Baustein

"Zwischen Romantisierung und Rassismus"


Sinti und Roma
600 Jahre in Deutschland

als Bausteine ausgearbeitet

Hrsg: LpB, 1998



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Inhaltsverzeichnis 


 

Franz Hamburger
Antiziganismus in den Medien von heute


In der Süddeutschen Zeitung vom 26./27.10.1996 war der im Anhang zu diesem Beitrag abgedruckte Bericht zu finden. Er enthält fast alle der heute in den Medien und im Alltagsbewußtsein enthaltenen Stereotypen über Zigeuner". Ihre Lebensumstände und Fähigkeiten erscheinen darin auf der einen Seite als sagenhaft, unwirklich, von Zauber umgeben und von exotischem Reiz. Auf der anderen Seite werden ihre Handlungen als raffiniert, verwerflich und durchtrieben und mit einer schier unbegrenzten kriminellen Energie versehen dargestellt. Die Wahrnehmung von Roma und Sinti, die in diesem Zigeunerbild konstruiert werden, wurde schon immer von diesen beiden Stereotypen bestimmt. Sie erhalten immer wieder ein unterschiedliches Mischungsverhältnis zwischen Exotismus und Haß. Auch gibt es medientypische Ausprägungen in Film und Fernsehen, Literatur und Zeitung, Musik und Rundfunk. In unserer Welt haben die Zigeuner" - d.h. das Bild, das wir uns von ihnen machen - einen festen Platz.

In der Gegenwart gibt es zwei Aufgaben in diesem Zusammenhang. Zunächst geht es nach wie vor darum, den staatlich organisierten Massenmord an 500.000 Sinti und Roma im Holocaust in Erinnerung zu bringen und in Erinnerung zu halten. Zum anderen geht es darum, die alltägliche Konstruktion des Bildes von Sinti und Roma zu bearbeiten, ihre Mechanismen bewußt werden zu lassen und Formen einer historisch belehrten Normalität zu entwickeln. Dazu gehört die Untersuchung der Mediendarstellung.

1. Die Berichterstattung der Tagespresse über Sinti und Roma

In einer Untersuchung über das Bild von Sinti und Roma in der Lokalpresse wurde die Berichterstattung in 12 Tageszeitungen mit einem Gesamtumfang von 34 Jahrgängen analysiert. Der Untersuchungszeitraum reicht von 1979 bis 1991, wobei er sehr unterschiedlich für die vier Untersuchungsregionen (Dortmund, Köln, Mainz/Wiesbaden und Darmstadt) ausgeprägt war. Ein Teil des Untersuchungsmaterials sollte aus einem Zeitraum ohne besondere Vorkommnisse", ein anderer aus Phasen kommunaler Konflikte mit Roma gewählt werden. Insgesamt liegen aus dieser Untersuchung 944 Meldungen und Berichte vor, deren Auswertung das folgende Bild ergibt:

In knapp 50 % aller Berichte ist vorrangig oder ausschließlich von Kriminalität die Rede. Dieses Ergebnis ist insofern verzerrt, als eine Fallstudie mit mehr als der Hälfte aller Berichte einen starken kommunalen Konflikt um Unterbringungsprobleme zum zentralen Inhalt hat; entsprechend werden dort 48,5 % aller Berichte unter sozialer Konflikt" codiert. In den anderen Fallstudien rangiert das Thema Kriminalität mit 64 - 80 % an einsamer Spitze. Betrachtet man genauer die Themenschwerpunkte, dann gibt es eine Reihenfolge von Kriminalität (wie vor allem Einbruch, Diebstahl) 47,1 %, dann Wohnprobleme 16,0 %, soziale Konflikte" mit 14,5 %, Lösungen" für das Roma-Problem 7,4 % und Probleme des Aufenthaltsstatus 5,2 % - wobei es bei den vorgeschlagenen Lösungen" überwiegend um ihre faktische Vertreibung geht. Roma werden insbesondere gemeinsam mit Akteuren der sozialen Kontrolle (Polizei 50,8 %, Justiz 22,6 %, Verwaltungsbehörden wie Ordnungsamt 40,3 %) genannt - auch in dieser Hinsicht erscheinen sie in erster Linie als ein Problem der öffentlichen Ordnung. Als Gegengewicht erscheinen auch Gruppen, die die Interessen der Sinti und Roma vertreten, in 31,3 %. Dabei dominieren die Wohlfahrtsverbände (17,3%) noch vor den Selbstorganisationen (14,9 %). Soweit über die Haltung der Bevölkerung berichtet wird, ist sie ablehnend gegenüber Roma (58,9 %).

Über Roma wird lediglich in 18,0 % aller Pressemeldungen ohne jeden Bezug zu Straftaten berichtet. In 57,4% der Zeitungsartikel werden sie als Täter und in 26,5 % im Zusammenhang mit Tätern thematisiert, als Wiederholungstäter werden sie in 30,2 % der Meldungen gekennzeichnet. Die Berichterstattung über Roma und Sinti ist demnach hauptsächlich eine Berichterstattung über Delinquenten". Presseartikel über Roma berichten fast nie über Einzelpersonen. In den Meldungen, in denen Personen erwähnt werden (n = 895), wird in 96,8 % von mehreren Personen gesprochen. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, daß die jeweiligen kollektiven Akteure in 77,1 % der Fälle durch ethnische und in 44 % durch familiäre Beziehungen charakterisiert werden.

Faßt man diese Daten, die einerseits ein oberflächliches Bild der Zeitungsberichterstattung zeichnen, andererseits aber recht genau die thematische Struktur abbilden, zusammen, ergibt sich: Sinti und Roma werden fast ausschließlich im Zusammenhang mit Kriminalität und sozialen Konflikten thematisiert, sie sind ein Problem der öffentlichen Ordnung und erscheinen als ein kollektiver Akteur auf der Grundlage biologisch fundierter Zusammengehörigkeit.

Die lokale Berichterstattung beruht zu einem erheblichen Teil auf Presseerklärungen der Polizei: Diese thematisiert recht stereotyp Eigentumsdelikte, wobei der Seriencharakter und die organisierte Form der Kriminalität hervorgehoben werden. Delikt und Tatausführung werden stark typisiert. Die mutmaßlichen Täter" sind in allen Fallstudien als Roma zu identifizieren. Während in der Mehrzahl der Polizeipressemeldungen aus Dortmund durch die Bezeichnung Landfahrer" eine direkte Zuordnung tatverdächtiger Personen zu Roma stattfindet, werden ethnische Benennungen in den übrigen Fallstudien sparsam verwendet. Dies bedeutet aber nicht, daß darauf verzichtet wird, tatverdächtige Personen als Roma auszuweisen. Vielmehr tritt eine verdeckte ethnische Kennzeichnung über situationsspezifische Merkmale oder Charakteristika des Aussehens, der Kleidung und des Verhaltens an die Stelle einer offenen ethnischen Benennung. Auch die spezifische Darstellung der Taten hat eine identifizierende Funktion, da durch die Nennung übereinstimmender bzw. typischer Merkmale eine Verbindung zwischen den Taten und den mutmaßlichen Täter" hergestellt und so das Täterbild" wechselseitig ergänzt werden kann. Die Intentionen der polizeilichen Pressearbeit beziehen sich durchweg auf die aktive Beteiligung der Bevölkerung an der polizeilichen Fahndung und Observierung verdächtiger Personengruppen. Die Lokalpresse übernimmt Inhalt und Intention der Polizeiveröffentlichungen.

Ebenso wie in den zugrundeliegenden Polizeimitteilungen werden Roma in den Presseberichten zu professionellen Kriminellen" stigmatisiert und als potentielle Tätergruppen" ausgewiesen. Dies erfolgt durch die direkte und indirekte ethnische Kennzeichnung tatverdächtiger Personen sowie deren negative Charakterisierung und moralische Diskreditierung über Angaben zu zurückliegenden Tatvorwürfen, der polarisierten Beschreibung der Opfer und der Darstellung des Tatverhaltens als organisiert, professionell und trickreich. Über die Tatzuweisung im Einzelfall hinaus findet durch die Typisierung der dargestellten Delikte (insbesondere Wohnungseinbrüche und Trickdiebstähle) sowie deren inhaltliche und sprachliche Verknüpfung zu einer Serie eine pauschale Zuordnung der Taten zu der Gruppe der Roma statt. Mit der medialen Präsentation der polizeilichen Intentionen wird nicht nur das übergeordnete polizeiliche Interesse, Roma als potentielle Tätergruppen" zu identifizieren und die Bevölkerung zu einer erhöhten Aufmerksamkeit und Anzeigebereitschaft gegenüber Angehörigen dieser Gruppen zu motivieren, verfolgt, sondern auch der Strafverfolgungsbehörde zur Durchsetzung spezifischer Anliegen wie der geschlossenen Unterbringung tatverdächtigter Roma-Kinder verholfen.

Die Presse wird insgesamt nicht nur von der Polizei instrumentalisiert, aus ihren eigenen Strukturbedingungen resultieren Textmerkmale wie Hervorhebung von Negativität, Personalisierung und Dramatisierung. Die qualitative Analyse der Presseberichterstattung über Sinti und Roma kann über die beschriebenen Inhalte hinaus Darstellungsstrategien herausarbeiten, die die Zuschreibung von prinzipieller Andersartigkeit, Kriminalisierung und die Konstruktion einer generellen Bedrohlichkeit zum Ergebnis haben.

Roma werden als Gruppe gekennzeichnet, die ethnisch bestimmt ist. Dies zeigen sowohl die Verwendung der Benennungen, wie auch die Kriterien, mit denen sie als anders" als die Deutschen" beschrieben werden. Der auffällige Befund der Untersuchung, daß die familiäre und sozialorganisatorische Zusammengehörigkeit nach traditionalen Kriterien von Roma in hohem Maße als Merkmal für die Kennzeichnung der Gruppe verwendet wird, verlangt eine qualitativ erweiterte Beurteilung des Pressediskurses. Wird davon ausgegangen, daß im familiären Kontext das Sein" des Menschen konstituiert wird, dann wird die Bedeutung, die den biologischen und verwandtschaftlichen Determinanten für die Bestimmung einer sozialen Gruppe beigemessen wird, zum zentralen Aspekt, der der Wesensbestimmung" dient.

Zwei Aspekte der Berichterstattung sind bemerkenswert: Zum einen werden Roma in verschiedenen Kontexten immer wieder mit Merkmalen ihrer Kultur bzw. den sich daraus ergebenden Verhaltensweisen beschrieben. Dies läßt sich z.B. anhand der Thematisierung ihrer sozialen Ausgrenzung nachvollziehen. Obwohl die Diskurse soziale Benachteiligungen behandeln, werden gleichzeitig Eigenarten" von Roma benannt, die nicht als das Ergebnis wechselseitiger Prozesse mit der dominanten Bevölkerung beschrieben sind, sondern allein ihrem Wesen", ihrer Tradition" entspringen. Dies ist der Fall, wenn z.B. ausgesagt wird, daß eine Eingliederung von Sinti in die Arbeitswelt schwierig" ist, wenn sie doch von Generation zu Generation den Traum" vom Umherziehen" und Handeln" weitergeben oder sowohl Sprachschwierigkeiten als auch die Mentalität" von Roma-Kindern den Schulbesuch erschweren. Der zweite Aspekt besteht darin, daß die als anders" definierten Roma in der überwiegenden Anzahl der Berichte negativ beurteilt werden. In je über 40 % der Meldungen wird das Handeln von Roma und Sinti als instrumentell gefährlich" und moralisch verwerflich" beurteilt.

Wird die Bedrohlichkeit durch Roma in den Berichten über Kriminalität unmittelbar thematisiert, so wird sie auch in anderen Pressemeldungen erzeugt, und zwar auch dort, wo positiv berichtet werden soll. Dabei können drei grundlegende Ebenen unterschieden werden:

1. Die Bedrohung ökonomischer Interessen

Unter diese Kategorie fallen solche Darstellungen, die die Anwesenheit von Roma unter dem Aspekt der finanziellen Belastung thematisieren. Unterschieden werden können hierbei zum einen Meldungen, die das Leben von Roma auf Kosten oder auch unter Ausnutzung des Wohlfahrtsstaates behandeln und solchen, die eine mögliche Integration (z. B. Schule, Wohnen) im Zusammenhang mit dem hohen Kostenaufwand darstellen.

2. Die Bedrohung der sozialen Ordnung

In diese Kategorie sind Meldungen eingeordnet, die Formen der Devianz von Roma gegen rechtliche Prinzipien und formale Ordnungen der Gesellschaft darstellen. Hierunter sind insbesondere die Berichte, die Roma kriminalisieren, zu fassen, aber auch solche, die ihnen relevante Abweichungen von Verhaltensstandards im Hinblick auf die normative Gesellschaftsordnung zuschreiben. Unter diese Darstellungen fallen insbesondere Meldungen, nach denen Roma die Lücken des rechtlichen und sozialen Systems ausnutzen", um strategisch" ihre Interessen durchzusetzen. Besonderheiten des Verhaltens werden durchweg als strategisches Handeln dargestellt.

3. Die Bedrohung der sozialen Normen

Unter diese Kategorie fallen Zeitungsartikel, die eine kulturelle Andersartigkeit" von Roma unter dem Leitmotiv sie passen sich nicht an" thematisieren. Diese Meldungen stellen das Verhalten von Roma als Störung der deutschen" Lebensgewohnheiten dar und thematisieren häufig Inhalte wie Roma sind schmutzig", Roma machen zu viel Krach" oder Sie verändern die nachbarliche Gemeinschaft negativ". Es handelt sich hierbei um die Bedrohung von Normen, die für das Selbstverständnis der Gesellschaft (Kollektiv-Ideal"), nicht aber unbedingt für ihre Wirklichkeit von Bedeutung sind.


2. Möglichkeiten der Pressearbeit

Eines der wichtigen Ergebnisse der hier zusammengefaßten Studie ist der Sachverhalt, daß die staatliche Institution Polizei" die Presse mit Informationen über Sinti und Roma versorgt. Eine staatliche Instanz verbreitet also Vermutungen und Verdächtigungen und bringt sie explizit oder implizit in Verbindung mit einem ethnischen oder funktional äquivalenten Merkmal. Weil solche Darstellungen geeignet sind, die Gesamtheit aller Sinti und Roma zu diskreditieren, sind sie grundgesetzwidrig. Gleichzeitig ist jedoch der eigenständige Anteil der Presse selbst an der Entstehung eines diskreditierenden Zigeuner"-Bildes festzuhalten. Aus diesem Grund kämpfen die Selbstorganisationen der Sinti und Roma immer an zwei Fronten: sie setzen sich mit der Presse und der Polizei bzw. den sie politisch steuernden Innenministerien auseinander. Aber auch für jeden Leser und jede Leserin einer Zeitung (bzw. Konsumenten von anderen Medien) gibt es die Möglichkeit, sich mit den Berichten über Roma und Sinti in den Medien auseinanderzusetzen.

Sicherlich sind in den letzten Jahren neben die traditionellen Diskriminierungsberichte auch andere Informationen getreten, beispielsweise über die Verfolgung im Nationalsozialismus, über die Tätigkeit der Selbstorganisationen und die Perspektiven von Sinti und Roma selbst. Dennoch gibt es immer noch viel zuviel Sensationsberichterstattung und Stimmungsmache.

Grundlage für eine kritische Auseinandersetzung ist dabei die Analyse der Berichte. Sie kann sich beziehen auf die dargestellten Akteure und ihre Handlungen, auf die den Handlungen und Personen zugeschriebenen Qualitäten, auf die vorgenommenen Typisierungen und Hervorhebungen. In einem zweiten Schritt sollten die Quellen für Informationen kritisch analysiert werden, ihre Zuverlässigkeit und ihre Begrenztheit. In dem abgedruckten Bericht ist es beispielsweise interessant zu prüfen, welche Informationen von wem kommen (können) und welche Informationsqualität sich daraus ergibt. In einem dritten Schritt kann man fragen, welches Bild in einem bestimmten Bericht erzeugt wird und auf welches Bild beim potentiellen Empfänger der Nachricht" es zutrifft. Wer eine solche Analyse durchgeführt hat, wird auch in der Lage sein, sich kritisch mit den Akteuren in den Medien (Leserbrief, Redaktionsgespräch, Anfrage bei der Polizei) auseinanderzusetzen.

Die methodische Grenze einer Medienanalyse muß dabei beachtet werden: Es geht nicht um den Nachweis, daß eine Nachricht falsch sei oder das berichtete Ereignis nicht stattgefunden habe oder übertrieben", dramatisierend dargestellt werde. Vielmehr geht es um die eigenständige Konstruktion einer Realität in den Medien, die sich als scheinbar sicheres Wissen mit den Konstruktionen in den Köpfen der Mediennutzer verbünden und die Form eines antiziganistischen Syndroms angenommen hat.


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