Kurt Oesterle

Ein schwäbischer Karl Kraus

Porträt des Zeitungsmannes Erich Schairer (1887 - 1956)

Kurt Oesterle ist freier Autor. Er schreibt für das Schwäbische Tagblatt (Tübingen) und die Süddeutsche Zeitung

Aus Erich Schairers "Sonntags-Zeitung" 1926

von Tyll alias Josef Eberle alias Sebastian Blau

Ode an die Dummheit
Laß mich um Deinen Sockel Kränze winden
Aus Immortellen und aus Immergrün!
Nie wird die Allmacht Deines Thrones schwinden,
Und Deiner Hand das Zepter zu entwinden,
Ist heißes, doch vergebliches Bemühn.

Wie hehr, wenn Du, von Ochsen und Kamelen
Umringt, an denen Du in Liebe hängst,
Politikern und teutschen Generälen

Und wotanstollen Hakenkreuzlerseelen
Die volle Sonne Deiner Gnade schenkst!

Heil ihm, den Du mit segensreichen Händen
Im Überschwang geruhst zu benedein:
Laut Bibel wird er einst im Himmel länden,
Auf Erden sind die dicksten Dividenden

(Kartoffeln, wie man früher sagte) sein!

Noch nie gelang's, sich Deiner zu erwehren,
Dein Schild ist gegen Hieb und Stoß gefeit.
(Und könnte diese Welt Dich denn entbehren -?)
O laß mich drum in Andacht Dich verehren,
Denn Dein ist Reich und Macht und Herrlichkeit!

Im Januar 1946 fuhr Erich Schairer, 59, nach Tübingen, um seine neue Stellung als führendes Redaktionsmitglied des SCHWÄBISCHEN TAGBLATTS anzutreten. Er hatte es sich mit seiner Entscheidung nicht leicht gemacht und mit der Zusage bis zuletzt gewartet. Trieb ihn denn nicht die Vorfreude, endlich wieder journalistisch arbeiten zu können? Ihn, den unersättlichen Schreiber, der sich in jungen Jahren den Fürstenkritiker Schubart zum Vorbild gewählt hatte und den die Nazis neun Jahre mit Berufsverbot belegten? Schairer ist keineswegs unglücklich über das Tübinger Angebot, das ihm ein befreundeter französischer Kulturoffizier überbracht hat. Lieber wäre ihm freilich, die Stuttgarter Militärregierung entschiede endlich über die Lizenzvergabe für die "Sonntags-Zeitung". Doch da tut sich nichts. Auch in Lindau, seinem letzten Wohnort, hätte Schairer bei einer Zeitungsneugründung dabeisein können. Schließlich hat er sich einen Ruck gegeben und den Tübingern zugesagt, um nicht "zwischen alle Stühle hinunterzusitzen" oder "drei Bräute auf einmal zu heiraten".

Erich Schairer kannte Tübingen. Hier hatte er Theologie studiert, der "Roigel"-Verbindung angehört und, schwäbisch-sturschädelig, in der Philosophenfakultät ein publizistikgeschichtliches Doktorthema durchgesetzt. Nun bezog er ein kleines Zimmer an der Neckarfront und richtete sich vorläufig auf das Dasein eines Wochenendheimfahrers ein.

Nichts von seiner eigenen, verzwickten Lage merkt man Schairers Tübinger Leitartikeln an, deren erster am 15. Januar 1946 im Blatt stand. Gedanklich, somit auch sprachlich klar ging er ans Werk, das überall das gleiche war: Wiederaufbau, und zwar moralisch, politisch, materiell. "Wehe uns, wenn das Jahrtausend des Herrn Hitler länger als zwölf Jahre gedauert hätte", schreibt er, der 1932 alles riskiert und viel verloren hatte im Kampf für Freiheit und Republik. Oder, ganz in der Tradition der ihm so lieben 48er: "Auch dieses Volk wird es einmal lernen, sich selber zu regieren." Um dafür die Voraussetzungen zu schaffen, dürften im neuen Staat allerdings nicht die alten Eliten zur Macht zurückgelangen, die 1932 versagt hätten. Gerecht müsse der Wiederaufbau vonstatten gehen, "auch wenn alte Eigentumsbegriffe dabei ein wenig ins Wanken geraten".

Dieser Gedanke entsprach ganz der gemeinwirtschaftlichen Idee, die Schairer - wie Rathenau - seit des Ersten Weltkrieg vertrat und mit der er den Kapitalismus überwinden wollte, ohne dessen liberale Gesellschaftsvorstellungen aufzugeben. Schairer war keine Stunde Kommunist, viel eher idealistisch angehauchter demokratischer Sozialist.

Erich Schairer, TAGBLATT, Januar 1946

Wir müssen!

Während des ersten Weltkriegs hat einmal ein preußischer Konservativer den Ausspruch getan: "Wir werden siegen, denn wir müssen siegen." Eine Schlußfolgerung, die dann von den Ereignissen widerlegt worden ist.

Im Zweiten Weltkrieg blieb es Herrn Goebbels vorbehalten, jenen Satz wieder aufzuwärmen. Er lautete jetzt: "Wir müssen siegen und wir werden auch siegen."

Der sprachlich Feinhörige konnte aus dem kleinen Wörtchen "auch", das an die Stelle der Kausalverknüpfung getreten war, eine gewisse Unsicherheit heraushören, in der sich, aus dem Unterbewußtsein des Sprechenden heraus, das kommende Unheil schon ankündigt.

Viel hatte er auch wie die übrige Redaktion über die unmittelbare Vergangenheit der Deutschen zu schreiben. Er schürfte in seinen Analysen landestypischer "Hausknechteigenschaften" historisch recht tief, ebenso wie er ein präziser und unsentimentaler Beobachter seiner nochmal davongekommenen Zeitgenossen war. Alte Textsparten der "Sonntags-Zeitung" übernahm Schairer kurzzeitig fürs TAGBLATT, so etwa die "Kleine Weltchronik", in der er Einzelheiten aus der Nachrichtenflut in scharfer Kenntlichkeit herauspräparierte, etwa die Vorgänge von Hiroshima und dessen "Vermißte, die zu Atomen zerblasen sind". Lakonisch, schockhaft provozierend, argumentativ, auch poetisch - das waren die Register, die Schairer zu ziehen verstand.

Innere Angelegenheit?

Als Hitler auf betrügerische Weise zur Macht gekommen war, konnte man in der ganzen Welt Schlagzeilen lesen und Karikaturen finden: Hitler ist der Krieg. Aber obwohl die ganze Welt Bescheid wußte, duldete diese Welt in ihrer Mitte eine Diktatur von Brandstiftern, Urkundenfälschern und Mördern, ließ diesen Hitler immer wieder Verträge brechen, Grenzen verletzen und Nachbarländer überfallen, ehe sie sich entschloß, militärische Machtmittel gegen ihn einzusetzen.

Vielleicht hätte man den Krieg sogar vermeiden können, wenn es eine Weltorganisation aller Völker gegeben hätte, die den Krankheitsherd rechtzeitig isoliert hätte: durch einen allgemeinen Weltboykott gegen das Land, in dem es keine Menschenrechte und keinen Volkswillen mehr gab.

Eine Diktatur ist eben keine innere Angelegenheit eines einzelnen Landes .....

Bis Herbst 1946 blieb Schairer in Tübingen, dann wurde er Mitherausgeber der "Stuttgarter Zeitung". Eine Lizenz für seine legendäre "Sonntags-Zeitung" erhielt er nicht mehr.

"Gratgänger", "schöpferischer Rebell", "geborener Journalist", so wird er in der wenigen Literatur zu seinem Leben und Werk genannt. Seine Legende entstand fast gleichzeitig mit der Republik von Weimar, in deren Verlauf Schairer zum populärsten Zeitungsmann Süddeutschlands wurde. Mit einer ominösen "weißen Lücke" begann diese Karriere: Ende 1919 ist Dr. Erich Schairer Chefredakteur der Heilbronner "Neckar-Zeitung", als Nachfolger seines Freundes Theodor Heuss. Seit längerem schwelen Widersprüche zwischen Schairer und seinem Verleger. In einem Artikel zum ersten Jahrestag der Novemberrevolution schreibt der Chefredakteur, man habe in Deutschland inzwischen eine passable Demokratie, bei der Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit sei man über einen "taumelnden Beginn" aber noch nicht hinausgekommen. Im liberalen Heilbronn geht darauf das Gespenst der Sozialisierung um. Schairer legt wenig später noch eins drauf, indem er gegen die "Dolchstoßlegende" der Rechten polemisiert. Dieser Artikel erreicht die Öffentlichkeit jedoch nicht mehr. Der Verleger läßt ihn in letzter Minute von der Druckplatte kratzen, die "Neckar-Zeitung" erscheint anderntags mit einer Leerstelle auf der Eins, ein Kainsmal der Zensur.

Für Schairer, damals 32, war es die Reifeprüfung. Die wahren Machtverhältnisse in der jungen Republik gaben sich ihm nun zu erkennen. Drei Tage lang hackte er daheim Holz, und nicht nur, weil der Winter bevorstand; er reagierte seine Spannungen meist durch übermäßiges Arbeiten ab. Dann herrschte wieder Ordnung im Kopf, und Schairer beschloß, eine eigene Zeitung in die Welt zu setzen. Die Stunde schien günstig, überall war Aufbruch, Neuanfang, Veränderung. Die demokratische Republik brauchte publizistischen Geleitschutz. Atemberaubende und schnellebige Zeiten bedürfen atemberaubender und schnellebiger Formen: Reportage, Glosse, Zeitgedicht. Es war dieselbe Ära, in der Joseph Roth dem großen Kollegen Thomas Mann entgegenhielt: "Berichten, nicht dichten!"

Erich Schairer war nun wahrlich kein literarischer Freibeuter, ebensowenig besaß er ausgeprägte selbstzerstörerische Neigungen. Er gleicht eher einem erdverhafteten Schwaben, und außerdem hatte er Frau und vier Kinder zu ernähren. Dennoch stampfte er grimmig, aber durchaus bei Vernunft, die "Sonntags-Zeitung" aus dem Boden, die am 4. Januar 1920 vierseitig, im Berliner Format in 1000er Auflage und zum Preis von 25 Pfennig erstmals erschien. Ein hochpolitisches Unternehmen, freilich, aber auch ein Akt zur Wiederherstellung der Würde eines zensierten und gefeuerten Journalisten. Ein für allemal mußte in der republikanischen Epoche Schubarts historisches Diktum widerlegt werden: "Unter allen kriechenden Kreaturen des Erdbodens ist der Zeitungsschreiber der kriechendste."

Erich Schairer: Zur "Sonntags-Zeitung":

Als Oppositionsblatt ist die "Sonntags-Zeitung" gegründet worden, und sie gedenkt auch darin zu verharren. Sie opponiert, kurz gesagt, gegen die herrschende Richtung im gesamten öffentlichen Leben des Vaterlandes, in Presse, Politik, Wirtschaft und sogenannter "Kultur", die man unter Schlagworten wie Nationalsozialismus, Kapitalismus, Klerikalismus und dergleichen zu verstehen pflegt. Sie wehrt sich gegen diese Mächte nicht, wie liebenswürdige Leser und vor allem Nichtleser oft behaupten, aus purer mephistophelischer Freude am Verneinen, am Schimpfen und Schlechtmachen; sondern weil ihr Herausgeber von deren Verlogenheit, Gemeinheit und Dummheit täglich greifbare Beweise vor sich hat und dem Bedürfnis nicht zu widerstehen vermag, dem Ausdruck zu verleihen. Sobald die Welt, in der ich lebe, vernünftig, anständig und wahrhaftig zu werden anfängt, werde ich die >Sonntags-Zeitung< eingehen lassen und dafür Erbarmungsschriften herausgeben.

Manche Beurteiler, und zwar gerade freundlich gesinnte, finden nun, es sei verkehrt, wenn man sich innerhalb der Oppositionsfront, die sich politisch als "Linke" zu bezeichnen pflegt, nicht einer bestimmten Parteirichtung anschließe und für diese wirke. Es ist etwas daran, und die laue Gleichgültigkeit oder feige Heuchelei, die sich so gerne als ein "Über-den-Parteien-stehen" gebärdet, ist auch mir in der Seele zuwider. Wer seinem Volk und seiner Zeit etwas sagen will, darf nicht scheuen, Partei zu ergreifen, auch auf die Gefahr hin, einmal daneben zu hauen. Aber ich habe meine guten Gründe, wenn ich kein Parteimann im engeren Sinne bin und meine Zeitung keiner der mir von Fall zu Fall nahestehenden Linksparteien verschreibe, auch der sozialdemokratischen nicht, auf deren Seite ich mich bei Wahlen und dergleichen zu finden pflege. Ich stehe auf eigenen Füßen und möchte auch anderen Menschen um mich her gerne auf solchen stehen sehen.

Erich Schairer wurde 1887 in Hemmingen, Oberamt Leonberg, geboren. Sein Vater war Lehrer und wurde bald darauf ans Esslinger Georgii-Gymnasium versetzt. Schon in seiner Kindheitsstadt läßt Schairer poetische Neigungen erkennen, und manches seiner späteren Journalisten-Pseudonyme trägt noch den Charme kindlich-magischer Kampfnamen: Rauschnabel, Katzenwadel, Hutzelmann. Dem pietistisch erzogenen Lehrersohn ist ein altbekannter Weg vorgezeichnet: Er soll ihn vom Blaubeurer Seminar übers Tübinger Stift ins Pfarramt führen. 1905 zog Schairer nach Tübingen, schloß sich den "Roigel" an, betätigte sich als "Gazettier" in deren Bundeszeitung, schloß brav sein Studium ab und wurde 1909 in seiner Heimatstadt Pfarrgehilfe. Fast hätte es ihn als Vikar ins nähere Lustnau verschlagen. Doch er schrieb dem Konsistorium umgehend zurück: "Meine Versetzung als Vikar nach Lustnau bitte ich rückgängig zu machen, da kennt man mich."

Aus Schairers Lieblingsgeschichten

Prophylaxe

von Doktor Owlglaß

"Säß' ich auf hohen Fürstenthronen - "
.... Dein Wunsch blieb leider ungestillt.
"Was tät' ich, hätt' ich Millionen!"
.... Da fehlt's ja wohl ... die Zähre quillt.

"Wenn ich zum Beispiel Goethe wäre - "
... Nun bist du halt bloß schwachbekopft.
"Ich überwände Raum und Schwere,
gesetzt den Fall - " ... die Träne tropft.

... O Freund, du sparst dir viele Qualen
von Oberprima bis zum Grab,
gewöhnst du dir die irrealen
Bedingungssätze zeitig ab.

Nicht erst im Lauf seiner fünf Vikariate entfremdet Schairer sich seiner Kirche und seinem Glauben. Sein immer schärfer hervortretender Rationalismus, sein Diesseits- und Gesellschaftssinn scheinen mit der tradierten Religiosität unvereinbar. Er sitzt in der Klemme, fühlt sich als "zweideutige Figur", als "kläglicher, charakterloser Pfaffe". Da er kein Selbstzerquäler, sondern ein Mann scharfer Schnitte ist, bittet er 1911 um seine Entlassung. Rückblickend notiert Schairer, daß er es keine Sekunde bereute, sich die damals beliebte Pfarrgartenromantik, die "Mörike- und Gäwelesstimmung", vorenthalten zu haben.

Eine Weile pendelt Schairer zwischen Politik und Journalismus. Beides könnte für den Motoriker und Ausdrucksmenschen, den militanten Zivilisten und Debattierer das geeignete Berufsfeld sein. Nach einer Episode in der politischen Bildungarbeit der Nationalliberalen nimmt er 1912 beim "Reutlinger Generalanzeiger" seine erste Redakteursstelle an. Jetzt ist er angekommen, jetzt fällt die Entscheidung: "Druckerschwärze riech' ich gern. Eine Doppelrotationsmaschine ist etwas Herrliches! Dabei bleiben wir." Bedeutungslos, daß er danach noch als Sekretär des Liberalenführers Friedrich Naumann eine heftige Prise politischer Praxis zu sich nimmt; bedeutungslos auch, daß er sich den "Schafscheiß" einer Doktorarbeit noch vom Hals schaffen muß - im Journalismus hat er seine Passion gefunden.

Erich Schairer: ein lyrisches Eigengewächs:

Welch' Getränk ist dem Poeten
wohl am dringendsten vonnöten?

Mooscht? - O, laß mich nicht erröten!
Bier - genügt den Geist zu töten.
Doch der Wein - fragt Herrn von Goehten,
Züchter jener Bettschildkröten -

Schafft den Zustand, den erhöhten,
Worin er den Gott hört flöten.

geschrieben mit 3 Flaschen Wehlener Klosterberg

Die Dissertation: Sie ist für einen Schairer Angstgelände. Lange liegt ihm die "böse Sorge" auf der Seele. Es war nicht einfach, das ungewöhnlich Thema durchzusetzen: "Schubart als politischer Journalist" (Tübingen 1914, Reprint 1984). Mit einem rein philosophischen Thema wurde er von der Fakultät nicht zugelassen. Er kenne Kant noch nicht gut genug, hieß es; Kant, diesen "dalketen und verbutterten" Kerle, vor dem Schairer gleichwohl "eine Heidenangst" hatte.

Als der Weltkrieg begann, sollte sich zeigen, wie sehr er doch ein Kind seiner Zeit war. Er jubelte hurrapatriotisch, wenn auch nur in mittlerer Lautstärke. Als Autor und Organisator hatte er mit kaiserlicher Orientpolitik zu tun, der "Deutsch-Türkischen-Vereinigung" diente er ein paar Jahre als Geschäftsführer. Seltsam: Schairer verstand sich auch in diesen Jahren als Sozialist und Demokrat, etwa nach der paradoxen Gleichung: Sozialismus = Kaisertum + Flotte. Nach Kriegsende blieb er im Naumannischen Sinn ein Sozialreformer, doch der nationalen machtpolitischen Option schwor er ab. Schairer wurde vom Expansionisten zum Pazifisten, vom Demokraten à la Burgfrieden zum linken, basisdemokratischen Republikaner. Ein grundstürzender Wandel, wie so mancher zu dieser Zeit, nur daß Schairer eben wieder mit scharfem Skalpell operierte.

Josef Eberle in der "Sonntags-Zeitung"

Offiziersball

Emilie, reich mir die Hurratüte
und heft den Christbaumschmuck mir an den Latz!
Heut sammelt sich von deutscher Männerblüte
der Bodensatz.

Und wenn auch die Novemberlinge spotten,
wir strahlen doch im alten Farbenglanz.
Ein deutscher Mann fühlt erst in scheckigen Klamotten
sich voll und ganz.

Was Not des Volkes! Arbeitslosenqualen?
Die Löhne klein, das Fressen schlecht und karg?
Wenn die uns solche Pensionen zahlen,
ist's halb so arg.

Nun laßt das Blech in Wort und Ton erschallen:
Mit Gott fürs Vaterland! Durch Kampf zum Sieg!
Die Stellung wird gehalten, bis wir fallen
bei Hurra und bei Pfropfenknallen,
wie einst im Krieg ...

Schairers Organ, die "Sonntags-Zeitung", die zuerst in Heilbronn, dann im urbanen Stuttgart erschien, hatte immer einen ausgesprochenen wirtschaftspolitischen Akzent. Darin unterschied sie sich von linken Intelligenzblättern wie der "Weltbühne", für die der kulturell-politische Komplex der Leitsektor der Republik war. Schairer schrieb für das Allgemeinwohl, für gerechte Löhne und Preise, Sozialisierung von Rohstoffen und Großindustrie, für ein Betriebsverfassungsgesetz und Mitbestimmung, außerdem trat er für die "allgemeine Nährpflicht" des Staates ein:

"Weil die Menschen keine Engel sind, muß hierzu die sogenannte "freie" Wirtschaftsordnung, in der wir leben, durch eine gebundene abgelöst werden, in der jeder, ob er will oder nicht, seinen Dienst zu erfüllen hat, und in der die Güter nicht ins Blaue hinein, sondern nach einem Plan erzeugt und verteilt werden. Über den Weg zu diesem Ziel getraue ich mir nicht eine Ansicht zu äußern, die den Anspruch auf Alleingültigkeit erheben könnte. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß es verschiedene Wege dazu gibt, ja daß es sogar auf Umwegen erreichbar ist. Ich begrüße jede Annäherung an das Ziel, gehe sie aus, von wo sie wolle; und mißtraue jedem Ismus, der die Patentlösung in der Tasche zu haben behauptet. (Auch dem Marxismus.) Insbesondere bin ich mir keineswegs so ganz klar darüber, ob die Durchführung des Sozialismus von einer gewaltsamen Umwälzung bedingt (und andererseits garantiert) ist. Die Geschichte lehrt allerdings, daß herrschende Klassen ihre Macht nicht freiwillig aus der Hand zu geben pflegen. Aber ich weiß nicht, ob diese Geschichte schon lange genug gedauert hat, daß man behaupten könnte, was bisher so oder so gewesen sei, müsse überhaupt und immer so sein."

Wie Schubart waren Schairer die einfachen Leute lieb und wert. Mit Lesern aller Klassen hielt er Dauerkontakt, zu seinen freien Mitarbeitern zählten neben Hermann Hesse, Upton Sinclair, Maxim Gorki und dem wunderbaren Holzschnitt-Karikaturisten Hans Gerner auch Marktfrauen, Bauern und Handwerker. Freigeister, ebenso aber Pfarrer, lasen ihren Schairer, auch wenn er seiner Zeitung manchmal Kirchenaustrittsformulare beilegte.

Repulikanische Staatsmänner.

"Der Reichskanzler hat ein feudales Reittunier im Berliner Sportpalast mit seinem Besuche beehrt; der Reichspräsident hat sein Erscheinen zur Uraufführung des 3. und 4. Teiles des Films "Fridericus Rex" zugesagt. - Bei den Revolutionsfeiern am 18. März sind beide Herren vermißt worden."

Die Auflage der Wochenzeitung kletterte von 2000 im Jahr 1920 auf 8000 im Jahr 1932. Zu zwei Dritteln ging die Auflage nach Norddeutschland - Hamburg, Berlin, Leipzig, Magdeburg und Köln hießen die Hauptstädte des unverkennbar süddeutsch gefärbten Blattes. Auch in Skandinavien und den USA wurde die ganz ohne Inserate finanzierte "Sonntags-Zeitung" gelesen, nur in Bayern - Fehlanzeige.

"Unsere Tragik", heißt es in der "Sonntags-Zeitung" Anfang 1925, "wir haben zwar charaktervolle Männer, aber sie sind keine Politiker. Und wir haben Politiker, aber mit zu wenig Charakter. Die richtige Legierung fehlt."

Schairers Blatt wollte ein kritisch-realistisches Zeitbild entwerfen. Neben seinen ökonomischen Entwürfen mit Artikeln zu den Weimarer Dauerfragen: Preußentum, Kriegsschuld, Antisemitismus, Versailles, Aufstieg des Nazismus. 1931 ließ Schairer sich verführen, den Chefredakteurposten der St. Gallener "Volksstimme" zu übernehmen und die "Sonntags-Zeitung" zu verkaufen. Allerdings mit einem vertraglich fixierten Rückkaufrecht. Zum Entsetzen seiner Familie machte er schon bald davon Gebrauch, zog wieder nach Stuttgart und stritt an gewohnter Stelle. Die Arbeit seiner Nachfolger hatte ihm mißfallen. Mit linksradikalem Kinderkram und KPD-Parolen bezwinge man die Nazis nicht, meinte er.

Kurzauszüge aus der "Sonntags-Zeitung",

Kleines Zwiegespräch

"Wissen möcht ich, wie das der Hitler macht: einmal sitzt er mit seinen proletarischen SA-Leuten zusammen und dann sitzt er wieder bei den Ruhrindustriellen."

"Kunststück! Der hat halt einen Janus-Arsch."

Die Symbol-Krawatte

Es gibt, falls Sie das noch nicht wissen sollten, auch Hakenkreuz-Krawatten. Inserate im "Völkischen Beobachter" verkünden: "Kaufen Sie nur von rein nationalsozialistischem Betrieb Qualitätskrawatten mit fein eingewebtem Symbol ..." - Das Hauptsymbol liegt wohl darin, daß sich der Arbeiter mit solcher Krawatte selbst den Hals zuzieht.

Über die bräunen Anfänge:

Herr Hitler redet und redet, wo man es ihm nur erlaubt. Neulich hat er auch in Stuttgart geredet. Zwei und eine halbe Stunde. Ach, war das ein Geseires! Wie der Mann zu seinem Ansehen gekommen ist, möchte ich auch wissen! Er hatte sich zur nötigen Dekoration malerische Gruppen aus dem ganzen Württemberger Ländle kommen lassen, selbst aus Bayern und Baden waren sie mit ihren neckischen Hakenkreuzfähnchen angerückt. War ein Mordsklamauk. Es ist ja so wenig, was Kinder freut! Als der große Adolf das Podium bestieg, brach die ganze Korona in ein Geheul aus, das ihrer arischen Abstammung alle Ehre machte. So also sieht eine Mussolinikopie aus! Ein in die Politik verirrter Friseur stand da oben und mühte sich, so gut es ging, Zusammenhänge sichtbar werden zu lassen. Gott, was muß der Mann alles zusammengelesen haben, bis sich dieser semmelblonde Brei ergeben hat!

Im Jahr der "Machtergreifung":

Dieser fabelhafte Erfolg der Nationalsozialisten ist ohne Zweifel in erster Linie der Propaganda durch den Rundfunk zuzuschreiben, die in solchem Ausmaß und mit solcher Stärke noch nie von einer Partei betrieben worden ist und hat betrieben werden können. Hitlers Wahlreden sind diesmal auch im kleinsten Dorf, vor Menschen, die sozusagen junfräulicher Boden waren, zur vollen Wirkung gekommen;

Daß die Regierung vor der Wahl Meinungsfreiheit und andere bürgerliche Freiheiten beschränkt hat, hat ihr im Wahlkampf nicht sehr viel geschadet. Heutzutage kümmert sich der einfache Mann (und die einfache Frau!), namentlich auf dem Lande, nicht allzuviel um diese Freiheiten.

"Deutschland, erwache!"

Jetzt haben wir also die Bescherung. Die hartnäckigen Weckrufe unserer Nationalsozialisten sind von Erfolg gewesen. Überall regt es sich bei uns, und überall hat man infolgedessen nun Gelegenheit sich zu fragen, ob es bei Völkern denn nicht so ähnlich sei, wie es von einzelnen Menschen behauptet wird: daß sie nämlich im Schlafen besser wirken als im Wachen.

Der Intellekt erwacht offenbar am spätesten. Wenigstens hat man diesen Eindruck, wenn man sieht, was für Eigenschaften bisher in diesem Volk erwacht sind. Daß es nicht die besten sind, daran läßt sich kaum zweifeln.

(Nicht alle Texte sind von Schairer)

Die "Sonntags-Zeitung" konnte sich, im unangepaßten Schlingerkurs, nach 1933 noch eine Weile halten. Viele von Schairers Mitarbeitern mußten fliehen, andere landeten in KZs und Zuchthäusern. Er selbst erhielt öfter Gestapo-Besuch, immer wieder mal wurde seine Zeitung verboten, und wenn sie erschien, durfte er nicht mehr namentlich, sondern nur noch mit XXX zeichnen. Unverfroren fragten die Braunen ihn auch noch, ob er er nicht in ihr Volksverhetzungsblatt "Stürmer" eintreten wolle. Er antwortete: "Vielen Dank für Obst und Südfrüchte!" Als Weinreisender und dienstverpflichteter Reichsbahngehilfe brachte er die häßliche Zeit moralisch sauber zu Ende.

1936 starb in Wien der "Fackel"-Herausgeber Karl Kraus. In einem Nachruf in der deutschen Exilpresse zeigte der Schairer-Schüler Will Schaber auf, warum Kraus für die Generation der "Sonntags-Zeitungs"-Schreiber so wichtig gewesen war:

Karl Kraus, der Künstler und kritische Analytiker, geht vom Erlebnis der Sprache aus. Klarer, unmittelbarer, bewußter als die meisten vor ihm sah er, wie in der Sprache Körper und Geist, Form und Inhalt zur Einheit verschmelzen;

Ehrfurcht vor der Sprache zu haben bedeutet Ehrfurcht vor dem Leben zu haben. Nie kann es sich zutragen, daß, wer unsauber denkt, sauber spricht oder schreibt; das Gewissen wirkt und wacht im Wort.

Nicht ohne Grund stand in der Fackel einmal an hervorragender Stelle das Wort Kierkegaards, ein Einzelner könne eine Katastrophenwelt nicht retten, er könne nur ausdrücken, daß sie untergehe.

Sprachkritik - mit Witz, aber auch mit Zucht meisterlicher Strenge - war eines von Schairers Lebenselixieren. An seine Mitarbeiter ergingen "Sprachliche Vermahnungen" wie die folgenden; sie stammen alle aus der Zeit nach 1945:

- Vorsicht mit "um zu". Ein Satz mit um zu ist nur möglich, wenn Hauptsatz und Nebensatz dasselbe Subjekt haben. Er ging in die Stadt, um einzukaufen. Aber nicht: Er ließ den Arzt rufen, um ihm eine Spritze zu geben.

Bei brauchen bitte das "zu" nicht vergessen! Man sagt: er braucht das nicht zu wissen, nicht: er braucht das nicht wissen.

Man hüte sich vor Übertreibungen und Superlativen, wie sie in der vergangenen Zeit geblüht haben (dazu gehören auch Wörter wie gigantisch, unerhört, unglaublich, phantastisch). Ganz abscheulich ist es "mit" beim Superlativ zu verwenden. "Das ist ein gutes Buch" genügt anscheinend nicht, das beste oder eines der besten Bücher wagt man auch nicht zu sagen; man nimmt den Superlativ wieder zurück und schreibt: "mit eines der besten Bücher". Damit glaubt man zwei Klippen umschifft zu haben und ist glücklich bei einem ebenso häßlichen wie nichtssagenden Ausdruck gelandet.

Anscheinend und scheinbar nicht verwechseln! Dieses Paar ist "scheinbar glücklich" bedeutet etwas ganz anderes als: "ist anscheinend glücklich".

Vermeiden Sie, wenn Sie es können, Modewörter aus der Hitlerzeit (oder auch schon etwas ältere) wie: Garant, Aggression, Sektor, Ausmaß, im Zuge, Einsatz, aufziehen, aufzeigen, absinken, ausrichten, gestalten, betreuen, erfassen, tragbar, restlos, einmalig, voll und ganz, seitens, hundertprozentig, zweifelsohne und noch ein paar Dutzend andere solcher Blüten einer bösen Zeit, die unsere Sprache nicht reicher und nicht schöner gemacht haben.

"Wer sucht in Eßlingen für seine Kinder, zur Haushaltshilfe oder Pflege eine selten zuverlässige, saubere junge Frau halbtägig? Angebote unter Nr. 495 an das Gemeindeblatt".

"Ja, ja: saubere jüngere Frauen sind selten zuverlässig, behauptet meine alte Haushälterin".

1956 ist Erich Schairer 68jährig gestorben. Er hatte an alles gedacht, selbst an den "Vorschuß für Nachruf". Mit den Gewinnen, die ihm die "Stuttgarter Zeitung" eingebracht hatte, gründete er noch ein Journalisten-Hilfswerk. Als er, todkrank, nicht mehr umhin konnte, eine der ihm verhaßten Kliniken aufzusuchen, soll er geflachst haben: "Wer sich in ein Krankenhaus begibt, der kommt drin um." Auch diesmal behielt er recht.