Gentrifizierungsprozess

Foto: LpB BW / Jillian Freitag

Der Begriff

Gentrifizierung ist ein viel verwendeter und vor allem viel diskutierter Begriff, wenn es um moderne Stadtprozesse geht.  Aber was beschreibt dieses Wort?  

Der Begriff „gentrification“, im Sinne seiner heutigen Verwendung, wurde erstmals von Ruth Glass in den 1960er Jahren geprägt. Sie beschrieb damit die Umbrüche in der sozialen Zusammensetzung bestimmter Wohnviertel, zeitgleich mit der Steigerung des Preises für Wohnraum und Veränderung der Bausubstanz, z. B. durch Renovierung oder Neubau. Damit einher geht die Aufwertung des symbolischen Werts eines Viertels.  

Heute bezeichnet Gentrifizierung die Aufwertung eines Stadtviertels, das meist zentrumsnah liegt.

Gentrifizierungsprozess. Schaubild: LpB BW / Jillian Freitag

Vor der Gentrifizierung sind die Wohnverhältnisse in diesem Viertel eher schlecht, was sich z. B. durch renovierungsbedürftige, veraltete Wohneinheiten und einkommensschwächere Bewohner*innen äußert. Das Wohnviertel besitzt zu diesem Zeitpunkt einen sowohl symbolischen als auch reellen niedrigen Wert. Eine Aufwertung des Viertels zieht Einkommensstärkere an, die wiederum die ehemaligen Bewohner*innen verdrängen.

Bei der Gentrifizierung eines Stadtviertels findet somit nicht nur eine bauliche Transformation statt, sondern parallel zu dieser auch der Austausch der dort Lebenden durch eine statushöhere Bevölkerung.

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Der Prozess

Zunächst kommt eine risikofreudige Bevölkerungsgruppe,  auch Pionier*innen genannt, in ein Wohnviertel, welches sich durch schlechte Wohn- und teils prekäre soziale Verhältnisse auszeichnet. Diese Viertel werden im normalen Sprachgebrauch Problembezirke genannt. In ihnen leben fast ausschließlich Menschen einer niedrigeren sozialen Schicht mit wenig ökonomischem, niedrigem kulturellem und sozialem Kapital.

Die Pionier*innen lassen sich von den Zuständen im Wohnviertel nicht abschrecken, es locken sie niedrige Mietpreise und die häufig zentrumsnahe Lage des Viertels. Für die Pionier*innen sind diese Faktoren wichtig, da sie selbst, genau wie die bereits dort lebende Bevölkerung, über wenig ökonomisches Kapital verfügen. Im Gegensatz zu den Bewohner*innen des Stadtteils besitzen sie hingegen ein hohes soziales und kulturelles Kapital. Diese Gruppe formt sich beispielsweise aus Studierenden, Kunstschaffenden oder Selbstständigen. Die Neuankömmlinge sind somit meist jung, kinderlos, überdurchschnittlich gut gebildet und flexibel.

In dieser Phase findet noch keine bedenkliche Verdrängung der bisherigen Bewohner*innen statt, da die Pionier*innen auf verfügbaren Leerstand zurückgreifen.

Durch den Zuzug der Pionier*innen verändert sich der Charakter des Viertels. Es entstehen beispielsweise neue Ateliers, Läden, Kneipen, Restaurants oder Cafés im Wohnviertel, die die Pionier*innen selbst betreiben, oder die an ihre Bedürfnisse angepasst werden.

Die Pionier*innen etablieren neue Lebensstile im Viertel. Kleine Immobilienunternehmen beginnen, sich für den Bezirk zu interessieren, auch das Interesse der Öffentlichkeit wächst. Andere nehmen das Viertel als „trendy“ wahr;  es gilt, auch für Tourist*innen, als Geheimtipp.  

Doch ein Geheimtipp in einer Stadt bleibt nicht lange geheim. Durch steigende Attraktivität des Bezirks und die stärkere Aufmerksamkeit, die er bekommt, beginnen auch statushöhere soziale Bevölkerungsgruppen, sich für das Wohnviertel zu interessieren.

Die Verdrängung beginnt: Einkommensstärkere Schichten empfinden den urbanen Lebensstil als modern. Bei ihnen steigt der Wunsch nach einem Leben im Stadtzentrum. Dies hängt nicht nur mit dem individuellen Geschmack der Zugehörigen der sogenannten Neuen Mittelklasse zusammen, sondern auch mit deren Lebensumständen, wie Arbeits- und Familiensituation. Sie wohnen gerne nah an ihrem Arbeitsplatz und wünschen sich eine gute Infrastruktur. Viele Familien haben nur ein Kind oder sind kinderlos. Zugehörige der Neuen Mittelklasse wohnen gerne zur Miete, da sie auch beruflich mobil und flexibel bleiben möchten und müssen.

Die neuen Bewohner*innen und Investor*innen werden Gentrifier genannt. Sie verwenden ihr höheres ökonomisches Kapital dafür, Wohnungen und Gewerbeflächen zu renovieren oder aufzuwerten.  Der Charakter des Viertels verändert sich erneut. Viele möchten Flächen nun nicht mehr nur mieten, sondern besitzen oder weitervermieten. Die Nachfrage nach Wohn- und Gewerberaum steigt.

Mit steigernder Nachfrage steigen auch die Preise. Nach der Modernisierung  folgt die Mieterhöhung – schließlich ist das Viertel und die Wohnungen jetzt aufgewertet und mehr wert. Viele der ursprünglichen Bewohner*innen und einige der Pionier*innen können sich diese gestiegenen Kosten aber nicht mehr leisten, da ihr Einkommen zu niedrig ist. Sie sind somit gezwungen, ihre Wohnungen und ihr Viertel  zu verlassen - obwohl sie das Viertel teils mit zu dem gemacht haben, was es nun geworden ist.  

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Das Problem

Urbanität, das Leben in der Stadt als Lebensstil, zeichnet sich durch Vielfältigkeit aus. Alle Bürger*innen  einer Stadt sollten in dieser in ihren Interessen vertreten werden. Jede*r sollte Zugang zu bezahlbaren Wohnraum, der dem kulturellem Standart entspricht, haben. Jede*r soll eine verlässliche Infrastruktur sowie öffentliche Räume nutzen können.

Gentrifizierung gilt als räumliche Manifestierung sozialer Ungleichheit, sie macht soziale Ungleichheit sichtbar. Wenn Bewohner*innen aus ihrer Wohnung, ihrem Zuhause, ausziehen müssen, bedeutet dies nicht nur Unkosten für den Umzug und das Einleben in neue vier Wände. Wer umzieht, wird aus seinem natürlichen und gewohnten, oft auch geliebten, Umfeld und Heimat gerissen. Sie müssen ihre soziale Kontakte, das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, aber auch das bloße Wohlbefinden in einer Umgebung hinter sich lassen.

Verdrängungen geschehen teils durch Schikanen oder Drohung. Bewohner*innen „flüchten“ beispielsweise, wenn akute Schäden an der eigenen Wohnung, die die Lebensqualität beeinflussen, nicht behoben werden. Beispiele dafür sind  schimmelnde Wände oder defekte Sanitäranlagen. Somit können Vermieter*innen im neuen Mietvertrag mit neuen Mieter*innen eine höhere Miete fordern, die dem Mietspiegel des Viertels angepasst ist.
Manche Vermieter*innen schlagen somit aus der Verdrängung, aus der Gentrifizierung, Profit.

Darf Einkommen und Prestige Grund dafür sein, wer im Stadtzentrum lebt und die Stadt repräsentiert? Wohnverhältnisse spiegeln nicht nur soziale Strukturen. Sie verursachen und reproduzieren diese auch. Orte, an denen verdrängte Menschen sich neu ansiedeln, werden gleichzeitig Orte der Ausgrenzung.

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Die Politik

Innerstädtisches Wohnen ist wieder beliebt, urbane Lebensräume ziehen die Menschen wieder an. Städte streben danach, sich dauerhaft zu optimieren, um sich global zu positionieren. Sie sollen attraktiv sein: für qualifizierte Arbeitskräfte, Unternehmen und den Tourismus. All das kurbelt die Wirtschaft und Steuereinnahmen einer Stadt an.

Dementsprechend werden Erneuerungsprozesse als politisches Mittel verstanden. Städte akzeptieren Gentrifizierungsprozesse, sie wünschen und fördern diese teils auch, denn durch Gentrifizierungsprozesse werden in innerstädtischen Räumen ökonomische und soziale Ziele der Stadt erreicht. Ökonomische Ziele sind hierbei zum Beispiel die Ankurbelung der Wirtschaft durch die höhere Kaufkraft der Bewohner*innen oder Gewinn an Attraktivität für Unternehmen, sich in der Stadt niederzulassen. Soziale Ziele können das Ansehen der innerstädtischen Gesellschaft oder eine niedrige Arbeitslosenquote der Stadt sein.

Ist Gentrifizierung aus kommunalpolitischer Sicht eine Chance für eine „Renaissance der Stadt“?

Entscheidungsfrage für Städte. Schaubild: LpB BW / Jillian Freitag

Gleichzeitig sollte Politik so ausgerichtet sein, dass es nicht nur um Geld und Wachstum geht, sondern auch um Menschen. Regierungs- und Verwaltungsinstanzen müssen sozial Schwache und Minderheiten schützen. Hier stehen Städte vor schwierigen Entscheidungen: Prestige und Wachstumsorientierung oder sozialpolitisches Agieren?

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Foto: LpB BW / Jillian Freitag

Was tun um Gentrifizierung einzudämmen?
Welche politischen Mittel gibt es, um Gentrifzierungsprozesse einzuschränken oder zu verhindern? Möglichkeiten, aufgezeigt am Beispiel der Stadt Stuttgart


1. prekär: schwierig, unangenehm

2. Ökonomisches Kapital: materieller Besitz, z. B. Einkommen, Erspartes oder Eigentum

3. Kulturelles Kapital: schulische und außerschulische Bildung, Erfahrungen

4. Soziales Kapital: Beziehungen und Kontakte, auf die zurückgegriffen werden können

5. Leerstand: unbewohnte, leer stehende Wohnungen und Häuser

6. etablieren: einrichten, ansiedeln, Fuß fassen

7. urban: städtisch

8. Infrastruktur: Einrichtungen, die dafür sorgen, dass eine Gesellschaft funktionert (z. B. öffentliche Verkehrsmittel, Stromversorgung, Bildungseinrichtungen)

9. Manifestierung: Sichtbarwerden, Deutlichmachung

10. Profit: Gewinn

11. reproduzieren: wieder hervorbringen, wiederherstellen

12. global: weltweit, umfassend

13. Kaufkraft: Einkommen, das einem Haushalt zur freien Verfügung übrig bleibt

14. Renaissance: Wiedergeburt

15. Prestige: Ansehen, öffentliche Geltung, Rang

16. Agieren: Handeln

Hartmut Häußermann: „Der Einfluß von ökonomischen und sozialen Prozessen auf die Gentrification“ in: Jörg Blasius, Jens S. Dangschat (Hrsg.): „Gentrification. Die Aufwertung innenstadtnaher Wohnviertel“, Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York, 1990

Florian J. Huber: „Stadtviertel im Gentrifizierungsprozess“, Wiener Verlag für Sozialforschung und Europäischer Hochschulverlag GmbH & Co. KG Bremen, Wien, 2013

Martin Kronauer: „Gentrifizierung. Von Polarisierung unserer Städte“ Vortrag Heinrich-Böll-Stiftung, Grüne Akademie, 23. Februar 2015

Deutsches Institut für Urbanistik (Hrsg.): Kommunaler Umgang mit Gentrifizierung. Praxiserfahrung aus acht Kommunen. Deutsches Institut für Urbanistik gGmbh, Berlin, 2017

Stand: Januar 2018