Das autonome Frauenhaus Stuttgart

Wo das autonome Frauenhaus in Stuttgart genau steht, ist nur wenigen bekannt. Doch die Anonymität ist Absicht – sie dient dem Schutz der Frauen, die dort wohnen. Mit 40 Plätzen ist es das größte der insgesamt 44 Frauenhäuser in Baden-Württemberg und wird vom Verein Frauen helfen Frauen e.V. getragen. Seit 1973 können hier Frauen mit ihren Kindern Schutz suchen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind.

Foto: Anna Vogel

Frauen, wie Erika Müller (Name fiktiv), die gerade einen neuen Partner hat. Mit ihrem Sohn aus erster Ehe zieht sie zu ihm in ein Einfamilienhaus, wird schwanger und bekommt ein Kind von ihm. Die Beziehung ist schwierig, häufig gibt es Streitigkeiten und nach der Geburt des zweiten gemeinsamen Kindes wird der Mann auch gewalttätig. Zunächst hält er sie im Streit nur fest, dann beginnt er sie zu schubsen, zu schlagen, mit der flachen Hand und schließlich mit der Faust ins Gesicht. An einem Abend eskaliert die Situation: In einem Wutanfall würgt der Mann Erika Müller, anschließend schlägt er  ihren ältesten Sohn, zu dem er ohnehin ein schwieriges Verhältnis pflegt. Er hatte versucht, sich vor die Mutter zu stellen. Lange hat sich Erika Müller nicht getraut, fortzugehen. Doch die Polizei, die zu dieser Situation hinzukommt, schickt sie ins Frauenhaus.

Gemeinschaftswohnzimmer. Foto: FhF e.V.

Obwohl jede Frau im Frauenhaus eine andere Geschichte zu erzählen hat, könnte diese repräsentativ für die Erfahrung der meisten Klientinnen sein: Sie sind Opfer von Gewalt geworden. „Wir haben einen sehr weiten Gewaltbegriff“, erklärt Melanie Moll. Die junge Frau mit den roten Locken ist Diplompädagogin und arbeitet seit 2009 als eine von zehn Mitarbeiterinnen im autonomen Frauenhaus. „Wir unterscheiden zwischen körperlicher, psychischer und sozialer Gewalt, also wenn bewusst vom Partner soziale Kontakte unterbunden werden. Es gibt auch wirtschaftliche Gewalt, wenn der Frau etwa Geld vorenthalten wird.“ Ins Frauenhaus kommen darf jede Frau, die in irgendeiner Form Gewalterfahrungen gemacht hat. Doch grenzt Moll ein: „Die Voraussetzung ist, dass sich die Frau selbst versorgen kann.“ So werden Frauen, die akut psychisch krank oder von einer Drogenabhängigkeit betroffen sind, an entsprechende Stellen weitervermittelt. In vielen Fällen rufen die Frauen selbst bei der Beratungsstelle an, oftmals sind aber auch Kindertagesstätten, Ärztinnen und Ärzte, das Jugendamt oder – wie im Fall von Erika Müller – die Polizei wichtige Multiplikatoren. Nach einer ersten Kontaktaufnahme wird der betroffenen Frau dann ein Treffpunkt genannt, an dem sie eine Mitarbeiterin des Frauenhauses abholt und zum eigentlichen Gebäude bringt. Weil Erika Müller in einem weiter entfernten Landkreis wohnt, hat die Polizei sie mit ihren drei Kindern ins autonome Frauenhaus nach Stuttgart gebracht. 20 Frauen können hier unterkommen – die anderen Plätze sind für Kinder, denn zwei von drei Frauen bringen ihren Nachwuchs mit. Im Frauenhaus ist alles voll möbliert. Es gibt Wohngemeinschaften, die sich Küche, Bad und Toilette teilen. Die Wohnzimmer sind für größere Gruppen offen. Vermieden wird, dass zwei alleinstehende Frauen in einem Raum untergebracht werden, schließlich wird Privatsphäre hochgehalten. "Viele Frauen hatten zuvor ein klassisches Familienmodell. Sie hat die Kinder versorgt, er war arbeiten."

Zimmer. Foto: FhF e.V.

Für die Frauen beginnt hier oftmals ein neuer Lebensabschnitt. Die Pädagoginnen wie Melanie Moll sorgen dafür, dass die Frauen zunächst mit dem Wichtigsten versorgt werden: „Wir leisten Krisenintervention, Stabilisierung und in der Arbeit mit Kindern auch Prävention. Das können Einzelgespräche sein, oder immer wieder auch Gruppenangebote für die Frauen.“ Die Mitarbeiterinnen sind unter der Woche tagsüber da, dann gibt es spezielle Angebote für die Kinder, wo sie künstlerisch ihren Gefühlen Ausdruck verleihen können. Die Frauen brauchen dagegen häufig ganz praktische Hilfe, wie etwa bei einem Antrag auf Arbeitslosengeld. „Viele Frauen hatten zuvor ein klassisches Familienmodell. Sie hat die Kinder versorgt, er war arbeiten, “ erklärt Moll. Durch den engen Kontakt mit dem Jobcenter in Stuttgart gehe die Bearbeitung aber meist recht schnell. Finanzielle Unabhängigkeit ist für sie dabei ein ganz wesentlicher Punkt zum selbstbestimmten Leben. Das autonome Frauenhaus ist hier auf Spenden angewiesen. Zwar sorgt das Land für wesentliche Voraussetzungen, zahlt etwa einen Anteil an der Einrichtung. Auch die Stadt Stuttgart zahlt eine Pauschale pro Kopf und Tag, wovon die Miete für das Frauenhaus gezahlt wird, doch was über diesen Sockel hinausgeht, ist nicht gedeckt.

"Wenn Kinder Zeugen von häuslicher Gewalt werden, werden sie auch Opfer."

Längst hat der Mann von Erika Müller begonnen, sie zu suchen. Er besteht darauf, die gemeinsamen Kinder wiederzusehen. In diesem Fall bekommt sie vom Jugendamt bald das alleinige Umgangsrecht zugesprochen. Das sei nicht immer einfach, betont Moll. Für sie ist offensichtlich: „Wenn Kinder Zeugen von häuslicher Gewalt werden, werden sie auch Opfer. Weil dieses Erleben von Gewalt gegen die eigene Mutter für die Kinder ist, wie ein Erleben am eigenen Leib.“ Diese Spirale soll durch den Wohnortswechsel durchbrochen werden. „Uns ist es wichtig, dass die Frauen hier einen sicheren, geschützten Ort vorfinden“, sagt Melanie Moll. Doch diese Sicherheit hat auch ihren Preis. Nur wenige Menschen dürfen wissen, wo das autonome Frauenhaus in Stuttgart zu finden ist, Anonymität hat oberste Priorität. Im Haus selbst ist kein Besuch erlaubt und andere Treffen sind nur außerhalb einer festgelegten Sicherheitszone im Stadtteil möglich. Die Frauen bekommen als Anschrift eine Postfachadresse und sie nutzen neue Handys, um nicht geortet werden zu können. Die Kinder wechseln die Schule oder den Kindergarten. „Vor allem für die Kinder ist es ein ganz schöner Druck. Immer die Fragen: Was erzähle ich meinen Klassenkameraden. Oder vielleicht treffen sie den Vater, der nachbohrt: Wo seid ihr denn mit der Mama?“

Gemeinschaftsbad. Foto: FhF e.V.

Stets steht auf dem Spiel, dass die Anonymität auffliegt und der Standort bekannt gegeben wird. So wird gerade auch an einem neuen Konzept für das Frauenhaus gearbeitet. Seit 2012 ist das Haus an einem Standort, der nur vorübergehend genutzt werden soll. Nach dem nächsten Umzug soll es zwei Häuser geben: Eines mit sehr hohen Schutzmaßnahmen für Frauen, die akut verfolgt werden. Ein weiteres soll rein technische und bauliche Sicherheitsmaßnahmen, wie etwa eine Schleuse und gesicherte Fenster haben. Doch die Teilung des Hauses habe rein praktische Gründe und habe nichts damit zu tun, dass das Haus an sich zu groß sei, betont Moll. Denn dass die Plätze alle gebraucht werden, davon ist sie überzeugt. Das gelte für das ganze Beratungsangebot in Stuttgart: „Also ich würde sagen, qualitativ und vom Spektrum her ist das Angebot sehr gut. Nur ist es so, dass unsere Beratungsstellen total voll sind. Deshalb wäre es sehr sinnvoll, das Angebot quantitativ auszuweiten.“

"Ich finde es eine gesellschaftlich total wichtige Arbeit."

Durchschnittlich bleiben die Frauen für 100 Tage im Frauenhaus wohnen. Erika Müller ist mit ihren Kindern nach sieben Monaten ausgezogen und wohnt jetzt in einer eigenen Wohnung. Für Moll ein positives Ergebnis ihrer Tätigkeit: „Ich finde es eine gesellschaftlich total wichtige Arbeit. Es ist toll, Frauen dabei zu unterstützen, sich ein selbstständiges Leben aufzubauen.“ So haben es 2015 insgesamt 51,3 Prozent der Frauen nach ihrem Aufenthalt im Frauenhaus geschafft, eigenständig  in einer Wohnung zu wohnen. Aber rund jede vierte Frau ist in die von Gewalt geprägte Umgebung zurückgekehrt.

von Anna Vogel


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Weitere Informationen zum autonomen Frauenhaus finden Sie hier.

Frauen helfen Frauen e.V.
Frauenhaus
Postfach 15 02 02
70075 Stuttgart
Tel: 0711/542021

info[at]fhf-stuttgart.de

 
 
 
 
 

Der Verein Frauen helfen Frauen e.V. Stuttgart

 

Den Verein Frauen helfen Frauen e.V. Stuttgart gibt es seit 1977. Inzwischen ist er nicht nur als Träger für das autonome Frauenhaus tätig, sondern bietet auch die Beratungsstelle Beratung & Information für Frauen (BIF) und die FrauenInterventionsstelle (FIS) an. Die BIF richtet sich dabei an Frauen, die von häuslicher Gewalt, Stalking oder konfliktreichen Trennungen betroffen sind, während die FIS zeitnahe Krisenintervention bietet, wenn es etwa einen Polizeieinsatz gab, oder der Täter der Wohnung verwiesen wurde.

Der Verein vertritt bei seiner Arbeit eine feministische Grundhaltung und bezieht klar Partei für die Frauen.

 
 
 
 
 

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