Gentrifizierung

Soziale Ungleichheit und Wohnen in Stuttgart

Häuser in Stuttgart. Collage: LpB BW / Jillian Freitag

Gentrifizierung ist ein Begriff politischer Auseinandersetzung, die Debatten sind hitzig. Was bedeutet der Begriff? Was beschreibt der Gentrifzierungsprozess? Und warum ist er so problematisch?

Gentrifizierungsprozesse entstehen durch soziale Ungleichheit und den Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Das Leben in der Stadt ist wieder attraktiv. Die Mieten steigen, einkommensschwache Bewohner*Innen können sich diese nicht mehr leisten. Die Folge? Verdrängung.

Gerade in Stuttgart ist die Situation auf dem Wohnungsmarkt angespannt. Wer kann weiterhin in der Stadt wohnen, wer muss gehen? Warum ist es wichtig, dass jede*r in der Stadt leben kann?

Das Dossier klärt am Beispiel der Stadt Stuttgart, was soziale Ungleichheit ist und wie sich diese auf das Wohnen und Leben der Menschen innerhalb städtischer Räume auswirkt. Es zeigt auf, was Gentrifzierung bedeutet, wie Gentrifzierungsprozesse ablaufen, warum diese problematisch sind und wie gegen sie vorgegangen werden kann.

Wohnungsmarkt in Baden-Württemberg

Wohnungsnot - ein akutes Problem

Die Wohnungsnot in Baden-Württemberg steigt. Sowohl im ländlichen als auch im städtischen Raum wird es schwieriger, bezahlbaren Wohnraum zu finden und zu schaffen. Das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg hat daher auf Initiative der Wirtschaftsministerin Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut MdL die Wohnraum-Allianz ins Leben gerufen. Circa 50 Vertreterinnen und Vertreter der Wohnungs- und Kreditwirtschaft, der kommunalen Spitzenverbänden, des Natur- und Umweltschutzes und der im Landtag vertretenen Fraktionen beraten unter anderem über die Finanzierung und Förderung von Baumaßnahmen und das Bauplanungsrecht. Die Vertreterinnen und Vertreter sollen Empfehlungen erarbeiten und der Wohnungsnot entgegenwirken. Dennoch geht der Wohnungsbau schleppend voran.

Aber nicht nur Baden-Württemberg leidet unter akuter Wohnungsnot. Großstädte in ganz Deutschland können den Wohnungsbedarf nicht decken. Hamburg stellte von 2016 bis 2018 immerhin 86 Prozent der benötigen Wohnungen fertig. In Stuttgart und Köln sieht es jedoch nicht so gut aus. Die beiden Städte konnten nur 56 Prozent und 46 Prozent der geplanten Wohnprojekte umsetzen. Insgesamt stellten die sieben Großstädte Deutschlands nur 71 Prozent der benötigten Wohnungen bereit.

Infografik: Deutsche Großstädte können Wohnungsbedarf nicht decken | Statista

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Nicht genug neue Wohnungen

2018 wurden in ganz Baden-Württemberg nicht signifikant mehr neue Wohnungen gebaut als die Jahre zuvor, das zeigen die aktuellen Zahlen des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg.

Fertiggestellte Wohnungen in Baden-Württemberg
  Jahr...in neuen Wohngebäuden...in neuen Nichtwohngebäuden
201834.073760
201733.523764
201632.745899
201533.476989
201431.924802
201328.872511
201230.0061.204
201124.988571
Jahr... in neuen Wohngebäuden... in neuen Nichtwohngebäuden
201021.717461
200922.487775
200824.161622
200729.543810
200633.306849
200531.935802
200434.301821
200331.530701
200233.566995
200137.7351.038
200048.2611.753

Auch die Baumaßnahmen an bestehenden Gebäuden gehen zurück. Während 2017 noch 3.737 Baumaßnahmen vollzogen wurden, waren es 2018 nur noch 3.600. Aus den Zahlen geht nicht hervor, ob es sich um neue Wohnungen in bestehenden Gebäuden handelt, oder ob bereits vorhandende Wohnungen in den Gebäuden umgebaut wurden. Trotz Nachfrage ist die Definition der Kategorie unklar - die Daten zu den Baumaßnahmen an bestehenden Gebäuden sind daher nicht in der Tabelle abgebildet.

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Was macht der öffentliche Sektor gegen die Wohnungsnot?

Aktuell scheint es, als würden öffentliche Stellen Baden-Württembergs nicht viel tun, um der Wohnungsnot entgegenzuwirken. Diese Aussage stützt sich auf die Zahlen neuer Wohnungen nach öffentlichen Bauherren des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg. Öffentliche Bauherren bauten 2018 sogar weniger Wohnungen als das Jahr zuvor. Dieser Trend setzt sich auch 2019 fort, wie sich in den Baugenehmigungen des ersten Quartals 2019 ablesen lässt. Nur 496 Wohnräume wurden dieses Jahr von öffentlichen Bauherren genehmigt (Quelle: Statistisches Landesamt).

Fertiggestellte Wohnungen von öffentlichen Bauherren
JahrAnzahl
20181.296
20172.012

Dennoch ist sich auch die Landesregierung der prekären Situation bewusst. Neben der Wohnraum-Allianz des Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg besteht das Förderprogramm Wohnungsbau BW 2018/2019 . Damit setzt sich die Landesregierung für bezahlbaren Mietwohnraum sowie für Eigentumsförderung ein. Zudem ist es ein zentrales Anliegen des Förderprogrammes, Sozialmietraum zu schaffen. Mit der Unterstützung der Landeskreditbank Baden-Württemberg - Förderbank (L-Bank) stellt das Land einen Bewilligungsrahmen von 500 Millionen Euro zur Verfügung. Für 2018 konnte das Förderprogramm im Wohnungsbau allerdings keine nennenswerten Erfolge erzielen, so zeigen es zumindest die Zahlen des Statistischen Landesamtes. 

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Die wichtigsten Begriffe

Soziale Ungleichheit bedeutet, dass Menschen aus gesellschaftlichen Gründen über mehr oder weniger verfügen, z. B. Bildung, Einkommen oder Sicherheit.

Durch diese Unterschiede haben manche Menschen Vor-, andere Nachteile. Soziale Ungleichheit beschreibt einen Zustand, der von längerer Dauer ist.

In jeder Gesellschaft lässt sich soziale Ungleichheit finden.

Betrachtet man soziale Ungleichheit, wird häufig über die Menschen gesprochen, die durch soziale Ungleichheit benachteiligt sind. Diese gelten als sozial schwach. 

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Gentrifizierung beschreibt den Ablauf, wenn ein innerstädtisches Viertel aufgewertet wird.

Im Ausgangszustand zeichnet sich das Viertel durch seinen schlechten Wohn- und Lebensverhältnisse aus. Die Wohnungen sind nicht modern oder sogar baufällig. Es bietet wenig Angebote, wie z. B. Läden, Cafés oder vielleicht sogar ein Theater oder Kino.

Nach der Gentrifizierung ist das Viertel kaum wieder zu erkennen. Es verfügt über hochwertigen Wohnraum und ein vielfältiges Angebot.

Im Zuge des Prozesses werden sozial schwache Bewohner*Innen aus ihren Wohnvierteln verdrängt, sie können sich das Wohnen dort nicht mehr leisten. Deswegen ist das Thema Gentrifzierung umstritten.

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In Stuttgart leben 2016 rund 626.000 Menschen. Diese Zahl steigt jährlich um knapp 10 Prozent.

Die Stadt lockt unter anderem mit ihrer wirtschaftlichen Stärke und der somit hohen Zahl an Arbeitsplätzen. Und vor allem junge Menschen kommen, auch weil sich Stuttgart als Universitätsstadt auszeichnet.

All diese Menschen müssen in Häusern und Wohnungen untergebracht werden. Knapp 75 Prozent der Stuttgarter*Innen wohnen zur Miete. Es ist wichtig, kostengünstigen Wohnraum zu schaffen.

Hier steht Stuttgart vor einer Herausforderung, denn die Mieten in Stuttgart sind im bundesdeutschen Vergleich sehr teuer. Dies liegt vor allem daran, weil Stuttgart nicht über ausreichend Wohnraum verfügt. Diesem Problem muss sich die Stadt stellen und Lösungen finden.

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Begriffserklärungen stehen, wenn nötig, am Ende der Seiten.

Das Dossier ist in gendergerechter Sprache verfasst. Das "*" (Beispiel: Bewohner*Innen) gibt Hinweis darauf, dass im Text nicht nur weibliche oder männliche Personen gemeint sind, sondern auch Personen jedes Geschlechts/Personen, die sich kein festes Geschlecht zuweisen möchten.


Stand: Januar 2018

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Zeitschrift: Wohnen

 

In 13 Beiträgen kommen in der Ausgabe der LpB-Zeitschrift „Bürger & Staat“ Fachleute aus ganz unterschiedlichen Richtungen zum Thema "Wohnen" zu Wort. 
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