Baustein

"Zwischen Romantisierung und Rassismus"


Sinti und Roma
600 Jahre in Deutschland

als Bausteine ausgearbeitet

Hrsg: LpB, 1998



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Inhaltsverzeichnis 


 

Michail Krausnick
Null problemo


Regentag. Kein Schwein ruft an. Ganz Deutschland scheint Kreislaufprobleme zu haben.

Dann aber doch. Der Autor ist gefragt.

"Wir haben ein Zigeunerproblem."

Am Telefon eine engagierte Lehrerin. Wie immer. Eigentlich kennt er nur engagierte Lehrerinnen. Aufgeregte Stimme, nicht unsympathisch.

Sie sind doch Experte." Experte? Juden- und Zigeunerexperten gab es zuletzt bei den Nazis

Wie meinen Sie das?"

Naja, wegen der Vorurteile. Sie haben doch diese Bücher geschrieben." Ja und?"

Naja... wir haben jetzt aber ganz massiv welche." Was? Vorurteile?

... und Zigeuner. Direkt vor der Schule, in den Wiesen. Auf dem Landfahrerplatz. Ich weiß natürlich, daß man sie so nicht mehr nennen soll, neuerdings, eigentlich ..."

Richtig. Und dich nicht Dumpfbacke, Piefke oder Sauerkrautfresser ...

Aber, als was soll ich sie denn bezeichnen? Sinti? Roma? Sinti und Roma? Oder wie?"

Woher kommen sie denn? Vielleicht sind es ja gar keine ...

Doch doch, ich seh' doch ihre Wohnwagen und ..."

Also Holländer ..., seufzt der Autor in sich hinein. Oder Schausteller. Oder Campingfreunde. Nicht alles, was man wahrnimmt, darf man für wahr nehmen.

... und Wäscheleinen. Dunkle Augen, schwarze Haare."

Ohjeeh! Nichts täuscht mehr als das Sichtbare.

Deutsch sprechen sie jedenfalls nicht." Und das Problem?

Es ..., es gab da eine sehr unschöne Sache. Eine Art Raubüberfall!", platzt es aus ihr heraus. Das Opfer sei eine elfjährige Schülerin, die auf dem Weg zur Schule von zwei Zigeunern" ... Der Radweg gehe nun mal durch die Wiesen direkt am städtischen Landfahrerplatz" vorbei. Der eine Täter habe sie festgehalten und der andere ihr Fahrrad entwendet. Mit blutigen Knien und völlig verstört sei sie in die Schule geflüchtet. Der Rektor habe die Polizei eingeschaltet und eine Elternkonferenz einberufen. Der Radweg sei vorsorglich gesperrt worden. Einige Eltern wollten eine Bürgerpatroullie gründen, den Schulweg bewachen, die Kinder vor weiteren Überfällen schützen. Soweit, so gut, aber! - Sie sollten mal hören, was da manche Leute sagen. Entsetzlich! Zigeuner raus! Der Haß ... Wie bei den Nazis... die ganze braune Brühe, die da plötzlich wieder hochkommt! Wenn das so weitergeht, gibt es noch Mord und Totschlag."

Und da fühle sie sich jetzt eben persönlich gefordert. Als Religionslehrerin. Als Mensch. Denn letztendlich - so schlimm es auch sei - könne man dieses eine kriminelle Delikt doch nicht pauschal auf alle Zigeuner, pardon, auf alle Sinti und Roma, übertragen.

Richtig.", bestätigt der Autor. Niemals! Nie auf alle!" Und denkt, daß es trotz Holocaust auch Deutsche gab, die Opfer waren, die Widerstand leisteten, die emigrieren mußten. Aber, bitte, was soll ausgerechnet ich..."

Beruhigen, versachlichen! Wogen glätten!"

Aha, da geht's lang. Schriftsteller als moralische Endentsorger. Nein danke. Der Autor ist entschlossen, standhaft zu bleiben. Ich bin kein Politiker..."

Die Lehrerin aber läßt nicht locker: Den Anfängen wehren!" Habe er doch selbst gesagt. Bei einer Lesung im Jugendzentrum, die sie sehr beeindruckt habe. Kurz nach dem Anschlag in Oberwart, bei dem vier Roma von einer Bombe zerfetzt wurden.

Ja schon, damals, nur ..." versucht er sich rauszuwinden.

Erklären Sie unseren Schülern, wie das, gewesen ist. In der Nazizeit. Mit den Pogromen, dem Rassenhaß ... Wie das angefangen hat! Wohin das führt!"

Hilfslehrer also. Für versäumte Lektionen. Ich weiß nicht." murmelt er lustlos.

Doch die Lehrerin legt nach: Wir haben hier übrigens auch Skinheads! Sie haben angedroht, das ... das Lager zu stürmen und die ... die Zigeuner zu lynchen!"

Na schön, feige will er nicht sein. Der Autor verspricht, er wolle es sich überlegen und zurückrufen. Obwohl er nach wie vor das Gefühl hat, daß etwas faul ist.

Wenige Stunden später nimmt er die Einladung an. Halbherzig. Und eigentlich nur, weil er gern in jene Stadt fährt, in der er aufgewachsen und zur Schule gegangen ist. Nahezu jede Straße kennt er dort. Vom Zeitungsaustragen. Und der ersten Liebe. Lange her. Trotzdem ein bißchen ist es auch heute noch seine" Stadt.

***

Zwei Tage später sitzt er im Zug. ICE 572. Abendsonne. Hessisches Bergland. Wer, wie der Reisende, die Trasse nicht sieht, muß das für unberührte Natur halten. Und doch: nichts täuscht mehr als das Sichtbare.

Die Lehrerin hat ihm einige Zeitungsartikel durchgefaxt. Während der Fahrt schaut er sie durch. Stellt fest, daß sich auch die Bürger seiner Heimatstadt gern über bettelnde Romafrauen aufregen - und skrupellose Jounalisten kochen das auf. Saure Gurken, wie jedes Jahr im Sommerloch

Diesmal jedoch ist es ernster. Die beiden Tageszeitungen und die BILD-Zeitung schlagzeilen um die Wette: Dreister Überfall" / Auch das noch: Fahrraddiebe lauern Schulkindern auf!" / Raubüberfall auf 11jährige" / Bandenkriminalität auf Landfahrerplatz" / Radweg gesperrt!" / Bürgerzorn kocht!" / Polizei machtlos". Und dazu Stimmen die besorgter Eltern: Sind unsere Schüler nicht mehr sicher? Ist es schon soweit gekommen, daß unsere Kinder nicht mehr unbehelligt zur Schule fahren können?" / Wir lassen uns nicht terrorisieren!"

Der objektive Informationsgehalt beschränkt sich eigentlich nur auf die Tatsache, daß ein rosafarbenes Fahrrad sichergestellt wurde und gegen zwei Tatverdächtige ermittelt wird. Alles andere ist Hörensagen, Meinung, Angst, Aggression. Durchgedurcht und aufgekocht.

Er kennt das. Es widert ihn an.

Eigenartig nur, daß die Reporter das Blut vergessen haben. Das kleine Mädchen hatte doch aufgeschürfte Knie. Blutiger Raubüberfall!" wäre doch wesentlich stärker gewesen! Auflagensteigernd sogar ... Doch darauf haben die Redakteure ebenso verzichtet wie auf eine ethnische Kennzeichnung. Trotzdem geben sie eindeutige Hinweise, umschreiben die Täter als schwarzhaarige Reisende, als Landfahrer und Männer südländischer Herkunft". Und fügen - journalistische Sorgfaltspflicht vortäuschend - hinzu, daß der Landesverband Niedersächsischer Sinti und Roma bislang noch zu keiner Stellungnahme bereit gewesen sei. Während das Konkurrenzblatt einen optischen Zusammenhang herstellt. Eine (natürlich gestellte) Fotoserie zeigt eine hübsche junge und obendrein noch blonde Frau in der Fußgängerzone, offensichtlich bemüht, ein Softeis vor schwarzhaarigen Wuschelköpfen zu retten. Unterschrift: Roma-Kinder betteln immer aggressiver". Rassismus?

Der Autor bestellt einen Kaffee beim Wagenkellner und bedauert, daß er sich das Rauchen abgewöhnt hat. Vielleicht würde es ihm gut tun, seinen Ärger qualmen zu lassen.

Kassel-Wilhelmshöhe. Postmoderne Bahnhofsarchitektur. Postmoderne Zeiten. Auch in dieser Stadt wurde vor wenigen Tagen ein Asylbewerberheim überfallen und in Brand gesetzt. Wo nicht?

Was soll er bloß den Schülern erzählen? Wie ihre Herzen und Köpfe erreichen?

Das Leinetal. Kurz nach Göttingen.

Was ist aus diesem Land geworden? Dem schönen, so unerhört friedlichen Land, das da so elegant und nahezu geräuschlos am Wagenfenster vorbei gleitet. Ein Land, in dem es Tag für Tag üblicher wird, die Armen zu beleidigen, die Schwachen zu beschimpfen und auszugrenzen. Und in dem es mittlerweile offizielle Politik geworden ist, Hilfesuchende zu vertreiben, das Grundrecht auf Asyl zu verweigern. Schon lange werden Roma-Flüchtlinge aufgrund einer Sonderregelung mit der Rumänischen Regierung automatisch wieder dorthin zurückdeportiert, wo man ihnen die Häuser über den Köpfen anzündet. Kein Hahn kräht danach.

ICE 572. Erst jetzt fällt ihm auf, daß der Zug einen Namen hat: Hannah Arendt. Sie sei eine amerikanische Politikwissenschaftlerin deutscher Herkunft, bemerkt der Fahrplan. Mehr nicht.

Sein Blick fällt auf eine Werbebroschüre. Seniorenresidenz am Waldpark. Genießen Sie den Herbst ihres Lebens! Die Preise sind ebenso luxuriös wie die Ausstattung.

Noch nie wurde er zu einer Lesung in ein Altenheim eingeladen. Eigenartig. Wahrscheinlich liegt das an seinen wenig beschaulichen Themen. Natürlich. Die meisten würden so etwas ohnehin nicht hören wollen. Nach 50 Jahren müsse endlich einmal Schluß sein, müsse man doch endlich einmal vergessen können. Zum Beispiel die Geschichte von den 39 Schülern aus einem katholischen Kinderheim, die von ihrem Pfarrer, ihrer Lehrerin und den Ordensschwestern direkt an die SS ausgeliefert und in Auschwitz vergast wurden. Dabei wäre es nur eine von Hunderttausenden von Geschichten, die nie erzählt wurden. Geschichten von Kindern, die umgebracht wurden, nur, weil sie als Juden oder Zigeuner" auf die Welt kamen.

Den Enkeln aber wird er sie erzählen. Diese oder irgend eine andere Geschichte aus der Geschichte. Und vielleicht werden sie ihm zuhören ...

***

Als der Autor am nächsten Morgen das Lehrerzimmer betritt, begrüßt ihn die Lehrerin apfelkauend. Falscher Alarm. Alles halb so schlimm. War überhaupt kein Raubüberfall!"

Sturm im Wasserglas!", ergänzt der Rektor. Die Lesung ist trotzdem - in der Aula." Ob er angesichts der veränderten Sachlage nicht statt seiner Zigeunergeschichte irgend etwas anderes lesen wolle? Was Lustiges?

Nein!", erwidert der Autor. Er habe sich vorbereitet.

Na schön. Wenn Sie unbedingt wollen. Aber hören Sie bitte zehn Minuten früher auf! Wegen der Fahrschüler!"

Richtigstellung:

Die elfjährige Anke S. fuhr - wie eine erneute Befragung durch die Kripo ergeben hat - tatsächlich am 27.6. mit ihrem rosafarbenen Fahrrad zur Schule. Ihr Weg führte wie jeden Tag am Landfahrerplatz in den Leinewiesen vorbei. Wie so oft schaute sie gern zu den Wohnwagen hinüber. Alle in der Siedlung bezeichneten diese Menschen - im Gegensatz zu den Asylanten" aus den Containern - als Zigeuner".

An diesem Morgen sieht Anke zwei ältere Jungen, Rahim B. und Erol S., die zur Musik aus einem Cassettenrecorder eigenartige Verrenkungen machen. Breakdance. Halsbrecherisch schnell wirbeln die beiden über den Asphalt. Da der Weg einen Bogen um den Platz macht, kann Anke eine Zeitlang ihren akrobatischen Kunststücken zuschauen. Dabei übersieht sie einen Lehmklumpen. Anke stürzt, das Rad schlägt um, klemmt sie ein. Als sie sich aufrappeln will, spürt sie starke Schmerzen und kann kaum noch ihr Bein bewegen. Sie weint und wimmert. Durch die Tränen sieht sie plötzlich zwei Gestalten, die etwas Unverständliches miteinander besprechen. Die eine faßt ihr Fahrrad, die andere das Bein und versucht es zwischen Rahmen und Vorderrad herauszuziehen. Als Erol sie langsam aufrichten will, überkommt sie eine panische Angst. Nein, nicht!" jammert sie. Die beiden Jungen scheinen sie nicht zu verstehen, der eine holt ein Tempotaschentuch, legt es auf ihr blutig gekratztes Knie. Nicht, nein! Laßt mich!" schreit Anke verzweifelt, reißt sich los, stolpert, fällt hin, humpelt weiter, als ginge es um ihr Leben. Durch die Wiesen, der Schule zu. Erol und Rahim aber schauen ihr verdattert nach.

Nach einer Weile nimmt Rahim das rosafarbene Fahrrad, biegt den Kettenschutz zurecht und schiebt es über den Platz. Erst will er es an einen Baum stellen, doch in Sorge, daß andere Kinder es nehmen könnten, schiebt er es weiter zu dem blauen Blechcontainer, in dem sie wohnen. Das bringt ihm eine Anzeige wegen Fahrraddiebstahls ein.

Als Anke in der Schule mit Jodtinktur behandelt wird, fragt der Hausmeister. Und dein Rad?" - Die Zigeuner!" wimmert Anke, zitternd am ganzen Leibe. Jetzt haben sie auch noch mein Rad geklaut!"

***

Sehen Sie, allein durch diese Worte ...", sagt der Rektor nach dem Mittagessen und bietet dem Autor (vergeblich) ein Zigarillo an. Allein durch diesen Irrtum sei der Stein ins Rollen geraten. Eine unglückselige Verkettung von Mißverständnissen!" Wegen der Verdächtigungen habe er sich - auch im Namen des Gesamtelternbeirats - selbstverständlich entschuldigt und eine Geldspende an die Bosnienhilfe überwiesen.

Bosnienhilfe, wieso?", wundert sich der Autor.

Nun ja, über Rahim und Erol habe sie sich doch etwas genauer erkundigt, fügt die Lehrerin lächelnd hinzu. Sie gehörten überhaupt nicht in die Wohnwagen, sondern zu den Containerbewohnern. Bis zur Hinzuziehung einer Dolmetscherin hätten sie allerdings eine Nacht auf der Polizeiwache verbringen müssen. Wegen Flucht - und Verdunklungsgefahr ...

Ihre Familien seien vor dem wiedererweckten Nationalismus geflohen. Prächtige Menschen übrigens. Erols Vater beispielsweise verstehe sich mehr als Architekt denn als Serbe, und seine Mutter zunächst mal als Tanzlehrerin, als Frau und Christin, und dann erst als Kroatin. Im Gegensatz zu vielen anderen in ihrer Stadt seien sie nicht bereit gewesen, sich gegenseitig zu hassen oder gar umzubringen.

Und die Roma?" fragt der Autor.

Null problemo! Bestens!", lacht der Rektor. Die polizeiliche Überprüfung der Wohnwagenfahrer habe eindeutig ergeben, daß es sich weder um Roma, noch um Sinti, sondern lediglich um zwei belgische Familien gehandelt habe, die zum Jahrestreffen der evangelischen Zeltmission im Niedersachsenstadion angereist und wahrscheinlich längst schon wieder daheim seien. Sehn Sie, so hat ja nun doch noch alles sein gutes Ende gefunden!" sagt er abschließend und reicht dem Autor die Hand zum Abschied. Auch der Fahrradweg sei - auf eigene Gefahr - jetzt wieder für die Schüler der Geschwister-Scholl-Schule freigegeben.

***

Kein Zigeunerproblem". Eigentlich eine saublöde Story, denkt der Autor auf der Rückfahrt. Andererseits haben ihm die nachdenklichen Gesichter der Schülerinnen und Schüler verdammt gut gefallen. Erst waren sie ziemlich bestürzt und betroffen, stellten danach aber sehr engagierte und kluge Fragen. Vielleicht hat sie ja doch recht, die alte Sintezza, die ihn manchmal als Zeitzeugin in die Schulen begleitete. Wie so viele Sinti hatte sie fast alle ihre Angehörigen in den Konzentrationslagern verloren. Aber nicht den Glauben an das Gute im Menschen. Und fast immer beendete sie die Erzählung ihrer Leidensgeschichte mit den Worten. Von den Alten erwarten wir nicht viel. Aber ihr Jungen, ihr seid die Zukunft, ihr seid die Hoffnung, ihr werdet es besser machen!"

Postmoderne Zeiten. Kassel-Wilhelmshöhe. Postmoderner Bahnhof.

Es geht nicht ums Gestern, es geht um die Zukunft.

Da ärgert es ihn nun doch ein wenig, daß er vergessen hat, den Geschwister-Scholl-Schülern von Toja zu erzählen, einem sechzehnjährigen Sinti-Mädchen aus Karlsruhe. Vor einigen Monaten hatte sie sich mit einer Bitte an ihn gewandt. Wegen ihrer etwas dunkleren Hautpigmente (ihr Vater ist Nigerianer) habe sie persönlich zwar keine Probleme (außer daß sich ständig irgendwelche Typen unsterblich in sie verlieben würden), andererseits aber doch ein besonderes Interesse an den Menschenrechten. Daher habe sie sich der AG Asyl" an ihrem Gymnasium angeschlossen und dem Ethiklehrer vorgeschlagen, sämtliche rechtsradikalen Gewalttaten der letzten fünf Jahre aufzulisten. Als Thema für die Projekttage. Der Autor antwortete umgehend, daß er das großartig und sinnvoll fände, schickte einige Adressen und gute Wünsche. Toja aber steigerte sich immer mehr in ihre Idee hinein, recherchierte wochenlang in den Archiven, besorgte sich Zeitungen und Zeitschriften und richtete auf dem Computer ihres Vaters eine Datenbank ein. Als sie fertig war, kaufte sie bunte Stecknadeln und übertrug das Ergebnis auf eine große Deutschlandkarte. Ort für Ort steckte sie rote Nadeln für fremdenfeindliche Brandanschläge, gelbe für rassistische Überfälle und schwarze für die Schändungen jüdischer Friedhöfe. Das Ergebnis erschreckte sie ebenso wie den Autor: am Ende war Deutschland unter Hunderten von Stecknadelköpfen verschwunden. Eine Woche lang stand die Karte in der Pausenhalle. Daneben ein Computer und ein Printer, der auf Knopfdruck jeden Ort mit Postleitzahl und einer kurzen Schilderung des Überfalls ausdruckte.

Für die 74 Mordopfer, die bis zu jenem Tag feststellbar waren, hatte Toja zusätzlich jeweils ein grünes Efeublatt über die Nadeln gepinnt. Sie stammten vom Grab ihres Großvaters. Er war 1945 als einziger von seiner Familie aus Polen heimgekehrt. Weil er 14 Jahre alt war und noch kräftig genug aussah, hatte ihn ein SS-Arzt für die Arbeit in der Rüstungsproduktion aus der Reihe genommen. Während seine Eltern und Geschwister für immer in Auschwitz blieben.



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