Novemberrevolution - Baden-Württemberg

Aufsatz von Prof. Dr. Frank Engehausen

Ein Lastauto, mit revolutionären Matrosen und Soldaten besetzt, fährt durch das Brandenburger Tor. Novemberrevolution 1918 in Berlin Foto: Bundesarchiv, Bild 183-B0527-0001-810 / Unbekannt / CC-BY-SA 3.0

Die Novemberrevolution fand 1918/19 in der Endphase des Ersten Weltkrieges statt. Der Erste Weltkrieg (1914 - 1918) forderte fast zehn Millionen Todesopfer und etwa 20 Millionen Verwundete. Ob dieser Lage hoffnungslos, breitete sich eine Meuterei von Matrosen über Soldaten und Arbeiter aus. Republiken wurden ausgerufen, die Monarchen dankten ab. Die Novemberrevolution führte das Deutsche Reich schließlich von einer konstitutionellen Monarchie in eine parlamentarisch-demokratische Republik - die sogenannte Weimarer Republik.

Die Ausgangslage

Die Novemberrevolution war aufs Engste verknüpft mit der sich seit dem Sommer 1918 immer deutlicher abzeichnenden militärischen Niederlage des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg. In der Reaktion auf die zunehmend schlechter werdende wirtschaftliche Lage häuften sich seit dem Jahreswechsel 1917/18 Sozialproteste.

Auch die politischen Parteien der Linken und der bürgerlichen Mitte zeigten wachsende Unzufriedenheit mit den inneren Verhältnissen des Landes, das inzwischen unter einer militärischen Halbdiktatur stand.

Die politische Führung des Reiches reagierte hierauf erst, als die Oberste Heeresleitung Ende September 1918 ein sofortiges Waffenstillstandsgesuch an den US-amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson forderte. Die Verhandlungen hierüber führte der neu berufene Reichskanzler Max von Baden, der sich zugleich darum bemühte, mit breiter Unterstützung des Reichstags durch Verfassungsänderungen eine dauerhafte Parlamentarisierung des Regierungssystems anzubahnen.

Die Zuspitzung der Krise 1918

Je länger die Verhandlungen Max von Badens mit dem amerikanischen Präsidenten dauerten, desto mehr schwanden die Aussichten, dieses begrenzte Programm der Umwandlung der konstitutionellen in eine parlamentarische Monarchie durchzusetzen, da Wilson auf eine Abdankung Kaiser Wilhelms II. drängte und diese Forderung auch im Reich immer lauter wurde.

Zum vollständigen Kollaps der alten politischen Ordnung führte dann eine Kombination von Außendruck und innerer Machterosion, die in der ungehinderten Ausbreitung von Soldaten- und Arbeiterräten sichtbar wurde.

Den Anstoß hierzu gaben Ende Oktober kriegsmüde Matrosen in Wilhelmshafen, die sich dem Befehl zum Auslaufen der deutschen Flotte in einer Meuterei widersetzten und damit ein Beispiel für ähnliche Aktionen an anderen Flottenstandorten gaben. Der Aufstand der Matrosen griff rasch aufs Binnenland über, und vielerorts bildeten sich nach ihrem Vorbild Soldaten- und Arbeiterräte, die in den Städten – zumeist ohne Widerständen zu begegnen – die Kontrolle der kommunalen Behörden übernahmen.

Ihren ersten großen Erfolg hatte die Rätebewegung in München, wo am 7. November König Ludwig III. nach einer Massendemonstration aus der Stadt floh und am 8. November die Republik proklamiert wurde.

Der 9. November auf Reichsebene

Porträt Friedrich Ebert. Foto: Bundesarchiv, Bild 102-00015 / CC-BY-SA 3.0 und Porträt Philipp Scheidemann. Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1979-122-29A / CC-BY-SA 3.0

In Berlin kulminierte die Entwicklung am 9. November, als der Vormarsch der Rätebewegung dem Reformprogramm Max von Badens endgültig den Boden entzog.

Auf die ultimative Forderung der Sozialdemokraten, die bis dahin seine Regierung gestützt hatten, nach Abdankung des Kaisers reagierte der Reichskanzler in letzter Minute am späten Vormittag mit der eigenmächtigen Erklärung, Wilhelm II. verzichte auf seinen Thron.

Ebenso eigenmächtig war die Übertragung des Kanzleramts auf den sozialdemokratischen Parteiführer Friedrich Ebert durch Max von Baden, der dadurch die Rechtskontinuität wahren und einen offenen revolutionären Umbruch verhindern zu können hoffte.

Reichskanzler blieb Ebert jedoch nur für wenige Stunden, denn am frühen Nachmittag des 9. November proklamierte sein Parteifreund Philipp Scheidemann von einem Balkon des Reichstags aus die deutsche Republik und vollzog damit den demonstrativen Bruch mit dem alten System, der von den zahlreichen Arbeitern und Soldaten auf den Straßen Berlins erwartet wurde.

Mit seinem Auftritt auf dem Reichstagsbalkon kam Scheidemann dem Führer des linksradikalen Spartakusbundes um zwei Stunden zuvor: Karl Liebknecht rief am späten Nachmittag vom Berliner Stadtschloss aus die freie sozialistische Republik aus.

Revolutionäre Weichenstellungen

An die Stelle der am Vortag kollabierten Reichsregierung trat am 10. November als revolutionäre Übergangsregierung der Rat der Volksbeauftragten, auf dessen Bildung sich die Spitzen der gemäßigten Mehrheitssozialdemokraten (MSPD) und der im Vorjahr von ihnen abgespaltenen Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD) mit Vertretern der Arbeiter- und Soldatenräte verständigt hatten.

Der paritätisch besetzte Rat der Volksbeauftragten (Ebert, Otto Landsberg und Scheidemann von der MSPD, Emil Barth, Wilhelm Dittmann und Hugo Haase von der USPD) beendete sofort die Kriegshandlungen, indem er am 10. November einem Waffenstillstandsabkommen zustimmte, das am Folgetag in Kraft trat.

Ebenso wegweisend war seine Entscheidung, rasch Wahlen zu einer verfassunggebenden Nationalversammlung durchzuführen. Politische Grundsatzentscheidungen, die der Arbeit der Nationalversammlung hätten vorgreifen können, vermied der Rat der Volksbeauftragten.

Allerdings kündigte er am 12. November die Einführung des Frauenwahlrechts und des achtstündigen Maximalarbeitstags an, um zwei zentrale programmatische Forderungen der Sozialdemokratie unmittelbar zu erfüllen

Die Revolution in Baden und in Württemberg

Menschenmenge vor dem Karlsruher Rathaus im November 1918 (Stadtarchiv Karlsruhe 8PBS oVI 226)

Die Novemberrevolution verlief im deutschen Südwesten in ihren Grundzügen ähnlich wie im Reich.

Auch in Baden und in Württemberg begannen die Diskussionen über Regierungsumbildung und Modernisierung der Verfassung spät – sogar noch um einiges später als im Reich, da der Autoritätsverlust der Landesregierungen bei weitem nicht so offen zutage lag.

In Württemberg wurde erst am 8. November ein Reformkabinett vom König berufen, und in Baden verhandelte man am 9. November gerade über ein solches, als Nachrichten von der Revolution im Reich und auch im eigenen Land eintrafen.

Soldaten- und Arbeiterräte hatten sich in beiden Ländern vergleichsweise spät gebildet, wurden aber nichtsdestotrotz am 9. November wie im Reich zu einem mitentscheidenden politischen Faktor.

Anders als Kaiser Wilhelm II., der den 9. November im militärischen Hauptquartier im belgischen Spa verbrachte, erlebten Großherzog Friedrich II. von Baden und König Wilhelm II. von Württemberg die Revolution hautnah mit:

Wilhelm II. zog sich am Abend des 9. November von Stuttgart nach Bebenhausen zurück, und Friedrich II. floh am 11. November, als einige Schüsse vor dem Karlsruher Schloss fielen, nach Schloss Zwingenberg zurück.

Widerstand leisteten beide gegen den revolutionären Umbruch nicht: Sie forderten jeweils früh die Beamtenschaft auf, sich in den Dienst der provisorischen Regierungen zu stellen, und erklärten am 22. November (Friedrich II.) beziehungsweise am 30. November (Wilhelm II.) formell ihren Thronverzicht.

Provisorische Koalitionsregierungen in Karlsruhe und Stuttgart

Provisorische Badische Volksregierung (Stadtarchiv Karlsruhe 8PBS oIV 220)

Der deutlichste Unterschied zwischen der Revolution im Reich und im Südwesten bestand darin, dass der revolutionäre Umbruch nicht allein von den Sozialdemokraten getragen wurde, sondern diese auch Vertreter der bürgerlichen Parteien in die provisorischen Regierungen hinzuzogen.

Zwar hatte sich in Stuttgart am Abend des 9. November analog zu den Vorgängen in Berlin zunächst eine Übergangsregierung gebildet, der nur Mitglieder von MSPD und USPD angehörten; bereits am nächsten Tag traten jedoch ein Linksliberaler, ein Zentrumsmann und ein Nationalliberaler in die von dem Mehrheitssozialdemokraten Wilhelm Blos geführte provisorische Regierung ein.

Ihr badisches Gegenstück, die am 10. November gebildete und von Anton Geiß (MSPD) geführte vorläufige Regierung, war von Anfang an und in ihrer Zusammensetzung noch deutlicher ein breites Koalitionskabinett: Ihm gehörten fünf Mehrheitssozialdemokraten und je zwei Vertreter von USPD, Zentrum und Liberalen an.

Hierin spiegelten sich die Besonderheiten der politischen Kultur im Südwesten wider, die in den Vorkriegsjahren und auch während des Krieges bei weitem nicht so stark von Kontroversen geprägt gewesen war wie im Reich und auch in anderen Ländern.

Provisorische Regierung Württembergs

Provisorische Regierung Württembergs, Von li.: Julius Baumann (Nationalliberale Partei), Carl Hugo Lindemann (MSPD), Wilhelm Blos (MSPD), Johann Baptist von Kiene (Zentrum), Berthold Heymann (MSPD), Theodor Liesching (Fortschrittliche Volkspartei), Arthur Crispien (USPD), Albert Schreiner (USPD). Foto: Hauptstaatsarchiv Stuttgart, J 300 Nr. 739

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Novemberrevolution 1918

 
Menschenmenge vor dem Karlsruher Rathaus im November 1918 (Stadtarchiv Karlsruhe 8PBS oVI 226)

Die Novemberrevolution mit Bezug auf die südwestdeutsche Landesgeschichte. Ein Aufsatz von Prof. Dr. Frank Engehausen
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