Baustein Die Erinnerung darf nicht enden Texte und Unterrichtsvorschläge zum Gedenktag 27. Januar als Bausteine ausgearbeitet von einer Gruppe des Erzieherausschusses der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Stuttgart Hrsg: LpB, GCJZ, 1997 |
|
|
Baustein 7 Johannes Bobrowski: "Bericht" Klassenstufe: ab 10 Beschreibungsebene: Einzelstunde (zu kurzer Reihe erweiterbar) Zeitaufwand: 1 Unterrichtsstunde (evtl. nur Teil einer Unterrichtsstunde) Themen: Problembereich Täter/Opfer; Frage der Situation der jungen Soldaten, ihrer moralischen Verantwortung; Problembereich trad. Offizierskodex/ Gesamtkontext NS-Zeit; Konformität, Uniformität,; exemplarische Opfer-Biographie Kombination: Bobrowski: Malige [6]; Berhard Schlink: Vorleser"[17]; Soldaten-Briefe [4]; Bobrowski: "Mäusefest" Bobrowskis Gedicht erstaunt schon durch seinen Titel. Um einen Bericht zu geben, scheint die Lyrik nicht die angemessene Ausdksform zu sein. Bobrowski stellt dies unter Beweis, zeigt aber gleichzeitig, daß die Lyrik noch mehr als gewöhnliche Berichtsprosa zu leisten vermag. Im Mittelpunkt steht dabei das Verhör von Bajla Gelblung (Ghetto-Flüchtling und Partisanin) durch deutsche Offiziere - irgendwann im Zweiten Weltkrieg. Der kurze Text nimmt zwar den Telegrammstil eines Berichts auf, setzt aber vor allem durch Zeilenumbrüche Betonungen und schafft es, einen "gefrorenen Augenblick" festzuhalten, evoziert das inhaltlich Benannte durch die Form ("... es gibt/ ein Foto.."). Wie bei einem Bericht tritt der Sprecher hinter das Berichtete zurück — und doch nicht vollkommen, denn indirekt wird er in seinen Wertungen greifbar. Der Verzicht auf persönliche Stellungnahme weist diese Aufgabe dem Leser zu. Hier liegen zahlreiche Gesprächsimpulse für den Unterricht bereit. Das aus einer Art "Kamera-Perspektive" gesprochene einstrophige Gedicht läßt sich in zwei Abschnitte untergliedern (Z. 1-11 und 11-16). Der erste Abschnitt umfaßt den "Bericht" im engeren Sinne. Mit einer Namensnennung setzt der Text ein. "Bajla Gelblung" (Z. 1) gerät zum zweiten Mal in die Macht der deutschen Besatzer. Durch Signalwörter und kurz benannte Stationen wird das entscheidende Stück ihrer Biographie skizziert. Bajla Gelblung war zunächst im Warschauer Ghetto, ist also vermutlich Jüdin. Der drohenden Vernichtung im Konzentrationslager ("Transport aus dem Ghetto", Z. 39) kann sie entfliehen und wird zur Partisanin. An der Grenze zur Sowjetunion greift man sie erneut auf. Mit ihrem Verhör endet die Kette der Handlungsschritte. Vom weiteren Schicksal dieser individuell gezeichneten Frau, die nun zweifach, als Jüdin und Partisanin, gefährdet ist, schweigt das Gedicht. Der Sprecher wendet sich vielmehr im zweiten Sinnabschnitt (ab Z. 11 Mitte) den verhörenden Offizieren zu. Über den schriftlichen Bericht hinaus liegt (als zweites Dokument des Verhörs) ein Foto vor, so ist zu hören. Den Sprecher interessieren nur die verhörenden Offiziere. Auffällig ist, daß nun Wertungen in seinen "Bericht" hineinkommen. "Tadellos und einwandfrei" (vgl. Z. 13ff) ist das Äußere, das Gehabe der Offiziere. Dieser optische Eindruck steht aber aus der Sicht des heutigen Lesers in Spannung zu ihrem Handeln im Gesamtkontext des Zweiten Weltkriegs. Außerdem stellt sich die Frage nach der Wertordnung des Berichtenden. Das Gedicht weckt die Frage nach den "Tätern" und hält sie gleichzeitig offen. Opfer und Täter verbindet ihre Jugendlichkeit, doch der von den Nationalsozialisten betriebene Krieg trennt sie. In der kurzen Szene steht die Individualität der Uniformität, eine einzelne Frau einer nicht genannten Zahl von Männer gegenüber. Die jungen Soldaten genügen zwar der Form, möglicherweise aber nicht den moralischen Anforderungen des Offizierskodexes. Die Vorzeichen der NS-Herrschaft stellen seine Angemessenheit überhaupt in Frage. Weiterhin läßt sich nach der Funktionalisierbarkeit, der persönlicher Verantwortung, dem Durchschauen und Erkennen der tatsächlichen Situation fragen. In dieser lyrischen Momentaufnahme, diesem "gefrorenen Augenblick" der Geschehnisse des Zweiten Weltkriegs wird das Problemfeld Täter und Opfer mit literarischen Mitteln angesprochen. Auf der sprachlich-formalen Ebene werden durch die Polaritäten von Inversionen, unvollständigen Sätzen, Ellipsen einerseits und vollständigen Sätzen andererseits bzw. von Zeilenstil und Enjambement Betonungen und Denkschritte erzeugt. Dies macht die Details bedeutungsvoll, gedeutet werden sie aber nicht. Dem Problem des erst spät verstehenden Berichterstatters geht Bobrowski auch in "Der Tänzer Malige" nach; die (auch autobiographisch) drängende Frage nach der Situation der jungen Soldaten gestaltet er ebenfalls in der Kurzgeschichte "Mäusefest", wo "ein junger Mensch, so ein Schuljunge"( S. 44, Z. 6f), "ein ganz junger, ein Milchbart", S. 45, Z. 1) als Besatzer in Polen einmarschieren muß. Ein dem Gedicht vergleichbare Szene läßt sich außerdem in Bernhard Schlinks Roman "Der Vorleser" finden, wo von einem älteren Mann angeblich nur "eine Photographie von Erschießungen von Juden in Rußland" beschrieben wird, was aber die Empörung und das Mißtrauen des Erzählers weckt: "`Das geschieht in einem Steinbruch, und über den Juden und Soldaten, auf einem Sims in der Wand, sitzt ein Offizier, läßt seine Beine baumeln und raucht eine Zigarette. Er kuckt ein bißchen verdrießlich. Vielleicht geht es ihm nicht schnell genug. Er hat aber auch etwas Zufriedenes, sogar Vergnügtes im Gesicht, vielleicht weil immerhin das Tagwerk geschieht und bald Feierabend ist. Er haßt die Juden nicht...' `Waren Sie das? Haben Sie auf dem Sims gesessen und ...' Er hielt an. Er war ganz bleich, und das Mal an seiner Schläfe leuchtete. `Raus!'" (Bernhard Schlink: "Der Vorleser", Zürich 1995, S. 146, Z. 27ff) Ohne großen Aufwand lassen sich Querverbindungen für eine kleinere Unterrichtsreihe herstellen. Mögliche Arbeitsaufgaben/ Impulse:
J. Bobrowski Bericht Bajla Gelblung,
|
||
Copyright © 1997 LpB Baden-Württemberg HOME |
Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de |