Baden-Württemberg

Kleine politische Landeskunde


Hrsg.: LpB

1999

 

Kleine politische Landeskunde

Inhaltsverzeichnis

 

Kirchen und Konfessionen in Baden-Württemberg

Regional sind – trotz deutlicher Vermischungstendenzen – die historisch entstandenen Konfessionsstrukturen in Baden- Württemberg in ihren Grundzügen noch erhalten. So ist zum Beispiel in weiten Teilen des ehemaligen Herzogtums Württemberg die Bevölkerung überwiegend evangelisch. Auch die Konfessionskarte von Baden zeigt die älteren Herrschaftsverhältnisse deutlich: die Markgrafschaft Durlach und die Kurpfalz evangelisch, Baden- Baden katholisch, ebenso die ehemals vorderösterreichischen Gebiete im Breisgau, im Südschwarzwald und in der Ortenau. Oberschwaben und die Besitzungen des Deutschen Ordens sowie die »eingesprenkelten« bischöflichen und klösterlichen Gebiete sind ebenfalls mehrheitlich katholisch. Insgesamt sind 43,3 Prozent der Baden-Württemberger (Stand Volkszählung 1987) katholisch. 47,7 Prozent sind Mitglieder einer der beiden evangelischen Landeskirchen.

 

Statistik "Konfessionszugehörigkeit in den Stadt- und Landkreisen Baden-Württembergs 1995

*) Ohne Kirchenein-, aus- und übertritte. Lebendgeborene werden nach der
    Religionszugehörigkeit der
    Mutter ausgewertet.
1) einschließlich Freikirchen.
2) Im Landkreis Freudenstadt überhöhter Anteil durch Aufnahmelager

Statistisches Landesamt Baden-Württemberg

 

Die katholische Kirche

Organisatorisch gehören die Katholiken des Landes entweder zur Erzdiözese Freiburg oder zur Diözese Rottenburg- Stuttgart. Beide Bistümer verdanken ihre Entstehung der Neuordnung der politischen und kirchlichen Verhältnisse nach dem Zusammenbruch des alten Deutschen Reiches und dem Ende der geistlichen Fürstentümer zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Bezeichnend für die Geschichte dieser Bistümer ist die früh begonnene Auseinandersetzung mit den staatskirchlichen Ansprüchen des Königreichs Württemberg und des Großherzogtums Baden. Der Schulkampf und der Kulturkampf festigten den Zusammenhalt der badischen Katholiken; freilich haben sie oft auch das politische Interesse vieler Katholiken auf die Wahrung kirchen- und kulturpolitischer Positionen verengt. Das Zentrum als staatstragende Partei in Baden und Württemberg in der Zeit der Weimarer Republik erleichterte den Katholiken den Weg in die Republik. Nach Adolf Hitlers Regierungserklärung vom 23. März 1933 mit seinen kirchenfreundlichen Äußerungen versuchte die katholische Kirche im Dritten Reich zunächst ein erträgliches Verhältnis zum neuen Staat zu bekommen. Sehr bald ging sie jedoch – bei zunehmender Kirchenfeindlichkeit des NS-Staates – dazu über, sich für die Wahrung der kirchlichen Rechte einzusetzen. Die Erzdiözese Freiburg umfasst Baden und Hohenzollern, die Diözese Rottenburg- Stuttgart Württemberg. Unterhalb der Ebene der Bistümer bestehen: die mittlere Ebene der Dekanate und Regionen; die untere Ebene der Pfarrgemeinden.

 

Wallfahrtskirche St. Peter und Paul in Steinhausen

Die Wallfahrts- und Pfarrkirche St. Peter und Paul in Steinhausen bei Bad Schussenried von Dominikus Zimmermann gilt als eine der »schönsten Dorfkirchen der Welt«. 
Foto: Landesbildstelle Württemberg, Stuttgart

 

Die beiden evangelischen Landeskirchen

Die Geschichte der beiden evangelischen Landeskirchen beginnt mit der Reformation. Die badische Landeskirche kann auf eine wechselvollere Geschichte zurückblicken als die württembergische. Sie umfasste ursprünglich reformierte und lutherische Landesteile. 1821 kam es zur Union der beiden evangelischen Konfessionen. Prägend für die württembergische Landeskirche war neben der Reformation der Pietismus. Mit dem Ende der Monarchie im Jahr 1918 kam für beide Landeskirchen auch das Ende des »Summepiskopats«, des landesherrlichen Kirchenregiments. Beide Landeskirchen wurden zum ersten Mal richtig selbständig und bekamen eine neue Kirchenverfassung. Die evangelische Landeskirche in Baden umfasst im wesentlichen das Gebiet des früheren Großherzogtums Baden (1806-1918) bzw. des Landes Baden ab 1918, das in diesem Umfang bis zum Zusammenschluss mit Württemberg im Bundesland Baden-Württemberg im Jahr 1952 Bestand hatte. Sitz der Kirchenleitung ist Karlsruhe. Zur Evangelischen Landeskirche in Württemberg zählt bis heute, abgesehen von kleinen Grenzberichtigungen gegenüber Baden und Hessen, das Gebiet des einstigen Königreichs Württemberg. Dazugekommen sind nach dem Zweiten Weltkrieg Hohenzollern und das früher hessische Wimpfen. Mittelpunkt der Landeskirche sind seit dem 16. Jahrhundert Stuttgart als Sitz der Kirchenleitung und Tübingen mit seiner evangelisch-theologischen Fakultät. In der Evangelischen Landeskirche Baden gibt es folgende Organisationsebenen: die drei Kirchenkreise Nordbaden, Mittelbaden und Südbaden; die Kirchenbezirke; die Kirchengemeinden; die Pfarrgemeinden. Die organisatorische Struktur der Evangelischen Landeskirche in Württemberg sieht etwas anders aus: die vier Prälaturen Stuttgart, Heilbronn, Reutlingen und Ulm; die Kirchenbezirke; die Kirchengemeinden.

 

evangelische Kirche in Gaggstatt/Hohenlohe

Die evangelische Jugendstil-Kirche im hohenlohischen Gaggstatt. 
Das Bild zeigt den Innenraum der 1904/05 von dem Architekten 
Theodor Fischer erbauten Dorfkirche mit Blick auf den Altar.
Foto: Karin Wohlschlegel

 

Kirche und Staat

Beide großen Kirchen unterhalten Verbindungsbüros in Stuttgart: das »Katholische Büro Stuttgart«, das die beiden katholischen Diözesen des Landes vertritt, und das Büro des »Beauftragten der Evangelischen Landeskirchen in Baden-Württemberg«, kurz »Evangelisches Büro« genannt. Beide arbeiten in enger Abstimmung zusammen. Den beiden kleinen, aber sehr kenntnisreich und zielgerichtet arbeitenden Organisationen ist es gelungen, viele Fäden zwischen Staat und Kirche zu spinnen. Regelmäßig finden Treffen mit der Landesregierung statt. In Kontakt stehen sie auch zu allen im Landtag vertretenen Parteien.

Die evangelischen Freikirchen in Baden-Württemberg

Neben den evangelischen Landeskirchen gibt es in Baden- Württemberg eine ganze Reihe von evangelischen Freikirchen: die Evangelisch-Methodistische Kirche, der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (Baptisten), die Evangelisch-Lutherische Kirche in Baden, der Christliche Gemeinschaftsverband GmbH Mühlheim an der Ruhr (CGV), die Heilsarmee, die Europäisch-Festländische Brüder-Unität, Herrnhuter Brüdergemeinde, die Mennoniten, die Selbständige Evangelisch- Lutherische Kirche (SELK), der Bund Freier Evangelischer Gemeinden. Den Freikirchen ist gegenüber den Landeskirchen zweierlei gemeinsam: ihre finanzielle Unabhängigkeit vom Staat (sie unterhalten sich durch freiwillige Beiträge ihrer Mitglieder) und ihre zahlenmäßige Minderheitensituation. In Baden-Württemberg sind außerdem die Alt-Katholische Kirche (Schwerpunkt in Baden) und die Orthodoxe Kirche vertreten.

»Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen
  Bekenntnisses sind unverletzlich.« (Art. 4,1 GG)

»Die Kirchen und die anerkannten Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften entfalten sich in der
  Erfüllung ihrer religiösen Aufgaben frei von staatlichen Eingriffen.« (Art. 4,1 LV)

»Ihre Bedeutung für die Bewahrung und Festigung der religiösen und sittlichen Grundlagen des
  menschlichen Lebens wird anerkannt.« (Art. 4,2 LV)

 

Statisktik "Die Evangelische Landeskirche Württemberg" Statistik "Die Evangelische Landeskirche Baden"

 

Die jüdischen Gemeinden

Obwohl heute nur noch wenige Juden in Baden-Württemberg leben, darf nicht vergessen werden, dass es vor 1933 viele bedeutende jüdische Gemeinden mit einer reichen Kultur in Baden, Württemberg und Hohenzollern gab. Am Vorabend der nationalsozialistischen Machtergreifung lebten hier immerhin schätzungsweise 31.000 jüdische Bürger. Auch im Gebiet des heutigen Baden-Württemberg verfolgte das NS-Regime seine zunächst auf Entrechtung, Beraubung und Vertreibung, dann auf physische Vernichtung der jüdischen Bürger abzielende Politik. 1945 waren die jüdischen Gemeinden restlos vernichtet. Nach dem Krieg wurden nur in den Städten Mannheim, Karlsruhe, Baden- Baden, Freiburg, Heidelberg, Stuttgart, Konstanz und Pforzheim neue jüdische Gemeinden gegründet.

 

Stuttgarter Synagoge

Die Stuttgarter Synagoge von 1861. Sie wurde 1938 zerstört.
Foto: Stadtarchiv Stuttgart

 


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