Susanne Gelhard

Hunger, Elend, Pulverdampf? Das Ausland in den Medien

Susanne Gelhard arbeitet als Fernsehkorrespondentin beim ZDF

Im folgenden Beitrag möchte ich mich auf die Auslandsberichterstattung im Fernsehen konzentrieren. Wenn man Fernsehberichterstattung und ihre Wirkung analysiert, so muß man auch die Produktionsbedingungen, d.h. die Umstände, unter denen ein Bericht aus dem Ausland entsteht, berücksichtigen. Viel zu oft wird über Fernsehberichterstattung gesprochen, ohne die Arbeitsweise und die Arbeitsbedingungen von Korrespondenten und Kamerateams auch nur annähernd zu kennen. Vielleicht kann ich hier aus der Praxis einiges beitragen. Gerade wenn es um das Ausland und das Medium Fernsehen geht, scheinen mir folgende Gesichtspunkte dabei wichtig zu sein:

  1. Schwerpunkte sinnvoller Auslandsberichterstattung
  2. Produktionsbedingungen
  3. Anspruch und Wirklichkeit

1. Schwerpunkte sinnvoller Auslandsberichterstattung

Wenig Interesse am Ausland

Es wird zunehmend schwieriger, Interesse für Auslandsberichterstattung im Fernsehen zu finden. Die deutschen Zuschauer sind sehr stark mit ihren eigenen Problemen beschäftigt: mit Rezession, Arbeitslosigkeit, mit den Folgen der deutsch-deutschen Vereinigung. Dazu kommt vielerorts der steigende Haß gegen Ausländer, gegen alles Fremde. Wo soll bei solch angestrengter deutscher Nabelschau noch Platz bleiben für Auslandsberichterstattung, die nicht nur aus kurzen Nachrichtenbeitragen besteht, eben nicht nur aus Hunger, Elend und Pulverdampf? Wie kann aber Auslandsberichterstattung dennoch auch langfristige Entwicklungen beschreiben, Hintergrundinformationen vermitteln, Perspektiven aufzeigen und - im wahrsten Sinne des Wortes - über die Grenzen hinausblicken?

Unsere Probleme - im Ausland gespiegelt

Es ist durchaus möglich, Aufmerksamkeit für außenpolitische Ereignisse zu wecken. Der beste Weg ist da, über die Grenzen hinweg nach Gemeinsamkeiten zu suchen: Arbeitslosigkeit in Spanien, Jugendkriminalität in Italien, Homosexuelle in Holland, Rechtsradikale in Österreich. In vielen Fällen ist Ausland schon lange nicht mehr gleichbedeutend mit "Fremdes" und "Exotik". Je mehr wir vor allem in Europa zusammenrücken, desto mehr gleichen sich die Probleme. Und der Blick über die Grenzen zeigt so manches Mal nicht nur ähnliche Schwierigkeiten, sondern auch Wege zur Lösung.

Beispielhaft: Menschen im Mittelpunkt

Oft sind es Einzelschicksale, die packen und mitnehmen in eine fremde Umgebung, in Konflikte, auch wenn sie weit entfernt oder kompliziert sind. Schicksale, die auch optimistisch stimmen und ein Beispiel geben können: Der deutsche Arzt, der in Afghanistan seit Jahren Hilfe leistet; die Schulklasse aus Solingen, die in der Türkei die Opfer des Brandanschlages um Verzeihung bittet; der Chirurg aus Münster, der in seinem Urlaub im Krankenhaus von Sarajevo operiert; zwei Deutsche, die in der Tschechischen Republik für Aussöhnung zwischen Deutschen und Tschechen eintreten.

Krisenherde - und was sie uns angehen

Besonders bei der Berichterstattung über Kriege und Krisen ist es immer wieder wichtig, darauf hinzuweisen, daß uns die Ereignisse dort etwas angehen. Nehmen wir nur die Beispiele des vergangenen Jahres: Im ehemaligen Jugoslawien hat sich die Konzeptionslosigkeit und Ohnmacht von UNO, NATO und EU besonders drastisch offenbart. Diejenigen, die man noch vor kurzem als Kriegsverbrecher brandmarkte, werden nicht verfolgt, sondern weiter zu Verhandlungen eingeladen. Eine Farce an der deutsche Politiker maßgeblich mitwirken. In Somalia wurde der Einsatz deutscher Soldaten zum teuren Unternehmen für ein bißchen Prestige und schließlich in den Sand gesetzt. Heute herrscht in Mogadischu und anderen Teilen des Landes wieder der Terror der Clans. Mit dem Abzug der Bundeswehrsoldaten Anfang 1994 aus Belet Huen verschwand für die Menschen, die zurückblieben, auch die letzte Hoffnung. Kaum ein anderes Land in Schwarzafrika hat so viel deutsche Entwicklungshilfe erhalten wie Ruanda. Hilfe, die verloren geht, weil sie es nicht schafft, wirtschaftliche und politische Strukturen positiv zu verändern. In den Lagern von Goma im Nachbarland Zaire warten noch immer zehntausende verlorener Kinder auf ihre Eltern - und eine lebenswerte Zukunft. In Algerien richten die radikalen Fundamentalisten in der Opposition ihren Terror zunehmend gegen Ausländer, auch gegen Deutsche.

Die Methode ist brutal und simpel, und sie erreicht ihr Ziel. Plötzlich fragen auch wir in Deutschland nach der politischen Situation in Algerien. Wir setzen uns mit der Bedrohung durch die radikale islamische Opposition auseinander, aber auch mit der ebenso gewalttätigen Militärregierung, die vom Westen weiter gestützt wird. Der Krieg auf dem Kaukasus brach erst Ende 1994 los, Folge eines langen Konfliktes zwischen Russen und Tschetschenen. Und die deutsche Politik versagt. Statt dem russischen Präsidenten Boris Jelzin bei seinem blutigen Einmarsch Einhalt zu gebieten, deckt sie ihn mit Schönfärberei und windelweichen Entschuldigungen. UNO, NATO, auch die Deutschen setzen zunächst auf Stabilität um jeden Preis und tragen damit die junge russische Demokratie mit zu Grabe. 58 Kriege und bewaffnete Konflikte allein im letzten Jahr - das geht auch uns an. Es ist nicht nur Pflicht außenpolitischer Berichterstattung, hier die Beteiligung auch von uns Deutschen zu zeigen, sondern durch direkte Bezugnahme rückt auch das scheinbar fernste Land sofort näher.

Auch gute Nachrichten kommen aus dem Ausland

Hunger, Elend, Pulverdampf? Zu leicht wird übersehen, daß die guten Nachrichten des vergangenen Jahres aus dem Ausland kommen:

Südafrika: Die Wahlen im April bringen das Ende der Apartheid. Der tanzende Nelson Mandela, der neue schwarze Präsident des Landes, das ist sicher eines der schönsten und hoffnungsvollsten Bilder des Jahres 1994.

Nahost: Auch blutige Anschläge und Morde israelischer und palästinensischer Extremisten können den Friedensprozeß nicht aufhalten. Im Mai wird Palästinenserführer Arafat von einer jubelnden Menschenmenge in Jericho begrüßt. Die palästinensische Autonomie wird Wirklichkeit. Nach 46 Jahren Kriegszustand schließen Israel und Jordanien offiziell Frieden, die Verhandlungen zwischen Israel und der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO gehen weiter.

Nordirland: Ende 1994 erklären katholische und protestantische Terrororganisationen einen Waffenstillstand. Die schwerbewaffneten britischen Polizisten in den Straßen von Belfast und Londonderry legen ihre kugelsicheren Westen ab. Die Menschen schöpfen Hoffnung.

2. Produktionsbedingungen

Neue Technik - gesteigerte Geschwindigkeit

In den letzten Jahren haben sich die Produktionsbedingungen rapide geändert. Dies hat wiederum entscheidende Auswirkungen auf die Arbeit der Auslandskorrespondenten. Die "ruhigen Zeiten" für die Auslandskorrespondenten hörten Ende der siebziger Jahre auf, als - zumindest in weiten Teilen des Nachrichtenbereiches - die Berichte nicht mehr auf 16mm Film gedreht wurden, sondern per elektronischer Berichterstattung auf professionellen Videobändern. Ab sofort entfielen die Stunden von der Filmaufnahme über die Filmentwicklung und das Synchronlegen des Filmmaterial bis zum aufwendigen Filmschnitt. Heute kann ein Bericht innerhalb kürzester Zeit, wenn nötig in weniger als einer Stunde, gedreht, geschnitten und mit Text versehen werden. Dazu kommt der Ausbau der Satellitentechnik mit Fernsehübertragungsmöglichkeit von fast jedem Ort dieser Erde, der Ausbau von Computernetzen zur Informationsvermittlung u.v.m.

All das hat den Rhythmus der Nachrichtenvermittlung aus dem Ausland immer schneller werden lassen. Mittlerweile vergehen oft nur wenige Minuten zwischen einem Ereignis und den ersten Bildern. Oder das Ereignis wird gleich live präsentiert (Peter Arnett mit seiner Berichterstattung über den Golfkrieg). Außerdem sind zahlreiche Sender entstanden, die Nachrichten rund um die Uhr senden. Bei ZDF und ARD dauert die "nachrichtenfreie" Zeit nachts nur noch etwa fünf Stunden.

Qualität nur mit Fachkenntnis

Keine Frage, daß einem Korrespondenten bei vier oder fünf Nachrichtensendungen, die er bei wichtigen politischen Entwicklungen an einem Tag beliefern muß, nicht viel Zeit bleibt für zusätzliche Recherche, Hintergrundgespräche und Überprüfung einzelner Informationen. Noch dazu, wenn es um ein Auslandsstudio geht, das für die Berichterstattung aus gleich mehreren Ländern verantwortlich ist.

Als Korrespondentin im ZDF-Studio Wien berichtete ich zunächst aus sieben Ländern Mittel- und Südosteuropas. 1992 waren es dann - durch die Ereignisse im ehemaligen Jugoslawien und die Teilung der Tschechoslowakei 12 Länder. Oft genug überschlugen sich die Ereignisse, so daß kaum Zeit für die Reise zum Ort des Geschehens, geschweige denn für ausführliche Drehvorbereitungen blieb. Ähnlich ergeht es den Korrespondenten in vielen anderen Auslandsstudios. Da ist es dann wichtig, mit guter Organisation, tüchtigen Kamerateams, kompetenten Produktionshelfern und Dolmetschern ein Netz zu spannen, das stark genug ist für Unvorhersehbarkeiten jeder Art. Und noch eines ist wichtig: Es berichtet kein angereister x-beliebiger Reporter, sondern eben ein Auslandskorrespondent mit Kenntnis über Land, Menschen und Sprache. Dadurch gerät die Berichterstattung nicht zur Schablone - zu Hunger, Elend, Pulverdampf - sondern es besteht die Chance, daß über den raschen Nachrichtenrhythmus hinaus die richtige Einordnung geleistet, Hintergrund geliefert und Perspektiven gezeigt werden. Eine Idealvorstellung, sicherlich. Aber was wäre dieses Medium ohne solche Ansprüche? Den tagtäglichen Kompromissen erliegen wir ohnehin.

Der Krieg als Nervenkitzel im bequemen Sessel

Das ständig steigende Tempo der Berichterstattung verzerrt die Maßstäbe: oft ist von Interesse nicht mehr die Frage, was berichtet wird, sondern wie schnell. Wer bringt die ersten Bilder auf den Schirm, möglichst spektakulär müssen sie sein. Das ist Berichterstattung nicht als sorgfältig vorbereitete und anschaulich umgesetzte Geschichte, sondern als sportlicher Wettkampf. Das Ergebnis sind dann oft Informationsschnipsel, die kaum in Frage gestellt oder auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft sind. Somit degeneriert Berichterstattung dann wirklich zur Befriedigung von Sensationsgier. Krieg, Katastrophe und Krise geraten zur Unterhaltung und zum wohlig-schaurigen Nervenkitzel im bequemen Fernsehsessel. Die Bilder werden austauschbar, die Information oberflächlich oder schlichtweg irreführend. Das ist die eine Folge, eine ganz ernstzunehmende gefährliche Entwicklung.

Die Medien stellen Öffentlichkeit her

Aber es gibt auch Vorteile: Den schnellen Kameras entgeht fast nichts mehr. Ob Krieg, Elend, Menschenrechtsverletzungen - wir können die Augen davor nicht mehr schließen, weder Zuschauer noch Politiker. Der Krieg in Tschetschenien wäre uns kaum ins Bewußtsein geraten - von unseren eigenen Politikern zu einer "innerrussischen Angelegenheit" kleingeredet - hätten da nicht die Kameras den brutalen Einmarsch der russischen Armee genauestens dokumentiert. Die Lager im ehemaligen Jugoslawien hätten die Öffentlichkeit nie so aufgebracht, wären nicht die Bilder britischer Fernsehteams um die Welt gegangen, die die ausgemergelten Körper der Gefangenen im serbisch besetzten Prijedor und Omarska zeigten. Verurteilen wir die Schnelligkeit der Bilder also nicht. Gehen wir nur angemessen mit ihr um.

Kritische Distanz zur Information fehlt

Auch Auslandskorrespondenten beziehen ihre Informationen zu großen Teilen aus Nachrichten- und Bildagenturen, Zeitungen, den TV- und Radiosendern des jeweiligen Landes. Darüber hinaus natürlich aus Eigenrecherchen und aus selbstgedrehtem bzw. gekauften Bildmaterial. Je unüberschaubarer die Situation, desto wichtiger sind die Präsenz vor Ort, Eigenrecherche und selbstgedrehte Bilder. Besonders dann, wenn es sich um Krisen- oder Kriegsberichterstattung handelt, um totalitäre Systeme und um Länder mit einem staatlich gelenkten Medienapparat. Viel zu oft wird mit Informationen, aber auch mit Bildern regelrecht fahrlässig umgegangen. Der Kormoran aus dem Golfkrieg ist nur ein Beispiel dafür; allein aus dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien ließen sich etliche weitere Fälle serbischer, kroatischer oder bosnischer Propaganda anfügen, die durch die Bilder der jeweiligen Fernsehstationen verbreitet wurden. Mir sind zahlreiche Beispiele bekannt, wo unerfahrene, eilig herbeigereiste Reporter im ehemaligen Jugoslawien solcher Propaganda nicht nur aufgesessen sind, sondern sie auch weiterverbreitet haben. Somit gilt auch hier: Alle Informationen hinterfragen. Denn nichts ist verheerender als fehlender kritischer Umgang und fehlende Distanz. Im Zweifelsfalle ist es sicher seriöser, die Zweifel zu benennen.

3. Anspruch und Wirklichkeit

Mehr Fernsehen - weniger Hintergrundinformation

Kaum zu glauben, aber wahr: Die tägliche Sehdauer der Fernsehzuschauer bei uns steigt noch immer, wenn auch geringfügig. Dafür wird weniger gelesen. Und selbst beim Fernsehen werden die Menschen immer bequemer und die Konzentrationsbereitschaft sinkt. Die Mehrzahl der Zuschauer läßt sich beispielsweise nicht mehr darauf ein, ein politisches Magazin komplett von Anfang bis Ende anzuschauen. Das 'auslandsjournal' sehen nur 30% der Zuschauer vollständig - und das ist schon viel, wie Marktforscher bestätigen. Nachrichten sind sehr viel mehr gefragt als Reportagen oder gar Dokumentationen, lieber schnell und komprimiert als umfangreich und zeitaufwendig - und möglichst kurzweilig noch dazu, bitte schön. Gleichzeitig steigen die Ansprüche an die Fernsehinformationsprogramme. Da sie oft zur Haupt-, manchmal zur einzigen Informationsquelle geworden sind, sollen sie möglichst umfassend und erschöpfend berichten. So gewinnt das Fernsehen zunehmend an Einfluß und Macht. Eine Macht, die ihm vor allem der Zuschauer zugesteht.

Journalistenpflicht - Konsumentenpflicht

Wenn die Forderung an die Journalisten lautet, allumfassend und gründlich zu informieren, dann sollte sich auch der Fernsehzuschauer die Forderung gefallen lassen, daß er sich auf der anderen Seite über ganz unterschiedliche Medien umfassend und gründlich informieren muß. Hunger, Elend, Pulverdampf - das sind Klischees, die nicht nur allein "die Medien" verbreiten. Es sind auch Klischees, die Medienkonsumenten gerne annehmen - der Bequemlichkeit halber. Doch ein Fernsehsender, eine Zeitung, ein Medium allein kann den Anspruch vollständiger Information sicher nicht erfüllen.