Prostitution - (k)ein Thema in Stuttgart?

Rückblick auf die Podiumsdiskussion in der Stuttgarter Volkshochschule am 24. November 2015

Welche Rolle spielt Prostitution in Stuttgart? Ist Prostitution tatsächlich eine Arbeit wie jede andere? Und welche Linie verfolgt die Stadt Stuttgart bei diesem Thema?

Dazu hat die Stuttgarter Volkshochschule am 24. November 2015 eine Podiumsdiskussion veranstaltet. Das war der Auftakt einer großen Kooperations-Reihe zum Thema "Prostitution".

Bei der Initiative mit dabei sind neben der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg auch der Soroptimist International Club Stuttgart Zwei, das Evangelische Bildungszentrum Hospitalhof Stuttgart, das Café „La Strada“,  der Verein "inga e.V – Initiative gegen die Ausbeutung von Frauen in der Prostitution", TERRE DES FEMMES Stuttgart und die VHS Stuttgart.

Download des Programms (PDF)


Was sind die Erkenntnisse aus der Podiumsdiskussion "Prostitution- (k)ein Thema in Stuttgart?"?

4000 Frauen und 300 Männer gehen in Stuttgart laut Polizeiangaben der Prostitution nach. Zwar konnte die Straßenprostitution durch polizeiliche Maßnahmen eingedämmt werden. Doch von der Straße aus unsichtbar geht das Geschäft mit dem Sex weiter.

Im vhs Bürgerfoyer diskutierten und informierten Sabine Constabel (Leiterin Prostituierten-Café La Strada), Veronika Kienzle (Bezirksvorsteherin Stuttgart Mitte) und Stefanie Meinecke (Journalistin SWR1) unter der Moderation von Dr. Susanne Kaufmann (Journalistin SWR2) über das Thema.


Podium von links nach rechts: Veronika Kienzle, Bezirksvorsteherin Stuttgart Mitte, Sabine Constabel Leiterin Prostituierten-Café La Strada, Stefanie Meinecke, Journalistin SWR1 und Moderation: Dr. Susanne Kaufmann , Journalistin SWR2. Am Mikrofon Ulrike Rinnert, Leiterin der Frauenakademie vhs Stuttgart.

Gegen Ende der Diskussion sorgt die Publikumsfrage, ob man über die Prostitution auch irgendetwas Gutes berichten könne, für Ratlosigkeit auf dem Podium. Zwei Stunden haben die Sozialarbeiterin Sabine Constabel, die Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Mitte, Veronika Kienzle, und die SWR-Redakteurin Stefanie Meinecke die zahlreichen Schattenseiten der Prostitution in Stuttgart offengelegt.

Vom Bild der Prostitution als normaler Dienstleistung lässt das Gespräch wenig übrig. Stattdessen vermittelte es den beklemmenden Eindruck eines ausbeuterischen, gesundheitsschädigenden und seelisch zerstörerischen Systems, in dem einer großen Gruppe extrem leidender Frauen einer Minderheit von Profiteuren entgegensteht: Bordellbetreiber, Freier, Zuhälter, Vermieter und die, die die Frauen zur Prostitution zwingen, um die Gewinne abzugreifen.

Welche Strategie die Stadt in dieser Frage verfolgt, war ebenso Thema wie die grundsätzliche Frage, welche Rolle die Prostitution heute spielt. Und ob sie sie überhaupt mit einer modernen Gesellschaft zu vereinbaren ist.

Input von Sabine Constabel, Leiterin Prostituierten-Café La Strada

Bevor die Diskussion an den Tischen und auf dem Podium begann, hatte die Streetworkerin Sabine Constabel Gelegenheit, den Zuhörer*innen ein Bild der Stuttgarter Rotlichtszene zu vermitteln. Sie kennt das Milieu aus fünfundzwanzig Jahren Sozialarbeit. Im Café La Strada, ein niedrigschwelliges Hilfsangebot, betreut sie hilfesuchende Prostituierte aus Stuttgart.

Wandel der Szene

Sie beschreibt einen tiefgreifenden Wandel der Szene, der hauptsächlich durch das Prostitutionsgesetz von 2002 in Kombination mit der europäischen Freizügigkeit ausgelöst wurde.

Die Doppelmoral der Sittenwidrigkeit sollte aufgehoben, der Markt liberalisiert, die Position der Frauen gestärkt werden. Doch das Gesetz habe die selbstbewusste, autonome deutsche Prostituierte im Fokus gehabt, die Freierwünsche auch zurückweisen konnte.

Dieser Typ sei fast vollständig von billigeren Konkurrentinnen, vorwiegend aus Osteuropa, verdrängt worden. Viele dieser oft sehr jungen Frauen landen alles andere als freiwillig in der Prostitution. Manche werden von ihren Familien dazu gezwungen, andere aus Kinderheimen gekauft, und wieder andere sehen aufgrund ihres niedrigen Bildungsgrades keine Alternative. Häufig haben sie weder Erfahrung mit der Prostitution noch eine sexuelle Aufklärung, sind den Freiern und Zuhältern schutzlos ausgeliefert und sprechen kein oder sehr wenig Deutsch. Das wäre jedoch mindestens nötig, um mit Freiern zu verhandeln und Grenzen zu ziehen.

Preisverfall

Darüber hinaus hat der enorme Konkurrenzdruck die Preise extrem gedrückt. Zwischen 20 und 30 EURO bezahlt ein Freier. Zehn oder mehr bedient eine Frau pro Tag. Was den Frauen nach den Tagesmieten um die 130 EURO und Steuern übrigbleibt, verschwindet meist in die Heimat oder auch in den Taschen von Drogendealern. Statt im Luxus zu leben, kämpfen die Frauen mit Syphilis, Trippern und sonstigen Infektionen, psychischen Problemen, seelischen und körperlichen Folgen von Gewalt und den Zwängen, in denen sie gefangen sind: Schulden, Drohungen, soziale Zwänge oder alles zusammen ketten sie an ihre Tätigkeit, die sie verabscheuen wie nichts auf der Welt. Die Frauen, von denen Constabel spricht, sind keine Dienstleisterinnen, es sind moderne Sklavinnen - Mitten in Stuttgart.

Podiumsdiskussion

Nach den fünfzehnminütigen Tischgesprächen moderiert Susanne Kaufmann, Kulturredakteurin bei SWR2, die Podiumsdiskussion.

Stefanie Meinecke, ebenfalls Journalistin, recherchiert seit geraumer Zeit im Milieu. Ursprünglich hat sie interessiert, was Männer bei Prostituierten suchen und finden. Aber weil die Freier nicht mit ihr gesprochen haben, hat sie begonnen, mit den Frauen zu reden. Ihnen will sie eine Stimme geben.

Nach Zahlen zum Thema gefragt, gibt Meinecke zu bedenken, dass es aufgrund der fehlenden Meldepflicht für Prostituierte keine belastbaren Zahlen gebe, mit denen man argumentieren könne. Sie bestätigt den von Constabel angesprochenen Szenenwandel. Immerhin sei die  Beschaffungsprostitution der Heroinabhängigen so gut wie verschwunden, seit die Methadonprogramme der Städte greifen.

Verbrannten Seelen, verbrannte Erde

Veronika Kienzle, Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Mitte, betont, sie könne Prostitution nicht als normalen Beruf sehen. Niemand im Geschäft, weder Freier noch die Prostituierten, können mit „offenem Visier“ agieren, vor allem Letztere wollten nicht geoutet werden. Dazu die vielen Sonderregeln für das Geschäft, beispielsweise die fehlende Meldepflicht, während andere Gewerbe eine Vielzahl von Vorschriften zu beachten haben.

Das Geschäft hinterlasse verbrannte Seelen und verbrannte Erde. Die Allgemeinheit müsse die psychisch, physisch und finanziell schwer angeschlagenen Frauen auffangen. In den betroffenen Gebieten würden Probleme entstehen, so zum Beispiel in der Jakobsschule, wo der Sportunterricht nur hinter abgeklebten Scheiben stattfinden könne, da sich auf der Straße Prostituierte und Zuhälter prügelten.
Nicht zuletzt sei historische Bausubstanz, darunter Gebäude aus dem Barockzeitalter, für die Allgemeinheit schwer zurückzugewinnen, wenn sich Bordelle darin befinden.

Die Prostitution ist nicht nur ein moralisches, sondern vor allem ein soziales Problem. Sie erschwert das Zusammenleben in den betroffenen Gebieten und stellt die Allgemeinheit vor Herausforderungen, die sie nur mit größter Mühe lösen kann.

Verbieten, verdrängen?

Kann es da eine Lösung sein, die Prostitution zumindest aus dem Stadtkern an den Rand zu verdrängen? Durch Sperrbezirke beispielsweise, wie es in Stuttgart bereits der Fall ist?

Veronika Kienzle findet dies zumindest angenehmer, gerade im Hinblick auf Anwohner oder die Schüler*innen der Jakobsschule. Sabinde Constabel hält dagegen, das Geschäft bleibe dasselbe, egal, wo es stattfinde. Gleichzeitig weist sie das Argument zurück, am Stadtrand sei es gefährlicher für die Prostituierten. Unsicherer als jetzt könne es für sie nicht werden, gerade in den Bordellen sind sie den Freiern und Zuhältern hilflos ausgeliefert.

Muss also ein generelles Verbot her?

Die Prostitution zerstöre Menschen, sagt Sabine Constabel. Später müsse die Allgemeinheit sich um die kaputten Menschen kümmern, betont Veronika Kienzle. Und Stefanie Meinecke findet, Deutschland müsse sich an Schweden orientieren und den Menschenrechtsaspekt des Verbots in den Vordergrund rücken.

Die Prostitution, ergänzt Sabine Constabel, fördere in der Gesellschaft die Ansicht, Frauen seien stets verfügbare Sexobjekte. Männer würden durch Kontakt zur Prostituierten ihre Empathie und die Fähigkeit verlieren, eine Beziehung auf Augenhöhe zu führen. Letztendlich soll hier das Strafrecht zur gesellschaftlichen Umerziehung eingesetzt werden.

Allein, dazu fehlt im Moment eine politische Perspektive: Nicht eine der im Landtag vertretenen Parteien spricht sich für ein Verbot aus, stattdessen soll der Menschenhandel effektiver bekämpft und auch Freier strafrechtlich verfolgt werden, wenn sie wissentlich die Lage einer Zwangsprostituierten ausnutzen. Ein generelles Verbot, so wird befürchtet, würde die Prostituierten in die Illegalität treiben, in eine rechtlich besonders schwache Position. Und nicht zuletzt würden Steuereinnahmen und die finanzielle Existenz derer wegbrechen, die von der Prostitution leben.

Abgesehen davon herrscht auch zwischen den verschiedenen Beratungsstellen alles andere als ein Konsens über das Verbot: Organisationen wie Hydra e.V. und Dona Carmen e.V. wehren sich massiv gegen ein Verbot oder eine sonstige Einschränkung wie Sperrbezirke oder die Meldepflicht für Prostituierte. Sabine Constabel kanzelt sie als „Prostitutionslobby“ ab. Außerdem seien die Vereine aufgrund des niedrigen Organisationsgrades der Prostituierten – weitaus weniger als 1% – gar nicht berechtigt, im Namen aller Prostituierten zu sprechen, es handle sich um Dominas und Bordellbetreiber*innen.  (Einen Rückschluss, was das für ihre eigene Stellung in der Debatte bedeutet, zieht Constabel nicht: Ins Café La Strada kommen pro Abend zwischen 30 und 40 Frauen – von 4000 in Stuttgart.)

Als „Prostitutionslobbyisten“ muss Sabine Constabel auch die sich aus dem Publikum zu Wort meldenden Bordellbetreiber sehen. Dabei sind deren Forderungen in vielerlei Hinsicht mit denen Constabels d’accord: Das Mindestalter soll auf 21 erhöht werden – auch für Besucher –, was in Kürze versuchsweise in einigen Betrieben umgesetzt wird. Ein Alarmknopf für den Fall, dass Freier gewalttägig werden, wie ihn auch Sabine Constabel fordert, sei in ihren Betrieben standardmäßig vorhanden. Die Bordellbetreiber wenden sich hauptsächlich gegen die illegalen Bordelle.

Unentschlossenheit als Hauptproblem

Weder die Erhöhung des gesetzlichen Mindestalters auf 21, die bundesweite Meldepflicht oder das generelle Verbot sind in der derzeitigen politischen Landschaft wahrscheinlich.

Sind die Prostituierten der deutschen Politik egal? – Veronika Kienzle sieht das Problem vor allem in der politischen Unfähigkeit zu entscheiden, ob Prostitution nun ein legaler Job ist oder nicht. Im ersten Fall müssten Reglementierungen her, wie sie in anderen Branchen auch üblich seien, sonst eben ein Verbot.

In einer Stellungnahme von Hydra e.V. liest man hierzu, die Meldepflicht gefährde die Anonymität von Prostituierten, die aufgrund der gesellschaftlichen Stigmatisierung noch immer sehr wichtig sei. Auch der mangelnde Datenschutz der Ämter wird mokiert.

Einig sind sich Gegner und Befürworter eigentlich nur darin, dass Prostitution sich in vielen Punkten von anderen Jobs unterscheidet und deshalb eine spezielle gesetzliche Behandlung erfordert. Nur welche, darüber herrscht Uneinigkeit.

Die Frage, welche Strategie sowohl die von Sabine Constabel und anderen genannten Probleme lösen kann als auch politisch realistisch ist und allen Beteiligten gerecht wird, kann der Abend nicht beantworten.

(Philipp Neudert)

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