächung der Opfer abzielten. Geht man von etwa 100 toten französischen "NN"-Häftlingen des Blocks 13 aus, so starben "nur" neun nachweisbar direkt an den Mißhandlungen des "Dompteurs". Der weitaus größere Teil dürfte an den Folgen der unmenschlichen Arbeit, der miserablen Ernährung, der verweigerten medizinischen Behandlung und eben an diesen kräftezehrenden, aber nicht unmittelbar zum Tode führenden Aktionen wie den von S. durchgeführten gestorben sein.

 

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