Nachwirkungen

Prof. Dr. Michael Wettengel

Schon im Sommer 1916, spätestens aber mit dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten von Amerika auf Seiten der Entente-Mächte am 6. April 1917 zeichnete sich die militärische Niederlage des Deutschen Reiches und seiner Verbündeten ab. Sie wurde mit dem Durchbruch an der Westfront am 8. August 1918 (laut Ludendorff »der schwarze Tag des deutschen Heeres in der Geschichte dieses Krieges«) besiegelt. Am 14. August stufte die Oberste Heeresleitung des Deutschen Reiches die militärische Lage als aussichtslos ein.

Rückkehr der Soldaten von der Westfront nach Ulm im Dezember 1918. Quelle: Stadtarchiv Ulm, G 2 Speidel, Hans

Der Krieg war verloren, doch erst Ende September 1918 konfrontierte man die Bevölkerung mit der Realität. Die Niederlage traf die Menschen unvorbereitet. Die Berichterstattung von der Front, die sich bei Ende des Krieges noch immer im "Feindesland" befand, hatte einen bevorstehenden deutschen Sieg oder doch zumindest einen ehrenvollen Frieden suggeriert. Umso entsetzter waren die Reaktionen auf die als demütigend empfundenen Bestimmungen des Waffenstillstands und des Versailler Friedensvertrags. Die unter Waffen stehenden Soldaten kehrten in den folgenden Monaten in großer Zahl zurück in die Heimat und hatten an den nun folgenden politischen Wirren vielfältig Anteil – entweder als Teil der linksgerichteten Rätebewegung, in der Funktion als "Sicherheitstruppen", die kommunistische Unruhen niederschlugen, oder auch als militärischer Arm rechtsgerichteter Putschisten.

Das Foto zeigt Angehörige des Freikorps Epp auf einem Kasernenhof in Neu-Ulm im April 1919. Die Freikorps-Verbände bestanden meist aus ehemaligen Soldaten und wurden zur Niederschlagung kommunistischer Aufstände eingesetzt. Auch aus Ulm meldeten sich viele ehemalige Soldaten für das Freikorps Epp, das eine aktive Rolle bei der Niederschlagung der Räterepublik in München im Mai 1919 spielte. Quelle: Privatbesitz Ulrich Seitz, Neu-Ulm.

Württemberg erlebte seit Ende Oktober verschiedene Demonstrationen, die maßgeblich von den Spartakisten oder den Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD) mitorganisiert wurden. Ausgehend vom Kieler Matrosenaufstand Anfang November 1918 bildeten sich in ganz Deutschland Arbeiter- und Soldatenräte. In Ulm beispielsweise übernahm am 10. November der tags zuvor gebildete provisorische Arbeiter- und Soldatenrat die zivile und militärische Macht in der Stadt. Er versuchte gemeinsam mit den Behörden, Ruhe und Ordnung zu bewahren. In Stuttgart konstituierte sich nach Gründungsschwierigkeiten am 10. November der »Provisorische Arbeiter- und Soldatenrat«, der die Provisorische Regierung um den sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Wilhelm Blos akzeptierte. Die folgenden Monate waren geprägt von Auseinandersetzungen um das künftige politische System. Die Mehrheitssozialdemokraten setzten schließlich – teilverbündet mit den alten Eliten – die parlamentarische Demokratie gegen die Anhänger eines Rätesystems durch. Die Furcht vor kommunistischen Unruhen währte indes noch lange: Angesichts der Vorgänge um die Münchener Räterepublik im Jahr 1919 und der Grenzlage zu Bayern war diese Furcht auch in Ulm ausgeprägt. So protestierte der Ulmer Oberbürgermeister 1920 unter besonderem Hinweis auf die Grenze zu Bayern gegen die Neubelegung eines »bolschewistischen« Gefangenenlagers in seiner Stadt.

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Am 9. November 1918 bildete sich in Ulm, einer der größten Garnisonen Württembergs, ein provisorischer Arbeiter- und Soldatenrat, der am Tag darauf verkündete, dass ihm alle Behörden und militärischen Dienststellen unterstellt seien. Das Foto zeigt Ulmer Soldatenräte mit (vermutlich) roter Fahne auf dem Ulmer Bahnhofsplatz im November 1918. Quelle: Stadtarchiv Ulm, G 7/3.1 Nr. 00286

Die Ernährungslage hatte sich in der zweiten Kriegshälfte zugespitzt. Auch nach dem Kriegsende blieb der Hunger. Die Wut der Bevölkerung über Nahrungsmittelknappheit und steigende Preise entlud sich in Ulm am 22. Juni 1920 in gewaltsamen Ausschreitungen, die sechs Tote und 26 zum Teil schwer Verwundete zur Folge hatten. Unter den Rädelsführern der Tumulte war auch der spätere Ulmer NSDAPOrtsgruppenleiter Wilhelm Dreher.

Die Wut der Bevölkerung über Nahrungsmittelknappheit und steigende Preise entlädt sich in Ulm am 22. Juni 1920 in gewaltsamen Ausschreitungen, die sechs Tote und 26 zum Teil schwer Verwundete zur Folge haben. Das Foto zeigt den Sturm des Ulmer Rathauses. Quelle: Stadtarchiv Ulm, G 7/3.1 Nr. 00183

Zur schlechten Versorgungslage kamen nach Kriegsende noch eine schwere Wirtschaftskrise und eine galoppierende Inflation hinzu. Schon 1917 hatte der Vorsitzende der Ulmer Handelskammer dem Gemeinderat die Ausgabe von Notgeld empfohlen, da ein Mangel an Münzen herrschte. Der Realwert der Mark verfiel so rapide, dass kein Vertrauen mehr in die offizielle Währung bestand, die schließlich unter der Last der verschiedenen Krisen in der Hyperinflation des Jahres 1923 gänzlich kollabierte.

Inflationsgeldschein der Stadt Ulm aus dem Oktober 1923. Quelle: Stadtarchiv Ulm, B 777/10 Nr. 3

Zu den schwersten Folgen des Krieges zählten die vielen Toten und Versehrten. Überall im Deutschen Reich errichtete man Kriegerdenkmäler auf Friedhöfen und zentralen Plätzen. Auch in pompösen Zeremonien gedachte man der Gefallenen. Die Wiedereingliederung der zurückgekehrten Soldaten in das zivile Leben dagegen warf soziale und psychologische Probleme auf, umso mehr in den Fällen, wo gesundheitliche Gründe den vollwertigen Einsatz der Männer unmöglich machten. Ein Teil der zurückkehrenden, in ihren Männlichkeitsvorstellungen erschütterten Soldaten zeigte sich in der Folge anfällig für faschistische Männlichkeitsideale.

"Jedenfalls wollen wir Deutsche, wenn auch niedergeworfen, vor uns selbst kulturelle Sieger bleiben in der fürsorgenden Hochachtung für unsere Kriegsbeschädigten wie der fürsorgenden Wiederaufrichtung ihrer Arbeitslust und Kraft." Aus dem Schlusswort der Broschüre "Die Ulmer Verwundetenschule" aus dem Jahr 1919. Quelle: Stadtarchiv Ulm, B 266/90 Nr. 1

Mit der Niederlage konnten sich viele Deutsche nicht abfinden. Die Forderung nach einer Revanche und einer Revision des Versailler Friedensvertrags war weit verbreitet, ebenso die Suche nach Schuldigen. Die Juden waren willkommene Sündenböcke. Schon während des Krieges wurde ihnen unterstellt, sich vor dem Kriegseinsatz zu drücken. In diesem Zusammenhang wurde 1916 die sogenannte »Judenzählung« durchgeführt, deren Absicht und Durchführung umstritten war. Dass die Ergebnisse nicht veröffentlicht wurden, gab der antisemitischen Propaganda weitere Nahrung – zu Unrecht, wie statistische Auswertungen nach dem Krieg ergaben. Dass der »Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens« den überproportional hohen Blutzoll, den zum Beispiel die württembergischen Juden im Ersten Weltkrieg geleistet hatten, belegen konnte, blieb ohne Widerhall.

Mit der »Dolchstoßlegende« behaupteten rechtsradikale Demagogen, das angeblich »im Felde unbesiegte« deutsche Heer sei von Feinden im Innern – Juden, Kommunisten und bürgerlichen Demokraten – verraten und um seinen Sieg gebracht worden. Dieses Gedankengut bildete den Hintergrund für die Entstehung antidemokratischer, schwer bewaffneter paramilitärischer Verbände, die maßgeblich zur dauerhaften Destabilisierung der Weimarer Republik beitrugen. Weit verbreitet war auch ein antifranzösischer Revanchismus, der sich nicht zuletzt in rassistischen Angriffen manifestierte.

Politisch motivierte Gewalt aus den extremen Lagern war unter den ehemaligen Weltkriegssoldaten weit verbreitet. Rechtsextremistisch motivierten Gewaltakten fielen mehrere führende Politiker der Weimarer Republik zum Opfer, die als »Erfüllungspolitiker« diffamiert oder mit dem angeblichen »Dolchstoß« in Verbindung gebracht wurden. Prominentestes württembergisches Opfer wurde der Zentrumspolitiker Matthias Erzberger. Die Hauptverantwortlichen aus der Zeit des Weltkriegs hingegen blieben unbehelligt. Mehr noch: Paul von Hindenburg, de facto Militärdiktator in der zweiten Kriegshälfte, wurde schließlich 1925, auch aufgrund des Ansehens, das er als »Sieger von Tannenberg« nicht nur in militaristisch gesonnenen Bevölkerungskreisen genoss, zum Reichspräsidenten gewählt.

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Inhalt: Dossier Erster Weltkrieg

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