Werner Müller ist stellv. Redaktionsleiter der Waiblinger Kreiszeitung
Ich denke, die Antwort wird vor allem durch drei Punkte vorgegeben:
Überhaupt, so denke ich, besteht zwischen allen drei genannten Punkten ein enger Zusammenhang. Denn logischerweise können wir beispielsweise schlecht in eine Verbesserung der redaktionellen Ausstattung investieren, wenn gleichzeitig die Erlöse zurückgehen, weil die Abonnentenzahlen aufgrund eines sich veränderndes Medienkonsums und/oder weil die Einnahmen aus dem Anzeigenverkauf rückläufig sind, weil es eben eine Fehleinschätzung der Verleger war und ist, daß mit wachsendem Angebot auch eine Ausweitung der Werbeetats einhergehen würde.
Der technische Fortschritt zeitigte mit und seit dem Ende des Bleisatz- und Hochdruck-Zeitalters zwar gravierende innerbetriebliche Auswirkungen, die die handwerklich-technische Seite des Journalisten-Berufes grundlegend veränderten.
Doch das äußere Erscheinungsbild der Tageszeitungen blieb davon weitestgehend unberührt; die Zeitungen wurden allenfalls einer Art Design-Lifting unterzogen.
Das äußere Erscheinungsbild der Zeitungen dürfte sich in der digitalen Zukunft grundlegend ändern. Ob es uns gefällt oder nicht: der Träger Papier wird längst nicht mehr die Wertigkeit haben, die ihm heute noch zukommt.
Informationen, die heute noch via Papier verbreitet werden, werden künftig mehr und mehr via elektronische Medien transportiert - Stichwort: Bildschirmzeitung.
Zudem werden Zeitungen ihre Informationen - sowohl aktuelle als auch solche aus ihren Archiven - über Datenbanken anbieten.
Denkbar ist ferner, daß sich praktisch jedermann, je nach seinen Interessen, täglich seine ganz persönliche Zeitung am Bildschirm zusammenstellt und sich, wenn er will, ausdrucken läßt. Oder er abonniert auch nur einzelne Teile.
Möglicherweise kommt ja sogar die interaktive Zeitung.
Auch die indirekten Folgen der Computerisierung unseres Alltags werden die Zeitungsinhalte verändern. So werden Infografiken zunehmend Texte ersetzen. Überhaupt wird die Optik immer wichtiger. Gleichzeitig werden die Artikel immer kürzer. Das muß, denkt man an die vielen Bleiwüsten, die es immer noch vor allem in vielen Lokalteilen gibt, nicht unbedingt ein Fehler sein. Doch besteht die Gefahr, daß sich die "Zerhackstückung der Wirklichkeit", wie wir sie bereits von Hörfunksendungen kennen, fortsetzt.
Alles in allem werden also technische Anforderungen mehr und mehr die journalistische Arbeit bestimmen. Ja, es werden wohl ganz neue Berufe entstehen: Etwa den Visualisierer, der Inhalter optisch umsetzt. Der Medienmanager, der entscheidet, welches Medium für welches Thema eingesetzt wird. Der Screen-Designer, der die Bildschirmseiten in den elektronischen Medien gestaltet. Oder der Layout-Regisseur, der dafür zu sorgen hat, daß Print und Elektronik in allen Bereichen ein einheitliches Bild abgeben.
Wir als Journalisten können uns dieser Entwicklung sicher nicht entgegenstellen. Aber wir müssen gehörig aufpassen, daß letzten Endes die Technik nicht die journalistischen Inhalte mehr und mehr verändert oder gar bestimmt, daß wir von der Technik nicht überrollt werden.
Meine Horrorvision: Der Redakteur gibt in seinen PC außer den Gestaltungsmerkmalen nur noch Stichworte für einen Artikel ein - alles andere wird automatisch erledigt.
Bei politischen Berichten könnte ja beispielsweise durch Tastendruck eine Art Strickmuster - liberal, konservativ, sozialdemokratisch; neutral, positiv-wohlwollend, negativ-kritisch - vorgegeben werden...
Eigentlich ist es ja verwunderlich, daß es sich viele Tageszeitungen scheinbar immer noch leisten können, so zu tun, als hätte sich die Welt um sie herum nicht verändert. Man sehe sich nur mal das Tagesschau-Recycling an, das von den meisten auf den Titelseiten geboten wird: Gedrucktes Fernsehen gewissermaßen. Nur mit dem großen Nachteil, daß in puncto Aktualität den elektronischen Medien hinterhergehechelt wird und daß sich viele Leser für Politik - zumindest wie sie in vielen Medien präsentiert wird (Verlaubarungs- und Ankündigungsjournalismus) - gar nicht so sehr interessieren, wie Politik-Redakteure glauben.
In diesem Wettlauf mit den elektronischen Medien werden die Tageszeitungen immer die Verlierer sein.
Die Lösung kann nur sein, sich auf die spefizische Stärke, auf die regionale und lokale Kompetenz zu besinnen. Der Lokalteil ist es doch, der Leserbindung schafft - erst recht, wenn für den Leser der Bezug der Zeitung mit einem spürbaren praktischen Nutzen verbunden ist. Analog dem bekannten Werbeslogan einer Bankengruppe "Wir bieten mehr als Geld und Zinsen" müssen wir als Anspruch formulieren: "Wir bieten mehr als Text und Bilder, mehr als nur Informationen". Ich scheue mich nicht, hier den Begriff "praktische Lebenshilfe" einzuführen.
Deshalb brauchen wir gerade im Lokalteil gut ausgebildete, motivierte Journalisten, die in ihren Fachgebieten kompetent sind - so gut es eben geht -, die Zusammenhänge erklären und die Hintergründe aufzeigen.
Ich fürchte nur, daß dies weitgehend ein frommer Wunsch bleiben wird. Zum einen, weil die Verlage "sparen" - man kann sich bekanntlich ja auch totsparen - und zum anderen, weil es in Redaktionen vielfach an der Bereitschaft fehlt, überkommene Strukturen (Primat der Politikredaktion...) aufzubrechen und sich Neuerungen gegenüber aufgeschlossen zu zeigen. ("Das haben wir noch nie gemacht".../Man glaubt gar nicht, wie konservativ angeblich progressive Journalisten sein können).