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Die Wahlprogramme der
US- Präsidentschaftskandidaten Barack Obama und John McCain
Gemeinsamkeiten, Unterschiede, Aussagegehalt, Durchsetzbarkeit,
europäische Erwartungen – eine Kommentierung
(Autor: Sebastian Dregger)
I. Gemeinsamkeiten
 Beide Kandidaten liegen in ihren politischen Grundvorstellungen wesentlich
näher beieinander als die zum Teil hitzige und mitunter ins Persönliche
gehende Auseinandersetzung in den letzten Wochen des Wahlkampfes vermuten
lässt. Sowohl McCain als auch Obama versprechen in der amerikanischen Innen-
und Außenpolitik einen grundlegenden Wandel, wobei der Schwerpunkt ihrer
Programme jeweils in der Innenpolitik liegt. Als zentrale innenpolitische
Themen sehen beide Präsidentschaftsbewerber die Reformierung des
Lobbyismussystems sowie die Wirtschafts-, Gesundheits- und Umweltpolitik.
Obama und McCain sind der Auffassung, dass in den vergangenen acht Jahren
unter Präsident Bush Jr. Kongress und Regierung allzu oft in ihren Gesetzen
und bei deren Umsetzung, den Interessen mächtigen Lobbygruppen einseitig und
kurzsichtig gefolgt sind, statt Lösungen für die dringenden Probleme des
Landes zu erarbeiten. Dieser Reformstau führte letztlich dazu, dass heute
immer noch 47 Millionen Amerikaner ohne Krankenversicherungsschutz leben, dass
die amerikanische Wirtschaft ihre Weltführerschaft inzwischen mit China und
der Europäischen Union teilen muss und dass erst im Jahre 2008, also rund 20
Jahre später im Vergleich zu den meisten westeuropäischen Staaten, der
Umweltschutz zu einem wichtigen bundespolitischen Thema geworden ist. Neben
dieser mäßigen innenpolitischen Bilanz der vergangenen acht Jahre dürfte es
die äußerst enttäuschenden Ergebnisse auf dem Gebiet der Außenpolitik der
Bushregierung sein, die beide Kandidaten dazu veranlasst haben, auch auf
diesem Gebiet einen kompletten Wandel zu versprechen. So streben beide
Bewerber um die US-Präsidentschaft eine grundsätzliche Abkehr von dem
gemeinhin als „neokonservativ“ bezeichneten Politikansatz der Bush-Regierung
an, der von der Allmacht der USA in den internationalen Beziehungen überzeugt
ist und präventive Militäraktionen, auch gegen den Willen der westlichen
Verbündeten der USA, für das zielsicherste und schnellste Mittel hält, um den
internationalen Terrorismus zu bekämpfen sowie um die Ausbreitung von
Massenvernichtungswaffen zu unterbinden. Der neue Politikansatz, den Obama als
auch McCain in der Außenpolitik verfolgen, gehört der Richtung des „ethischen
Realismus“ an. 1) Trotz der haushohen militärischen Überlegenheit der USA
gegenüber jedem anderen Staat der Welt, ist sich dieser Ansatz – nicht zuletzt
durch die gemessen an den ursprünglichen Erwartungen missglückten
Militäraktionen in Afghanistan und im Irak – der begrenzten Macht der USA
bewusst angesichts der komplexen internationalen Probleme der Welt des
beginnenden 21. Jahrhunderts. Ferner glaubt dieser Ansatz nicht, dass sich
westliche Demokratiemodelle schnell und einfach in andere Kulturkreise mittels
militärischer Interventionen exportieren lassen. Vielmehr betont er die
Notwendigkeit und Wirksamkeit internationaler Koalitionen, diplomatischer
Sanktionen oder Anreize sowie grundsätzlicher Verhandlungsbereitschaft auch
gegenüber missliebigen Regierungen, um die dringenden Probleme der
amerikanischen Außenpolitik, nämlich den Kampf gegen den internationalen
Terrorismus, die Ausbreitung von Massenvernichtungswaffen sowie den
zunehmenden Antiamerikanismus in der Welt, zu lösen. Der ethische Realismus
schließt die Anwendung militärischer Mittel keineswegs aus, doch sieht er
darin auf keinen Fall das erste und im Zweifelsfalle das einzige Mittel
amerikanischen Außenpolitik.
____________________
1) John Hulsman, Die Neocons sind am Ende, Welt am Sonntag, 07.10.2007,
http://john-hulsman.com/downloads/Welt%20am%20Sonntag%2007.10.07.pdf

II. Unterschiede
Zwar versprechen McCain und Obama einen grundlegenden Wandel der
amerikanischen Politik auf allen wichtigen Politikfeldern, doch sie
unterscheiden sich sehr stark darin, mit welchen Mitteln sie diesen Wandel
herbeiführen möchten. Daneben prägen unterschiedliche Wertvorstellungen das
politische Grundverständnis der beiden Kandidaten, was zum einen erklärt,
weshalb beide Kandidaten so unterschiedliche Wege befürworten, um einen Wandel
der amerikanischen Politik herbeizuführen. Zum anderen führen diese
Wertvorstellungen dazu, dass sich in beiden Programmen Themen finden, die der
jeweils andere in seinem Programm nicht berücksichtigt hat und somit als eher
unbedeutend betrachtet.
1. Unterschiedliche Politikansätze
Beide Kandidaten verfolgen in vielen Politikbereichen das gleiche Ziel, jedoch
möchten sie das Ziel jeweils mit anderen Mitteln erreichen. Beide versprechen
zum Beispiel, strengere Regeln für Lobbyarbeit zu erlassen, um so den Einfluss
mächtiger Einzelinteressen auf die amerikanische Bundespolitik
zurückzudrängen. Obamas Ansatz richtet sich dabei unmittelbar an die
Lobbyisten, indem er fordert, dass sich alle Lobbyunternehmen registrieren
lassen müssen und dass bei einer neu einzurichtenden Internetdatenbank sich
theoretisch jeder Amerikaner schnell und einfach über die Absichten und
Zuwendungen einzelner Lobbygruppen im Rahmen bestimmter Gesetzesvorhaben
informieren kann. McCain hingegen möchte weniger den Lobbybetrieb als vielmehr
die Empfänger von Zuwendungen einzelner Lobbyisten stärker ins Visier nehmen,
wenn er fordert, dass alle Abgeordneten insbesondere diejenigen Zuwendungen
offen legen müssen, die sie im Rahmen von Gesetzesvorhaben erhalten haben, die
sie selber initiiert haben.
In der Wirtschafts- und Gesundheitspolitik versprechen beide, den
Wirtschaftsstandort USA zu stärken sowie für alle Amerikaner den Weg zu einer
eigenen Krankenversicherung zu ebnen. Obamas Ansatz ist dabei
arbeitnehmerorientiert. Das bedeutet er möchte die Rechte und die
wirtschaftliche Lage sowohl der amerikanischen Mittelschicht als auch der
armen Bevölkerungsteile stärken, etwa indem er diesen Gruppen massive
Steuererleichterungen verspricht, die mit höheren Steuern für reiche
Amerikaner mit einem Jahreseinkommen von mehr als 250 000 Dollar
gegenfinanziert werden sollen. Zudem verspricht Obama seiner Klientel mehr
Rechte am Arbeitsplatz, wie zum Beispiel, dass das Streikrecht kein
Kündigungsgrund mehr darstellen darf oder dass Arbeitgeber gesetzlich dazu
verpflichtet werden, Rente und Krankenkasse ihrer Arbeitnehmer
mitzufinanzieren. McCains Ansatz hingegen ist angebotsorientiert. Er möchte
somit vor allem die mittelständische Wirtschaft stärken, indem er eine Senkung
der Körperschaftssteuer von 35% auf 25% sowie großzügige
Abschreibungsmöglichkeiten für neue Investitionen verspricht. Zudem sollen
nach Ansicht McCains die amerikanischen Familien von weiteren
Steuervergünstigungen profitieren, die diese nutze sollen, um sich eine
Krankenversicherung zuzulegen oder um umweltfreundliche Hausrenovierungen
vornehmen zu lassen.
2. Unterschiedliche Wertvorstellungen
Betrachtet man in einer Gesamtschau die unterschiedlichen Wege, die beide
Kandidaten auf den jeweiligen Politikfeldern einschlagen möchten, um ihre
Ziele zu erreichen, so erkennt man, dass diese unterschiedlichen Wege
letztlich ein anderes Grundverständnis vom Sinn und Zweck staatlicher Politik
zum Ausdruck bringen. Dabei sieht Obama die wesentliche Aufgabe, die
staatliche Politik zu leisten hat, darin, dass vor allem schwächere Interessen
durch staatliche Intervention geschützt und zur Geltung gebracht werden
müssen. Nur so können nämlich diese angemessen im amerikanischen politischen
System gegenüber solchen Interessen berücksichtigt werden, die mit viel Geld
ausgestattet sind. Vor diesem Hintergrund wird erst verständlich, warum Obama
die Kompetenzen der Bundesregierung auf einer Reihe von Politikfeldern
erweitern möchte, wie etwa durch die Errichtung zentraler Datenbanken für
Lobbygruppen und für Krankenversicherungen, mittels derer Lobbyistenverbände
und Krankenkassen dazu verpflichtet werden, in einer solchen Art und Weise
über ihre Tätigkeiten Rechenschaft abzulegen, dass möglichst jeder Amerikaner
leicht davon Kenntnis nehmen kann. Für McCain hingegen hat die Freiheit des
Individuums immer den Vorrang vor staatlichen Eingriffen. Ziel und Zweck der
Politik ist es also, dass jeder Bürger selber in die Lage gebracht werden
soll, selbstständig und eigenverantwortlich zu handeln. Daraus folgt McCains
Absicht, die Bundeskompetenzen nicht weiter auszudehnen. Vielmehr soll
beispielsweise durch Steuervergünstigungen möglichst jeder Amerikaner in die
Lage versetzt werden, seine persönliche Renten- und Gesundheitsvorsorge
eigenständig zu organisieren, wenngleich nach diesem Politikverständnis jedes
Individuum auch für die Risiken der persönlich organisierten Daseinsvorsorge
verantwortlich ist. Daneben tritt McCains für eine Ausweitung der
Staatenkompetenzen gegenüber der Bundeskompetenz ein, weil er glaubt, dass
individuelle Entscheidungen vor Ort sachgemäßer getroffen werden als dies
jemals die von den konkreten Problemen eines Staates oder einer Stadt weit
entfernte Bundesregierung in Washington DC tun könnte. Schließlich trägt diese
Haltung der unter George W. Bush massiv angestiegen Verschuldung des
Bundeshaushalts Rechnung, weshalb es nach McCains Ansicht zweckmäßiger ist,
den Bundeshaushalt durch neue Aufgaben und damit verbundenen Ausgaben nicht
weiter zu belasten. 2)
Ist man sich dieser unterschiedlichen Grundansichten der beiden Kandidaten
über die Rolle der Politik bewusst und schaut man sich noch einmal vor diesem
Hintergrund diejenigen Punkte der Wahlprogramme an, die sich jeweils nur bei
einem der Kandidaten finden lassen, dann erkennt man, dass die jeweiligen
programmatischen Besonderheiten ebenfalls ein Ergebnis dieser verschiedenen
Grundansichten sind. Obama fordert die gleiche Entlohnung von Frauen am
Arbeitsplatz, die Aufstockung des Justizministeriums um eine
Bürgerrechtsabteilung sowie den Kampf gegen Armut mit bundesstaatlichen
Mitteln zu intensivieren. Diese drei Ziele begünstigen letztlich die
Ausweitung bundesstaatlicher Befugnisse, da diese nur mittels verbindlicher
Bundesgesetzgebung und dem Einsatz umfassender finanzieller Mittel aus dem
Bundeshaushalt ernsthaft in Angriff genommen werden können. Eine Politik, die
von vornherein grundsätzlich den Einfluss der Bundesgewalt beschränken möchte,
kann kaum eine solche Agenda verfolgen. Bei McCain finden sich als
programmatische Besonderheiten, zu denen es in Obamas Programm keine
Entsprechung gibt, die Rücknahme der Supreme Court Entscheidung Roe vs. Wade
aus dem Jahre 1973, die unveränderte Beibehaltung des Second Amendments sowie
die verstärkte Kooperation der Bundesregierung mit den Einzelstaaten bei
Fragen und Problemen der inneren Sicherheit. Mit einer Gesetzesinitiative zur
Rücknahme der Entscheidung Roe vs. Wade beabsichtigt McCain zwei Dinge zu
erreichen: Zum einen soll die rechtliche Bewertung einer Abtreibung in Zukunft
nicht mehr der Bundesregierung, sondern den einzelnen Staaten zustehen. Es ist
weiter davon auszugehen, dass McCain umstrittene gesellschaftspolitische
Fragen, wie etwa auch die Homo-Ehe, grundsätzlich in den Kompetenzbereich der
einzelnen Staaten verlegen will, um verschiedenen Ansichten zu diesen Fragen
einen politischen Raum zu geben. Zum anderen möchte er mit einer solchen
Initiative nicht nur die Macht des Präsidenten und des Kongresses, sondern
auch die des Supreme Courts auf Bundesebene begrenzen. Nach McCains Auffassung
soll sich das höchste amerikanische Gericht nicht zum Ersatzgesetzgeber in
Fragen aufspielen, die bisher noch nicht vom Kongress entschieden wurden und
zu denen die amerikanische Verfassung Spielräume für verschiedene Positionen
lässt. Auch bei Fragen der inneren Sicherheit sollen in Zukunft die einzelnen
Staaten über ein größeres Mitspracherecht verfügen, wenngleich McCain diesen
Punkt in seinem Programm nicht genauer ausführt. Um die Rechte des Einzelnen
gegenüber der staatlichen Gewalt zu betonen, soll das Second Amendment, also
das Recht eine Waffe zu besitzen, nicht eingeschränkt werden.
____________________
2) Die Militäraktionen in Afghanistan und im Irak kosteten bisher 800
Milliarden Dollar. Das Rettungspaket, mit dem Bush die aktuelle Banken- und
Finanzkrise bewältigen möchte, kostet 700 Milliarden Dollar. Damit wird die
Gesamtverschuldung des amerikanischen Haushalts am Ende der achtjährigen
Präsidentschaft G.W.Bushs von 8,5 Billionen auf insgesamt rund 10 Billionen
US-Dollar steigen. Quelle: Spiegel Online, Folgen der Finanzkrise, 24.09.2008,
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,580120,00.html

III. Aussagegehalt
Ist man sich der wesentlichen Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden
Wahlprogramme bewusst, dann stellt sich ferner die Frage, welchen
verbindlichen Aussagegehalt diese letztlich haben. Das heißt: Wie ernst sind
die Forderungen der Programme letztlich gemeint, mit denen die beiden
Kandidaten antreten?
Wenn man diese Frage beantworten will, dann muss man drei Faktoren
berücksichtigen, die bisher den Wahlkampf beider Kontrahenten entscheidend
geprägt haben: das Image der jeweiligen Kandidaten, wahltaktische Kalküle
sowie unvorhergesehne Ereignisse, auf die die Kandidaten relativ spontan und
unvorbereitet im Wahlkampf reagieren müssen. Jeder dieser drei Faktoren ist
für sich in der Lage, den Aussagewert der Wahlprogramme auf eine bestimmte
Weise zu relativieren, so dass davon auszugehen ist, dass mit einem bestimmten
Bündel an Forderungen allein, keine US-Präsidentschaftswahl zu gewinnen ist.
1. Das Image der Kandidaten
Vielmehr als einzelne detaillierte Forderungen zu bestimmten politischen
Sachfragen steht zunächst die Persönlichkeit des jeweiligen
Präsidentschaftskandidaten im Vordergrund. 3) Es geht letztlich dabei um die
Frage, welchem Kandidaten die Mehrheit der US-Amerikaner die Lösung der
momentan anstehenden politischen Probleme am ehesten zutraut. Bei der
Beurteilung dieser Frage zählt dann vor allem das jeweilige Image, welches der
Kandidat verkörpert, und nicht zu sehr seine Haltung zu einer komplizierten
politischen Detailfrage.
Das Image wiederum hängt einerseits von der in den USA wahrgenommenen
politischen Lage des Wahljahres sowie von der Biographie der beiden Kandidaten
ab.
Was die Einschätzung der politischen Lage anbelangt, so befindet sich die USA
2008 in einer schweren Krise - der schwersten seit dem 11.9.2001. Neben den
weitestgehend gescheiterten Militäraktionen in Afghanistan und Irak, und der
dadurch noch größer gewordenen Staatsverschuldung, prägen die Existenzängste
vieler Amerikaner infolge der aktuell anhaltenden Banken- und Finanzkrise die
politische Atmosphäre. Über 80% der Amerikaner glauben demnach, dass ihr Land
sich momentan auf dem falschen Weg befinde. 4) Daraus folgt letztlich, dass beide
Kandidaten einen grundlegenden Politikwandel versprechen. Neben diesem
Bedürfnis nach inhaltlichem Wandel gilt es zu bedenken, dass ebenfalls ein
Großteil der Amerikaner mit dem gegenwärtigen politischen Establishment in
beiden Parteien unzufrieden ist, welches für die Krise des Landes
mitverantwortlich gemacht wird. Die Mehrheit der Amerikaner möchte nun einen
Präsidenten haben, der nicht zu diesem gescheiterten Establishment gehört und
in deutlicher Distanz zu diesem steht. Nur vor diesem Hintergrund wird
letztlich verständlich, warum mit Barack Obama und mit John McCain zwei
Kandidaten die Vorwahlen in ihren jeweiligen Parteien gewonnen haben, die
nicht zu ersten Wahl des jeweiligen Partei-Establishments gehörten.
5) Gäbe es in
den USA nicht das basisdemokratische Modell der Vorwahlen, welches der
wahlberechtigten Bevölkerung bei der Kandidatenauswahl eine große Mitsprache
einräumt, dann hießen die Präsidentschaftskandidaten wahrscheinlich Hillary
Clinton oder John Edwards auf Seiten der Demokraten und Mick Romney oder Rudy
Giuliani auf Seiten der Republikaner. Was letztlich viele Wähler in den USA
von Glaubwürdigkeit der Personen Obama und McCain überzeugt, neben der
politischen und personellen Distanz zur gegenwärtigen Regierung, ist deren
Biographie: Obama gilt als jung, dynamisch, ideenreich, unverbraucht und
unkonventionell, gewissermaßen als „schwarzer John F. Kennedy“; McCain
hingegen als erfahren, aufrichtig, unabhängig, maßvoll und standhaft,
gewissermaßen als großväterlicher Vietnam-Veteran. Vor diesem persönlichen
Hintergrund erscheinen beide als aussichtsreiche Krisenmanager, ganz gleich,
was sie konkret an Maßnahmen in ihren Programmen zur Bewältigung der aktuellen
Krise vorschlagen.
____________________
3) Angesichts der dringenden Probleme des Landes kritisiert zum Beispiel der
kalifornische Gouverneur Schwarzenegger die zu starke Konzentrierung der
Wahlkampagne auf das Image der Kandidaten: 'Political Campaigns Are Rarely
about the Issues', Spiegel Interview with California Governor Arnold
Schwarzenegger, Spiegel Online, 7.9.2008,
http://www.spiegel.de/international/world/0,1518,576835,00.html
4) Katja Gelinsky, Der Wind im Wahlkampf hat gedreht, FAZ, 18.09.2008,
http://www.faz.net
5) Christoph von Marschall, Amerika sucht seinen Retter, Das Parlament,
08.09.2008,
http://www.das-parlament.de/2008/37-38/Titelseite/22196697.html
2. Wahltaktische Kalküle
Um die Präsidentschaftswahl zu gewinnen, muss es einem Kandidaten gelingen,
die Mehrheit der Stimmen der Wahlmänner auf seine Person zu vereinigen. Dies
ist aber nur möglich, wenn der jeweilige Kandidat möglichst vielen Wählern,
auch mit ganz unterschiedlichen Ansichten und Interessen zur Politik, als
wählbar erscheint. Somit sind letztlich beide Kandidaten darauf angewiesen,
mit ihren Programmen nicht nur die Wünsche republikanischer oder
demokratischer Stammwähler zu befriedigen. Vielmehr geht es darum, die
Wechselwähler der politischen Mitte für sich zu gewinnen. Dies erklärt
letztlich die Heterogenität und Fragwürdigkeit vieler Punkte in den beiden
Programmen. Sie wirken nämlich beide, kritisch betrachtet, als der Versuch,
allen alles zu versprechen. Da wären zum Beispiel die vielen
Steuervergünstigungen, die beide Kandidaten, wenn auch jeweils an eine etwas
andere Klientel, versprechen. Wie dies aber de facto realisiert werden soll,
angesichts der momentanen Finanzkrise und der inzwischen horrenden
amerikanischen Staatsverschuldung, bleibt schleierhaft. Bei Obama stellt sich
weiter die Frage, ob er seine momentan populäre Forderung, sämtliche
amerikanische Truppen aus dem Irak innerhalb von 16 Monaten abzuziehen, ohne
die konkrete Sicherheitslage im Irak zu beachten, tatsächlich ohne Abstriche
als Präsident durchzöge. Es scheint als habe er diese Forderung vor allem auch
deshalb in sein Programm aufgenommen, um auf der Gegenseite das von ihm
vorgesehne verstärkte militärische Engagement der USA in Afghanistan und
wohlmöglich auch in Pakistan seinen Wählern schmackhafter machen zu können.
Bei McCain stellt sich zum Beispiel die Frage, ob eine Revidierung der Supreme
Court Entscheidung Roe vs. Wade aus dem Jahre 1973 wirklich ein momentan
dringendes Problem auf der amerikanischen politischen Agenda darstellt.
Vielmehr scheint es sich dabei um eine bewusste Konzession an konservative
Republikaner zu handeln, die sich mit der gegenwärtigen Regelung der
Abtreibungsfrage nicht abfinden können und denen der Kandidat McCain bisher
als zu liberal auf vielen gesellschaftspolitischen Feldern erschien.
Clinton Lager gewertet werden. Bedenkt man ferner die langjährige Erfahrung,
die Joe Biden auf dem Gebiet der Außen- und Sicherheitspolitik verfügt, dann
drängt sich der Schluss auf, dass Obama gezielt eigene Erfahrungsdefizite auf
diesem Politikfeld gegenüber John McCain mit der Wahl Bidens kompensieren
will. John McCain hingegen hat sich für die 44–jährige Gouverneurin aus Alaska
Sarah Palin als Kandidatin entschieden, die als sehr konservativ gilt. Mit
ihrer Wahl möchte er zum einen jüngere und weibliche Wähler ansprechen. Zum
anderen kann diese Wahl auch als bewusstes Zugeständnis an den konservativen
republikanischen Parteiflügel gewertet werden.
Angesichts der Fragwürdigkeit vieler Forderungen der Parteiprogramme sowie der
jeweiligen Vizepräsidentschaftskandidaten stellt sich die Frage, inwieweit es
tatsächlich Obama und McCain gelingen wird, mit ihren Programmen und mit ihrer
Personalwahl zum einen die verschiedenen Parteiflügel innerhalb der
demokratischen und republikanischen Partei zu einen, ohne dabei die
Wechselwähler der politischen Mitte zu verprellen.
 Neben der programmatischen Heterogenität gilt zudem die Tatsache zu bedenken,
dass sich die Präsidentschaftskandidaten nicht alleine zur Wahl stellen.
Vielmehr treten sie zusammen mit einem bestimmten
Vizepräsidentschaftskandidaten an. Folglich muss die Auswahl des Kandidaten
für den Vizepräsidentenposten ebenfalls unter wahltaktischen Gesichtspunkten
gesehen werden. Mit der Wahl des jeweiligen Vizepräsidentschaftskandidaten
versuchen Obama und McCain eigene Schwächen auszugleichen, neue
Wählerschichten anzusprechen und schließlich die innerparteilichen Flügel zu
einigen. Barack Obama entschied sich für den alt gedienten Senator Joe Biden
als Vizepräsidentschaftskandidat. Diese Wahl kann zum einen als Zugeständnis
an das demokratische Partei-Establishment sowie an das Hilary
Clinton Lager gewertet werden. Bedenkt man ferner die langjährige Erfahrung,
die Joe Biden auf dem Gebiet der Außen- und Sicherheitspolitik verfügt, dann
drängt sich der Schluss auf, dass Obama gezielt eigene Erfahrungsdefizite auf
diesem Politikfeld gegenüber John McCain mit der Wahl Bidens kompensieren
will. John McCain hingegen hat sich für die 44–jährige Gouverneurin aus Alaska
Sarah Palin als Kandidatin entschieden, die als sehr konservativ gilt. Mit
ihrer Wahl möchte er zum einen jüngere und weibliche Wähler ansprechen. Zum
anderen kann diese Wahl auch als bewusstes Zugeständnis an den konservativen
republikanischen Parteiflügel gewertet werden.
Angesichts der Fragwürdigkeit vieler Forderungen der Parteiprogramme sowie der
jeweiligen Vizepräsidentschaftskandidaten stellt sich die Frage, inwieweit es
tatsächlich Obama und McCain gelingen wird, mit ihren Programmen und mit ihrer
Personalwahl zum einen die verschiedenen Parteiflügel innerhalb der
demokratischen 6) und republikanischen Partei zu einen, ohne dabei die
Wechselwähler der politischen Mitte zu verprellen 7).
____________________
6) Gabor Steingart, Democrats Divided by an Obama-Shaped Wedge, 25.8.08,
http://www.spiegel.de/international/world/0,1518,574261,00.html
7) Gregor Peter Schmitz, McCain's Bush-Style Campaign Worries the Center,
3.9.08,
http://www.spiegel.de/international/world/0,1518,575993,00.html
3. Unvorhergesehene Entwicklungen (Kaukasuskonflikt, Finanzkrise)
Bedenkt man, dass die Wahlprogramme bereits schon viele Monate vorher vor der
eigentlichen Wahl feststehen, dann ergibt sich dass Problem, dass diese sehr
häufig keine Antwort auf kurzfristig sich ergebene politische Entwicklungen
geben können. Die Geschichte der US-Präsidentschaftswahlkämpfe kennt das
Phänomen der „September-Überraschung“, welche sich letztlich als entscheidend
für die Wahl erweisen kann. 8) Als September-Überraschung kommen vor allem
plötzlich auftretende Krisen jeglicher Art in Betracht, wie zum Beispiel
Naturkatastrophen, Kriege oder Terroranschläge. Die diesjährige Wahlkampagne
zeichnet sich dadurch aus, dass bereits vor der September-Überraschung,
nämlich der Finanzkrise, schon eine August-Überraschung, nämlich der Krieg
zwischen Georgien und Russland, vorausgegangen war. Da die Kompetenz, die den
beiden Kandidaten von Seiten der Wähler attestiert wird, je nach Politikfeld
verschieden ist, kommt es letztlich ganz entscheidend darauf an, welches
Politikfeld bedingt durch die jeweilige „Überraschung“ in den Vordergrund
tritt und somit die Wahlauseinandersetzung dominiert. Komplexe Wahlprogramme,
die ihrerseits einen ganzen Themenkatalog abzuhandeln versuchen, treten dabei
oft völlig in den Hintergrund. Als Anfang August die Auseinadersetzung
zwischen Russland und Georgien um die beiden von Georgien abtrünnigen
Provinzen Südossetien und Abchasien plötzlich eskalierte, konnte der erfahrene
Außen- und Sicherheitspolitiker John McCain von dieser Entwicklung
profitieren. Als dieser den Ausschluss Russlands aus der G8 forderte, sich
ferner mit Georgien solidarisch zeigte und schließlich darauf hinwies, dass er
im Gegensatz zum amtierenden US-Präsidenten von Herrn Putin noch nie viel
gehalten hatte, gelang es ihm, in den Wahlumfragen an Obama vorbeizuziehen. So
führte er nach einer Umfrage des Gallup-Instituts Ende August mit 50%, während
Obama nur auf 46% der Stimmen kam. 9)
Wenige Tage später sollte die Georgienkrise
durch eine andere überschattet und abgelöst werden: nämlich durch die
heimische Finanzkrise, als deren Folge viele Amerikaner ihre Häuser und
Ersparnisse verloren. Da McCain bereits in früheren Interviews zugegeben
hatte, dass Finanzpolitik nicht zu seinen Stärken gehöre
10) und er infolgedessen
in finanzpolitischen Fragen in der Vergangenheit im Senat häufig mit der
Mehrheit der Republikaner gestimmt hatte 11), gelang es Obama, diese Schwäche
seines Kontrahenten für sich auszunutzen. Er wies darauf hin, dass er bereits
im März 2008 eine Reihe von Reformen für das Bankenwesen vorschlug, um dieses
einer schärferen Regulierung zu unterziehen. 12) Ferner sei die Finanzkrise ein
Beweis für die Falschheit der von den Republikanern betriebenen und
befürworteten Wirtschaftspolitik, welche auf Deregulierung und
Steuererleichterungen für Reiche setze. 13) In Folge dieser Kritik gelang es Obama,
den Spieß umzudrehen und selber in den Umfragen in Führung zu gehen. So führte
er in einer CNN-Umfrage Ende September mit 49% zu 44% vor seinem
republikanischen Gegenkandidaten. 14)
Es bleibt schließlich abzuwarten, ob die momentane Finanzkrise tatsächlich
Barack Obama den Weg ins Weiße Haus ebnen kann, wenn man bedenkt, dass auch
er, genauso wie McCain, kein Finanzexperte ist. Des Weiteren musste der
Senator aus Illinois bereits zugeben, dass sich aufgrund der Finanzkrise und
des inzwischen beschlossenen Rettungspakets von über 700 Milliarden Dollar,
viele seiner Wahlversprechen nicht wie angekündigt umsetzen lassen werden,
wenngleich er es vermied, genau darzulegen, welche seiner Forderungen nun
nicht mehr eins zu eins umgesetzt werden können. 15)
____________________
8) Thomas Kleine–Brockhoff, Kann Obama von der Finanzkrise profitieren?, Die
Zeit, 18.09.2008,
http://www.zeit.de/online/2008/39/us-wahlkampf-und-wall-street
9) Umfrage: McCain zieht deutlich an Obama vorbei, 08.09.2008, FAZ,
http://www.faz.net
10) Jonathan Chait, Maverick vs. Iceman, The New Republic, 10.02.2008,
http://www.tnr.com/politics/story.html?id=4a65fb2f-7752-493f-a8d3-7fa4aa5e55d0.
11) Thomas Kleine –Brockhoff, Kann Obama von der Finazkrise profitieren?, Die
Zeit, 18.09.2008,
http://www.zeit.de/online/2008/39/us-wahlkampf-und-wall-street
12) Katja Gelinsky, Der Wind im Wahlkampf hat gedreht, FAZ, 18.09.2008,
http://www.faz.net
13) „Now, we also have to recognize that this is a final verdict on eight
years of failed economic policies promoted by George Bush, supported by
Senator McCain, a theory that basically says that we can shred regulations and
consumer protections and give more and more to the most, and somehow
prosperity will trickle down.” Barack Obama im Fernsehduell mit John McCain am
26.9.2008 in Mississippi, Debate Transcript,
http://www.olemiss.edu/debate/debate_news/details.php?id=58
14) Folgen der Finanzkrise, Obama geht in neuer Umfrage deutlich in Führung,
Spiegel Online, 24.09.08,
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,580120,00.html
15) Rettungspaket zwingt Obama zu Korrekturen am Wahlprogramm, Spiegel Online,
23.09.08,
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,580045,00.html

IV. Durchsetzbarkeit
V. Europäische Erwartungen
VI. Literaturverzeichnis
Das amerikanische politische System zeichnet sich wesentlich durch das System
der Checks and Balances aus, welches eine übergroße Machtkonzentration bei
einer der drei politischen Gewalten verhindern soll. Vor diesem Hintergrund
erscheint es äußerst unwahrscheinlich, dass der neue amerikanische Präsident
die Forderungen seines Wahlprogramms eins zu eins umsetzen können wird, selbst
für den Fall, dass er dies tatsächlich versuchte. Allerdings gilt hierbei zu
bedenken, dass der noch amtierende Präsident George W. Bush seinem Nachfolger
eine Exekutive hinterlässt, die mit unfangreichen Kompetenzen ausgestattet
ist. Die Frage wird also sein, ob der neue amerikanische Präsident die starke
Stellung, über die das Präsidentenamt momentan verfügt, unverändert übernehmen
kann oder ob dieser in Zukunft Machteinbußen gegenüber dem Kongress in
hinnehmen muss?
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