Baustein

"Zwischen Romantisierung und Rassismus"


Sinti und Roma
600 Jahre in Deutschland

als Bausteine ausgearbeitet

Hrsg: LpB, 1998



sinti.gif (8790 Byte)


Inhaltsverzeichnis 


 

Jacqueline Giere
Einleitung


Wenn ich mir überlege, was mir die Begriffe Sinti und Roma bedeuten, fällt mir einiges an Grundkenntnissen ein, die ich in den letzten Jahren erworben habe: Es handelt sich um eine Volksgruppe oder ein Volk mit verschiedenen Gruppen, eine ethnische Minderheit, ursprünglich aus Indien, heute in vielen Ländern der Welt lebend, mit einer gemeinsamen Sprache, Romanes, und unterschiedlich ausgeformten sozialen Strukturen, Formen des Familienverbandes und Sitten. Die deutschen Sinti leben hier seit etwa 600, die Roma seit etwa 150 Jahren. Die Bezeichnungen haben unterschiedliche Bedeutungen: Sinto verweist auf die Herkunft in Indien, Roma ist das Romanes-Wort für Mensch", Kalderash bezeichnet die Berufsgruppe der Kesselflicker, usw. Sinti und Roma sind zu Hunderttausenden unter dem Nationalsozialismus verfolgt und ermordet worden, in ihren Dörfern in Osteuropa, in Ghettos und Vernichtungslagern. Die deutschen Sinti sind meist, und das seit über hundert Jahren, ansässig; sie betrachten sich als Bürgerinnen und Bürger ihres Dorfes, ihrer Stadt, ihres Bundeslandes. (S. unter anderem das sehr informative Buch der auf tragische Weise umgekommenen Ethnologin Katrin Reemtsma: Sinti und Roma: Geschichte, Kultur, Gegenwart. München 1996)

In meinem Kopf sind aber auch andere Begriffe, die andere Bilder hervorrufen. In den USA ist es das Wort gypsy, in Spanien gitano, in Frankreich gitane und hier, in Deutschland Zigeuner - Begriffe, mit denen ich bestimmte Vorstellungen assoziiere: Lagerfeuer, andere Hautfarbe, Musik, Gefahr, Abenteuer, bettelnde Kinder und tanzende Frauen. Ja, es fällt mir zuweilen schwer, die Sinti und Roma, die ich kenne, mit den anderen Bildern in Einklang zu bringen. Der Professor für Anglistik an einer amerikanischen Universität mag wohl ein Roma sein ... aber ein gypsy? Ich denke darüber nicht nach, daß der rumänische Schriftsteller im PEN-Club ein Roma ist, ... aber ein Zigeuner? Die Gitarrenvirtuosen auf der südfranzösischen Bühne mit Paco de Lucia sind in meinen Augen selbstverständlich gitanes, das heißt für mich, Menschen, die mit Musik in den Adern geboren wurden, ... aber sehe ich sie denn als Roma oder Sinti? Die Planungsarbeit mit einem Sinto für ein Seminar wiederum erscheint mir selbstverständlich. Aber mit einem Zigeuner? Was sind diese Bilder, die sich in meinem Kopf einstellen, wenn ich die Bezeichnungen höre oder lese, die in der Sprache der Mehrheitsgesellschaft diese Volksgruppe benennen? Welche Funktion erfüllen diese Bilder, welche meiner Sehnsüchte, welche meiner Ängste verkörpern die Eigenschaften, die ich mit diesen Bildern assoziiere? Welche Vorurteilsstrukturen schlummern in mir, und woher kommen sie? Wie sprach man in der Familie, in der Nachbarschaft über Zigeuner", welche Erzählungen aus der Schulzeit prägten mein Denken, welche Definitionen suggerieren mir Zeitungen und Fernsehen? (Zum Thema Vorurteile und deren Funktion s. das Standardwerk Gordon W. Allport: Triebjagd auf Sündenböcke. Berlin, Bad Nauheim 1951 sowie, neueren Datums, Elisabeth Young-Bruehl: The Anatomy of Prejudices, Cambridge, Mass. 1996.)

Eine weitere Frage drängt sich mir auf: Wie finden sich die Sinti und Roma in diesen Vorstellungen zurecht, die die anderen von ihnen als Zigeunern" haben? Wie erklären sie ihren Kindern, warum so über sie geschrieben, erzählt, gemunkelt wird?

Wenn, wie eine Emnid-Insitut-Umfrage feststellte, 68 % der deutschen Bevölkerung neben einer Sinti- oder Roma-Familie nicht leben möchte - ein Prozentsatz, der weit über dem Grad an Ablehnung liegt, die gegenüber beispielsweise türkischen oder jüdischen Familien geäußert wird - dann liegt die Vermutung nahe, daß die Bilder in meinem Kopf, die Vorurteile, die Ängste, die ich bei mir feststelle, kein individuelles Phänomen darstellen, sondern vielen meiner Mitbürgern eigen sind. Mehr noch: Ich gehe davon aus, daß diese Bilder unbewußt und unreflektiert das Handeln und Denken der Mehrheitsgesellschaft beeinflußt. Ob eine Aufklärung, ob Fakten und Wissen imstande sind, tiefsitzende, uralte Zuordnungen zu beseitigen, ist nicht sicher. Vielleicht können sie jedoch erreichen, daß es einem unbehaglich wird, wenn sich die alten Bilder einstellen.

Zu Beginn dieses Heftes erzählt der Schriftsteller Michail Krausnick ein persönliches Erlebnis mit einer Schule und deren (angeblichem) Zigeunerproblem". Diese erste Geschichte umreißt die Situation in der Bundesrepublik mit ihren vielen Facetten und führt uns unser eigenes Defizit plastisch vor Augen. Die weiteren Beiträge geben der Hoffnung Ausdruck, diesem Defizit entgegenzuarbeiten.

Werner Heil stellt uns die Sinti und Roma an drei Beispielen aus ihrer kulturellen Tradition vor: das regionalbeeinflußte Handwerk, die komposite Musiktradition und Eigenbeiträge sowie die Erzählkultur in ihrer Bedeutung für die Geschichtstradierung und die familiäre Erziehung. Reinhold Lagrenes Geschichte von Chinto Mari schließt den ersten Beitrag mit einem Einblick in Sorgen und Hoffnungen, Licht und Not der Sinti und Roma" (S. 13).

Ein Ausschnitt aus dem Leben eines deutschen Sinto steht im Mittelpunkt des zweiten Beitrags von Michail Krausnick. Der Karlsruher Hermann W., Jahrgang 1925, berichtet von seinen Erfahrungen mit der rassistisch motivierten Verfolgung durch Nationalsozialisten. Krausnick ergänzt dessen Bericht durch weitere Informationen über rassebiologische" Untersuchungen, Deportationen, Arbeitslager, Massenerschießungen und Konzentrationslager.

Der Beitrag von Daniel Strauß zur Nachkriegsgeschichte der Sinti und Roma schließt unmittelbar an Hermann W.'s Bericht an. Er zeigt zunächst die personellen und Handlungskontinuitäten, die nach Mai 1945 in Bürgermeisterämtern, bei der Polizei und in der Wissenschaft zu finden sind und für viele Überlebenden bedeuteten, daß sie, statt Hilfe zu bekommen, oftmals kriminalisiert wurden. (Der Weg der `Rasseakten' nach 1945" im Anhang illustriert diese Fortsetzung beispielhaft.) Im zweiten Teil gibt Strauß einen Überblick über Entstehung und Arbeit der Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma, die seit 20 Jahren, langsam und mühselig, Erfolge in ihren Bemühungen um Anerkennung und öffentliche Wahrnehmung erzielt.

Wolfgang Wippermann geht der Entstehung des antiziganistischen Vorurteils in verschiedenen Epochen europäischer Geschichte nach. Er beschreibt die historischen, religiösen und vom Aberglauben getragenen Wurzeln in der frühen Neuzeit und die neuen Akzentsetzungen der Aufklärung mit ihren Bestrebungen nach bürgerlicher Verbesserung der Zigeuner" bis hin zu rassistischen Kategorisierungen aufgrund einer orientalischen Denkungsart" (S. 40). Im Anhang befinden sich zehn kurze Texte aus Literatur, Dokumentensammlungen und der Presse, die geschichtliche Formen des Vorurteils zwischen 1550 und 1996 belegen.

Eine besondere Ausprägung antiziganistischer Vorurteile ist nach den Recherchen von Franz Hamburger in den Medien zu finden. Seine Untersuchung von 944 Meldungen aus 12 Tageszeitungen im Zeitraum 1979-1991 bringt ein eindeutiges Ergebnis: Wird die Presse zum einen durch die Polizei instrumentalisiert, so ist sie zum anderen selbst bemüht, Sinti und Roma als Gruppe, nicht als Individuen zu betrachten, als eine Gruppe, die die wirtschaftlichen Interessen, die soziale Ordnung und die sozialen Normen der deutschen Gesellschaft angeblich bedroht. Der Beitrag schließt mit einem Vorschlag zur quellenkritischen Analyse von Zeitungsberichten.

Wilhelm Solms verfolgt die Entwicklung des Vorurteils, die jeweilige Situation der Zigeuner" sei ihrem Wesen entsprungen, von den ersten Darstellungen in Chroniken durch die Literatur-Genres hindurch: Barock, Romantik, Realismus und Nachkriegsliteratur. Er zeigt Zusammenhänge auf, die zwischen dem jeweiligen Zigeunerbild" und den jeweils aktuellen sozialen bzw. politischen Umständen bestehen. Er macht deutlich, inwieweit die Bilder" Projektionen sind, Darstellungen der Träume und Ängste der Autoren, nicht Beschreibungen tatsächlich existierender Sinti oder Roma. Darstellungen von Geschichte und Gegenwart der Sinti und Roma in Schulbüchern, so weist Egon Schweiger nach, zeichnen sich durch Nichtwahrnehmung oder Geringschätzung (Geschichte, Sozialkunde) bzw. durch entlastende Projektionen (Deutsch) aus, die den Anderen", den Zigeuner" entwerten und die eigenen Positionen rechtfertigen sollen. Schweiger analysiert eine solche Schulbuchgeschichte, um die Botschaften zwischen den Zeilen" exemplarisch herauszuarbeiten. Daraus zieht er Konsequenzen für die Bildungsarbeit und plädiert dafür, Materialien mit den Sinti und Roma zu entwicklen und die Schule zu einem Lernort zu machen, an dem Mehrheit und Minderheit sich wechselseitig anerkennen.

Die Handreichung schließt mit Katrin Reemtsmas Betrachtung ethnologischer Ansätze. Ein kurzer Rückblick auf diese Disziplin im Dritten Reich ermöglicht es, Kontinuitäten und Übergänge im Nachkriegsdeutschland zu erkennen. Neuere Ansätze der Tsiganologen, die die angebliche Stammesgesellschaft der Zigeuner" als mit der Industriegesellschaft unvereinbar darstellen, werden ebenso kritisch hinterfragt wie Untersuchungen, die ein Nomadenvolk gegen ein Wirtsvolk zu setzen versuchen. Reemtsma weist nach, wie sehr die Wissenschaft ihre Interpretationen ihren jeweiligen Zigeunerbildern" anpassen und belegt damit das anhaltend gestörte Verhältnis zwischen Sinti und Roma und der Wissenschaftswelt. Sie plädiert für einen Diskurs, um endlich über die Verhandlung des ewiggleichen `Zigeuners' hinaus[zu]kommen" (S. 68).

In diesem Sinne stellt die Handreichung den Versuch dar, uns Lehrkräften Fakten und Wissen an die Hand zu geben, mit denen wir zunächst unsere eigenen Kenntnisse, aber auch unsere eigene Einstellung überprüfen können. Der nächste Schritt wird es dann sein, diese Kenntnisse und die Auseinandersetzung mit den eigenen vorgefertigten Bildern den Schülerinnen und Schülern näher zu bringen.



Copyright ©   1998  LpB Baden-Württemberg   HOME

Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de