Geschichte der Ukraine

Kiewer Rus um 1000 n. Chr. Karte: Ras67. Wikimedia Commons. CC-BY-SA-3.0.
Kiewer Rus um 1000 n. Chr. Karte: Ras67. Wikimedia Commons. CC-BY-SA-3.0.

Wie Russland und Weißrussland versteht sich die Ukraine als Nachfolgestaat des historischen Reiches der Kiewer Rus. Dieses Reich vereinigte die Ostslawen von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer und zerfiel nach der Invasion der Mongolen im 13. Jahrhundert in mehrere Teilfürstentümer. Im 14. Jahrhundert kam der Großteil des ukrainischen Territoriums unter die litauisch-polnische Oberherrschaft. 1569 wurde das Gebiet Teil des Königreichs Polen.

Im Widerstand gegen die polnische Herrschaft haben sich die so genannten Kosaken besonders hervorgetan. Sie lebten in freien Gemeinschaften an verschiedenen Orten der Steppe und waren für ihre schlagkräftigen Reiterverbände bekannt. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gelang es einem ihrer Anführer, dem Hetman Bohdan Chmelnyckyj, ein autonomes ukrainisches Staatswesen gegen die polnischen Herrschaftsansprüche zu etablieren, das einige Jahrzehnte existierte. Noch im selben Jahrhundert unterstellte sich jedoch die Osthälfte der Ukraine der russischen Zarenherrschaft. Die vom Zaren gewährte sehr weitgehende Autonomie wurde schrittweise aufgehoben.

Im Verlauf der drei Teilungen  Polens (1772, 1793, 1795) wurde auch das restliche Territorium zwischen Russland und Österreich aufgeteilt. Während die ukrainische Sprache und Kultur im Zarenreich mehr und mehr einer massiven Russifizierung ausgesetzt war, konnte sie sich unter habsburgischer Herrschaft frei entfalten. Von dort, von den "Ruthenen", gingen im 19. Jahrhundert starke Impulse einer nationalen Wiedergeburt des ukrainischen Volkes aus. Nach dem politischen Umbruch in Russland (1917) und der Gründung der Sowjetunion (1922) wurde die Ukraine als Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik Teil der UdSSR.

Die Nachkriegszeit war in der Ukraine vom Wiederaufbau und starker Industrialisierung gekennzeichnet. In Folge des Zweiten Weltkriegs kam es auf dem Gebiet der Ukraine zu großen Bevölkerungsumsiedlungen: die gesamte polnische Bevölkerung in der Westukraine wurde ausgesiedelt oder vertrieben, die ukrainische Minderheit Polens in die Ukraine zwangsumgesiedelt. Die Ukraine blieb Teil der Sowjetunion, Chruschtschow machte der Ukrainischen Sowjetrepublik 1954 anlässlich des 300-jährigen Jubiläums der Russisch-Ukrainischen Einheit die Halbinsel Krim zum Geschenk.

Nach der Auflösung der Sowjetunion erhielt die Ukraine 1991 ihre staatliche Unabhängigkeit. Ihre nationale Identität und internationale Rolle zwischen westlicher Orienterung, bspw. Integration in die Europäische Union und einer politischen Orientierung zu Russland hin, hat die Ukraine seither nicht dauerhaft gefunden. Unter Leonid Kravtschuk und Leonid Kutschma, den ersten zwei Präsidenten des Landes, hatte sich ein System etabliert, zu dessen Merkmalen Machtmissbrauch, Korruption, Clanwirtschaft und organisierte Kriminalität gehörten.

Nach dem Zerfall der UdSSR 1991 erbte das osteuropäische Land 176 strategische und mehr als 2.500 taktische Atomraketen, allerdings waren alle Kontrollsysteme in Russland. Die ukrainischen Raketen wurden bis 1996 nach Russland abtransportiert oder zerstört. Als Kompensation erhielt die Regierung in Kiew finanzielle Hilfe aus den USA, günstige Energielieferungen aus Russland und Sicherheitsgarantien, die im Budapester Memorandum vom 5. Dezember 1994 festgehalten wurden. Darin verpflichteten sich die USA, Russland und Großbritannien, die territoriale Unversehrtheit und politische Unabhängigkeit der Ukraine weder durch Gewalt, noch durch deren Androhung zu verletzen, keinen wirtschaftlichen Zwang auszuüben, auf jegliche militärische Besetzung zu verzichten und solche keinesfalls anzuerkennen.

Als Vorläufer der Proteste auf dem Maidanplatz 2013 gilt die "Orangene Revolution" von 2004. Sie war eine Serie von Protesten, Demonstrationen und einem geplanten Generalstreik in der Ukraine. Auslöser waren die ukrainischen Präsidentschaftswahlen 2004, bei denen Wahlfälschungen der jeweiligen Gegenseite gemeldet wurden. Die Proteste gingen von den Anhängern des während des Wahlkampfs durch eine Vergiftung angeschlagenen Präsidentenanwärters Wiktor Juschtschenko (dessen Wahlfarbe Orange war) aus. Als Kandidat des Oppositionsblocks "Unsere Ukraine" war er laut erstem offiziellem Ergebnis der Zentralen Wahlkommission dem offen von Russland unterstützten Wiktor Janukowytsch unterlegen. Aufgrund der wochenlangen Protesten erreichten die Bewegung der „Orangen Revolution“ und die Opposition, dass die erste Stichwahl für ungültig befunden wurde. Juschtschenko erhielt bei der Wiederholung der Stichwahl für das Präsidentenamt am 26. Dezember 2004 die meisten Stimmen.

Seither ist das politische Geschehen in der Ukraine von inneren Machtkämpfen geprägt. Bereits 2005 entließ Viktor Juschtschenko die Regierung unter Julia Tymoschenko. Nach den Parlamentswahlen 2006 führten erneute Streitigkeiten dazu, dass der Präsident das Parlament auflöste. 2007 einigte man sich auf eine Koalition der Parteien von Juschtschenko und Tymoschenko, die Machtkämpfe hielten allerdings an. In den Präsidentschaftswahlen 2010 erfolgte daraufhin ein Führungswechsel: Wiktor Janukowitsch wurde zum Präsidenten gewählt und Mykola Asarow übernahm das Amt des Ministerpräsidenten.

Nach den Unruhen auf dem Maidan-Platz in Kiew gegen die Regierung setzte die oberste Rada Janukowitsch Ende Februar 2014 per Beschluss ab.  Eine große Mehrheit von 328 Abgeordneten stimmte für seine Amtsenthebung. Zugleich stimmten die Abgeordneten dafür, am 25. Mai 2014 vorgezogene Neuwahlen abzuhalten. In der Zwischenzeit übernahmeine Übergangsregierung mit Arseni Jazenjuk als Interims-Regierungschef die politischen Geschäfte. Am 25. Mai 2014 wählten die Ukrainer mit einer Mehrheit von 55 Prozent ihren neuen Präsidenten Petro Poroschenko.


Holdomor und Tschernobyl

Das Kernkraftwerk Tschernobyl heute. Foto: Mond, GNU Free Dokumentation License
Das Kernkraftwerk Tschernobyl heute. Foto: Mond, GNU Free Dokumentation License

Zwei schreckliche Katastrophen brachen in der Sowjetzeit über die Ukraine herein.

1931 zwang die Sowjetregierung ukrainische Bauern zu solch hohen Getreideabgaben, dass 1932 eine große Hungersnot ausbrach, die bis September 1933 andauerte. Nach neuesten Schätzungen der Historiker starben 3,5 Millionen Menschen, das heißt über 10 Prozent der damaligen ukrainischen Bevölkerung, eines Hungertodes. Wer fliehen wollte, wurde von den Organen der Staatsmacht daran gehindert. Dieser Massenmord ist unter der Bezeichnung Holodomor (Ukrainisch: holod = Hunger, moryty = Leid, Tötung, Vernichtung) in die Geschichte eingegangen.

Zum Thema "Holdomor 1932-33. Politik der Vernichtung" hat die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg am 24. November 2007 eine Tagung in Mannheim veranstaltet. Einige der Referentenbeiträge finden Sie hier:

Professor Dr. Gerhard Simon: Der Holodomor als Völkermord. Tatsachen und Kontroversen (Textmanuskript)

Dr. Ernst Lüdemann: Stalins Feldzug gegen die Bauern in deutschen Schulbüchern (Textmanuskript)

Die zweite Katastrophe ereignete sich in den 80er Jahren. Am 26. April 1986 explodierte im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl ein Kernreaktor, wodurch eine Fläche von fast 150.000 km² radioaktiv verseucht wurde und enorme Schäden für Menschen und Umwelt entstanden sind. Tschernobyl steht bis heute für den größten Unfall in der Geschichte der zivilen Nutzung der Atomenergie.

Dossier: Die Atomkatastrophe von Tschernobyl

Gesellschaft

Traditionen. Bild: Wikimedia Commons

Durch die „Orangene Revolution“ im Winter 2004 wurden für die internationale Öffentlichkeit auch regionale Besonderheiten und Differenzen der Ukraine sichtbar. Der Gegensatz zwischen einem westlich-orientierten und einem pro-russischen Bevölkerungsteil schien so groß zu sein, dass Diskussionen über eine Teilung des Landes entbrannten.
In der Tat ist die Ukraine ein kulturell sehr heterogenes Land. Der Osten und der Süden bilden eine Region, in der viele Russen leben. Hier ist die orthodoxe Kirche, die dem Moskauer Patriarchat untersteht, dominant. Der westlichere Teil ist mehr durch ukrainische Traditionen geprägt.
Hier bildet die griechisch-katholische Kirche die stärkste Kirchengemeinde.

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