Gedenkstättenarbeit

Auf dem Weg zu einer Geschichte des Konzentrationslagers Natzweiler

Forschungsstand - Quellen - Methode

 

VII. Resümee und Ausblick
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Die im II. Kapitel untersuchte (Forschungs-) Literatur zum Konzentrationslager Natzweiler erwies sich als unzureichend. Zahlreiche Fragen bleiben auch nach der Lektüre dieser Bücher unbeantwortet. Sie beziehen sich sowohl auf einzelne Elemente der Geschichte vor allem aber auch auf die Lebenssituation einzelner Häftlingsgruppen und auf Fragen, die über die eigentliche Lagergeschichte hinausreichen. Auch grundlegende Fakten sind nicht bekannt, so etwa die Gesamtzahl der Außenkommandos oder die exakte zahlenmäßige Entwicklung der Häftlingspopulation. Eine fundierte Geschichte des Lager ist zwar im Entstehen begriffen. Ihr Erscheinen wird einen weiteren, entscheidenden Schritt zu Erforschung des Lagers darstellen, doch werden auch nach ihrem Erscheinen zahlreiche Fragen offenbleiben.

Viele der hier aufgeworfenen Fragen konnten auch anhand der von ehemaligen Häftlingen veröffentlichten Erinnerungen nicht beantwortet werden. Vielmehr zeigte sich, daß diese Publikationen nur mit großem methodischen Aufwand als Quellen zu verwenden sind. Die Hauptprobleme, mit denen sich der Historiker dabei konfrontiert sieht, ergeben sich aus dem psychischen Vorgang des Erinnerns. Diesen Problemen kann mit aus der oral history entlehnten Methoden zumindest teilweise begegnet werden. Doch reichen diese Erinnerungen als Grundlage für die Geschichte des Lagers schon quantitativ nicht aus.

Auf der Suche nach weiteren Quellen, mit deren Hilfe man die großen Lücken, die Erinnerungen und Literatur gelassen haben, füllen kann, haben sich drei bereits veröffentlichte Prozeßdokumente als äußerst nützlich erwiesen. Anhand dieser gedruckten Akten konnten zwei Teilaspekte der Lagergeschichte genau rekonstruiert werden: zum einen ist dies die Geschichte der "medizinischen" Versuche und der Anlage der Sammlung jüdischer Skelette, zum anderen die Ermordung der vier Frauen der S.O.E. am 6. Juli 1944. Diese Veröffentlichungen wurden bereits ansatzweise in der anfangs dargestellten Literatur ausgewertet.

Nachdem sich diese Quellengattung als sehr ergiebig erwiesen hat, wurde die Suche nach weiteren Quellen dieser Art aufgenommen. Bei einer Darstellung der Geschichte der juristischen Verfolgung von nationalsozialistischen Verbrechen nach 1945 konnte zum einen der Entstehungszusammenhang der bereits gedruckten Prozeßakten ermittelt werden, zum anderen wurde deutlich, daß im Bestand der Zentralen Stelle in Ludwigsburg Akten zum KL Natzweiler vorhanden sein müssen.

Tatsächlich erwies sich das Archiv dieser Institution als sehr ergiebig. Es konnte zum einen eine Reihe von Dokumenten ermittelt werden, die ursprünglich nicht aus Gerichtsakten stammten, sondern unmittelbar aus der Zeit des KL Natzweiler. Darüber hinaus konnten aber auch einzelne Prozeßunterlagen aus alliierten Gerichtsverfahren vorgestellt werden. Bei genauerer Betrachtung des umfangreichsten und wichtigsten Prozesses dieser Art, des Metzer Prozesses, zeigte sich, daß eine Auswertung durch die Zentrale Stelle für juristische Zwecke nur auszugsweise, eine Auswertung durch die Geschichtswissenschaft bisher überhaupt nicht erfolgt ist. Die in Ludwigsburg liegenden Akten von Verfahren, die von bundesdeutschen Gerichten und von der Zentralen Stelle selbst durchgeführt wurden, sind sehr zahlreich. Wie die in Kapitel V vorgenomme Kategorisierung des dort vorhandenen Aktenmaterials zeigte, lassen sich acht zentrale Themenkomplexe bilden, von denen zumindest sechs alleine mit dem in Ludwigsburg vorhandenen Material fundiert beschrieben werden können.

Um die Frage der Ergiebigkeit und die der methodologischen Voraussetzungen der Auswertung eines solchen Verfahrens zu ergründen, wurde in exemplarischer Weise der Fall des "Dompteurs" dargestellt und untersucht. Dabei zeigte sich, daß die bereits bei der kritischen Befragung der gedruckten Erinnerungen entwickelten methodologischen Überlegungen zu großen Teilen auch hier angewendet werden müssen. Dazu gehört die Untersuchung der Prozeßgeschichte, die Rekonstruktion der juristischen Grundlagen und die kritische Hinterfragung der einzelnen Vernehmungsniederschriften.

Aus diesem Verfahren ließen sich wesentliche Aspekte über die französischen "Nacht und Nebel"-Häftlinge gewinnen, ebenso über das Verhalten eines einzelnen Funktionshäftlings, der maßgeblich für die besonders schlechten Lebensbedingungen dieser Häftlinge verantwortlich war. Bei der Frage nach den Motiven, die ihn zur Brutalität und zu schier unglaublichen Quälereien veranlaßten, wurde deutlich, daß das von den ehemaligen Häftlingen oft angeführte Motiv des "Sadismus" nicht sehr weit trägt. Eine genauere Analyse zeigt vielmehr, daß das Verhalten des "Dompteurs" weitgehend durch das von der SS eingerichtete System der Häftlingsselbstverwaltung bestimmt wurde.

Bei dieser Untersuchung hat sich gezeigt, daß die stets personenbezogenen juristischen Verfahrensakten die Tendenz haben, die Vorgänge in starkem Maße zu personalisieren. Dies ist muß kein Nachteil sein, muß dem Historiker aber bewußt bleiben. Um diesen Effekt ausgleichen zu können, sollten mehrere Verfahren zu einem Thema ausgewertet werden, sowie - wo möglich - andere Quellengattungen unterstützend herangezogen werden.

Angesichts des erfreulich großen Bestandes der Zentralen Stelle scheint es möglich, die Geschichte des Konzentrationslagers Natzweiler und seiner Außenkommandos auch dort zu schreiben, wo nur wenige zeitgenössische Quellen vorhanden sind, oder diese ganz schweigen. Dies gilt vor allem die Fragestellungen, die abseits der organisationsgeschichtlichen Entwicklung des Lagers liegen, insbesondere aber für diejenigen, die die Häftlingsgesellschaft betreffen. Darüber hinaus sind - wie Recherchen ergaben - auch in anderen Archiven noch zahlreiche Quellen vorhanden. Hier ist an erster Stelle das des International Tracing Service in Arolsen zu nennen. Aus dem Schriftwechsel der Zentralen Stelle mit dem ITS geht - wie beschrieben - hervor, daß dieser das Nummernbuch bereits besaß. Es ist also zu vermuten, daß sich dort noch weitere Archivalien zum KL Natzweiler finden lassen; eine Vermutung, die die von Vorländer benutzten Quellen aus diesem Archiv bestätigen. Leider ist die Kooperationsbereitschaft des ITS begrenzt. Nachdem seit 1970 der Zugang für Historiker teilweise ganz unmöglich war, ist nach Protesten im November 1995 seit dem 1. Januar 1996 zumindest wieder die Einsicht "sachbezogener Dokumente" möglich 262. Es ist zu hoffen, daß die Einschränkungen eine Recherche zu Natzweiler nicht allzusehr behindern und daß diese Einschränkungen weiter abgebaut werden.

Neben dem ITSArchiv ist das Bundesarchiv zu nennen. Die in Ludwigsburg als "USAFilme" vorhandenen Dokumente sind mittlerweile im Original wieder in der Bundesrepublik und befinden sich in der Außenstelle in BerlinLichterfelde verbracht 263.

Weiter ist auch der bereits von Vorländer erwähnte Aktenbestand zum KL Natzweiler des Münchner Instituts für Zeitgeschichte noch nicht systematisch ausgewertet.

Mehr als 55 Jahre nach der Räumung des Konzentrationslager Natzweiler bietet sich die Chance, die bereits erforschten Teilaspekt des Lagers zusammenzufügen und die gesamte Geschichte des Lagerkomplexes zu erhellen. Die Wege zur Überwindung der vielgestaltigen Probleme dieses Unterfangens sind erkannt und zu einem guten Teil beschritten: Die allgemeine Konzentrationslagerforschung hat einen Stand erreicht, der eine Einordnung des elsässischen KL in das gesamte NS-Lagersystem ermöglicht. Die vielen offenen Fragen zur Lagergeschichte, die aus dem Mangel an zeitgenössischen Quellen herrühren, können zumindest teilweise aus französischen und deutschen Justizunterlagen beantwortet werden. Entscheidend aber ist, daß sowohl in Frankreich als auch in Deutschland das Interesse der Menschen an einem solchen Unterfangen groß ist und dieses auch politisch unterstützt wird.

Dies sind die besten Voraussetzungen, aus der gemeinsamen Erforschung des durch Natzweiler verkörperten Tiefpunktes der deutschfranzösischen Beziehungen eine gemeinsamen Modus der Erinnerung zu entwickeln, der den Opfern gerecht wird.

 

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