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Inaugural Adress
Die Antrittsreden Barack Obamas und George W. Bushs1
im Vergleich
vor dem Hintergrund der Besonderheiten der
US-amerikanischen Institution der „Inaugural Address“
(Autor: Sebastian Dregger)
I. Einleitung
Die
Rede zur Amtseinführung eines neuen amerikanischen Präsidenten
zeichnet sich durch eine Reihe von Besonderheiten aus, die man kennen
und berücksichtigen muss, wenn man deren jeweilige Bedeutung
angemessen verstehen will. Was diese Besonderheiten der amerikanischen
Inaugural Address im Einzelnen anbelangt, so hat die Rede zur
Amtseinführung zum einen eine Reihe spezieller Funktionen zu erfüllen;
zum anderen werden in einer solchen Rede eine Reihe besonderer
rhetorischer Stilmittel verwendet, die dazu dienen, diese besonderen
Funktionen zu erfüllen. Neben diesen allgemeinen Besonderheiten
zeichnet sich die Rede zur Amtseinführung des neuen Präsidenten Barack
Obamas 2009 noch durch eine andere zeitbedingte Besonderheit aus:
nämlich das Erbe seines äußerst umstrittenen Amtsvorgängers George W.
Bush. Eine Analyse der Rede zur Amtseinführung Barack Obamas kann
demnach gar nicht erfolgen, ohne der Frage nachzugehen, inwieweit es
ihm in dieser gelungen ist, sein Versprechen eines grundlegenden
Wandels der US-amerikanischen Politik zu erfüllen. Diese Frage stellt
sich umso dringender, da die beiden Präsidenten Bush Junior und Obama
wahrlich nicht die ersten waren, die jeweils eine Inaugural Address
hielten. Vielmehr folgten beide einer Tradition, die einst George
Washington, der erste Präsident der USA, begründete und die bisher von
jedem seiner inzwischen 43 Amtsnachfolger beibehalten wurde, obwohl
die Inaugural Address im Wortlaut der US-amerikanischen Verfassung von
1787 gar nicht vorgesehen ist.
Im Folgenden sollen in einem ersten Schritt die besonderen Funktionen
sowie die besonderen Redemittel der Inaugural Address beschrieben
werden. Daran anschließend soll konkret auf die letzten beiden Reden
zur Amtseinführung Bezug genommen werden, um der Frage nachzugehen,
inwieweit sich Obama von seinem Amtsvorgänger George W. Bush
unterscheidet und inwieweit Obama in Kontinuität zu seinem
Amtsvorgänger steht, da dieser als damaliger US-Präsident mit seiner
Rede zu Amtseinführung 2005 die gleichen allgemeinen Funktionen der
Inaugural Address erfüllen musste und auch auf ähnliche rhetorische
Mittel zurückgriff wie sein Amtsnachfolger im Januar 2009. In einem
dritten Teil sollen dann amerikanische und internationale Reaktionen
auf die beiden Reden zur Amtseinführung gegenübergestellt werden;
bevor dann abschließend vor dem Hintergrund der Besonderheiten der
Rede zur Amtseinführung einerseits und den äußerst gegensätzlichen
Reaktionen andererseits, die die beiden letzten Reden ausgelöst haben,
auf einige grundlegende Schwierigkeiten und Missverständnisse
verwiesen wird, die sich im Umgang mit dieser US-amerikanischen
Institutionen leicht ergeben – gerade weil es zu ihr in Deutschland
und in den übrigen europäischen Ländern kein Pendant gibt.
____________________
1 Der Vergleich berücksichtigt nur Bushs Inaugural Address von 2005,
nicht aber die von 2001.

II. Die Funktionen und rhetorischen Stilmittel der Inaugural
Address
1) Funktionen
Es gibt insgesamt vier verschiedene Funktionen, die eine Inaugural
Address erfüllen muss. Dabei enthält jede einzelne dieser vier
Funktionen ein bestimmtes inneres Spannungsverhältnis, eine bestimmte
innere Widersprüchlichkeit, denen sich jeder Präsident stellen muss.
Die erste Funktion bezieht sich auf die Amtsführung des Präsidenten.
Der neue Amtsinhaber muss zum einen klar zum Ausdruck bringen, dass er
sein Amt in der Art und Weise und den Grenzen ausüben will, die die
amerikanische Verfassung von 1787 vorsieht. Zum anderen aber will der
neue Präsident seine Zuhörer von seinem außerordentlichen Charisma
überzeugen, welches ihn – und niemanden sonst – in die Lage versetzt,
auch schwierige politische Probleme tatkräftig anzugehen und so die
amerikanische Nation auch durch schwere Krisen hindurch führen zu
können2. Die zweite Funktion
bezieht sich auf die amerikanische Bevölkerung, deren Mehrheit
schließlich den neuen Präsidenten ins Weiße Haus gewählt hat. Zum
einen muss der neue Präsident es verstehen, die Spaltungen des
Wahlkampfes zu überwinden und sich so als Präsident aller Amerikaner
in der Antrittsrede zu präsentieren, auch denjenigen gegenüber, die
den aktuellen Amtsinhaber nicht gewählt haben. Zum anderen aber muss
er darüber hinaus ein Zeichen in seiner Rede an seine Anhänger richten
und ihnen gegenüber klar zum Ausdruck bringen, in welchen
grundlegenden Dingen sich der neue Amtsinhaber von seinem Vorgänger
und seinem Gegenkandidaten im Wahlkampf unterscheiden möchte. Die
dritte Funktion einer Inaugural Address bezieht sich auf die
Geschichte des Präsidentenamtes. Um als neuer Amtsinhaber glaubwürdig
zu erscheinen, muss sich jeder Amtsneuling in seiner Rede mit dem
inzwischen über 200-jährigen historischen Erbe seines Amtes
auseinandersetzen. Gleichzeitig aber genügt ein bloßer Verweis auf
bestimmte Amtsvorgänger nicht, um tatsächlich auch glaubwürdig zu
sein. Vielmehr muss es dem neuen Präsidenten gelingen, einen direkten
Bezug zur aktuellen Gegenwart herzustellen, indem er eine unmittelbare
Vision für die Jetztzeit in seiner Rede aufzeigt, die weder eine bloße
Instrumentalisierung historischer Begebenheiten noch ohne historische
Bezüge sein darf. Die letzte Funktion bezieht sich auf den
Adressatenkreis der Rede. Einerseits richtet sich die Rede zur
Amtseinführung an das gesamte US-amerikanische Volk. Schließlich hat
eine Mehrheit der US-Amerikaner den aktuellen Präsidenten erst ins
Weiße Haus gewählt – und sonst niemand. Andererseits richtet sich die
Rede auch an die übrige Welt. Denn auf der einen Seite muss der
amerikanische Präsident aufgrund der besonderen Stellung der USA in
den internationalen Beziehungen und des besonderen amerikanischen
Sendungsbewusstseins auch eine Botschaft an das Ausland. Auf der
anderen Seite wird die Rede zur Amtseinführung im Ausland mit großem
Interesse verfolgt, wie die umfangreiche internationale
Berichterstattung über dieses Ereignis erkennen lässt, so dass der
neue Präsident eine gewisse internationale Erwartungshaltung bezüglich
einer klaren außenpolitischen Botschaft erfüllen muss.
____________________
2 Die hier getroffene Unterscheidung zwischen legaler und
charismatischer Herrschaft folgt der Grundunterscheidung verschiedener
Herrschaftstypen nach Max Weber. Max Weber, Wirtschaft und
Gesellschaft – Grundriss der verstehenden
Soziologie, 1922, 1. Teil, III,
www.textlog.de/7353.html
2) Rhetorische Stilmittel
Um den Willen zum Ausdruck zu bringen, das Präsidentenamt in seinen
verfassungsgemäßen Grenzen respektieren und ausfüllen zu wollen,
enthält jede Inaugural Address eine Reihe von Verweisen auf die
Gründerväter der USA sowie auf die Weisheit und zeitlose Gültigkeit
der US-Verfassung von 1787. Charisma beweisen hingegen amerikanische
Präsidenten, wenn es ihnen in ihrer Antrittsrede gelingt, einen klaren
Problemaufriss der gegenwärtigen Lage vorzulegen, mit dem Versprechen,
jede gegenwärtige und jede kommende Krise des Landes meistern zu
können. Häufig appelliert dabei der Präsident an das Vertrauen und die
Geduld seiner Landsleute mit der Bereitschaft, ihm und seiner Politik
auch in schwierigen Zeiten zu folgen. Wenn es darum geht, zum einen
die innere Spaltung der Amerikaner nach einem harten Wahlkampf zu
überwinden, aber auch ein gezieltes Signal an die eigene
Anhängerschaft auszugeben, so verweist der Redner häufig auf die Werte
des Amerikanischen Traumes, die so gut wie alle US-Amerikaner teilen,
ganz gleich welcher politischen Richtung, welcher ethnischen Gruppe
oder welcher religiösen Richtung sie angehören3.
Diese Werte der individuellen Freiheit, der politischen Gleichheit,
der Rechtsstaatlichkeit, der Demokratie und das damit verbundene
Streben nach persönlichem Glück4,
besitzen in den USA überzeitliche Geltungsmacht sowie eine tiefe
integrierende Wirkung, in dem ansonsten außerordentlich segmentierten
Land5. Allerdings lassen die
einzelnen Bestandteile dieser Werte des Amerikanischen Traumes auch
dem jeweiligen Redner so viel Interpretationsspielraum, dass auf
dieser Grundlage leicht ein individueller Schwerpunkt in der Rede
herausgearbeitet werden kann, der sich vor allem an die eigenen
Anhänger richtet. Um Vergangenheit und Gegenwart miteinander zu
verbinden und um so eine glaubhafte Vision für die gegenwärtigen
Probleme zu entwickeln, greift der Redner immer auf historische
Beispiele zurück, und zwar in der Art, dass Krisen und Probleme
wahrlich nichts Neues in der amerikanischen Geschichte seien und dass
es möglich sei – wie eben die historischen Beispiele belegen sollen –,
jede Krise mit einer Neuinterpretation der Werte des Amerikanischen
Traumes zu meistern. Folglich ist das Überwinden von Krisen mit den
Werten des Amerikanischen Traumes einer der zentralen Stilfiguren, die
in jeder Antrittsrede vorkommen. Zudem stellen sich gerne
US-Präsidenten in eine bestimmte Tradition ihrer Amtsvorgänger6.
Dies kann geschehen, indem ehemalige Präsidenten namentlich erwähnt
werden oder indem bestimme berühmte und mit einem bestimmten
Präsidenten in festem Zusammenhang stehende Redewendungen in die
eigene Rede integriert werden. Um sich von bestimmten Amtsvorgängern
abzuheben, kann es auch geschehen, dass eine bestimmte Redeweise eines
ehemaligen Präsidenten aufgegriffen, aber dann in einer ganz
bestimmten Art und Weise verändert wird. Was den Appell an das Ausland
anbelangt, so finden sich diesbezüglich zum einen Hinweise auf
ehemalige Präsidenten und auf bestimmte historische Ereignisse, die in
Zusammenhang mit weltpolitischen Vorgängen standen. Zum anderen aber
enthalten die Werte des Amerikanischen Traumes auch immer nach
amerikanischem Verständnis eine universelle und somit weltumspannende
Bedeutung, so dass vor diesem Hintergrund der USA eine besondere Rolle
in der Weltpolitik zugedacht wird. Um die universelle und
überzeitliche Bedeutung dieser Werte zu unterstreichen, verwenden
US-Präsidenten häufig religiöse Metaphern und Symbole in ihren Reden.
____________________
3 Dan Diner, Voreiter der Moderne – Worum die USA vielen Menschen
suspekt sind, Spiegel Online, 21.10.08, Spiegel Online,
www.spiegel.de/spiegelspecialgeschichte/0,1518,585317,00.html
4 Für diese Werte grundlegend, The Declaration of Independence,
04.07.1776,
www.archives.gov/exhibits/charters/declaration_transcript.html
5 Klaus Stüwe, Politik und Religion in den USA, in: Stimmen der Zeit,
11/2008, S.724,
www.con-spiration.de/texte/2008/stuewe.html
6 Robert McHenry, Lincoln and Inaugurations Past and Present, 16.1.09,
The American,
www.american.com/archive/2009/lincoln-and-inaugurations-past-and-present

III. Barack Obamas Inaugural Address7
– Parallelitäten zu und Abkehr von George W. Bush8
1) Parallelitäten
Liest man die beiden Reden Barack Obamas und George W. Bushs zur
Amtseinführung in ihrer Ganzheit vor dem Hintergrund der im vorherigen
Abschnitt entworfenen allgemeinen Kategorien, dann lassen sich sehr
schnell erstaunliche Parallelitäten der beiden Reden erkennen. Was die
Spannung zwischen legaler und charismatischer Herrschaft anbelangt, so
versichern beide zwar, dass sie sich in der Tradition und den Grenzen
der amerikanischen Verfassung von 1787 halten möchten9.
Allerdings lassen weder Bush noch Obama irgendwelche Zweifel daran,
dass sie sich für außergewöhnliche Charismatiker halten, die vor dem
Hintergrund einer schweren Krise, in der sich die USA befänden, starke
Führung ihren Landsleuten bieten möchten und somit jeweils um das
besondere Vertrauen der Amerikaner werben10.
Dass dies auch von Obamas Seite mehr als Rhetorik ist, zeigt sich
daran, dass er bereits in den ersten Tagen seiner Präsidentschaft in
einer Reihe wichtiger politischer Fragen, vor allem im Hinblick auf
das umstrittene Gefangenlager Guantánamo, mehrere Exekutivverordnungen
erlassen hat, um möglichst schnell der politischen Entwicklung in den
USA seinen Stempel aufdrücken zu können11
– wohingegen es weder dem Kongress noch den amerikanischen Gerichten
auch unter dem neuen Präsidenten auf diesem heiklen Themenfeld von
sich aus zu gelingen scheint, ihr politisches Gewicht in die
Waagschale zu legen.
Ein weiteres gemeinsames Merkmal der beiden letzten Reden zur
Amtseinführung ist der Optimismus, der gerade vor dem Hintergrund der
vielfältigen Probleme und Krisen des Landes besonders betont wird:
Beide Präsidenten versprechen, dass die USA sich innerlich erneuern
werden und dass die Amerikaner den Werten des Amerikanischen Traumes,
mit denen sich jede Krise überwinden lasse, am Ende ihrer jeweiligen
Amtszeit näher gekommen sein werden als sie es jetzt sind. Dieser
Grundoptimismus bezieht sich bei Bush zum einen auf eine erfolgreiche
Beendigung der Militärinterventionen in Afghanistan und im Irak sowie
die Reform des amerikanischen Sozialsystems12.
Bei Obama bezieht sich dieser Grundoptimismus zusätzlich neben dem
militärischen und sozialen Aspekt auf das Meistern der
wirtschaftlichen Krise des Landes, in der sich die USA 2005 noch nicht
befunden haben13. Mit diesem
Grundoptimismus vor dem Hintergrund der Werte des Amerikanischen
Traumes möchten beide Präsidenten die Spaltungen des Wahlkampfes
überwinden und allen Amerikanern Mut machen, ganz gleich welchem
politischen Lager sie angehören.
Zudem enthalten beide Reden in ihren historischen Bezügen eine Reihe
von Ähnlichkeiten. Beide berufen sich jeweils auf die Gründerväter der
USA mit dem Hinweis, dass die damals aufgestellten Grundwerte bis
heute nichts an ihrer Gültigkeit verloren hätten und dass die USA,
auch angesichts ganz neuer und anderer Probleme, diesen treu bleiben
müssten14. Daneben
vergegenwärtigen beide in ihren Reden ehemalige Kriegserfahrungen des
Landes; einmal innenpolitisch bezogen auf den Unabhängigkeitskrieg im
18.Jahhundert gegenüber England sowie auf den Bürgerkrieg zwischen den
Nord- und Südstaaten im 19. Jahrhundert; daneben außenpolitisch
bezogen auf die Kriege gegen den Faschismus und Kommunismus im 20.
Jahrhundert. Mit dieser Vergegenwärtigung wird zum einen der Appell
verbunden, dass die USA auch weiter bereit sein müssten, für ihre
Werte zu kämpfen. Vor diesem Hintergrund loben sowohl Bush als auch
Obama die momentan sich im Einsatz befindlichen, aber vor allem die
vergangenen und im Kriege gestorbenen amerikanischen Soldaten als
Vorbild für alle Amerikaner, denen sie ihren großen Respekt bezeugen15.
Dann gibt es auch einen US-Präsidenten, der sowohl für George W. Bush
als auch für Barack Obama ein großes Vorbild darstellt: nämlich
Abraham Lincoln. Bush beruft sich in seiner Rede mit einem wörtlichen
Zitat auf den besagten Präsidenten, in denen dieser einst ankündigte,
dass am Ende immer die Freiheit über die Tyrannei siegen werde16.
Obama hingegen bezieht er sich indirekt auf Lincoln, der nach dem
gewonnenen Bürgerkrieg die Sklaverei per Verfassungszusatz abschaffen
ließ , indem er darauf hinweist, dass es den Amerikanern möglich war,
die dunklen Seiten ihrer Geschichte, des Bürgerkrieges und der
Rassentrennung zu überwinden, mit der Folge, dass heute jemand wie
Barack Obama Präsident sein kann18.
Darüber hinaus teilen sowohl Obama als auch Bush Junior in ihren
außenpolitischen Vorstellungen gewisse Grundüberzeugungen, die somit
auch bei Obama nicht zur Disposition stehen werden: Nämlich zum einen,
dass die USA trotz aller Krisen und Probleme die unumstrittene
weltweite Führungsmacht seien, von deren Engagement es entscheidend
abhängig sein werde, ob die vielen internationen Probleme gelöst
werden könnten oder nicht19.
Zum anderen betont auch Obama, dass sich die USA immer noch im Krieg
gegen den Terrorismus befänden und dass er im Zweifelsfalle genauso
wie Bush bereit sein werde, jedes nur erdenkliche Mittel anzuwenden,
um diese Bedrohung abzuwenden20.
Schließlich ist auffällig, dass beide Präsidenten eine ähnliche
literarische Sprache mit vielen Metaphern und Symbolen verwenden, die
bezogen auf die Werte des Amerikanischen Traumes viele religiöse
Bezüge enthält. Auch an den Stellen, wo Obama sich klar inhaltlich von
seinem Amtsvorgänger unterscheidet, geschieht dies in der für die
Inaugural Address typischen literarischen Sprache.
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7 Barack Obama, Inaugural Address, White House, 20.1.09, (Im Folgenden
abgekürzt: Obama, “...”)
www.presidentialrhetoric.com/speeches/01.20.09.html
8 George W. Bush, Inaugural Address, White House, 20.1.05, (Im
Folgenden abgekürzt: Bush, “...“)
www.presidentialrhetoric.com/historicspeeches/bush_georgew/second_inaugural.html
9 Bush: “On this day, prescribed by law and marked by ceremony, we
celebrate the durable wisdom of our Constitution and recall the deep
commitments that unite our country.” Obama: “Forty-four Americans have
now taken the oath. (...) At these moments, America has carried on
(...) because We the Peolpe have remained faithful to the ideals of
our forebearers, and true to our founding documents.”
10 Bush: „My most solemn duty is to protect this nation and its people
from further attacks and emerging theats. (...) Today I also speak
anew to my fellow citizens. (...) From all of you I have asked
patience in the hard task of securing America, which you have granted
in good measure.” Obama: “Today I say that the challenges we face are
real, they are serious and they are many. They will not be met easily
or in a short span of time. But know this America: They will be met.”
11 Matthias Rüb, Obama zieht einen Schlussstrich unter Bushs Methoden,
FAZ-Online, 22.1.09,
www.faz.net/s/Rub0A1169E18C724B0980CCD7215BCFAE4F..
12 Bush: „We are led, by events and common sense, to one conclusion:
The survival of liberty in our land increasingly depends on the
success of liberty in other lands. (...) By making every citizen an
agent of his or her own destiny, we will give you fellow Americans
greater freedom from want and fear, and make our society more
prosperous and just and equal.”
13 Obama: „For everywhere we look, there is work to be done. The state
of our economy calls for action: bold and swift. And we will act not
only to create new jobs but to lay a new foundation for growth.(...)
All this we can do. All this we will do.”
14 Bush: „When the Declaration of Independence was first read in
public and the Liberty Bell was sounded in celebration, a witness said:
‘It rang as if it meant something.’ In our time it means something
still.” Obama: “Our founding fathers faced with perils that we
scarcely can imagine, drafted a charter to assure the rule of law and
the rights of man, a charter expanded by the blood of generations.
Those ideals still light the world (...).”
15 Bush: „ For a half a century, America defended our own freedom by
standing watch on distant borders.(...)A few Americans have accepted
the hardest duties in this cause. In (...) the dangerous and necessary
work of fighting our enemies, some have shown their devotion to our
country in deaths that honored that honored the whole lives. And we
will always honor their names and their sacrifice.” Obama: “For us,
they fought and died in places Concord, Gettysberg; Normandy and Khe
San. Time and again these men and women struggled and sacrificed and
worked till their hands were raw so that we might live a better life.
(...) We remeber with humble gratitude those brave Americans who, ath
this very hour, patrol far-off deserts and distant mountains. (…) They
have something to tell to us, just as the fallen heroes who lie in
Arlington whisper through the ages.”
16 Bush: „We still believe as Abraham Lincoln did, ‘Those who deny
freedom to others deserve it not for themselves; and, under the rule
of a just God, cannot long retain it.’”
17 13th Amendment,
www.mrlincolnandfreedom.org/inside.asp?ID=56&subjectID=3
18 Obama: „And because we have tasted the bitter swill of civil war
and segregation and ermerged from that dark chapter stronger and more
united (...). This is the meaning of our liberty and our creed (...)
why a man whose father less than 60 years ago might not have been
served at a local restaurant can now stand before you to take a most
sacred oath.”
19 Bush: „America’s influence is not unlimited, but (...) America’s
influence is considerable and we will use it confidently in freedom’s
cause.” Obama: “We remain the most prosperous, powerful nation on
Earth.”
20 Bush: „My most solemn duty is to protect this nation and its people
from further attacks and emerging theats.(...) Today I also speak anew
to my fellow citizens.” Obama: “Our nation is at war against a
far-reaching network of violence and hatred.(...) We will not
apologize for our way of life nor will we waver in its defense. And
for those who seek to advance their aims by inducing terror and
slaughtering innocents, we say to you now that ‘Our spirit is stronger
and cannot be broken. You cannot outlast us, and we will defeat you.’”
2) Abkehr
Jedoch zeichnet sich Obamas Antrittsrede durch eine Reihe von
Unterschieden aus, mit denen er seine politische Verschiedenheit und
damit auch politische Abkehr von seinem Amtsvorgänger zum Ausdruck
bringt. Was das Spannungsverhältnis zwischen der Einigung der
Amerikaner nach einem harten Wahlkampf und einem klaren politischen
Zeichen an die eigenen Anhänger anbelangt, so fällt auf, dass Obamas
Rede eine Vielzahl konkreter politischer Absichtserklärungen enthält,
die eindeutig parteipolitisch den Demokraten zuzuordnen sind und in
denen sich vor allem seine Anhänger wieder erkennen sollen. So betont
Obama, dass Amerika zu viel Energie verbrauche und dass in Zukunft
Amerikas Energie aus erneuerbaren Energiequellen stammen müsse21.
Daneben betont er die besondere Wertschätzung und Bedeutung der
Wissenschaft bei der Lösung vieler aktueller Probleme, die wieder zur
vollen Geltung kommen müsse22 ,
eine Aussage, die vor allem bei vielen Naturwissenschaftlern auf ein
freudiges Echo stieß, die sich in den letzten Jahren unter Bush bei
vielen heiklen Fragen, etwa der Stammzellenforschung, zurückgesetzt
und falsch verstanden fühlten23.
Daneben kündigt er in seiner Rede einen verantwortungsbewussten, aber
raschen Abzug amerikanischen Truppen aus dem Irak an24.
Zudem wendet er sich explizit an ethnische Minderheiten in den USA,
deren volle Bedeutung er für die amerikanische Gesellschaft anerkennt,
wenn er sagt, dass die amerikanische Nation gleichermaßen aus
Christen, Muslimen, Juden, Hinduisten und Atheisten bestünde und dass
jede Sprache und jede Kultur einen wertvollen Beitrag zur
amerikanischen Kultur geleistet habe25.
In George W. Bushs Inaugural Address von 2005 findet sich nur ein
klares „republikanisches“ Bekenntnis, nämlich als er auf den Wert des
ungeborenen Lebens hinweist und sich somit als Abtreibungsgegner zu
erkennen gibt26. Ansonsten
vermeidet Bush aber solche Bekenntnisse. Die Erklärung für diesen
signifikanten Unterschied zwischen Obama und Bush dürfte in der
momentanen übergroßen Beliebtheit Barack Obamas, selbst bei
politischen Gegnern, liegen, so dass er es sich leisten kann, eine
Reihe von „demokratischen“ Absichtserklärungen in seiner Antrittsrede
zu formulieren, ohne aber als zu spalterisch zu erscheinen. George W.
Bush war bereits Anfang 2005 zu sehr umstritten, so dass es für ihn
damals angebrachter war, sich mit Absichtserklärungen zurückzuhalten.
Was die historischen Bezüge anbelangt, auf die Barack Obama in seiner
Rede verweist, so ist es sicher richtig, dass es, wie bereits
beschrieben, in diesem Punkt eine Reihe von Ähnlichkeiten zu seinem
Amtsvorgänger gibt. Allerdings sind die Abweichungen in diesem Punkte
mindestens genauso groß: Zwar sieht sich Obama, wie Bush Junior, in
der Tradition Abraham Lincolns, doch sieht er sich gewiss nicht in der
Tradition Ronald Reagans und dessen extrem marktliberalen
Wirtschaftspolitik, wenn er zum Ausdruck bringt, dass die
entscheidende Frage in der Wirtschaftspolitik heute nicht darin
bestehe, ob der Staat zu groß oder zu klein sei, sondern ob staatliche
Leistungen funktionierten27.
Zudem setzt sich Obama explizit von seinem Amtsvorgänger ab, wenn er
sagt, dass er in der Verteidigungspolitik die falsche Unterscheidung
zwischen Sicherheit und den amerikanischen Idealen ablehne, womit er
sich gegen die teils sehr fragwürdigen Methoden der Bush-Regierung (Guantánamo;
Folter von Verdächtigen durch CIA) im Kampf gegen den Terrorismus
ausspricht28. Des Weiteren
beruft sich Obama indirekt auf Franklin Delano Roosevelt, wenn er
sagt, dass heute zum Tag seiner Inauguration sich die Amerikaner
versammelt hätten, um die Hoffnung über die Furcht zu stellen29.
Roosevelt hatte zu seiner Zeit während der Großen Depression die
Losung ausgegeben, dass Einzige, was die Amerikaner fürchten können,
sei die Furcht selber, mit der Roosevelt damals versuchte seinen
Landsleuten ihre Furcht zu nehmen und ihnen neue Hoffnung in der Zeit
der Großen Depression zu geben30.
Daneben spielt Obama auch noch auf John F. Kennedy an und dessen
berühmtes Diktum, nicht danach zu fragen, was der Staat für einen tun
könne, sondern was man selber für den Staat tun könne31
, wenn Obama angesichts der schweren wirtschaftlichen Krise an das
amerikanische Pflichtgefühl appelliert und sagt, dass die Amerikaner
ihre Pflichten gegenüber sich selbst, gegenüber der Nation und
gegenüber der Welt gleicher Maßen erfüllen müssten32.
Neben diesen anderen präsidialen Bezügen stellt Obama in seiner Rede
immer wieder die Leistungen der „kleinen Leute“ in Vergangenheit und
Gegenwart heraus, die oftmals unter großen Entbehrungen, Wohlstand
erarbeitet und die Freiheit des Landes verteidigt hätten33.
Dieser Bezug auf die „kleinen Leute“ ist etwas, zu dem es in Bushs
Rede kein Gegenstück gibt.
Schließlich löst Obama das Spannungsverhältnis zwischen Außen- und
Innenpolitik anders als Bush. Für Obama steht ganz klar die
Innenpolitik im Vordergrund. Ihr widmet er ungefähr Dreiviertel seiner
Rede, Bush hingegen widmete Dreiviertel seiner Rede der Außenpolitik.
Daneben beschränkt sich Obamas außenpolitische Agenda nicht nur auf
Terrorismusbekämpfung und den Sturz von Diktaturen, sondern er spricht
auch den Nord-Süd-Konflikt an, indem er wünscht, dass die USA bei der
internationalen Armutsbekämpfung eine wichtige Rolle spielen müssten34.
Zudem müsse sich Amerika verstärkt der internationalen Umweltpolitik
zuwenden35. Daneben wendet sich
Obama explizit an die muslimische Welt mit dem Versprechen,
Beziehungen zu ihr errichten zu wollen, die auf gegenseitigem Respekt
beruhten36. Schließlich betont
Obama die Wichtigkeit internationaler Bündnisse und Koalitionen, um
die schwierigen und komplexen Probleme des 21. Jahrhunderts lösen zu
können37.
____________________
21 Obama: „ (…) and each day brings further evidence that the ways we
use energy strengthen our adversaries and threaten our planet.”
22 Obama: „We will restore science to its rightful place and wield
technology’s wonders to raise health care’s quality and lower its
costs.”
23 Gardiner Harris/William J. Broad, Scientists Welcome Obama’s Words,
21.1.09, The New York Times,
www.nytimes.com/2009/01/22/us/politics/22science.html?ref=politics
24 Obama: „We’ll begin to responsibly leave Iraq to its people and
forge a hard-earned peace in Afghanistan.”
25 Obama: „We are a nation of Christians and Muslims, Jews and Hindus,
and nonbelievers. We are shaped by every language and culture, drawn
from every end of this world.”
26 Bush: „Americans at our best value the life we see in one another
and must always remember that even the unwanted have worth.”
27 Obama: „The question we ask today is not whether our government is
too big or too small, but whether it works (...).”
28 Obama: „As for our common defense, we reject as false as the choice
between our safety and our ideals.”
29 Obama: „On this day, we gather because we have chosen hope over
fear (...).”
30 “Hoffnung über die Furcht gestellt” – Kommentierter Original-Text
der Rede, 22.1.09, Süddeutsche Zeitung.
www.sueddeutsche.de/politik/742/455418/text/30/
31 Ebd.
32 Obama: „What is required of us now is a new era of responsability –
a recognition, on the part of every American, that we have duties to
ourselves, our nation and the world (...).”
33 Obama: „Rather, it has been the risk-takers, the doers, the makers
of things – some celebrated, but more often men and women obscure in
their labor – who have carried us up the long, rugged path towards
prosperity and freedom.”
34 Obama: „To the people of poor nations, we pledge to work alongside
you to make your farms flourish and let clean water flow (...).”
35 Obama: „ (…) nor can we consume the world’s resources without
regard to effect.
36 Obama: „To the Muslim world, we seek a new way forward, based on
mutual interest and mutual respect.”
37 Obama: „Recall that earlier generations faced down fascism and
communism not just with missiles and tanks, but with the sturdy
alliances and enduring convictions. (...) With old friends and former
foes, we’ll work tirelessly to lessen the nuclear threat and roll back
the specter of a warming planet. (…)””

IV. Amerikanische und ausländische Reaktionen – grundsätzliche
Schwierigkeiten und Missverständnisse im Umgang mit der amerikanischen
„Inaugural Adresses“
Die Reaktionen auf beide Reden lassen sich schnell zusammenfassen.
Bushs Inaugurationsrede wurde in den USA teils skeptisch38,
teils mit verhaltenem Optimismus 2005 aufgenommen39.
Im Ausland hingegen stieß er mit ihr auf fast einhellige Ablehnung40.
Barack Obamas Rede hingegen wurde nicht nur mit großem Beifall in den
USA aufgenommen41, sondern auch
weltweit. Selbst eine Reihe erklärter Gegner der USA zollten ihm
Respekt. Nur bei sehr Wenigen und sehr Radikalen stieß selbst Obama
auf offene Ablehnung, wie etwa bei iranischen Studenten, die Obamas
Konterfei öffentlich verbrannten42.
Jedoch ist vor allem das Echo bei Amerikas westlichen Verbündeten um
ein Vielfaches wohlwollender als bei seinem Vorgänger, der eben nicht
nur bei Amerikas offenen und erklärten weltpolitischen Gegnern auf
breite Ablehnung stieß43. Vor
diesem Hintergrund stellt sich also abschließend die Frage, wieso die
Reaktionen auf die beiden Reden so verschieden ausfielen, wenngleich
bisher gezeigt werden konnte, dass es, bei aller Verschiedenheit, eine
Vielzahl von Ähnlichkeiten in Form und Inhalt zwischen den beiden
Reden gibt?
Wenn man diese Frage beantworten will, so rücken eine Reihe von
Schwierigkeiten und möglichen Missverständnissen in den Mittelpunkt,
die sich schnell im Umgang mit der US-amerikanischen Institution der
Inaugural Address ergeben können – gerade für Interpreten, denen die
politische Kultur und besondere Geschichte der USA eher fremd sind.
____________________
38 Walter Russell Mead, Global Democracy, 30.1.05, Council on Foreign
Relations,
www.cfr.org/publication/7648/global_democracy.html
39 Gaddis: 'Cautiously Optimistic' About Bush's Second Term, 10.2.05,
Council on Foreign Relations,
www.cfr.org/publication/7784/gaddis.html
40 Wer hat Angst vor George W. Bush?, Spiegel Online, 20.1.05,
www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,337659,00.html
41 David E. Sanger, Rejecting Bush Era, Reclaiming Values, 20.1.09,
The New York Times,
www.nytimes.com/2009/01/21/us/politics/21assess.html?ref=politics
42 Jubilation and resignation as world reacts to arrival of new US
president, The Guardian, 20.1.09,
www.guardian.co.uk/world/2009/jan/20/obama-inauguration-global-reaction
43 Poul Nyrup Rasmussen, No more hiding behind Bush for Europe,
20.1.09, EU Observer,
http://euobserver.com/9/27435
1) Selektivität der Wahrnehmung der jeweiligen Rede
Amerikanische Reden zur Amtseinführung eines Präsidenten sind
außerordentlich komplexe Gebilde, die verschiedene, teils
widersprüchliche Funktionen erfüllen müssen und die zudem eine
interpretationsbedürftige literarische Sprache verwenden, was das
Gesamtverständnis einer solchen Rede zusätzlich erschwert. Vor diesem
Hintergrund wird verständlich, dass der Bedeutungsgehalt einer solchen
Rede in der öffentlichen Wahrnehmung meist auf wenige Sätze verkürzt
werden muss. Dies hat zur Folge, dass viele Aspekte einer solchen Rede
nicht oder nur ansatzweise berücksichtigt werden, so dass oftmals in
der unmittelbaren und gedrängten Berichterstattung in den Medien ein
einseitiges und schiefes Bild der politischen Absichten des neuen
US-Präsidenten gezeichnet wird – je nachdem, was man von einer solchen
Rede wahrnehmen möchte und was nicht.
2) Rede und Image des Redners
Was letztlich von einer Inaugural Address in einer größeren
Öffentlichkeit wahrgenommen wird und was nicht, hängt wiederum ganz
entscheidend vom Image des jeweiligen Präsidenten ab44.
Ist dieses gut, dann ist die Chance sehr groß, dass vor allem
diejenigen Passagen allgemeine Beachtung finden, die am besten zu
diesem guten Image passen und dieses zu bestätigen scheinen. Ist das
Image des jeweiligen Redners jedoch schlecht, so ist es sehr
wahrscheinlich, dass die ganze Rede, ganz gleich, was in ihr nun
konkret steht, als schlecht betrachtet wird. Nur vor diesem
Hintergrund lässt sich erklären, warum letztlich Obamas Rede viel
wohlwollender national wie international zur Kenntnis genommen wurde
als diejenige seines Vorgängers, obwohl es eine Reihe von
Parallelitäten in beiden Reden gibt. Die Unterschiede, die Obamas Rede
in Abgrenzung zu George W. Bush enthält, alleine können diesen krassen
Unterschied in der weit verbreiteten öffentlichen Bewertung der beiden
Reden nicht gänzlich erklären.
____________________
44 Jürgen König, Das Image der USA – Ist Amerika wieder populär?, Die
Zeit, 23.1.09,
http://www.zeit.de/online/2009/05/obama-amerika-branding
3) Ideal und Wirklichkeit des Amerikanischen Traumes
Ein weiteres Problem ist der offene Optimismus, den amerikanische
Präsidenten auch in Anbetracht schwerster Krisen in ihren Reden
versprühen, wovon wahrlich weder Bush noch Obama eine Ausnahme machen.
Dieser Optimismus speist sich letztlich aus dem festen Glauben an die
Werte des Amerikanischen Traumes, welche wiederum in europäischen
Ohren leicht allzu idealistisch und mitunter sogar realitätsblind
erscheinen können. Die Rede zur Amtseinführung kann dann schnell als
eine Art Heuchelei gegenüber der amerikanischen Bevölkerung und der
übrigen Welt empfunden werden, als ein bewusstes rhetorisches Ersatz-
oder Täuschungsmanöver, mit dem letztlich ein Präsident sich
Handlungskompetenzen attestieren möchte, über die er meist nicht in
der komplexen und nüchternen politischen Realität verfügt45.
Es ist sicher richtig und unbestreitbar, dass es immer eine Differenz
zwischen dem Ideal und der alltäglichen Wirklichkeit des
amerikanischen Traumes geben wird. Doch keine Wirklichkeit kann jemals
vollständig einem Ideal entsprechen. Dies ändert aber nichts daran –
und das muss aus europäischer Perspektive zur Kenntnis genommen werden
–, dass diese Spannung zwischen Realität und Anspruch des
Amerikanischen Traumes eine der immerwährenden Quellen amerikanischer
Vitalität und Erneuerungsfähigkeit darstellt. Amerikaner, vor allem
aber der jeweilige US-Präsident, nehmen die Werte des Amerikanischen
Traumes ernst, ganz gleich, wie weit die Realität manchmal davon
entfernt ist. Problematisch wird dieses Spannungsverhältnis erst dann,
wenn das Handeln des US-Präsidenten in offenem Widerspruch zu seiner
Rhetorik steht, wie dies vor allem bei George W. Bush in Zusammenhang
mit dem Gefangenenlager Guantánamo und der dortigen Folterung von
Häftlingen durch Mitarbeiter der CIA mit präsidialer Rückendeckung der
Fall war46. Diese Vorkommnisse
sind einfach Dinge, die sich beim besten Willen nicht mit Bushs
Freiheits- und Befreiungsrhetorik vereinbaren lassen, weshalb seine
Unpopularität gerade im Verlaufe seiner zweiten Amtszeit auf dieses
eklatante Missverhältnis zwischen Rhetorik und Handeln zurückzuführen
sein dürfte.
____________________
45 Auf dieses Problem weist hin: Klaus Stüwe, „American Rhetoric“ –
Zur politischen Rede in den USA, S.175, in: American Political
Speeches, Hrsg: Klaus u. Birgit Stüwe, 2005.
46 Joseph T. Siegle/Morton H. Halperin, Bush's rhetoric battles with
his policies, 8.2.2005, International Herald Tribune,
http://www.iht.com/articles/2005/02/07/opinion/edsiegle.php ;
Aryeh Neier, Bush and freedom : With friends like this, 25.1.05,
International Herald Tribune,
http://www.iht.com/articles/2005/01/25/edneier_ed3_.php
4) Eine Inaugurationsrede ist keine Regierungserklärung
Konfrontiert mit der literarischen Sprache der Inaugural Address und
den weiten historischen Ausführungen, die oft in dieser Rede der
US-Präsident unternimmt, drängt sich aus europäischer Sicht nur allzu
schnell der Vorwurf auf, es handele sich hier lediglich um
„pathetisches Gerede“ ohne klare politische Agenda der US-Regierung.
Hierbei ist zu bedenken, dass die Inaugurationsrede keine
Regierungserklärung darstellt47.
Einer solchen kommt viel eher die „State of the Union Message“ des
Präsidenten nahe, die der Präsident in der Regel mindestens ein Mal im
Jahr vor dem Kongress hält, um ganz konkrete politische Projekte auf
den Weg zu bringen. Eine Inaugurationsrede ist also zum einen weniger
als eine Regierungserklärung, weil sie programmatisch recht
unverbindlich ist. Sie ist aber auf der anderen Seite aber auch viel
mehr als eine herkömmliche Regierungserklärung, da sie Funktionen
erfüllen muss, die weit über diejenigen einer Regierungserklärung
hinausgehen. Zudem darf nicht vergessen werden, dass ein neuer
Präsident mit dieser, seiner ersten großen Rede als Präsident
entscheidend das politische Klima zu Beginn seiner Präsidentschaft
prägt, welches entweder günstig oder ungünstig für die konkrete
Umsetzung eigener Projekte sein kann48.
____________________
47 Detaillierter zu diesem Unterschied: Klaus Stüwe, Die Inszenierung
des Neubeginns - Antrittsreden von Regierungschefs in den USA,
Großbritannien, Frankreich und Deutschland, 2004, S.102-103.
48 Ebd.
5) Die Deutung der religiös aufgeladenen Sprache in der
Inaugurationsrede
Die Anrufung Gottes, wörtliche Zitate aus der Bibel, Psalmverse, die
Bitte um Gottes Segen für das eigene Volk, der Glaube, an einen festen
biblischen Auftrag der USA – dies sind Elemente, die sich häufig in
präsidialen Inaugurationsreden finden – auch hier bilden weder Bush49
noch Obama50 eine Ausnahme –
und die für europäische Ohren eher befremdlich, mitunter sogar
provozierend und polarisierend klingen. Man sieht darin schnell einen
Verstoß gegen das Prinzip der Trennung von Staat und Kirche und, wenn
der Präsident selber ein bekennender Christ ist wie George W. Bush,
sogar den ersten Schritt in einen fundamentalistischen
US-amerikanischen Gottesstaat. Hierbei ist zum einem zu bedenken, dass
rund Zweidrittel der Amerikaner sich als tief religiöse Menschen
verstehen und von ihrem Präsidenten starke religiöse Überzeugungen
erwarten, so dass alleine aus diesem Grund für diesen
Bevölkerungsanteil die Benutzung einer religiös aufgeladenen Sprache
durch den Präsidenten nicht polarisierend, sondern integrierend wirkt51.
Daneben können auch Atheisten etwas mit diesen Anrufungen anfangen,
wenn man diese nämlich nicht als Ausdruck des persönlichen
Bekenntnisses des Präsidenten versteht, sondern auf die Werte des
Amerikanischen Traumes als zentraler Teil der amerikanischen
Zivilreligion bezieht52. Auf
keinen Fall gehen mit diesen – übrigens immer recht allgemein
gehaltenen religiösen Anrufungen – irgendwelche staatlichen
Privilegien an bestimmte kirchliche Einrichtungen einher; kirchlicher
Religionsunterricht an staatlichen Schulen oder staatlich eingezogene
Kirchensteuer wie in Deutschland gibt es in den USA nicht, und kein
US-Präsident, mag er selber auch noch so religiös sein, möchte mit
dieser besonderen Sprache die strikte Trennung zwischen Staat und
Kirche, wie sie der erste Verfassungszusatz von 1791 vorsieht53
, in irgendeiner Weise antasten.
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49 Bush: „From the day of our founding, we have proclaimed that every
man and woman on this earth has rights and dignity and matchless value,
because they bear the image of maker of heaven and Earth (...) Not
because we consider ourselves a chosen nation; God moves and chooses
as he wills. (...) May God bless you, and may he watch over the United
States of America.”
50 Obama: „This is the source of our confidence: the knowledge that
God calls on us to shape an uncertain destiny (...). And with eyes
fixed on the horizon and God’s grace upon us, we carried forth the
great gift of freedom. (...) God bless you. And God bless the United
States of America.”
51 Klaus Stüwe, Politik und Religion in den USA, in: Stimmen der Zeit,
11/2008, S.723; S.725,
http://www.con-spiration.de/texte/2008/stuewe.html
52 Dan Diner, Vorreiter der Moderne - Warum sind die Vereinigten
Staaten vielen Menschen so suspekt?, 21.10.08, Spiegel Online,
www.spiegel.de/spiegelspecialgeschichte/0,1518,585317,00.html
53 United States Constitution, Amendment I, http://www.law.cornell.edu/constitution/constitution.billofrights.html#amendmenti

V. Literatur
- Barack Obama, Inaugural Address, White House, 20.1.09,
www.presidentialrhetoric.com/speeches/01.20.09.html
- 2. George W. Bush, Inaugural A ddress, White House, 20.1.05,
www.presidentialrhetoric.com/historicspeeches/bush_georgew/second_inaugural.html
- 3. The Declaration of Independence, 04.07.1776,
www.archives.gov/exhibits/charters/declaration_transcript.html
- 4. United States Constitution, Amendment I,
www.law.cornell.edu/constitution/constitution.billofrights.html#amendmenti
- Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft – Grundriss der verstehenden
Soziologie, 1922, 1. Teil, III,
www.textlog.de/7353.html
- Dan Diner, Voreiter der Moderne – Worum die USA vielen Menschen
suspekt sind, Spiegel Online, 21.10.08, Spiegel Online,
www.spiegel.de/spiegelspecialgeschichte/0,1518,585317,00.html
- Klaus Stüwe, Politik und Religion in den USA, in: Stimmen der Zeit,
11/2008, S. 723-733
www.con-spiration.de/texte/2008/stuewe.html
- Robert McHenry, Lincoln and Inaugurations Past and Present, 16.1.09,
The American,
www.american.com/archive/2009/lincoln-and-inaugurations-past-and-present
- Matthias Rüb, Obama zieht einen Schlussstrich unter Bushs Methoden,
FAZ-Online, 22.1.09,
www.faz.net
- 13th Amendment,
www.mrlincolnandfreedom.org/inside.asp?ID=56&subjectID=3
- Gardiner Harris/William J. Broad, Scientists Welcome Obama’s Words,
21.1.09, The New York Times,
www.nytimes.com/2009/01/22/us/politics/22science.html?ref=politics
- “Hoffnung über die Furcht gestellt” – Kommentierter Original-Text
der Rede, 21.1.09, Süddeutsche Zeitung.
www.sueddeutsche.de/politik/742/455418/text/30/
- Walter Russell Mead, Global Democracy, 30.1.05, Council on Foreign
Relations,
www.cfr.org/publication/7648/global_democracy.html
- Gaddis: 'Cautiously Optimistic' About Bush's Second Term, 10.2.05,
Council on Foreign Relations,
www.cfr.org/publication/7784/gaddis.html
- Wer hat Angst vor George W. Bush?, Spiegel Online, 20.1.05,
www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,337659,00.html
- David E. Sanger, Rejecting Bush Era, Reclaiming Values, 20.1.09, The
New York Times,
www.nytimes.com/2009/01/21/us/politics/21assess.html?ref=politics
- Jubilation and resignation as world reacts to arrival of new US
president, The Guardian, 20.1.09,
www.guardian.co.uk/world/2009/jan/20/obama-inauguration-global-reaction
- Poul Nyrup Rasmussen, No more hiding behind Bush for Europe,
20.1.09, EU Observer,
http://euobserver.com/9/27435
- Jürgen König, Das Image der USA – Ist Amerika wieder populär?, Die
Zeit, 23.1.09,
www.zeit.de/online/2009/05/obama-amerika-branding
- Klaus Stüwe, „American Rhetoric“ – Zur politischen Rede in den USA,
S.160-175, in: American Political
Speeches, Hrsg: Klaus u. Birgit Stüwe, 2005.
- Joseph T. Siegle/Morton H. Halperin, Bush's rhetoric battles with
his policies, 8.2.2005, International Herald Tribune,
www.iht.com/articles/2005/02/07/opinion/edsiegle.php
- Aryeh Neier, Bush and freedom: With friends like this, 25.1.05,
International Herald Tribune,
www.iht.com/articles/2005/01/25/edneier_ed3_.php
- Klaus Stüwe, Die Inszenierung des Neubeginns - Antrittsreden von
Regierungschefs in den USA,
Großbritannien, Frankreich und Deutschland, 2004.

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