Baustein

"Zwischen Romantisierung und Rassismus"


Sinti und Roma
600 Jahre in Deutschland

als Bausteine ausgearbeitet

Hrsg: LpB, 1998



sinti.gif (8790 Byte)


Inhaltsverzeichnis 


 

Reinhold Lagrene
Die Geschichte von Chinto Mari


Eine Erzählung der Sinti und Roma soll hier in voller Länge abgedruckt werden. Sie gibt mehr als jede Reflexion Einblick in Sorgen und Hoffnungen, Licht und Not der Sinti und Roma:

Vor langer Zeit wurde hierzulande ein Sintibub geboren. Die Eltern ließen ihn auf den Namen Marian taufen. Marian war ein lebhaftes Kind, das sich schon als Baby durch ständiges lautes Schreien und Herumgezappel und später, als Marian laufen konnte, sich auch noch durch wildes Herumtollen äußerte. Ja, mehr noch, als er ein Bub von etwa acht bis neun Jahren war, verstand Marian es schon, seine ganze Familie und auch die gesamte Verwandtschaft in der Umgebung in Aufregung und in Trab zu halten. Sah man ihn gerade noch vor dem Haus des Nachbarn mit den Kindern herumtollen, konnte man ihn im nächsten Augenblick schon wieder hinter dem Haus herumspringen sehen und im nächsten Moment schon wieder an anderer Stelle. Er allein war ungefähr so lebhaft wie fünf Kinder seines Alters, so hatte man zumindest den Eindruck. Ja, selbst der Herr Pfarrer des Ortes, der Marian getauft hatte, nannte ihn einmal scherzhaft Cinquemarian", was so viel wie Fünffacher Marian" bedeutete. Der Herr Pfarrer sah dies als einen ganz besonderen Segen Gottes an, daß Marian ein so lebendiges, lebensfrohes Kind war. Und aus dem vom Pfarrer einst scherzhaft genannten Cinquemarian" wurde Marian schon bald bei den Sinti Chintomari genannt. Unter diesem Namen kennen ihn wohl fast alle Sinti in Deutschland. Und so werden in vielen Sintifamilien Geschichten über ihn, Chintomari, erzählt, so zum Beispiel diese Geschichte:

Eines Tages kam Chintomari von einer seiner erlebnisreichen Aktionen nach Hause. Er war zusammen mit dem Vater und seinen Freunden auf dem Feld Kartoffeln ernten gewesen und hatte sich fürchterlich eingeschmiert. Sicherlich hätte er sich weniger schmutzig gemacht, hätte er wirklich nur Kartoffeln gelesen. Doch Chintomari war eben, wie wir alle wissen, ein Wirbelwind. Eben noch bei den Kartoffeln, dann schon in den Kartoffeln usw. Als er so nach Hause kam, verschlug es Chintomaris Mutter den Atem. Sie schlug die Hände vor ihrem Gesicht zusammen. Nein, so einen Schmutzfink hatte sie noch nicht gesehen: von Kopf bis Fuß voller Lehm verschmiert, die Kleidung, die Haare, das Gesicht, alles eine Pampe.

Chintomari wurde von seiner Mutter fürchterlich geschimpft; doch konnte die Mutter ihrem Kind nicht wirklich böse sein, denn unter all dem Schmutz blickten sie zwei glücklich strahlende Augen an. Aber im nächsten Moment schon blickten diese Augen entsetzt die Mutter an: Nachdem Chintomaris Mutter ihrem Sohnemann mitteilte, daß sie ihn jetzt besonders tüchtig abschrubben werde, wie sie es nannte. Chintomari graute es bei dem Gedanken. Denn für Chintomari gab es nichts Schlimmeres, als von der Mutter in den Bottich gesteckt zu werden. Verzweifelt versuchte Chintomari, dieser Prozedur zu entgehen. Doch vergeblich. Schon hatte ihn die Mutter entkleidet und - brrr! - in den Bottich voller kaltem Wasser gesteckt. Das war zuviel für Chintomari, und ehe die Mutter noch recht wußte, was geschah, sprang ihr Chintomari unter den Händen weg, splitterfasernackt, so, wie ihn Gott erschaffen hatte, geradewegs aus der Tür, die der Vater gerade beim Eintreten geöffnet hatte. Flutsch! Weg war er. Die Mutter war sprachlos, fing sich dennoch recht schnell wieder und stürzte ihrem Buben hinterher. Der Vater schüttelte nur den Kopf und meinte: Den wird der Hunger schon recht bald wieder zurückbringen. Dieser Schlingel!"

Unterdessen rannte Chintomari nackt die Straße entlang. Zum Glück begegnete ihm niemand, denn es war, wie schon gesagt, Kartoffelernte, und die meisten Leute waren beim Kartoffellesen. Chintomari bog an einer Straße ab und in diesem Moment hörte er auch schon die Mutter nahen, die ihn beim Namen rief und ihn aufforderte, stehenzubleiben und sofort nach Hause zurückzukehren. Aber dazu hatte Chintomari absolut keine Lust und rannte nun in ein großes, weit offen stehendes Hoftor. Oh weh! Die Mutter rief schon wieder und war ihm hartnäckig auf den Fersen. Wohin nur schnell? Wohin? Ach, da stehen ja Fässer im Hof und - schwupp - mit einem gewaltigen Satz sprang Chintomari in eines der Fässer, um sich vor der Mutter zu verstecken und vor dem, was ihn zu Hause erwartete, nämlich im alten Bottich der Mutter abgeschrubbt zu werden. Aber - oh Schreck! In dem Faß, in das Chintomari sprang, befand sich Pech, das der Bauer für irgendeinen Zweck gerichtet hatte. So ein Pech im wahrsten Sinne des Wortes! Ausgerechnet dieses Faß mußte er erwischen! Nichts wie raus aus diesem garstigen, klebrigen Zeug!

Chintomari stieg heraus aus dem Faß. Und schon wieder hörte er die Mutter, die ihm noch immer dicht auf den Fersen war, seinen Namen rufen. Verflixt! Die Mutter ist aber hartnäckig!" dachte sich Chintomari. Also, was soll's. Ab ins nächste Faß! Im schlimmsten Fall ist wieder Pech drin, und hopps! Weg war er wieder. Doch diesmal war kein Pech im Faß, sondern schöne, weiche Federn, die die Bauersleut' vor noch nicht allzu langer Zeit den Gänsen ausgezupft hatten. Ja, da saß er nun, geteert und gefedert. Das hatte er nun davon! So konnte er es erst recht nicht wagen, seinen Eltern, der Mutter vor allen Dingen, unter die Augen zu treten. Er mußte raus aus diesem engen Behältnis. Und erneut wagte es Chintomari und kroch aus dem Faß. Chintomari konnte aber gar nichts erkennen, denn das Pech und die Federn hatten ihm die Augen verklebt. Zudem hingen ihm auch noch die Haare ins Gesicht. Er wischte sich nun so gut er konnte, das Pech und die Federn von den Augen und drehte sich zu allem übel zwei Strähnen Haare auf dem Kopf zusammen. Nun hatte er zu seinem erschreckenden Aussehen auch noch zwei Hörner, eines links und eines rechts. Er sah nun wie der Leibhaftige aus. Armer Chintomari! Aber nun mußte er weg von hier, denn wenn ihn jetzt auch noch der Bauer erwischte, dann würde es ihm sicherlich noch viel schlechter ergehen.

Am besten, ich laufe zu meiner Tante", dachte sich Chintomari. Seine Tante wohnte zwei Kilometer weiter in der nächsten Ortschaft. Sie war die Schwester des Vaters. Sie wohnte dort mit ihrem Mann und den zwei Kindern. Aber so einfach, wie Chintomari sich das vorgestellt hatte, sollte es nicht werden. Denn kaum hatte er die Ortschaft verlassen, mußte er sich auch dort ständig in Deckung halten, denn er wollte den Leuten auf den Feldern nicht begegnen. Er war ja nackt und außerdem geteert und gefedert.

Es gelang ihm, den Menschen auf den Feldern unsichtbar zu bleiben, aber die Tiere, die Hunde vor allem, wurden ihm zum Verhängnis. Sie jagten ihn schließlich laut kläffend vor sich her bis vor die nächste Ortschaft. Da sah Chintomari einen Bauernhof auftauchen. Es war auch höchste Zeit, denn die Hundemeute machte ihm zu schaffen. Und so überlegte er nicht lange und sprang mit einem Satz in ein offenstehendes Fenster des Bauernhauses und landete klirrend und scheppernd mitten auf dem gedeckten Tisch der Bauersleute, die gerade beim Essen saßen. Welch ein Schreck! Den Bauersleuten fielen die Gabel und das Messer aus den Händen. Der Bissen blieb ihnen im Halse stecken. Mit weit aufgerissenen Augen starrten sie auf das Wesen, das da so plötzlich aus dem Nichts durch das Fenster auf ihrem Tisch gelandet war. Das mußte der Leibhaftige sein! Entsetzt wichen sie zurück. Aber auch Chintomari erschrak nicht schlecht, als er ausgerechnet auf dem Tisch der Leute landete, die zudem gerade am Tisch zum Essen saßen. Das gibt Ärger!" wußte Chintomari und aus lauter Angst vor dem Bauer machte er einen weiteren Satz vom Tisch auf die Kommode und von der Kommode mit einiger Anstrengung auf den alten Kleiderschrank. Da saß er nun und verkroch sich ganz nach hinten ins Eck, so gut es ging und verhielt sich ganz still. Der Bauer faßte etwas Mut und näherte sich vorsichtig, aber mit einem Besen bewaffnet, dem Kleiderschrank. Chintomari wiederum hatte Angst, vom Bauer verprügelt zu werden und in seiner Bedrängnis schleuderte er dem Bauer ein paar Schuhe entgegen, von denen sich nicht wenige auf dem Schrank befanden. Der arme Bauer ergriff daraufhin die Flucht. Unter Wehklagen und sich ständig bekreuzigend schickte er rasch einen seiner Knechte zum Pfarrer. Der Herr Pfarrer, der zunächst überrascht und ungläubig reagierte, ließ sich schließlich überreden, mit auf den Hof der Bauersleute zu gehen, um nach dem Rechten zu sehen. Immerhin! Dem Leibhaftigen war er noch nie persönlich begegnet, aber so recht glauben mochte er es doch nicht. Oder etwa doch?

Schon, als der Herr Pfarrer das Zimmer betrat, sträubten sich ihm die Haare. Es riecht penetrant nach Pech und Schwefel!" stellte der Herr Pfarrer mit Schrecken erregt fest. Vorsicht war geboten! Mit Bibel, Kreuz und Weihwasser bewaffnet, mit ständigem Aufsagen von das Böse bannenden Beschwörungsformeln näherte sich nun der Herr Pfarrer ganz vorsichtig dem Kleiderschrank, auf dem Chintomari noch immer angstgebannt saß. Als nun der Herr Pfarrer sich so weit dem Schrank genähert hatte, daß er es vermochte, mit Weihwasserspritzer auch auf den vermeintlich Bösen einige Spritzer anbringen zu können, faßte der Herr Pfarrer seinen ganzen Mut zusammen, denn immerhin, bis jetzt war ja alles ganz gut gelaufen. Nichts rührte sich. Mit einem beherzten Schritt nach vorne und einem Weiche, böser Geist!" spritzte der Herr Pfarrer Chintomari einige Spritzer Weihwasser ins Gesicht, ohne ihn jedoch zu sehen, denn Chintomari hatte sich ganz flach hinter einigen Stiefeln und Schuhen auf dem Schrank hingestreckt, fuhr aber nun, in die Enge getrieben, mit einem wilden Faucher hoch. Der dem Herrn Pfarrer so ansichtig gewordene, gehörnte Leibhaftige, Böse, ließ den armen Pfarrer vor Schreck und Entsetzen die Knie schlottern. Wie versteinert blieb er stehen. Die Stimme versagte. Er hatte noch nie so etwas Entsetzliches gesehen. Er meinte, geradezu zu verspüren, wie das Böse nach seiner armen Pfarrerseele griff, um sie mit sich zu reißen in die ewige Finsternis. Bibel und Weihwasser entfielen seinen Händen. Mit einem lauten Scheppern fiel das große eiserne Kruzifix um, das der Herr Pfarrer mit Mühe herangeschleppt hatte und das er mutig bis dahin an seiner Brust gelehnt hatte. Im selben Moment, vor lauter Angst und Schrecken, warf Chintomari dem Herrn Pfarrer einen großen Stiefel an den Kopf, der daraufhin aus seiner Erstarrung erwachte und wie von der Tarantel gestochen aus dem Zimmer stürzte, zudem ihn Chintomari ständig mit Schuhen und Stiefeln bepfefferte. Vor der Tür brach der Herr Pfarrer in die Knie zusammen. Er war am Ende. Solch eine Macht des Bösen hatte er nicht erwartet; er wußte nicht mehr weiter. Er war mit seinem Latein am Ende.

Den entsetzten Bauersleut' des Hofes konnte er nur noch raten, das Haus unter keinen Umständen zu betreten, denn hier gingen gar fürchterliche Dinge zu. Vielleicht war gar der ganze Hof für immer verloren. Er sehe nur noch eine Möglichkeit, den Hof von dem bösen Geist zu retten, wenn er den Herrn Bischof unterrichtet und ihn darum bittet, hier selbst zu wirken. Mit einigen Blessuren und weichen Knien verabschiedete sich schleunigst der Herr Pfarrer.

Inzwischen hatte es sich im Ort herumgesprochen, daß sich beim Moosbauer der Leibhaftige eingenistet hatte. Und so gelang die Nachricht schon kurze Zeit später auch zu den Eltern von Chintomari, die inzwischen bei der Tante von Chintomari im Nachbarsort angelangt waren und sich um ihren Sohn sorgten. Mittlerweile wurde es schon dunkel, aber dennoch machten sich die Eltern sogleich auf den Weg zum Moosbauerhof.

Als sie den Moosbauerhof erreichten, konnten sie schon aus einiger Entfernung Leute, die zwar leise, aber dennoch aufgeregt und ratlos miteinander diskutierten, erkennen. Chintomaris Eltern traten zu den Leuten, die sich zumeist bedauernd um die Bauersleute gruppiert hatten. Es gab auch einige, die schadenfroh waren, es wäre die gerechte Strafe Gottes", sagte man doch dem Moosbauer übermäßige Habgier und Geiz nach. Einige der Leute meinten schließlich, man müßte das ganze Anwesen anzünden und verbrennen, das Feuer hätte reinigende Kraft, dagegen wäre wohl auch der Leibhaftige machtlos. Als die Moosbauersleut' dies hörten, fingen sie erneut an, ganz erbärmlich zu jammern und zu wehklagen. Ja, der Moosbauer bedauerte sogar aufrichtig, daß er solch ein undankbarer Mensch gewesen war, hatte es doch Gottes Schöpfung bisher so gut mit ihm gemeint, all seine Speichern und Kammern waren randvoll mit all den göttlichen Gaben. Es fehlte ihnen an nichts. Gerne hätte er demjenigen, der seinen Hof von dem Übel befreite, einen ganzen Wagen voller Speisen und Trank gegeben. Auch an einem guten Batzen Bares sollte es nicht gefehlt haben. Chintomaris Mutter erschrak sehr, als sie hörte, man solle doch das ganze Anwesen niederbrennen, hatte sie doch das sichere Gefühl, daß nicht der Leibhaftige, sondern ihr Sohn Chintomari das ganze Durcheinander verursacht hatte.

Chintomaris Taucher in Pech und Federn war der Mutter nicht entgangen. Sie konnte sich gut vorstellen, wie ihr Sohn nun aussehen mußte. Sicherlich war es kein erfreuliches Aussehen. Sie mußte es einfach wagen, in das Haus des Bauern zu gehen, um ihren Sohn, der sich wohl noch immer im Haus des Bauern befand, vor dem sicheren Tod zu bewahren.

Sie trat zum Bauern - einen ganzen Wagen voller Speisen und Trank, dazu noch einen Batzen Bares könne sie allemal gut gebrauchen - und schlug dem Bauern vor, daß man sie es doch versuchen lassen sollte, den Hof vom bösen Geist zu befreien, denn sie wußte noch einen uralten Beschwörungsspruch, den ihre Urgroßmutter einst auf einer Pilgerfahrt nach Rom vom Heiligen Vater, dem Papst selbst, genannt bekommen habe (was natürlich nicht stimmte, aber aus Angst um ihren Sohn sah sie keine andere Möglichkeit, als dies zu behaupten, um in das Haus zu gelangen). Die Leute verstummten, ja sie erschraken geradezu, als sie das hörten. Es gab also wirklich jemanden, der es wagte, dieses Haus, in dem sich der Leibhaftige selbst eingenistet hatte, zu betreten. Hatte doch vor kurzem noch der Herr Pfarrer davor gewarnt, dieses Haus unter keinen Umständen zu betreten, denn hier würden gar fürchterliche Dinge vor sich gehen. Dem Bauer war es recht. Ihm war es egal, wer so dumm war, dieses Haus zu betreten. Hauptsache, es gelang demjenigen, sein Haus und Hof von dem Übel zu befreien.

Und so schritt nun Chintomaris Mutter mit bangem Herzen in Richtung Bauernhaus. Auch sie hatte Angst. Was, wenn sie sich nun trotz allem getäuscht hatte und es war nicht Chintomari, der sich im Haus des Bauern befand, was war es dann sonst? Als Chintomaris Mutter kurz vor dem Haus angelangt war, hob sie beschwörend die Arme und begann laut auf Romanes zu sprechen mit der Hoffnung, daß sich Chintomari im Haus befand und er sie hören konnte. Sie teilte ihm mit, in welch großer Gefahr er sich befände und daß man erwogen habe, den ganzen Hof niederzubrennen mit allem Drum und Dran oder aber beherzte Bürger des Ortes würden mit Hunden und Knüppeln bewaffnet das Haus stürmen und ihn dann aus lauter Angst sicherlich zu Tode prügeln. Er solle ihr doch ein Zeichen geben, wenn er sie verstanden habe, sie käme jetzt ins Haus.


Chintomari hatte seine Mutter sehr gut verstanden. Ihm wurde bewußt, in welch einer brenzligen Situation er sich tatsächlich befand. Zudem hatte er auch noch fürchterlichen Hunger und Durst. Er war müde und fühlte sich ganz miserabel. Da konnte Chintomari nicht mehr anders; er fing ganz erbärmlich an zu heulen. Er plärrte so laut, daß es auch alle herumstehenden Leute hörten, die entsetzt zurückwichen und sich bekreuzigten, während Chintomaris Mutter, die ihren Sohn an seinem Heulen und Plärren erkannte, erleichtert und glücklich darüber, ihren Sohn endlich gefunden zu haben, nun mit festem Schritt und energisch erhobenem Kopf laut murmelnd ins Haus trat, wo ihr auch schon Chintomari weinend entgegenkam. Chintomaris Mutter stockte der Atem, als sie ihrem Sohn ansichtig wurde. Kein Wunder, daß die Bauersleut' und der Herr Pfarrer Reißaus nahmen. Chintomari sah wirklich zum Fürchten aus. Der Mutter aber tat ihr Sohn von Herzen leid, denn das war doch zuviel für ihn gewesen. Aus einem Dummejungenstreich war nun plötzlich eine so ernste bedrohliche Sache für die Beteiligten und Betroffenen geworden. Für Chintomari würde es sicherlich für die Zukunft eine Lehre sein, die er erfahren hatte.

Der Vater von Chintomari hatte sich derweil zurückgehalten. Natürlich machte auch er sich Sorgen über den Verbleib seines Sohnes, daß die Dinge jedoch diesen Verlauf nehmen würden, hätte er nie gedacht. Nachdem er mit der Mutter zu der Schwester gelaufen war und sie auch dort ihren Sohn nicht antrafen, war die Nachricht über die Ereignisse auf dem Moosbauerhof auch für den Vater noch die eheste Möglichkeit, dort seinen Sohn anzutreffen. Als er nun sah, daß die Mutter das Haus betrat und er danach auch das Heulen und Plärren hörte, wußte er, was er zu tun hatte. Hätten die Bürger gewußt, daß es nur Chintomari, der kleine Junge der Sinti-Familie, war, würde man sicherlich darüber gelacht haben, aber der Moosbauer und noch einige andere Leute würden nicht darüber lachen können, denn sie wären zum Gespött der Leute geworden. Für Chintomaris Eltern hätte es böse Folgen gehabt.

Und so begab sich der Vater unauffällig zur Rückseite des Hauses und nahm dort seinen schluchzenden Buben in Empfang. Hose, Hemd und Kapuze waren schnell übergezogen und schon sah Chintomari wieder wie ein richtiger Mensch aus. Unbemerkt und unerkannt von allen herumstehenden Leuten spazierte der Vater mit Chintomari geradewegs durch die Menge hindurch und machte sich mit seinem Sohn schleunigst auf den Heimweg. Die Mutter unterdessen trat nun wieder aus dem Haus. Allerdings hatte sie zuvor noch für einen rechten Lärm im Haus gesorgt. Sie rückte Stühle, Tische und Kommode, zerschlug einige Teller und Tassen und auch ein Fenster, aus dem sie das Böse" gejagt hatte, wie sie später den Leuten berichtete. Mit rußverschmiertem Gesicht und zerzausten Haaren machte sie sich ebenfalls rasch auf den Heimweg. Als sie die Leute passierte, wichen diese angstvoll vor ihr zurück.

Am nächsten Morgen fuhr ein Wagen, von zwei Pferden gezogen, vor das Haus der Eltern Chintomaris. Zwei Knechte des Moosbauern entluden wortlos, ja schon eher angstvoll, die sich darauf befindlichen Lebensmittel. Auch den Batzen Bares übergaben sie den Eltern ohne Wort und ohne Dank des Bauern. Alle Bürger der näheren Umgebung wichen nun der Familie aus. Man sagte ihnen nach, sie stünden mit dem Bösen im Bunde. Daraufhin zog die ganze Familie mit Verwandtschaft weit fort, wohin ist nicht bekannt.


1 Reinhold Lagrene: Mündliche Erzählkunst als Volkskultur - Betrachtungen aus der Innensicht. In: Solms/Strauß (Hg.): Zigeunerbilder" in der deutschsprachigen Literatur. Heidelberg 1995, S.103-110.



Copyright ©   1998  LpB Baden-Württemberg   HOME

Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de