Was ist Sicherheit?

Was unter Sicherheit zu verstehen ist, lässt sich nicht ganz so einfach beantworten, wie es zunächst den Anschein haben mag. Obgleich sie als „zentraler Wertebegriff demokratischer Gesellschaften“ und „eine der wesentlichen Voraussetzungen aller Bereiche des öffentlichen Lebens“ (Endreß/ Petersen 2012) beschrieben wird, ist Sicherheit begrifflich nicht genau definiert. Übereinstimmend wird Sicherheit aber als Abwesenheit einer existenziellen Bedrohung gesehen, die zentrale Werte eines Individuums gefährden könnte. Der Sicherheitsbegriff umfasst deshalb folgende Komponenten: Erstens muss es einen Adressaten geben, dessen Werte in Gefahr sind. Zweitens muss es eine Quelle für diese Bedrohung geben und diese muss drittens über Mittel verfügen, welche diese Werte in Frage stellen können (Nielebock 2016).

Foto: Anna Vogel

Eine Frage der Betrachtung

Der Begriff Sicherheit schließt inzwischen fast jeden lebensweltlichen Bereich mit ein. In der Forschung wird versucht, diesem Problem durch die Einzelbetrachtung verschiedener Politikfelder entgegenzuwirken. So unterscheidet sich die innere von der äußeren Sicherheit, die Wahrnehmungen von Gefahren werden kriminologisch untersucht, welche Auswirkungen ein Wandel der Bedrohungslage auf die Gesellschaft hat, fällt der Soziologie zu. Die Rechtswissenschaft dagegen konzentriert sich auf die Bereiche öffentliche Sicherheit und Sicherheitsrecht.

Neue Herausforderungen

Sicherheit ist ein Grundbedürfnis moderner Gesellschaften, das individuellen wie auch kollektiven Akteuren eigen sein kann. Dabei bestehen die Herausforderungen in einer sich ständig verändernden Gefahrenlage. Diesbezüglich hat sich der Begriff „vernetzte Bedrohungsfelder“ etabliert, der die Zunahme der Komplexität und das Zusammenwirken von Bedrohungsfaktoren zum Ausdruck bringen soll. Zudem beteiligen sich inzwischen eine Vielzahl gesellschaftlicher und politischer Akteure an der Debatte, weshalb Sicherheit sich längst nicht mehr nur auf den staatlichen Diskurs beschränkt. Diese Entwicklungen bleiben für die Politikfelder „äußere“ und „innere Sicherheit“ nicht ohne Folgen,  weshalb diese Bereiche sich zunehmend verzahnen. Ursprünglich in den 60er Jahren geprägt, hat sich der Begriff  „innere Sicherheit“ deutlich erweitert. Traditionell waren ihm die Bereiche der Polizeien des Bundes und der Länder, sowie der Nachrichtendienste, zugeordnet. Doch kommen heute neben dem bekannten Bereich der staatlichen Sicherheit auch Bevölkerungs- und Katastrophenschutz, kommunale Sicherheit, Unternehmenssicherheit, sowie private Sicherheitswirtschaft hinzu (Endreß/ Feißt 2014).

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Von der Abwehr zur Vorsorge

Das Verständnis von Sicherheit hat sich jedoch nicht allein durch die Vernetzung der Bedrohungsfelder oder die Ausweitung der beteiligten Akteure verändert. Vielmehr hat sich auch die Art verändert, Sicherheit herzustellen. Während lange der Fokus auf der Bedrohungsabwehr lag, ist nun die Risikovorsorge wichtiger geworden. Es werden also eher präventive und proaktive Maßnahmen ergriffen. All diese veränderten Rahmenbedingungen fasst der Terminus „erweiterter Sicherheitsbegriff“ zusammen. Der Politikwissenschaftler Christopher Daase (2012) hat dafür ein vierdimensionales Modell entwickelt. Darin unterscheidet er zwischen Veränderungen in der Referenzdimension (wessen Sicherheit soll gewährleistet werden?), der Sachdimension (um welche Art der Gefahren handelt es sich?) der Raumdimension (wo soll das passieren?), und zuletzt der Gefahrendimension (wie wird das Problem eingeordnet?).

Dimensionen der Sicherheit

Wirtschaftliche Sicherheit

Ein Gefühl von Sicherheit, das aus dem Zugang zu Arbeit oder einer relativ stabilen Beschäftigungssituation bzw. einem garantierten Mindesteinkommen entspringt, welches entweder durch diese Arbeit oder staatliche Wohlfahrt erzielt wird.

Ernährungssicherheit

Ein Gefühl von Sicherheit, das auf der Möglichkeit basiert, Zugang zu einer bestimmten Menge und Auswahl an Nahrung zu haben, die ausreicht, um die menschlichen Grundbedürfnisse abzudecken.

Gesundheitliche Sicherheit

Ein Gefühl von Sicherheit, das auf dem Schutz vor Infektionen und Krankheiten beruht sowie auf der Möglichkeit des Zugangs zu professioneller medizinischer Versorgung.

Umweltsicherheit

Ein Gefühl von Sicherheit, das auf dem Schutz vor Gefahren basiert, die dem natürlichen Lebensumfeld entspringen. Dazu gehören plötzlich auftretende Gefahren wie Erdbeben, Wirbelstürme und Überschwemmungen ebenso wie sich über einen längeren Zeitraum entwickelnde Gefahren, z.B. Luftverschmutzung oder Wüstenbildung (Desertifikation).

Persönliche Sicherheit

Ein Gefühl von Sicherheit, das auf dem Schutz der körperlichen und psychischen Integrität der Person beruht.

Sicherheit der Gemeinschaft
Ein Gefühl von Sicherheit, das aus dem Bewusstsein hervorgeht, Teil einer größeren Gruppe von Menschen zu sein, die ähnliche Ansichten und Einstellungen haben.
Politische Sicherheit

Ein Gefühl von Sicherheit, das damit einhergeht, Mitglied einer Gesellschaft zu sein, die nicht unterdrückt wird und in der die sie zusammenhaltenden Autoritäten die grundlegenden Menschenrechte wahren.

Quelle: Thorsten Nieberg. Bpb. Darstellung des Autors basierend auf UNDP 1994b, S. 25-33

Objektive und subjektive Sicherheit

Sicherheit ist Aufgabe staatlicher Ordnung. Doch ist es an dieser Stelle wichtig, zwischen objektiver und subjektiver Sicherheit zu unterscheiden. Sicherheit als Abwesenheit von Bedrohungen, wie oben beschrieben, beruht auf einem Gefühl von Sicherheit. Sie ist damit sozial konstruiert, da Unsicherheit erst von einem oder mehreren Individuen empfunden werden muss, um existent zu sein. So kann es etwa sein, dass sich ein Besucher eines Stadtteils, der ihm als gefährlicher Stadtteil beschrieben wurde, unsicher fühlt. Ganz gleich, ob dort tatsächliche Bedrohungen vorliegen oder nicht.

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An diesem Punkt obliegt insbesondere der medialen Berichterstattung eine besondere Verantwortung. Für Sicherheitsakteure bedeutet das, dass sie sich demnach nicht nur der tatsächlichen Unsicherheit, sondern auch der gefühlten Unsicherheit annehmen müssen. Schwierig ist jedoch, dass das das Sicherheitsbedürfnis wächst, je besser der Staat für grundlegende Bedürfnisse sorgt (Endreß/ Petersen 2012).

von Anna Vogel


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Quellen:

 

Daase, Christopher (2012): Sicherheitskultur als interdisziplinäres Forschungsprogramm. In: Daase/ Offermann/ Rauer (Hg.): Sicherheitskultur. Soziale und politische Praktiken der Gefahrenabwehr. Frankfurt/ Main: Campus Verlag. S.23-44.

Endreß, Christian/ Feißt, Martin (2014): Von der Sicherheit zur Sicherheitskultur – Über den Umgang mit der Komplexität im Sicherheitsdiskurs. In: Lange/ Endreß/ Wendekamm (Hg.): Dimensionen der Sicherheitskultur. Studien zur Inneren Sicherheit. Wiesbaden. VS Springer Verlag. S.19-32.

Nielebock, Thomas (2016): Friden und Sicherheit – Ziele und Mittel der Politikgestaltung. In: Neue Herausforderungen der Friedens- und Sicherheitspolitik. Deutschland & Europa. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. 71/2016. S.6-17.

Endreß, Christian/ Petersen, Nils (2012): Die Dimensionen des Sicherheitsbegriffs. In: Bundeszentrale für Politische Bildung (Hg.): Dossier Innere Sicherheit.

 
 
 
 
 

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